Vorgeblättert

Olivier Rolin: Die Papiertiger von Paris, Teil 1

08.09.2003.
Seiten 207-214

Das Haus des Milizionärs lag in Chambery oder in Annecy, zumindest in einer Stadt in den Bergen und nahe einem See. Du erinnerst dich, dass es dort einen Brunnen mit vier steinernen halben Elefanten gab, die jeweils zu zweit voneinander abgewandt dastanden, die Einheimischen nannten ihn spirituell "die vier ohne Hintern". Übrigens wurde dieser Brunnen, wie ein Großteil der Stadt, im 18. Jahrhundert von einem adligen Abenteurer erbaut, der General eines großen indischen Maharadschas geworden war. Er hatte eine Frau geheiratet, die eine berühmte Schriftstellerin werden sollte, die Herzogin (oder Gräfin) de Boigne, und diese eingebildete Pute verachtete ihren Mann, der in ihren Augen nur ein Haudegen war. Der Gedanke, dass man die Stellung einer Literatin - oder eines Literaten - weit höher einschätzen konnte als die eines Generals eines Maharadschas, erschien (und erscheint dir noch immer) extravagant. Deiner Meinung nach war eine solche Umwälzung der Werte nur in Frankreich möglich. In England zum Beispiel wäre so etwas unvorstellbar. Das Haus des alten Mörders befand sich in der Nähe einer Ausfallstraße dieser Stadt, die ein kleines Tal überragte. Ihr hatte Glück gehabt, wenn das Wort in diesem Zusammenhang passt: Auf der anderen Straßenseite stand ein neues Haus mit Fenstern und Balkonen mit Blick auf seine Hütte. Es war nicht schwierig, hier eine Wohnung zu mieten. Ihr musstet nur noch warten: Treize, Fichaoui, Judith, Momo der Schlossfresser und du. Vielleicht vergisst du einen. Selbstverständlich hattet ihr mit Gedeon über die Sache diskutiert: wie Jahre zuvor, als ihr ihm im Schulgebäude euren Angriffsplan auf einen Konvoi der Bereitschaftspolizei unterbreitet hattet. Dieses Mal wart ihr euch einig. Einen Mann, selbst einen Erzkollaborateur, zu töten, war eine Entscheidung, für die ihr nicht gerüstet wart. Doch der Schutz, der ihm von Präsident Pompe und einem Teil der Kirche gewährt wurde, machte sie eurer Meinung nach zu eurer Pflicht. Ihr hattet also diese Wohnung gemietet und wartetet, Treize, Fichaoui, Judith, Momo und du. Mit einem Scharfschützengewehr. Die Tage waren lang, die Spannung hoch. Wenn ihr plötzlich sehen solltet, dass er aus einem Wagen steigt, das Holztörchen aufstößt und die wenigen Meter zwischen den Nussbäumen zurücklegt, die den Weg bis zur Türschwelle säumen, wäret ihr kaltblütig (hart) genug, den Sicherheitsriegel beiseite zu schieben, das Gewehr anzulegen, zu zielen und abzudrücken? Wäret ihr "auf der Höhe"? Oder ganz im Gegenteil zu schwach, um so etwas zu tun? Denn schließlich einen alten Mann zu töten... selbst wenn er ein Schwein war... und er war eines, daran gab es keinen Zweifel: ein Anführer der Miliz, ein Typ, der Razzien auf jüdische Kinder befohlen hat, der Mitglieder der Resistance hinrichten ließ, ist wirklich ein Schwein. Und das denke ich noch heute, sagst du zu Treizes Tochter. Aber war es an uns, ihn...? Die Stunden hinter dem Fenster mit den zugezogenen Vorhängen vergingen zäh, sehr zäh, während ihr durch den Spalt hinausschautet, stehend, unbeweglich, Kippe nach Kippe rauchend, das Gewehr in Reichweite. Die Vorhänge, du erinnerst dich noch, waren orange. Orange war die Modefarbe jener Jahre. Eine Kippe nach der anderen rauchend fragtet ihr euch hinter den orangefarbenen Vorhängen, ob... aber nein, vor allem sich keine Fragen stellen, warten, sich aufs Lauern konzentrieren, wohl wissend, dass es nicht nur das Gewehr in Reichweite gibt, sondern auch eine quälende Frage, ebenso quälend, ebenso gegenwärtig, ebenso sehr verleugnet wie die Gewissensbisse am Tag zuvor, wenn man verzweifelt versuchte, in den Schlaf zu finden. Man hielt uns für brutal, aber im Kern waren wir liebe Jungen, sagst du zu Treizes Tochter, die Überbleibsel von weichen jungen Leuten... Letztendlich hatten wir keine Gelegenheit herauszufinden, wie wir reagiert hätten, wenn dieses Schwein in unsere Schusslinie gekommen wäre. Der Tipp des Kardinals hatte sich als falsch herausgestellt, oder aber wir waren nicht geduldig genug. Zwei Monate warteten wir vergeblich auf ihn, dann haben wir die Belagerung aufgegeben. Alle ziemlich erleichtert.

