Vorgeblättert

Martin Pollack: Anklage Vatermord, Teil 2

15.07.2002.
Auf dem Rückweg vom Schwarzenstein unternahmen Morduch und Philipp Halsmann einen Abstecher zum Schwarzsee. Weil es ein heißer Septembertag war, wagten sie ein Bad im klaren, eiskalten Wasser, und während der Vater noch im Gebirgssee planschte, holte Philipp seinen Photoapparat aus dem Rucksack und schoß ein paar Aufnahmen von ihm, die ihn zuerst im Wasser zeigten und dann am Ufer, ausgelassen lachend wie ein Kind. Am Schwarzsee trafen die Halsmanns wieder die Bekannten von der Alpenrose, Josefine Gehwolf und Max Schmid. Josefine Gehwolf erinnerte sich später an eine Bemerkung des alten Halsmann, wonach ihn der Sohn aufgefordert habe, den See zu durchschwimmen. Sie meinte nicht ohne Koketterie, der ältere Herr habe das vielleicht bloß gesagt, um vor ihr zu prahlen. Nach Aussagen seines Sohnes war Morduch Halsmann übrigens Nichtschwimmer.
Vom Schwarzsee gingen die beiden zurück zur Berliner Hütte, in der sie einkehrten. Vor der Hütte fielen Philipp zwei junge Männer auf, die in der Sonne saßen und Bier tranken. Aus ihrer Unterhaltung schloß er, daß sie Italiener waren. Die beiden Männer trugen schwarze Pullover, weshalb er sie für Faschisten hielt oder auch für Deserteure, die über die italienische Grenze gekommen waren (tatsächlich lag die nahe Schwarzensteinhütte bereits auf italienischem Gebiet). Von der Berliner Hütte marschierten die Halsmanns wieder zum Gasthaus Alpenrose, wo sie in denselben Zimmern übernachteten wie am Tag zuvor.
Am Montag, dem 10. September, brachen die Halsmanns, erneut in Begleitung des Münchner Bergsteigers Josef Weil, in der ersten Morgendämmerung zum Schönbichlerhorn auf, das ebenfalls knapp über dreitausend Meter hoch ist. Während des beschwerlichen Aufstiegs über steile Blockhalden und Schneefelder klagte er wiederholt, er wisse nicht, was mit ihm los sei, heute falle ihm das Steigen viel schwerer als gestern. Um zehn Uhr erreichten sie den Gipfel, auf dem ein eisiger Wind wehte. Josef Weil war als erfahrener Alpinist ausreichend für die tiefen Temperaturen in der Höhe gekleidet und wunderte sich über die mangelhafte Ausrüstung seiner beiden Begleiter, die vor Kälte zitterten. Morduch trug zwar einen Pullover, hatte aber keine Windjacke, während Philipp überhaupt nur ein Hemd anhatte und über diesem einen dünnen Gummimantel. Nicht einmal Proviant führten sie mit. Sie blieben daher nur kurz auf dem Gipfel, gerade lang genug, daß Philipp die Bemerkung, "Wie wäre es mit einer Zentralheizung?" ins Gipfelbuch schreiben konnte, dann stiegen sie auf der anderen Seite des Schönbichlerhorns in Richtung Zamsergrund ab. Josef Weil blieb wegen der Aussicht länger auf dem Gipfel zurück. Beim Abstieg ging der Vater wieder ohne Beschwerden und erklärte, er wolle noch am selben Tag bis Mayrhofen marschieren, um den Zug nach Jenbach zu erreichen, wo er von seiner Frau im Gasthof Goldener Stern erwartet wurde. Philipp war von diesem Plan wenig begeistert und meinte, er sei viel zu müde, um am selben Tag bis Mayrhofen zu gehen, er wolle irgendwo übernachten, am besten im Gasthof Breitlahner, und am nächsten Tag nachkommen. Der Vater erklärte sich damit einverstanden, und um die Mutter nicht unnötig zu beunruhigen, schrieb Philipp einen Satz in dessen Notizbuch: "Ich bin vollkommen gesund und grüße Dich."
Bei einer Scharte unterhalb des Schönbichlerhorns trafen sie eine Gruppe deutscher Bergsteiger, denen die beiden auffielen, weil sie "gänzlich unalpin" ausgerüstet waren, wie es Dr. Wilhelm Geilenkirchen, Syndikus in Bonn, ausdrückte. Als sie außer Hörweite waren, sagte der Bonner Jurist zu seinen Begleitern, "der Alte" (Morduch Halsmann hatte gerade das 49. Lebensjahr vollendet) habe nach Geld gerochen. Was diesen Eindruck in ihm erweckt hatte, wußte er später nicht mehr zu sagen. Von Unstimmigkeiten zwischen den beiden Wanderern hatten die Deutschen nichts bemerkt.
