Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Thomas Lang: Unter Paaren. Teil 3

15.01.2007.
Per: "Ehrlich? So hätte ich dreingeschaut? Stimmt, ich habe mich abgemeldet gefühlt, als Rafa und Pascal sich in den Armen lagen, von beiden Seiten sozusagen. Da dachte ich aber noch nicht, dass irgendetwas faul sein könnte." - "Quatsch, das hat mich nicht gekränkt. Wir waren da höchstens zwei oder dreimal. Mit dem Fahrrad zum Steinbruch fahren, das war mal so ein Tick von uns. Ein Wunder, dass ich selbst es noch wusste. Wir sind immerhin seit zwanzig Jahren befreundet." - Er schaut einen Moment lang in die Luft. "'Perro' war ein bisschen machohaft, das stimmt. Ich find's nicht schlimm. That's life, würde ich sagen." - "Ja, klar, das gilt auch dafür. Eigentlich bin ich ja kein ungeschickter Typ. Ich war irritiert. Inita hat mich vom ersten Augenblick an auf so eine physische Art angesprochen, als wäre ein Traktionsstrahl direkt von ihr auf meinen Unterleib gerichtet. Wirklich, ich konnte es spüren."

"Hört ihr auch den Kuck-kuck?", fragt Inita.
     Rafa, Per und Pascal schauen sich an.
     "Kukuck-kuck", verhaspelt sich Pascal. Als er sieht, dass Rafa und Per zu lachen beginnen, lacht er auch.
     "Es heißt Kuckuck, Reginita, mit nur einem K in der Mitte", erklärt Per.
     "Wenn du ihm genau zuhören würdest", erwidert Inita nun ruhig, "würdest du bemerken, dass dies nicht richtig ist. Kuckuck ist nur scheinbar ein einfaches Wort." Sie macht eine kleine Pause. "Es gibt andererseits viele Dinge, die tragen die komischsten Namen. Wörter, die nicht mal versuchen, eine Vorstellung von dem zu vermitteln, was sie bedeuten. Vor allem das Deutsche hat mit seinen vielen Adaptionen hierzu eine Tendenz."
     Diesem Vortrag hat nur Per aufmerksam zugehört.
     "Ist ja nicht weiter schlimm", sagt er. "Wollt ihr das Haus sehen?"
     Er streckt den Arm aus und zeigt auf die offene Haustür.
     "Hey, du fährst den SLK 32 AMG", ruft Pascal. "In Brillantsilber?"
     "War'ne Gelegenheit. Die Farbe ist mir egal."
     "Lass mich mal sehen." Pascal zieht Per am Arm; sie gehen zum Roadster. Rafa verdreht die Augen.
     "Gehen wir ins Haus", sagt sie zu Reginita und hakt sich bei ihr unter. "Wir können uns ja so lange über Mode unterhalten ..."
     Sie schaut Inita belustigt an. Die Spanierin macht sich wieder los.
     "Nur einen Moment, bitte sehr. Ich komme gleich zu dir."
     Während Rafa ins Haus geht, bückt Inita sich. Sie hebt einen kleinen Schmetterling mit hellen Flügeln vom Kies auf. Sein Leib ist dunkel und pelzig, die zuckenden Beine lang wie die eines Weberknechts. Die Flügel, sehr hell, mit einem Hauch Grün, kleben aneinander. Sie erinnern an ein gequetschtes Blatt. Zum Rand hin verliert sich die ädrige Struktur, die Flügel haben hier Risse und glänzen feucht. Inita wirft das Insekt neben den Weg.