Hinter den Vorhängen hielt man es nicht lange aus, daher lösten wir uns alle zwei Stunden ab. Es war Sommer, wer keine Wache hielt, fuhr zum See. Ich weiß nicht mehr, welcher See es war, vielleicht der von Lamartine. Ein blauer See inmitten von Bergen mit sichelförmigen, weißsandigen Buchten hinter Wiesen. Es war heiß, Sonnenschirme standen auf den Wiesen, Tretboote glitten über das blaue unbewegte Wasser, in dem sich die Berge und zarte Schäfchenwolken spiegelten, Ausflugslokale säumten die Ufer, Leute spielten Volleyball, ein ganzes Ferienszenario, das uns vollkommen fremd geworden war, das wir beinahe vergessen hatten. Mit einem Schlag versetzte uns dieses Bild in die Vergangenheit, hinein in das, was wir verlassen haben wollten, in unsere bourgeoise, sorglose Kindheit, als wir, ohne es zu wissen, mit der Herausbildung eines egoistischen Glücks beschäftigt waren. Die großen Ferien an der Cote d'Emeraude. Und wenige Kilometer vom See, hinter den zugezogenen Vorhängen, erwartete uns das Theater der Zukunft, die wir uns gewählt hatten: die Konspiration, die politische Gewalt, die Aufrechnung von verursachtem und erlittenem Tod. Einen alten Mörder töten, von der Polizei getötet werden. Auch wenn wir uns diese Zukunft noch so sehr ausgewählt hatten, war sie uns in Wahrheit doch ebenso fremd wie die Vergangenheit, auf die wir verzichtet hatten. Die Vergangenheit widerte uns an, die Zukunft ängstigte uns. Wir waren nirgends, in keiner Zeit. Dies sage ich heute am Ende des ersten Frühlings des 21. Jahrhunderts, sagst du zu Treizes Tochter,-damals hätte ich die Dinge nicht mit solchen Worten gesagt, nicht gedacht, damals waren unsere Gedanken und unsere Worte verworren, aber dennoch spürten wir, und vor allem an jenen Tagen am See, zwischen den Bildern eines früheren Lebens und denen eines bevorstehenden Todes, zwischen einer Art abgelehntem, verleugnetem Glück und einem Terror, an den man sich schwerlich gewöhnen konnte, dass in uns ein Mangel war, ein Stück Leere und vielleicht sogar ein Gefallen an der Leere. Also haben wir uns ohne Skrupel am Augenblick berauscht, an den bescheidenen Vergnügungen, die sich uns boten. So groß wie unsere Angst, dass sie uns jeden Tag einige Stunden lang, was außerordentlich war, zu normalen jungen Leuten machte (die in diesen Momenten sicherlich dem Sohn des Partisanen Demetrios ähnelten, der "nicht war wie wir"): glücklich, uns gegenseitig oben vom Steg ins Wasser zu werfen, kühlen Weißwein unter den Sonnenschirmen der Ausflugslokale zu trinken, dummes Zeug zu reden und lauthals aufzulachen, sich auf der Wiese liegend zu küssen. Ich glaube, ich hatte Judith nie in der Öffentlichkeit geküsst, stell dir vor... Ich erinnere mich, dass wir ein Mal ein Tretboot gemietet hatten, Judith, Treize und ich - Fichaoui und Momo der Schlossfresser waren in der Wohnung und hielten Wache. Wir waren mitten auf dem See, unbeschwert, in glücklicher Unbekümmertheit, ein Zustand, der uns einen Moment alle Sorgen vergessen ließ. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ich habe angefangen, den Rotgardisten in mir herauszukehren, habe zu bedenken gegeben, dass wir uns nicht so amüsieren dürften, dass unser Lebensstil nachlässig wurde, das Geschwätz eines Unerbittlichen. Treize hat mich unterbrochen: Du gehst uns auf den Geist, Martin, nirgendwo in der Mao-Bibel steht, dass man nicht Tretboot fahren darf. Und lachend warfen er und Judith mich ins Wasser, auch ich lachte. Als wir zum Ufer zurückfuhren -, wir mussten Fichaoui und Momo ablösen - haben wir aus dem Stegreif ein Liedchen gereimt, das uns viel Ärger hätte einbringen können, Gedeon hatte uns schon für sehr viel harmlosere Sachen die berüchtigte Selbstkritik abverlangt: "Der Präsident Mao/ fuhr auf dem pedalo/ wie ein normaler populo". Treize war der Verfasser dieser Knittelverse, sagst du zu seiner Tochter, ich habe dann so weiter gemacht: "Willst du, dass sich etwas tut/ so lies doch gleich das kleine rote Buch", und Judith, die zwischen uns saß, die klassische Gruppierung, hat die schönste Strophe gefunden: "Wir sind bereit zu sterben / doch wenn wir wählen könnten / wie viel lieber würden wir lächeln."

Teil 2