Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Wassili Grossman: Leben und Schicksal. Teil 2

02.08.2007.
Vitjenka, ich sehe hier auch viele schlechte Menschen - gierige, verschlagene, sogar welche, die bereit sind zum Verrat. Es gibt hier einen furchtbaren Menschen, Epstein, den es aus irgendeinem polnischen Städtchen zu uns verschlagen hat. Er trägt eine Armbinde, filzt mit den Deutschen zusammen die Häuser, nimmt an Verhören teil, besäuft sich mit den ukrainischen Polizisten, und die schicken ihn in die Häuser, um Wodka, Geld und Lebensmittel zu erpressen. Ich habe ihn wohl zweimal gesehen - er ist ein schöner, hochgewachsener Mann, trägt einen stutzerhaften, cremefarbenen Anzug, und selbst der gelbe Stern, der auf seinen Rock aufgenäht ist, sieht wie eine gelbe Chrysantheme aus.

Doch ich möchte Dir noch etwas anderes sagen. Ich habe mich nie als Jüdin gefühlt; von Kindheit an bin ich im Kreise russischer Freundinnen aufgewachsen. Von den Dichtern liebte ich Puschkin und Nekrassow am meisten, und das Stück, bei dem ich gemeinsam mit dem ganzen Publikum, dem Kongress russischer Landärzte, geweint habe, war 'Onkel Wanja' mit Stanislawski. Früher einmal, Vitjenka, als ich ein Mädchen von vierzehn Jahren war, wollte meine Familie nach Südamerika emigrieren. Damals sagte ich zu Papa: 'Aus Russland gehe ich nirgendwohin fort, dann schon lieber ins Wasser.' Und bin nicht fortgegangen.

Und jetzt, in diesen schrecklichen Tagen, hat sich mein Herz mit mütterlicher Zärtlichkeit für das jüdische Volk gefüllt. Früher wusste ich nichts von dieser Liebe. Sie erinnert mich an meine Liebe zu Dir, mein teurer Sohn.

Ich mache Hausbesuche bei den Kranken. In winzigen Zimmerchen leben die Menschen zu Dutzenden zusammengepfercht: halb erblindete Greise, Säuglinge, Schwangere. Ich war gewohnt, in Menschenaugen Krankheitssymptome - eines Glaukoms oder Katarakts - zu suchen. Jetzt kann ich den Menschen nicht mehr in dieser Weise in die Augen sehen - in ihren Augen sehe ich nur noch das Spiegelbild der Seele. Einer guten Seele, Vitjenka! Einer todtraurigen und gütigen, spöttischen und verlorenen Seele, die von der Gewalt besiegt wurde und zugleich über die Gewalt triumphiert. Ich sehe das Spiegelbild einer starken Seele, Vitja!

Wenn Du sehen könntest, mit welchem Interesse mich die alten Männer und Frauen über Dich ausfragen. Wie herzlich mich Menschen trösten, obwohl ich über nichts klage, Menschen, deren Lage schlimmer ist als meine.

Mir kommt es manchmal so vor, als besuche nicht ich die Kranken, sondern im Gegenteil, als heile der gütige Arzt Volk meine Seele. Und wie rührend sie mir für die Behandlung ein Stück Brot überreichen, ein Zwiebelchen, eine Handvoll Bohnen!

Glaub mir, Vitjenka, das ist nicht die Bezahlung für den Arztbesuch. Wenn mir ein alter Arbeiter die Hand drückt, zwei, drei Kartöffelchen in die Handtasche steckt und sagt: 'Schon gut, Frau Doktor, ich bitte Sie', dann kommen mir die Tränen. Es liegt darin etwas so Reines, Väterliches und Gütiges, dass ich es Dir mit Worten gar nicht wiedergeben kann.

