Vorgeblättert

Roberto Bolano: Amuleto, Teil 2

Als das mit der Blumenvase passierte, fing ich an zu weinen. Oder besser gesagt, mir kamen die Tränen, ohne daß ich es merkte, und ich mußte mich setzen, auf den einzigen Sessel in Don Pedros Zimmer, sonst wäre ich ohnmächtig geworden. Jedenfalls kann ich mit Sicherheit sagen, daß sich in diesem Moment mein Blick umflorte und meine Beine nachgaben. Als ich dann saß, fing ich heftig an zu zittern, und ich fürchtete schon, jetzt käme ein Anfall. Meine einzige Sorge in diesem Augenblick war, Don Pedro könnte eintreten und mich in diesem beklagenswerten Zustand sehen. Gleichzeitig ging mir die Blumenvase nicht aus dem Kopf, der mein Blick auswich, obwohl ich wußte (endlos blöd wie ich nun mal bin), daß sie da war, daß sie hier im Zimmer stand, auf einer Konsole, auf der auch eine silberne Kröte hockte, eine Kröte, die den ganzen Irrsinn des mexikanischen Mondes mit ihrer Haut absorbiert zu haben schien. Und dann stand ich auf, immer noch zitternd, und kam wieder näher, ich glaube, in der gesunden Absicht, die Blumenvase zu packen und zu Boden zu schmettern, auf die grünen Fliesen, dieses Mal übrigens näherte ich mich dem Objekt meiner Begierde nicht in spiralförmiger Bewegung, sondern geradewegs, zögernd zwar, aber immerhin geradezu. Aber als ich mich der Vase bis auf einen halben Meter genähert hatte, hielt ich erneut inne und sagte mir: Wenn?s auch nicht die Hölle ist, da drin lauern Alpträume, da drin ruht alles, was die Leute verloren haben, was schmerzt und was man auf jeden Fall besser vergißt.
Und ich dachte: Weiß Pedrito Garfias, was sich da drin verbirgt? Wissen die Dichter eigentlich, was sich in den unergründlichen Schlünden ihrer Blumenvasen verbirgt? Und wenn sie es wissen, warum zerstören sie die Dinger nicht und übernehmen selbst die Verantwortung?
An jenem Tag konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich ging früher als sonst und widmete mich dem Spazieren im Park von Chapultepec*. Ein wundervoller, beruhigender Ort. Aber ich konnte spazieren, so viel ich wollte, voller Bewunderung für alles, was ich sah, die Blumenvase ging mir einfach nicht aus dem Kopf, genausowenig wie das Arbeitszimmer von Pedrito Garfias, seine Bücher und sein ach so trauriger Blick, der manchmal auf die friedvollsten Dinge fiel, und manchmal auf die allergefährlichsten. Und so, während meine Augen die Mauern von Maximilians und Charlottes Kaiserpalast* betrachteten oder die Bäume des Parks, die der Wasserspiegel des Sees von Chapultepec vervielfachte, sah ich in meinem Innern doch immer nur einen spanischen Dichter, der eine Blumenvase betrachtete, mit einer Trauer im Blick, die alles zu umfassen schien. Das machte mich wütend. Besser gesagt, zu Anfang machte es mich wütend. Ich fragte mich, warum er denn nicht selbst etwas unternahm. Warum starrte der Dichter die Blumenvase an, anstatt zwei Schritte zu machen (zwei oder auch drei Schritte, die immer so elegant ausfielen bei seinen aus reinem Leinen geschneiderten Hosen), die Blumenvase mit beiden Händen zu packen und zu Boden zu schmettern. Dann aber verrauchte meine Wut, und ich begann zu grübeln, während mir das Lüftchen im Park von Chapultepec (dem »pittoresken Chapultepec« wie Manuel Gutierrez Najera* schrieb) die Nasenspitze umfächelte, bis mir irgendwann einfiel, daß Pedrito Garfias im Laufe seines Lebens wahrscheinlich schon eine Menge Blumenvasen und allerhand mysteriöse Gegenstände kaputtgemacht hatte. Unzählige Blumenvasen! Auf zwei Kontinenten! Und wer war ich denn, daß ich ihm, wenn auch nur im Geiste, seine Tatenlosigkeit gegenüber all dem, was ihn in seinem Arbeitszimmer umgab, vorwerfen konnte.
Und einmal in dieser Stimmung, fing ich an, nach Gründen zu suchen, die die Existenz der Blumenvase rechtfertigen konnten, und mir fiel tatsächlich mehr als einer ein, aber wozu sie alle aufzählen. Fest stand, daß die Blumenvase nun einmal dort thronte, obwohl sie auch in einem offenen Fenster in Montevideo hätte stehen können oder auf dem Schreibtisch meines Vaters, der schon so lange tot war und den ich schon fast vergessen hatte, im alten Haus meines Vaters, Doktor Lacouture, ein Haus und ein Schreibtisch, die auch schon hinter dem Schleier des Vergessens verschwunden sind.