IV
Small flowers crack concrete


"Er gefällt mir", sagt Pascal. "Er gefällt mir wirklich gut. Auch wenn er nicht mehr der Neueste ist."
     Per geht um den Roadster herum und setzt sich neben ihn auf den Beifahrersitz. Er zieht einen kleinen Kartenkalender aus der Hemdtasche und behält ihn in der halb geöffneten Hand.
     "260 KW."
     Pascal lacht. Er befühlt seine Taschen und zieht seine MercedesCard, die er genau wie Per vor sich hält. Er tippt mit dem Finger darauf.
     "218."
     "3,2 Liter Hubraum."
     "5."
     Per schaut Pascal an.
     "Von Null auf Hundert: 5,2 Sekunden."
     "9,7. - Der G 500 wiegt über zwei Tonnen!"
     "Höchstgeschwindigkeit ?"
     Pascal winkt grinsend ab und steckt seine Karte ein.
     "Sag mir lieber, ob du schon GPS hast."
     "Autopilot. Ist aber noch eine alte CD."
     "Der G 500 hat COMAND. Das ist viel mehr als ein Navigationssystem. Würde dir sicher gefallen. - Eigentlich solltest du auch einen Geländewagen fahren. Der Roadster ist nicht das richtige Auto für diese Gegend. Du wirst ihn zu Schrott fahren." Pascal spielt mit dem Autoradio. Das Display zeigt die Größe der Reifen an und fragt nach aktuellen Werten. "Diese Straßen hier sind die reinen Schlaglochteppiche. Überall bricht das Gras durch.
Außerdem regnet es dauernd, hab ich recht? Wie viele Tage im Jahr kannst du offen fahren?"
     Per lässt den Schlüssel aufschnappen und stellt die Zündung an.
     "Der SLK verwandelt sich mit nur einem Knopfdruck von einem Roadster in ein wetterfestes Coupe."
     Pascal lässt seine Finger über die Chromringe um die Armaturen gleiten.
     "Mal im Ernst. Ich meine, an einem Tag wie heute mag es ja ganz nett hier sein. Aber glaubst du wirklich, du hältst es länger als ein oder zwei Jahre aus? Du bist doch Teil eines Natur- und Freizeitparks."
     "Ich habe mir gut überlegt, was ich tue. Ich mach nicht alle zwei Jahre was anderes."
     Pascal grinst unwillkürlich.
     "Das stimmt allerdings. Der Nachteil ist, dass du immer dabeibleibst, auch wenn es ein Fehler war, was du gemacht hast. - Hey, auf dem Weg zu dir wäre ich fast in ein paar Pferde gefahren. Sie liefen mitten auf der Straße rum. Sonst passiert hier doch nichts. In so einer Gegend bleiben nur die Dumpfbacken hängen."
     "Wenn die Autobahn frei ist, bin ich in einer halben Stunde in Köln. Ich kann dasselbe machen wie vorher. Ich unternehme sogar mehr. Und wenn Rafa erst zu mir gezogen ist ?"
     "Glaubst du wirklich, dass sie das tun wird?"

Pascal sitzt am Tischchen eines Gartencafes. Vor ihm stehen ein grünes Fläschchen und ein halb geleertes Glas mit einem Löffel drin. "Rafa hat es am Telefon angedeutet. Aber ich hätte mir auch so gedacht, dass Per kein Geld mehr hat. Ganz billig war das Haus ja nun auch nicht. Außerdem kenne ich seine Ansprüche." - "Es ist ein altes Problem von Per, dass er im Grunde denkt wie ein Bauer. Als würde er schon seit Jahrhunderten auf demselben Fleck sitzen oder seine Vorfahren halt. Per sagt sich: Rafa gehört mir, also wird sie mitgehen, wenn ich umziehe. Es muss einfach passieren. Wie ein physikalisches Gesetz. Er vergisst, dass andere Menschen ein Eigenleben haben, unabhängig von seinem." - "Klar, gerade Rafa. Sie war schon immer in hohem Maße unabhängig." - Pascal nimmt sein Glas. Er grinst. "Ich denke über so was nicht nach. 'Let it happen', sage ich."