Ich möchte Dich nicht damit trösten, dass ich diese Zeit leicht überstanden habe. Du solltest Dich darüber wundern, dass mein Herz nicht vor Schmerz zersprungen ist. Doch quäl Dich nicht mit dem Gedanken, dass ich gehungert haben könnte, ich war diese ganze Zeit über nicht einmal hungrig. Und außerdem - ich habe mich nicht einsam gefühlt.

Was soll ich Dir über die Menschen hier erzählen, Vitja? Die Menschen verblüffen mich im positiven und im negativen Sinn. Sie sind unglaublich verschieden, obwohl sie das gleiche Schicksal erfahren. Du kannst Dir vorstellen, wenn sich bei einem Gewitter die meisten Leute vor dem Regenguss in Sicherheit bringen wollen, dann heißt das ja auch noch lange nicht, dass diese Leute alle gleich sind. Und außerdem schützt sich jeder auf seine Weise vor dem Regen ?

Doktor Sperling ist überzeugt, dass die Judenverfolgungen eine vorübergehende Erscheinung sind und nach dem Krieg aufhören werden. Leute wie ihn gibt es eine ganze Menge, und mir ist aufgefallen, dass die Menschen umso kleinlicher und egoistischer sind, je mehr Optimismus sie noch haben. Wenn irgendjemand während des Mittagessens kommt, verstecken Alja und Fanni Borissowna gleich das Essen.

Sperlings sind gut zu mir, vor allem deshalb, weil ich wenig esse und mehr Lebensmittel heimbringe, als ich verbrauche. Doch ich habe beschlossen, von ihnen wegzuziehen, sie sind mir unangenehm. Ich werde mir einen Winkel suchen. Je größer der Kummer im Menschen ist, desto weniger Hoffnung setzt er auf das Überleben, desto großherziger, gütiger und besser wird er.

Die Armen - Klempner, Schneider, Näherinnen -, die zum Untergang verdammt sind, sind bei weitem dankbarer, großzügiger und verständnisvoller als die, die sich listenreich mit Lebensmitteln eingedeckt haben. Die jungen Lehrerinnen, der verschrobene alte Lehrer und Schachspieler Spielberg, die stillen Bibliothekarinnen, der Ingenieur Reiwitsch, der hilfloser als ein Kind ist und davon träumt, das Ghetto mit selbstgebastelten Granaten auszurüsten - was sind das alles für wunderbare, unpraktische, liebe, traurige, gütige Menschen.

Hier erkenne ich, dass die Hoffnung fast nie etwas mit Vernunft zu tun hat, sie wird wohl aus dem Instinkt geboren.

Die Menschen, Vitja, leben so, als hätten sie noch lange Jahre vor sich. Man darf das weder als Dummheit noch als Klugheit auffassen, es ist einfach so. Und auch ich unterwerfe mich diesem Gesetz. Zwei Frauen aus dem Marktflecken sind hierhergekommen und erzählen das Gleiche, was mir mein Freund erzählt hat. Die Deutschen vernichten im Umkreis alle Juden, ohne Kinder und Greise zu schonen. Die Deutschen und die Polizei kommen in Autos angefahren und holen ein paar Dutzend Männer zur Feldarbeit; die graben tiefe Gräben, und zwei bis drei Tage danach treiben die Deutschen die jüdische Bevölkerung zu diesen Gräben und erschießen alle ohne Ausnahme. Überall in den Marktflecken um unsere Stadt herum wachsen diese jüdischen Hügelgräber aus dem Boden.

Im Nachbarhaus wohnt ein Mädchen aus Polen. Sie erzählt, dass Massaker dort an der Tagesordnung seien; die Juden würden alle bis zum letzten Mann abgeschlachtet, nur in ein paar Ghettos - in Warschau, Łodz und Radom - hätten sich noch Juden erhalten. Als ich das alles überdachte, wurde mir sonnenklar, dass man uns hier nicht versammelt hat, um uns zu erhalten, wie die Wisente im Bjelowescher Naturschutzgebiet, sondern um uns zu schlachten. Planmäßig werden wir in ein, zwei Wochen an die Reihe kommen. Doch stell Dir vor, obwohl ich das begriffen habe, behandle ich die Kranken weiter und sage: 'Wenn Sie die Augen regelmäßig mit der Medizin baden, werden Sie in zwei bis drei Wochen gesund sein.' Ich beobachte einen alten Mann, dem man in einem halben bis einem Jahr vielleicht den Star operativ entfernen muss.