Fest steht also einzig, daß ich zu Hause bei Leon Felipe und Pedrito Garfias aus und ein ging und ihnen half, wo ich konnte, indem ich den Staub von den Büchern wischte und den Fußboden fegte, zum Beispiel, und daß ich, wenn sie protestierten, sagte, lassen Sie mich nur machen, Sie schreiben, und mir überlassen Sie den Haushalt, und daß Leon Felipe daraufhin lachte, nicht aber Don Pedro, Pedrito Garfias, der traurige Mann, er lachte nicht, er betrachtete mich mit Augen wie ein See, wenn es Abend wird, wie jene Seen tief in den Bergen, wo nie jemand hinkommt, sanft und tieftraurig wie nicht von dieser Welt, er sagte, mach dir keine Sorgen, Auxilio, oder danke, Auxilio, mehr nicht. Was für ein göttlicher Mensch. Und so anständig. Er stand da, unbeweglich, und sagte danke zu mir. Das war?s, und mir war das genug. Ich bin nämlich mit wenig zufrieden. Sieht man doch gleich. Leon Felipe lobte mich, du bist nicht mit Geld aufzuwiegen, Auxilio, sagte er und versuchte, mir mit ein paar Pesos auszuhelfen, aber wenn er mir Geld anbot, dann schrie ich zum Himmel (buchstäblich), ich mache das zu meinem Vergnügen, ich sagte, ich bin von Bewunderung durchzuckt, deshalb mache ich das. Und Leon Felipe sann eine Weile meiner adjektivischen Wendung nach, und dann legte er das Geld wieder zurück auf den Tisch, und ich fuhr mit meiner Arbeit fort. Ich sang. Wenn ich arbeitete, dann sang ich, und es war mir egal, ob ich für meine Arbeit bezahlt wurde oder nicht. Eigentlich glaube ich, umsonst war mir lieber, obwohl ich hier nicht die Heuchlerin spielen und behaupten will, daß ich unglücklich war, wenn man mich bezahlte. Bei ihnen aber arbeitete ich lieber umsonst. Ja, ich hätte Geld aus meiner eigenen Tasche dafür gegeben, mich in aller Freiheit zwischen ihren Büchern und Papieren bewegen zu dürfen. Meistens bekam ich Geschenke (und nahm sie auch entgegen). Leon Felipe schenkte mir mexikanische Tonfiguren, von denen ich nicht weiß, wo er sie her hatte, denn bei sich zu Hause bewahrte er auch nicht viele auf. Ich glaube, er kaufte sie extra für mich. Traurige Figuren. Und so hübsch. Klein und hübsch. Auf denen verbarg sich keine Höllenpforte und auch keine Himmelspforte, es waren einfach Figuren, die Indios gemacht hatten, um sie hinterher an die Zwischenhändler zu verkaufen, die nach Oaxaca kamen und sie dann, viel teurer, auf den Märkten und an den Ständen der Hauptstadt weiter verhökerten. Don Pedro Garfias hingegen schenkte mir Bücher, Philosophiebücher. Ich erinnere mich jetzt an eines von Jose Gaos*, das ich zu lesen versuchte, das mir aber nicht gefiel. Jose Gaos war auch Spanier und starb ebenfalls in Mexiko. Armer Jose Gaos. Ich hätte mich doller anstrengen sollen. Wann starb er? 1968, glaube ich, wie Leon Felipe, oder nein, 1969, und vielleicht ist er ja sogar vor Trauer gestorben. Pedrito Garfias starb 1967 in Monterrey, Leon Felipe 1968. Die Figürchen, die er mir schenkte, habe ich eine nach der anderen verloren. Jetzt stehen sie irgendwo auf einem Regal im Stadtteil Napoles oder Roma oder Hipodromo-Condesa. Die, die nicht kaputtgegangen sind. Die kaputten haben sich in den Staub der Hauptstadt zurückverwandelt. Die Bücher von Pedro Garfias habe ich auch verloren. Die Philosophiebücher, das waren die ersten, und, schlimm, schlimm, auch die Gedichtbände.
Manchmal kommt mir der Gedanke, daß sowohl meine Bücher wie meine Figürchen mich immer noch begleiten. Aber wie kann das sein? frage ich mich. Schwimmen sie um mich herum? Schwimmen sie mir im Kopf herum? Haben sich die Bücher und die Figürchen, die ich verloren habe, in die Luft der Hauptstadt verwandelt? Sind sie zur Asche geworden, die die Hauptstadt von Süden nach Norden und von Osten nach Westen durchzieht? Kann sein. Die dunkle Nacht der Seele wandert durch die Straßen der Hauptstadt und fegt alles beiseite. Schon sind alle Gesänge verstummt, hier, wo eben noch alles sang. Die Staubwolke hat alles zu Staub werden lassen. Erst die Dichter, dann die Liebe und dann, als es schon scheint, als sei sie satt, da kommt die Wolke wieder und hängt sich ganz oben über deine Stadt und dein Gemüt und teilt dir mit geheimnisvollen Bewegungen mit, daß sie sich nicht mehr hinweg zu bewegen gedenkt.

