Vorgeblättert

Olivier Rolin: Die Papiertiger von Paris, Teil 2

08.09.2003.
VI
Auf dem Flohmarkt hatten wir einen sehr großen Überseekoffer gesucht, in dem man Chalais, den General im Ruhestand, den Chef von Atofram, hineinstecken könnte. Wir fanden nichts, das uns wirklich geeignet schien, bis uns schließlich eine recht geräumige Kiste auffiel, eine Holzkiste, wie die von Bill Bones der Schatzinsel. Nachdem Judith ihm die Spritze gegeben hatte, beruhigte sich Chalais, und wir konnten ihn da hineinlegen. Den Kopf gegen die eine Wand, mit einem kleinen Kissen für die Bequemlichkeit, die Füße gegen die andere, die Knie angewinkelt. Wir waren zwei oder drei Minuten mit dem Lieferwagen unterwegs, er müsste bereits der Polizei gemeldet worden sein, es wurde Zeit, das Fahrzeug zu wechseln, ein Autotausch war vorgesehen in einer Tiefgarage, nicht weit entfernt. Monte-charge erwartete uns dort am Steuer eines Lieferwagens, der eine andere Farbe hatte und von einer anderen Marke war. Ich weiß nicht, warum ich dir bis jetzt nicht von Monte-charge erzählt habe, sagst du zu Treizes Tochter. Ja doch, ich weiß es genau: Er hatte vorher mit Judith zusammengelebt. Und er hatte uns in flagranti erwischt, das heißt, nicht ganz, aber fast. Ich hatte mich in dieser Situation wirklich wie in einem Boulevardstück verhalten, hätte ich die Zeit gehabt, mich in einem Schrank zu verstecken, so hätte ich das getan, ich hatte irgendetwas gestammelt, rot und atemlos und halbnackt, dass die Müdigkeit, dass wir eingeschlafen seien, dass wir träumten, dass... woraufhin Monte-charge sagte, ich brauchte ihm nichts zu erzählen, er sei schließlich kein Idiot. Sein Spitzname rührte von einer Aktion her,die bei Citroen einen Ausnahmezustand ausgelöst hatte: Bei einem wilden Streik war es ihm mit einer Gruppe marokkanischer Arbeiter gelungen, für einen ganzen Tag einen Lastenatifzug zu blockieren, der Nachschub für das Fließband der 2CV lieferte. So etwas bei Citroen zu machen war unheimlich haarig. Danach wurden sie natürlich alle gefeuert. Jetzt kümmerte sich Monte-charge bei uns um die Herstellung falscher Papiere, eine Spezialität, die ihm Roger le Belge beigebracht hatte und bei der er sich sehr schnell als äußerst geschickt erwies. Nach dieser Sache mit Judith hätte er sich entscheiden können auszusteigen, ich hätte ihm keinen Ärger gemacht, aber nein, er blieb. Und hasste mich vielleicht, ich weiß es nicht, es ist wahrscheinlich, aber nicht sicher.jedenfalls war seine Haltung mir gegenüber wohl ziemlich spöttisch. So hatten wir eine merkwürdige Beziehung, die viel komplizierter war als die zwischen den meisten von uns. Sehr gut möglich, dass die gemeinsame Erfahrung des Lächerlichen - selbst wenn wir dabei nicht dieselbe Rolle spielten - bei Monte-charge und mir zu einer Art paradoxen und geheimen Komplizenschaft geführt hatte, die am Rande der heldenhaften Bilder angesiedelt war, aus denen wir unseren Alltag zusammensetzten. Und andererseits bewunderte ich den Gleichmut, den er unter Beweis gestellt hatte. Übrigens bewahrte er nicht nur in dieser Situation kühlen Kopf, er war einer von zweien, neben Fichaoui, zu denen ich vollstes Vertrauen hatte. Jetzt erwartete er uns also am Steuer eines Lieferwagens, eines Renault 4L, in einer Tiefgarage im XVI. Arrondissement. Bestimmt war er auch in Annecy oder Chambery dabei. Und es ist sehr gut möglich, dass er auf dem Foto war, das vor dem Bahnhof von Guingamp, oder von Saint-Brieuc, im Sommer 1969 aufgenommen wurde. Ganz sicher sogar. Im Übrigen hatte sich die Geschichte zwischen Judith und mir, und ihm, im Jahr 1969 noch nicht abgespielt gehabt, ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, es geschah im Jahr darauf. Da wir also zwölf auf dem Foto waren - das zumindest weiß ich genau - habe ich einen zuviel genannt. Ich. glaube, es war Danton. Vielleicht saß der in jener schon im Knast. Achtung, sagst du zu Treizes Tochter, du musst nicht alles glauben, was ich dir erzähle. Es liegt nicht in meiner Absicht, etwas zu verschleiern oder zu verzerren: Aber meine Erinnerung besteht nur noch aus Verschleierung und Verzerrung.