Ich gebe Jura Französischunterricht und ärgere mich über seine falsche Aussprache.

Und gleichzeitig brechen die Deutschen ins Ghetto ein und plündern, die Wachposten schießen zum Vergnügen durch den Drahtverhau auf Kinder, und immer neue Leute bestätigen, dass sich unser Schicksal jeden Tag entscheiden kann.

So geht es eben - die Menschen leben weiter. Neulich hatten wir sogar eine Hochzeit. Gerüchte kommen haufenweise auf. Einmal teilt der Nachbar, vor Freude keuchend, mit, dass unsere Truppen zum Angriff übergegangen seien und die Deutschen in die Flucht gejagt hätten. Dann entsteht plötzlich das Gerücht, die sowjetische Regierung und Churchill hätten den Deutschen ein Ultimatum gestellt und Hitler hätte befohlen, die Juden nicht umzubringen. Dann wieder heißt es, die Juden würden gegen deutsche Kriegsgefangene ausgetauscht.

Es zeigt sich, dass es nirgendwo so viel Hoffnung gibt wie im Ghetto. Die Welt ist voller Ereignisse, und alle Ereignisse, ihr Sinn und ihre Ursache, laufen immer auf ein und dasselbe hinaus - auf die Rettung der Juden. Was für ein Reichtum an Hoffnungen!

Die Quelle dieser Hoffnungen ist allein der Selbsterhaltungstrieb, der sich, bar jeder Logik, gegen die grauenhafte Unbedingtheit unseres spurlosen Untergangs auflehnt. Ich sehe mich um und kann es nicht glauben - sind wir wirklich alle zum Tode Verurteilte, die auf ihre Hinrichtung warten? Die Friseure, Schuster, Schneider, Ärzte und Ofensetzer, alle arbeiten sie. Es ist sogar ein kleines Entbindungsheim aufgemacht worden, vielmehr der schwache Abklatsch eines Entbindungsheims. Wäsche trocknet, Wäsche wird gewaschen, das Mittagessen wird gekocht, die Kinder gehen seit dem ersten September in die Schule, und die Mütter erkundigen sich bei den Lehrern nach den Noten ihrer Kinder.

Der alte Spielberg hat ein paar Bücher neu binden lassen. Alja Sperling macht morgens Gymnastik und dreht sich vor dem Schlafengehen die Haare auf Lockenwickler auf, streitet sich mit dem Vater herum, weil sie irgendwelche Stoffe für zwei Sommerfähnchen haben will.

Auch ich bin von morgens bis abends beschäftigt, mache Krankenbesuche, gebe Stunden, stopfe, wasche, bereite mich auf den Winter vor und unterlege meinen Herbstmantel mit Watte. Ich höre mir Berichte an über Strafmaßnahmen, die gegen Juden verhängt wurden: Eine Bekannte, die Frau eines Rechtsberaters, wurde bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt, weil sie ein Entenei für ihr Kind gekauft hatte; einem Buben, dem Sohn des Provisors Sirota, haben sie die Schulter durchschossen, weil er versucht hatte, unter dem Stacheldraht durchzukriechen, um seinen weggerollten Ball zu holen. Und immer wieder Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte.

Was jetzt kommt, ist kein Gerücht. Heute haben die Deutschen achtzig junge Männer zur Arbeit getrieben, angeblich zum Kartoffelgraben; einige haben sich gefreut, sie könnten vielleicht ein paar Kartoffeln für die Angehörigen mit heimbringen. Doch ich habe begriffen, von welchen Kartoffeln die Rede ist.