2

Ich ging, wie gesagt, ein und aus bei Leon Felipe und bei Pedro Garfias, eine rastlose, treue Seele, und ich fiel ihnen auch nicht unnötig zur Last mit eigenen Gedichten oder eigenen Sorgen, ich versuchte, mich nützlich zu machen, das schon, aber ich machte auch noch andere Sachen.
Ein Privatleben hatte ich auch. Nicht nur, daß ich ständig die schöpferische Glut dieser genialen Männer der hispanischen Literatur suchte, ich hatte auch mein eigenes Leben. Meine eigenen Bedürfnisse. Ich arbeitete. Versuchte es wenigstens. Ich lief herum, und ich war verzweifelt. Denn wie jeder weiß oder glaubt oder sich vorstellen kann, es lebt sich leicht in der Hauptstadt, aber nur wenn du ein bißchen Geld hast, ein Stipendium, eine Familie oder wenigstens irgendeinen mickrigen Gelegenheitsjob, und ich hatte nichts, der lange Weg bis zur Landschaft im gleißenden Licht* hatte mich ziemlich leer gemacht, und zu den Dingen, die mir abhanden gekommen waren, gehörte die nötige Energie, egal was zu arbeiten. Also trieb ich mich in der Universität herum, genauer, in der Fakultät für Philosophie und Literatur, und verrichtete freiwillige Arbeiten, sagen wir mal, einen Tag half ich, die Vorlesungen von Professor Garcia Liscano abzutippen, tags darauf übersetzte ich ein paar Texte für die Französische Abteilung, wo ehrlich gesagt nur ein paar wenige die Sprache Molieres beherrschten, und damit will ich keinesfalls behaupten, dass mein Französisch besonders fließend ist, aber im Vergleich zu dem, was die Leute von der Abteilung zustande brachten, war es hervorragend, und einen Tag später heftete ich mich wie eine Klette an eine Theatergruppe und verbrachte ungelogen acht Stunden damit, bei den Proben zuzusehen, bei denen alles endlos wiederholt wurde, ich holte dann was zu essen, bediente die Scheinwerfer und sprach die Passagen aller Schauspieler für mich nach, stumm fast, mit einer Stimme, die einzig und allein ich hören konnte und die nur mich glücklich machte.

Teil 3