Vorgeblättert

Nina Jäckle: Noll, Teil 2

01.03.2004.
Noll sitzt in der Küche an dem Tisch und es ist still, niemand ist im Innenhof des Hauses noch auf der Treppe noch im Flur zu hören. Noll hat die Hand des besten Freundes nicht zu lange gedrückt, bis dann, mach es mal gut, hat er dem Freund gesagt. Noll hat das Glas mit Marmelade wieder in das Regal zurückgestellt, er hat den Hund aufs Land gebracht, dies alles ist noch nicht lange her.

Man setzte sich zweimal im Jahr an den dekorierten Tisch, denkt Noll. Die gesamte Familie war da und sie kam immer wieder zusammen, jeder hatte seinen Platz. Großvater saß stets unter der polnischen Kunst aus Bronze, das Heilige Abendmahl, das ein wenig schief hing, eine flache Scheibe, die bei jedem Luftzug gegen die getäfelte Wand stieß und einen Ton verursachte, den es so nur bei den Großeltern zu hören gab. Dort saß Großvater und er wurde von Jahr zu Jahr kleiner, wir hingegen wurden von Jahr zu Jahr lauter, damit Großvater uns verstand, denkt Noll.
Großvater verschwindet im Verhältnis zur sich steigernden Lautstärke der Familie, sagte Nolls Schwester eines Abends, mal sehen, wie laut es noch werden wird.
Um nicht zu schweigen, fragte man nach der Geschichte des Großvaters. Man ließ einige Details aus, über die niemand sprechen wollte, was blieb von damals, das war die harte Zeit und der Kampf, der sich so gut erzählen lässt, mit Worten wie Hunger, Hoffnung, Mut und Angst. Der Großvater hatte beim Erzählen die Stimme des Helden und so erzählte er davon, wie klein und brav der Onkel auf der Flucht gewesen sei, wie die ganze Familie mit nur einem Koffer im letzten Moment, mit dem letzten Zug, auf den letzten noch freien Plätzen über die letzte noch offene Grenze gekommen sei, im letzten Moment, wiederholte der Großvater, und alle starrten nun auf seine rechte Hand, denn jeder am Tisch wusste es, der Großvater würde jetzt die vier verbliebenen Fingerin die Höhe halten.
Ich habe mir den Zeigefinger in dem stillgelegten Sägewerk selbst abgetrennt, nur für euch, sagt Noll jetzt leise den Satz, den er so oft von dem Großvater gehört hatte.

Man muss es sich vorstellen, Noll sitzt in der Küche und er will nicht aufhören sich zu erinnern.
Ihr hättet die Flucht ohne mich nicht überstanden, sagte der Großvater immer wieder, ich durfte es also nicht riskieren, an die Front geschickt zu werden, und um sicher zu sein, dass man mir den abgetrennten Finger nicht einfach wieder annähen würde, habe ich ihn vergraben, hört Noll den Großvater sagen, stets auf dieselbe Weise erschöpft an dieser Stelle. Als die Großmutter noch am Leben war, setzte sie nun ein, um vom Wundbrand und vom Fieber zu berichten. Ich hatte alles getan, um eine Infektion zu vermeiden, das könnt ihr mir glauben, sagte die Großmutter, und sie sah dem Großvater in die Augen und dann sprach sie vom Glück, das der Großvater gehabt hätte, das am Ende die ganze Familie gehabt hätte, und dann dankte die Großmutter dem Schutzengelchen, woraufhin der Großvater lachte, ein recht großer muss es gewesen sein, ein ganz großer Engel, kein chen.
Noll erinnert sich an die Schwester, die eines Tages fragte, ob man nicht dorthin reisen wolle, die ganze Familie gemeinsam, zu diesem stillgelegten Sägewerk reisen, an diesen Ort zurückgehen, an dem der Finger des Großvaters vergraben lag. Vielleicht könnte man einen Findling aufstellen, sagte Nolls Schwester, schließlich ist dem Finger viel zu verdanken, und dann fragte sie den Großvater, weshalb er damals zu einem stillgelegten Sägewerk gegangen sei, wo er doch vorhatte, den Finger mit der Axt abzutrennen, was er schließlich überall hätte tun können, sogar zu Hause.
Es gab dort diese Pflöcke, man konnte bequem die Hand auflegen, antwortete der Großvater, wirst du wohl still sein, rief die Großmutter, willst du wohl endlich Ruhe geben mit dieser fürchterlichen Geschichte, immer wieder diese Geschichte und wieder und wieder, und der Großvater lachte, er sah auf den Stummel an seiner Hand, und dann nannte der Großvater Nolls Schwester Quälgeist.
Niemand fragte je nach dem Geld, das der Großvater auch in den schwersten Zeiten gehabt hatte, denn man ließ einige Details aus, über die niemand sprechen wollte.
Es gab keinen Streit am Tisch der Familie, nur die Geschichte des Großvaters und die Fragen nach Butter, Sauce oder einem Glas Wein. Es gab zwei Kartons, randvoll mit Tischdekoration. Ostern und Weihnachten.
Gelb und rot, denkt Noll jetzt, in der Küche, an dem Tisch, man muss es sich vorstellen, wie das wohl ist, wenn einer den letzten Augenblick gesetzt hat, wie man einen Punkt setzt, nach dem beendeten Satz, wie das wohl ist, wenn einer geht.