Die Nacht im Ghetto ist eine besondere Zeit, Vitja. Weißt Du, mein Freund, ich habe Dich immer dazu angehalten, mir die Wahrheit zu sagen; der Sohn muss seiner Mutter immer die Wahrheit sagen. Doch auch die Mutter muss ihrem Sohn die Wahrheit sagen. Denk nicht, Vitjenka, dass Deine Mama ein starker Mensch sei. Ich bin schwach. Ich habe Angst vor Schmerzen und bin feige, wenn ich im Zahnarztstuhl sitze. Als Kind hatte ich Angst vor dem Donner und fürchtete mich vor der Dunkelheit. Als alte Frau fürchtete ich Krankheit und Einsamkeit, hatte Angst davor, krank zu werden, weil ich dann nicht mehr arbeiten könnte und Dir zur Last fallen würde und Du mich das vielleicht spüren ließest. Ich hatte Angst vor dem Krieg. In den Nächten jetzt, Vitja, packt mich solches Grauen, dass mir das Herz zu Eis erstarrt. Auf mich wartet der Tod. Ich möchte Dich zu Hilfe rufen.

Als Kind bist Du einmal Schutz suchend zu mir gerannt. Und nun möchte ich in schwachen Minuten meinen Kopf in Deinem Schoß verbergen, damit Du, der Kluge und Starke, mich verteidigst, mich schützt. Meine Seele ist nicht immer stark, Vitja, sie ist auch schwach. Oft denke ich an Selbstmord, ich weiß nicht, was mich davon abhält - Schwäche, Stärke oder einfach sinnlose Hoffnung.

Genug davon. Ich schlafe ein und sehe Traumbilder. Oft sehe ich meine verstorbene Mutter und spreche mit ihr. Heute Nacht sah ich im Traum Alexandra Schaposchnikowa, als wir zusammen in Paris lebten. Doch Dich habe ich noch kein einziges Mal im Traum gesehen, obwohl ich ständig an Dich denke, sogar in den schlimmsten Augenblicken der Angst. Ich wache auf und sehe plötzlich diese Zimmerdecke, dann fällt mir ein, dass auf unserem Boden die Deutschen sind, dass ich eine Aussätzige bin, und mir scheint, dass ich nicht aufgewacht, sondern im Gegenteil eingeschlafen bin und träume.

Doch nach ein paar Minuten höre ich, wie sich Alja und Ljuba darüber streiten, wer an der Reihe sei, zum Brunnen zu gehen, höre die Leute darüber sprechen, dass die Deutschen nachts in der Nachbarstraße einem alten Mann den Schädel eingeschlagen haben.

Eine Bekannte, Studentin an der Lehrerbildungsanstalt, kam zu mir und holte mich zu einem Kranken. Es stellte sich heraus, dass sie einen Leutnant versteckt hält, der an der Schulter verwundet ist und dessen Auge verbrannt ist. Ein sympathischer und abgequälter junger Mann mit dem Akzent eines Wolgarussen. Er hatte sich in der Nacht durch den Drahtverhau gearbeitet und im Ghetto Zuflucht gefunden. Sein Auge war nicht allzu stark beschädigt; es gelang mir, den Eiterungsprozess zu stoppen. Er erzählte viel über die Kämpfe, über die Flucht unserer Truppen und hat mich damit traurig gemacht. Er will sich erholen und dann durch die Frontlinie gehen. Es werden noch ein paar junge Burschen mit ihm ziehen, einer davon war mein Schüler. Ach, Vitjenka, wenn ich nur mit ihnen gehen könnte! Ich habe mich so gefreut, als ich diesem jungen Mann helfen konnte; ich hatte dabei das Gefühl, dass auch ich am Krieg gegen den Faschismus teilnehme.

Sie brachten ihm Kartoffeln, Brot und Bohnen, und ein altes Mütterchen hat ihm Wollsocken gestrickt.

