Vorgeblättert

Nina Jäckle: Noll, Teil 3

01.03.2004.
Mara sprach oft vom Vermissen. Sie vermisste den Blick und die Hunde, sie vermisste die Hühner auf dem Kiesweg hin zu dem weißen Haus, Mara vermisste ihre Großmutter und ihre Mutter, die so oft auf der vorderen Terrasse saßen und sich unterhielten, sich fast täglich Geschichten erzählten, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen. Mara vermisste die Stimmlage der Sprache, dieses R, das Geräusch der Kaffeemaschine in der einzigen Bar des Dorfes, die Musik, den Jodwind. Noll reiste mit Mara zu dem weißen Haus, zu den Eltern, zu den Geschwistern und Großeltern.

Noll sitzt an dem Tisch in der Küche, man muss es sich vorstellen, es geht auf Dienstag zu, denkt er, und in dem Innenhof des Hauses hört er die Nachbarin sprechen, er hört die Stimme des Hausmeisters, Noll sitzt an dem Tisch in der Küche und der selbst gewählte Dienstag ist nicht mehr irgendein Dienstag, morgen, denkt Noll jetzt, und er hat die Hand des Freundes nicht zu lange gedrückt, bis dann, mach es mal gut, hatte er dem Freund gesagt, und Noll geht zu dem Fenster, er sieht, wie die Nachbarin in das Haus gegenüber tritt, Noll hört die Haustür zufallen, dann ist es still.

Bald begann Mara zu schimpfen, von Tag zu Tag ein wenig öfter, über die Männer im Dorf, über die Mutter, über den Zustand des Hauses. Noll hingegen liebte das Bellen der Hunde, die nachts in den Bergen und tags am Strand waren, Noll liebte den Tonfall dieser Sprache, die er noch nicht immer verstand, Noll saß auf der Terrasse des Hauses und er sah dem Wetter zu, er achtete darauf, wann Vollmond war, er wusste, wann Regen kommen würde. Noll kannte die Männer, die in der Bar an dem Tresen lehnten, und sie unterhielten sich laut, berichteten vom Tag, von der Arbeit im Hafen, auf den Feldern oder in einer der Autowerkstätten vor den Toren der nächsten Stadt.
Wann setzt die Erholung ein, dachte Noll eines Abends, und er ging lange durch die Straßen des Dorfes, wann endlich setzt die Erholung ein, dachte Noll, und er blieb, Mara flog allein zurück.
Nach all den Jahren hat Noll nun das Verlangen, mit Mara zu sprechen, und er sucht ihre Telefonnummer aus dem alten Notizbuch heraus. Noll weiß nicht, was er Mara sagen könnte, wo anfangen, denkt Noll, wo aufhören, jetzt, nach all den Jahren, so lange her, das alles, denkt Noll.
Die Handschrift, in der er damals Namen und Telefonnummern in das Notizbuch eingetragen hatte, ist ihm heute fremd. Es stehen Namen geschrieben, denen Noll weder mehr ein Gesicht noch eine Bedeutung zuordnen kann. Noll zählt die Jahre zurück, wo aufhören, denkt er, wo anfangen, und er geht weiter die Namen durch, er spult das Leben zurück, er spult es vor und Noll sieht seine Hände an, er findet ein paar neue Flecken, unauffällig auf die Handoberflächen verstreut. Noll zählt die Flecken auf jeder Hand, er zählt die Jahre, wo anfangen, denkt er, man muss es sich vorstellen, wo anfangen, denkt Noll.

Er will nicht aufhören sich zu erinnern und so denkt Noll an Maras Abreise, er brachte sie zum Flughafen, du lässt also deinen Flug einfach so verfallen, fragte Mara leise, lässt mich allein hier durchgehen, sagte sie. Noll sah Mara an, nur hier gibt es diesen entschiedenen Himmel, der nichts ist als blau, dachte Noll, und es gibt den ungenauen Himmel, wolkenlos zwar, doch hinter dem Blau ist Weiß und so ist das Blau ein Circa-Blau, das mit dem Weiß verschwimmt, dachte Noll. Es gibt den in viele spitze Wolken zerbrochenen Scherbenhimmel, es gibt den Fischgrätenhimmel und nur hier gibt es diesen erdenrunden Abendhimmel, dachte Noll, während er Mara ansah. Lässt mich also allein gehen und sagst nichts dazu, fragte Mara noch einmal, und Noll nickte, Mara nickte auch, dann ging sie.
Noll verließ das Flughafengebäude und er nahm den Bus in die nächste Stadt und noch einen Bus, in eine andere Stadt, und Noll fuhr, ohne zu wissen, wohin, von einer Stadt in die nächste. So weit fuhr er, bis er kein Geld mehr bei sich hatte, bis er nicht mehr gar so oft an Maras Augen dachte, und dann blieb Noll in einem kleinen Dorf nahe der Küste.

Noll sitzt an dem Tisch in der Küche, man muss es sich vorstellen, und Noll erinnert sich jetzt an den Bauern und dessen Sohn, bei denen er ein Zimmer fand, bei denen er Orangen erntete und dafür Essen bekam.
In dem kleinen Ort gab es eine Eisenbahnstrecke und einen sehr alten Zug, es gab links und rechts von den Gleisen die sandfarbene Berglandschaft, es gab Grotten in den Bergen. Die Hippies hausen dort wie die Käfer zwischen den Steinen, sagte der Sohn des Bauern einmal, aber was geht es mich an, fügte er hinzu.
Noll sitzt in der Küche und er sieht sich selbst aus der Wohnung kommen, pünktlich um sechzehn Uhr, er hört in Gedanken die Tür hinter sich zufallen, an einem Dienstag wird das sein, nächsten Dienstag wird das sein, morgen.
Diese Gegend ist berühmt dafür, dass sie so aussieht wie Mexiko, sagte der Sohn des Bauern damals zu Noll, sie kommen aus ganz Europa und sie drehen ihre Filme hier, Westernfilme sind es meist. Manchmal ist die Bar unten im Dorf dann voll von Indianern und Cowboys, die gerade Pause machen. Alle Kinder im Dorf wollen einmal Indianer werden und sie haben vom Indianersein ein klares Berufsbild, sagte der Sohn des Bauern. Es ist allerdings ein kleiner Ruhm, dieses So-Aussehen- wie-Mexiko, fügte er hinzu, ich kenne Mexiko nicht, sagte der Sohn des Bauern, dann lachte er, wie Mexiko, was heißt das schon.

Wo anfangen, denkt Noll, und er spult das Leben zurück, er spult es vor, wo aufhören, denkt er.

Ob er in den Spiegel sehen, ob er die Wohnung lüften, den Kühlschrank abschalten, den Schal umbinden soll, bevor er morgen dann pünktlich um sechzehn Uhr die Wohnung verlassen wird.

Mit freundlicher Genehmigung des Berlin-Verlages

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