Diesen Eindruck bestätigten auch Alfons Hörhager und Anna Gruber, Hüttenwirt und Kellnerin vom Furtschaglhaus, wo die Halsmanns etwa eineinhalb Stunden nach Verlassen des Gipfels eintrafen. Sie hätten nur wenig miteinander gesprochen und das in einer fremden Sprache, sagte Anna Gruber, trotzdem schienen sie sich gut zu vertragen, ja der Jüngere sei geradezu rührend um das Wohlergehen des Älteren besorgt gewesen. Als Anna Gruber Morduch die Suppe vor dem Wiener Schnitzel servieren wollte, ersuchte sie der Begleiter, diese wieder wegzunehmen und einstweilen warm zu stellen: Sie solle die Suppe erst auftragen, wenn der Vater mit dem Schnitzel fertig sei, dieser esse die Suppe immer erst nach der Hauptmahlzeit. So etwas hatte das Tiroler Mädchen noch nie gehört, und es machte eine dementsprechende Bemerkung zu Alfons Hörhager, der nur die Achseln zuckte. Als Hüttenwirt hatte er schon einiges gesehen und erlebt. Sonst fiel Anna Gruber an den beiden Fremden nichts weiter auf. Sie aßen hastig, weil sie es offenbar eilig hatten, weiterzukommen, und bezahlten mit österreichischem Geld; fremde Valuta sah die Kellnerin keine.
Nach dem Essen machten sich die Halsmanns sofort auf den Weg. Vor dem Furtschaglhaus begegneten sie noch einmal Alfons Hörhager, der gerade dabei war, sein Saumpferd zu satteln, um zum Breitlahner zu gehen, von wo er Brot und andere Lebensmittel holen wollte. Morduch Halsmann schulterte den kleinen Rucksack aus gestreiftem grüngrauen Leinen, den bisher Philipp getragen hatte, und forderte den Sohn auf, Mantel und Hemd auszuziehen, um den lästigen Akneausschlag am Oberkörper, an dem Philipp seit einiger Zeit litt, der Sonne auszusetzen, wie das Philipps Arzt in Dresden empfohlen hatte. Den leichten Gummimantel nahm Philipp über den Arm; in einer Hand trug er den Photoapparat, in der anderen den Wanderstock. Mit dem Ausziehen des Hemdes wollte er warten, bis sie außer Sichtweite der Leute waren, die vor dem Furtschaglhaus in der Sonne saßen.
In der Nähe einer Almhütte wurden die beiden Männer von einem Hirten gesehen, der eine Weile hinter ihnen herging. Vater und Sohn unterhielten sich angeregt. Philipp erzählte später, sie hätten über den Weg gesprochen, der noch vor ihnen lag, und er habe den Vater überreden wollen, mit ihm beim Breitlahner zu bleiben, weil er befürchtete, der Gewaltmarsch nach Mayrhofen könnte ihn zu sehr anstrengen.
Morduch Halsmann war keineswegs von so robuster Gesundheit, wie er gern vorgab, und er hatte während des Urlaubs schon Schwächeanfälle erlitten, die seiner Familie große Sorge bereiteten; doch die Ermahnungen, sich zu schonen und auf seine Gesundheit zu achten, hatte er jedesmal in den Wind geschlagen. Er ließ sich auch jetzt nicht umstimmen. Der Hüterbub verstand nicht, worüber die beiden Männer sprachen, nur daß sie laut in einer fremden Sprache redeten, und er beobachtete, daß der Jüngere dabei heftig mit den Händen fuchtelte. Als der Ältere bei einer Quelle stehenblieb, um Wasser zu trinken, wagte sich der Junge näher und bot den beiden Granatsteine, die er gesammelt hatte, zum Kauf an. Der Jüngere lehnte mit einer kurzen Kopfbewegung ab, ohne ein Wort zu sagen. Dabei habe er böse geschaut, sagte der Hüterbub später.
Unterwegs prüfte Morduch Halsmann seine Barschaft, um zu sehen, wieviel österreichisches Geld sie noch besaßen. Er hatte fünfzig Schilling, zwei Zwanzigschillingnoten und eine Zehnschillingnote. Das reiche für beide, sagte er zu Philipp. Auf dem Weg ins Tal kamen ihnen ein paar Wanderer entgegen, bei deren Näherkommen der Jüngere jedesmal rasch seinen Gummimantel überwarf, weil er es offenbar für unschicklich hielt, den Fremden mit entblößtem Oberkörper gegenüberzutreten. Philipp war todmüde und trottete nur noch apathisch und gleichgültig hinter dem Vater her, der weiter ein scharfes Tempo einschlug, um in Mayrhofen den letzten Zug nach Jenbach zu erreichen. Kurz nach zwei Uhr kamen sie zur Dominikushütte. Von hier waren es noch eineinhalb Stunden bis zum Breitlahner.
Auf der Terrasse vor der Hütte saßen Gäste, die beobachteten, daß der jüngere der beiden Wanderer bei ihrem Anblick in den Mantel schlüpfte. Einigen fiel auf, daß der Ältere den Rucksack trug, was ihnen ungehörig erschien: ein kräftiger junger Mann, der seinen älteren Begleiter den Rucksack tragen ließ? Unter den Gästen auf der Terrasse waren auch die Bergsteiger Karl Nettermann und Max Schneider, die Vater und Sohn Halsmann schon auf der Berliner Hütte gesehen und vor ihnen die Tour übers Schönbichlerhorn gemacht hatten.
"Schau, da kommen die zwei Juden von der Berliner Hütte", sagte Schneider zu Nettermann.


Mit freundlicher Genehmigung des Zsolnay Verlages

Informationen zum Buch und Autor hier