Heute geht es den ganzen Tag dramatisch zu. Am Tag zuvor hat Alja durch eine russische Bekannte den Pass eines im Krankenhaus gestorbenen russischen jungen Mädchens erhalten. In der Nacht wird Alja fortgehen. Und heute haben wir von einem uns bekannten Bauern, der am Ghettozaun vorbeifuhr, erfahren, dass die Juden, die zum Kartoffelgraben getrieben worden waren, vier Werst außerhalb der Stadt, neben dem Flugplatz an der Straße nach Romanowka, tiefe Gräben ausheben. Präg Dir diesen Namen gut ein, Vitja, dort wirst Du das Massengrab finden, in dem Deine Mutter liegen wird.

Sogar Sperling hat alles begriffen; den ganzen Tag über ist er bleich, seine Lippen zittern, und er fragt mich verstört: 'Gibt es eine Hoffnung, dass sie Spezialisten am Leben lassen?' Man erzählt sich, dass tatsächlich in einigen Flecken die besten Schneider, Schuster und Ärzte nicht hingerichtet wurden.

Und dennoch hat Sperling abends den alten Ofensetzer kommen lassen, und der hat in die Wand ein Versteck für Mehl und Salz gemacht. Und ich habe abends mit Jura die 'Lettres de mon moulin' gelesen. Erinnerst Du Dich, als wir beide laut meine Lieblingserzählung 'Les vieux' lasen, einander ansahen, lachten und uns beiden die Tränen in den Augen standen? Darauf habe ich Jura Hausaufgaben für übermorgen aufgegeben. Es muss so sein. Doch wie war mir zumute, als ich das traurige Gesicht meines Schülers betrachtete, seine Finger, die in das Heftchen die Nummern der ihm aufgegebenen Grammatikparagrafen eintrugen.

Wie viele dieser Kinder gibt es: wunderschöne Augen, dunkle Locken; es sind wahrscheinlich künftige Gelehrte, Physiker, Medizinprofessoren, Musiker, vielleicht auch Dichter unter ihnen.

Ich sehe zu, wie sie morgens in die Schule rennen, unkindlich ernsthaft und mit weit aufgerissenen, tragischen Augen. Manchmal fangen sie an, zu toben und zu raufen und lauthals zu lachen, doch das macht einen nicht froher, man wird nur von Grauen gepackt.

Es heißt, Kinder seien unsere Zukunft. Doch was sagst Du zu diesen Kindern? Es wird ihnen nicht vergönnt sein, Musiker, Schuster oder Zuschneider zu werden. Heute Nacht habe ich mir ganz deutlich vorgestellt, wie diese ganze lärmende Welt voller bärtiger, sorgenvoller Familienväter und griesgrämiger alter Mütterchen, die Honigkuchen und weiches Konfekt zaubern, diese Welt der Hochzeitsbräuche, Sprichwörter und Sabbatfeiertage für immer unter der Erde verschwinden wird. Nach dem Krieg wird das Leben neu erstehen, doch uns wird es nicht mehr geben, wir sterben aus wie die Azteken.

Der Bauer, der uns die Nachricht vom Ausheben der Gräber gebracht hat, berichtet, dass seine Frau nachts geweint und laut gejammert habe: 'Sie nähen und sind Schuster und verarbeiten Leder und reparieren Uhren und verkaufen in der Apotheke Arznei ? was wird nur sein, wenn man sie alle umgebracht hat?'

Und ebenso deutlich sehe ich, wie jemand, an den Trümmern vorübergehend, einmal sagen wird: 'Erinnerst du dich, hier wohnten mal Juden, der Ofensetzer Boruch. Am Samstagabend saß seine Alte auf der Bank, und neben ihr spielten Kinder.' Und der Zweite wird sagen: 'Und dort, unter dem alten Birnbaum, saß immer die Ärztin, ich habe ihren Namen vergessen, ich hab mir mal von ihr die Augen behandeln lassen, nach der Arbeit trug sie immer einen Korbstuhl hinaus und saß mit einem Buch im Freien.' So wird es sein, Vitja.