Noll sieht seine Dinge an, die Pflanze auf dem Fensterbrett, den Stuhl ihm gegenüber, die Gewürze, das Radio, das Kissen auf dem Stuhl. Christina, denkt Noll, und er will nicht aufhören sich zu erinnern. Christina wollte Opernsängerin werden und so übte sie unentwegt und überall Tonleitern. Manchmal ging sie mit Noll durch die Stadt, meist sonntags, und Christina nahm Nolls Hand und sie spiegelten sich Hand in Hand in den dunklen Schaufenstern oder sie gingen in dem Schlossgarten auf und ab. Eines Sonntags war Christina plötzlich vor dem Schaufenster eines Reisebüros stehen geblieben, jetzt küssen wir uns, das sagte sie, und es schien weniger ein Verlangen als vielmehr eine Bildunterschrift dessen zu sein, was Noll im Schaufenster gespiegelt sah, und so bekam er den ersten Kuss. Es war ein Kuss, mit dem Noll nichts anzufangen wusste, ein Kuss, der wie verirrt in der Mundhöhle blieb. Noll schien es, als würde dieser Kuss minutenlang andauern, und Noll wusste nicht, wie er sich jemals wieder aus Christinas Umarmung würde lösen können.
Als sie nebeneinander gingen, sah Noll Christina nicht an, er sah zu Boden, er wollte dieses Geheimnis nicht mit ihr teilen, er wusste, dass er sie nun ansehen müsste, dass sie ihm nun diese Vertrautheit abverlangte, die sich einzustellen hat nach einer Berührung dieser Art, und Noll wusste nicht, was er sagen sollte, um endlich allein nach Hause gehen zu können, stell dich nicht so an, lachte Christina, sie nahm Nolls Hand, dann sang sie Tonleitern.
Noll erinnert sich an den Tag nach dem ersten Kuss, als er Christina auf dem Schulhof wiedersah, und Noll starrte unentwegt auf Christinas Mund und die Erinnerung an diesen Kuss war ihm ein Graus und so wollte er den eigenen Speichel nicht mehr schlucken, bis ihm übel wurde und eine Lehrerin ihn zwang, ein Glas Wasser zu trinken.

Ostern und Weihnachten, gelb und rot, denkt Noll, und plötzlich fällt ihm ein, dass täglich die Zeitung gebracht wird, gebracht werden wird, auch weiterhin, auch über den selbst gewählten Dienstag hinaus, und so bestellt Noll das Abonnement ab. Er wird gefragt, ob er nicht zufrieden gewesen sei, und Noll weiß keine Antwort, doch, doch, sagt er, das ist es nicht.
Noll sitzt an dem Tisch in der Küche und er denkt daran, einmal fünfzehn Jahre alt gewesen zu sein, und Noll erinnert sich an den Wunsch zu erobern und Eroberung bedeutete damals, aus Fenstern zu klettern, länger als erlaubt an verbotenen Orten zu bleiben, das schnellste Mofa zu besitzen, und so erinnert sich Noll nun auch an die Zwillinge, sie standen nebeneinander an der Ampel und Noll war mit dem Mofa direkt vor sie hingestürzt. Noll lag mit gebrochenem Bein am Boden, und als er aus der Sekundenohnmacht erwachte, sah er in ein Gesicht, das zweimal über ihm erschien. Er tastete nach seinem Kopf, voll Angst, der Schädel sei geborsten, zweigeteilt, verschoben, und einer der Zwillinge lachte darüber, während der andere sagte, der Krankenwagen sei bereits unterwegs und nirgendwo sei Blut zu sehen, immer mit der Ruhe, sagte einer der Zwillinge, nicht so schlimm, sagte der andere, kein Blut zu sehen, kein offener Bruch, und wir, wir sind wirklich zwei.
Die Zwillinge kamen Noll oft in dem Krankenhaus besuchen, sie waren klein, denkt Noll jetzt. Die Zwillinge hatten eine Schwester und die Schwester der Zwillinge hatte eine Freundin und die Freundin der Schwester hatte diese Augen, in die Noll dann so
viele Jahre sah.

Teil 3