Per reagiert nicht. Er fummelt hinter dem Fahrersitz rum.
     "Hast du in Spanien eigentlich Aranja wiedergetroffen?"
     "La morcilla?" Pascal lächelt fl üchtig. Er versucht gerade, den Sitz höher zu stellen. "Wie kommst du darauf? Natürlich nicht. - Fährt sich die Automatik gut?"
     Pascal drückt einen Knopf. Das Dach hebt sich. Als er noch mal drückt, fährt es wieder runter. Per schaut in den Fußraum. Er versucht murmelnd, mit den Füßen eine Gummimatte zu verschieben, die weit nach vorn gerutscht ist.
     "Gefällt dir denn Barcelona noch immer so gut? Da zu leben, ist schließlich was anderes, als nur mal ein paar Wochen dort zu sein."
     "Ja."
     "Du willst also nicht zurückkommen. Du wartest, bis Reginita mit dem Studium fertig ist und zu dir zurückkommt."
     "Nein. Übrigens promoviert sie."
     "Und stört es dich gar nicht? Ich meine, ständig eine fremde Sprache zu sprechen und mit fremden Leuten zu tun zu haben?"
     "Nö." Pascal bleibt wortkarg. Nach einer Pause, in der er weiter an Pers Auto rumspielt, erklärt er:
     "Mediterran. 2000 Jahre Geschichte. Offen für Innovationen. Gastlich, vielfältig, abwechslungsreich. Eine Stadt zum Leben und Teilhaben. Das ist Barcelona. - Aber was hast du auf dem Land vor? Ich meine, ohne Job ..."
     Per nickt vor sich hin.
     "Ich hab ein paar Angebote. Vielleicht mach ich auch ein eigenes Büro auf."
     "Du gehst volles Risiko, hm?" Pascal drückt seinen Daumen gegen die Windschutzscheibe, als wollte er eine Mücke zerquetschen. "Haus kaufen, Büro aufmachen ? vielleicht noch Kinder zeugen?"
     "Haha."
     "Warum nicht? Du wärst der Typ dazu. Dass ihr nicht zusammenwohnt, wäre allerdings ein Problem."
     "Da hast du recht." Per klingt sehr ernsthaft. "Es hat mich gekränkt, dass Rafa in Köln geblieben ist. Dabei sprach sie oft davon, dass sie sich verändern will. Neue Umgebung, vielleicht ein neuer Job und so."
     Pascal hat die Linke am schwarz belederten Lenkrad, die Rechte ruht auf dem Automatikhebel. Er deutet ein paar Lenkbewegungen an.
     "Vielleicht hättest du sie nicht vor vollendete Tatsachen stellen sollen", murmelt er beiläufig. "Du musst mir das später genauer erzählen. ? Was hältst du davon, wenn wir tauschen?"
     Per wendet Pascal den Kopf zu.
     "Was?"
     "Naja deinen Roadster gegen den Geländewagen. Der G 500 ist praktisch neu, aber das ist mir egal. ? Hey, sei kein Spießer. Es ist ein tolles Auto."
     Pers Ohren haben einen roten Glanz bekommen.
     "Im SLK sitzt du sehr tief."
     "Ich kann mir ja ein Kissen unterlegen, ha, ha. ? Komm, wir gehen mal rüber."
     Sie steigen aus. Pascal fährt mit dem Zeigefinger über die Glaskante des Seitenfensters.
     "Ich habe gerade richtig Lust auf die Kiste. Lass uns tauschen, ja? Wenn er dir nicht gefällt, verkaufst du ihn und zahlst davon ein paar Raten deines Häuslebauer-Kredits."
     Die Röte hat sich von den Ohren über Pers Gesicht ausgebreitet. Kleine weiße Inseln lagern darin. Pascal ist schon unterwegs zu dem Geländewagen. Im Gehen hält er Pers Autoschlüssel hoch.
     "Abgemacht? Mein Fahrzeugbrief liegt im Handschuhfach."
     "Der Roadster kann gar nicht so viel weniger wert sein als dein G 500", ruft Per hinter ihm her. "Er hat eine Menge Sonderausstattung, und ich habe ihn super gepflegt."


Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlages

Informationen zum Buch und Autor hier