Als habe ein Pesthauch die Gesichter gestreift, so spüren es jetzt alle, dass es zu Ende geht.

Vitjenka, ich möchte Dir sagen ? nein, das nicht, das nicht.

Vitjenka, ich beschließe diesen Brief, bringe ihn an den Ghettozaun und übergebe ihn meinem Freund. Es fällt mir nicht leicht, diesen Brief abzubrechen, er ist mein letztes Gespräch mit Dir. Wenn ich den Brief übergebe, gehe ich endgültig von Dir, Du wirst niemals mehr etwas über meine letzten Stunden erfahren. Dies ist unser allerletzter Abschied. Was soll ich Dir zum Abschied vor der ewigen Trennung sagen? In diesen Tagen, wie auch in meinem ganzen Leben, warst Du meine Freude. In den Nächten rief ich mir Dich in Erinnerung, Deine Kinderkleider, Deine ersten Bücher, erinnerte mich an Deinen ersten Brief, Deinen ersten Schultag; an alles, alles erinnerte ich mich, von Deinen ersten Lebenstagen an bis zu dem letzten Lebenszeichen von Dir, dem Telegramm, das ich am 30. Juni bekommen habe. Ich schloss die Augen, und mir war, als nähmst Du mich vor dem heranrückenden Grauen in Schutz, mein Freund. Und wenn ich mich wieder auf das besann, was um mich herum geschah, dann freute ich mich, dass Du nicht an meiner Seite bist - möge das furchtbare Schicksal an Dir vorübergehen!

Vitja, ich war immer einsam. In schlaflosen Nächten weinte ich vor Kummer. Das hat wohl niemand gewusst. Ich fand Trost in dem Gedanken, dass ich Dir einmal von meinem Leben erzählen würde. Ich wollte Dir erzählen, warum ich mich von Deinem Vater scheiden ließ, warum ich lange Jahre allein gelebt habe. Oft dachte ich: Wie wird sich Vitja wundern, wenn er erfährt, dass seine Mutter Fehler gemacht, sich dumm angestellt hat und eifersüchtig war, dass man auf sie eifersüchtig war, dass sie so war, wie alle jungen Frauen sind. Doch es ist mein Schicksal, mein Leben einsam zu beschließen, ohne mich Dir anvertraut zu haben. Manchmal glaubte ich, dass ich nicht so fern von Dir leben dürfe. Allzu sehr liebte ich Dich und dachte, dass mir die Liebe das Recht gäbe, im Alter bei Dir zu sein. Manchmal glaubte ich wieder, dass ich nicht mit Dir zusammenleben dürfe, allzu sehr liebte ich Dich.

Na, enfin ? Sei immer glücklich mit denen, die Du liebst, die um Dich sind, die Dir näher als die Mutter geworden sind. Vergib mir!

Von der Straße ist das Weinen einer Frau und das Fluchen von Polizisten zu hören; ich betrachte diese Seiten und habe das Gefühl, dass ich vor der grauenvollen, leiderfüllten Welt geschützt bin.

Wie soll ich diesen Brief beenden? Woher soll ich die Kraft nehmen, mein lieber Sohn? Hat der Mensch denn Worte, die meine Liebe zu Dir ausdrücken könnten? Ich küsse Dich, Deine Augen, Deine Stirn, Dein Haar.

Denk daran, dass immer, in Tagen des Glücks und in Tagen des Kummers, die Liebe Deiner Mutter bei Dir ist; diese Liebe vermag niemand zu ermorden.

Vitjenka ? dies ist die letzte Zeile des letzten Briefes Deiner Mutter an Dich. Lebe, lebe, lebe ewig ? Mama."



Mit freundlicher Genehmigung des Claassen Verlages
(Copyright Claassen Verlag)


Informationen zum Buch und zum Autor hier