Genau in dem Augenblick, als wir die Rampe zur Tiefgarage hinunter fuhren, geschah etwas, was nicht wieder gutzumachen war. Chalais ist aus seiner vorübergehenden Erstarrung, in die er gefallen war. Auf einen Schlag war er wieder bei Kräften und machte Stunk. Mit einer Streckung seiner bisher angewinkelten Beine drückte er die Kiste auf. Das Holz barst mit einem lauten Krachen. Mist, wir hätten wirklich eine Truhe aus Eisen kaufen sollen, meinte Treize finster. Das war doch nicht aus Gründen der Sparsamkeit, sondern weil wir keine andere gefunden haben, du Arsch, habe ich ihm heftig entgegnet. Fichaoui hat neben dem Renault 4L Lieferwagen angehalten und kam zu uns nach hinten. Wir standen um die in Brüche gegangene Kiste herum und fragten uns, was wir tun sollten, während Chalais versuchte, aus ihr herauszu-klettern. Die Wiederauferstehung als Groteske, so kam einem das vor. Also da trieb er es nun wirklich zu weit. Er hätte sich noch ein wenig gedulden können. Schnauze, lass uns in Ruhe überlegen, sagte Fichaoui zu dem General und knallte den Deckel über seinem Kopf wieder zu. Dieses "in Ruhe überlegen" war wunderbar, Fichaoui vom Allerfeinsten. Wir konnten noch so sehr nachdenken, es gab keine Lösung. Die Kiste ließ sich nicht mehr verschließen, und Chalais müsste nur noch ein bisschen kräftiger drücken, und sein Fuß stieße direkt durchs Holz. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihn dort zurückzulassen und uns so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen. Und genau das haben wir getan. Als wir alle, in den Renault 4L gezwängt, die Rampe hoch fuhren, hat Fichaoui gebrüllt, er habe vergessen, die Türen abzusperren, und wir sind wieder hinunter gefahren, um das nachzuholen. Glücklicherweise war Chalais noch nicht ausgestiegen. Als er merkte, dass wir davonstoben, hatte er sich erst einmal einen Moment Ruhe gegönnt. Dann hat uns Monte-charge an der Metrostation Porte Dauphine, oder war es am Trocadero, abgesetzt, Treize, Judith und mich. Im Abteil hat sich Treize uns gegenüber gesetzt, und da haben wir sein Gesicht gesehen... Sein falscher Schnurrbart hing schief, war halb abgegangen. He, guter König Dagobert, habe ich ihm zugewispert, dein Schnurrbart hängt schief. Er hat ihn mit würdiger Miene abgerissen, wie ein altes Pflaster, und die Klebe hinerließ auf seiner Oberlippe so etwas wie schwärzlichen Schneckenschleim. Das war schon fast so mit das Witzigste, was ich in meinem ganzen Leben erleben sollte. Damals stieß man in der Metro noch auf Bourgeois, auf der anderen Seite des Gangs saß einer, ein Typ in grünem Lodenmantel und mit einem kleinen Pepita-Hut, der Le Monde las, aber nicht die Seiten "Wirtschaft" oder "Finanzentwicklung" oder "Geld", nein, diese Seiten gab es noch nicht, so unwahrscheinlich das auch klingen mag: Er las die Seiten "Agitation und Subversion", die so etwas wie die amtlichen Nachrichten für Chaoten aller Prägungen waren. Wobei man anerkennen sollte, dass La Cause den größten Teil der Spalten füllte, die anderen waren die Lückenbüßer. Die Augenbraue dieses Typen wölbte sich über den Seiten, das Auge heimlich auf uns gerichtet, verblüfft und leicht verängstigt. Unsere Blicke trafen sich, das Auge zog sich eilig wie eine Molluske in ihr Schneckenhaus aus Papier zurück.

Mit freundlicher Genehmigung des Blessing-Verlages

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