Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Thomas Lang: Unter Paaren. Teil 1

15.01.2007.
Alles muss raus!

I
Beim Balzen beugt sich das Männchen nach vorn,
streckt den Hals aus, lässt die Flügel hängen und
fächert seine Schwanzfedern ? Danach jagt es das
Weibchen von einem Ast zum anderen.



Freitag, 25. Mai, 15.30 Uhr.
     Ein warmer Tag. Rafa liegt auf der Terrasse in einem Deckstuhl. Sie hat die Augen geschlossen und ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Ihre Hände ruhen im Schoß. Auf einem zweiten Deckstuhl neben ihr steht ein halb gegessener LC1-Jogurt, den eine Biene umschwärmt. Sie setzt sich, fliegt wieder ab, landet für einen Moment in Rafas schwarzen, natürlichen, aber nach kleiner Dauerwelle aussehenden Locken. Sie umkreist die leicht gewölbten und schwarz glänzenden runden Gläser der hochgeschobenen Sonnenbrille. Obwohl sie nicht schläft, wie ihre wippenden Füße zeigen, ignoriert Rafa das Tier. Ihre Hände bleiben im Schoß. Die Biene fliegt fort in den Blumengarten unterhalb der Terrasse. Dort schwebt das Summen vieler Bienen über den Beeten. Es ist das einzige Geräusch in der windstillen Luft. Der Garten endet an einem Teich. Auf der dahinter liegenden Weide leuchtet das Gras. Ein weißer Bänderzaun unterteilt sie in eine Reihe von Koppeln. In der Senke, entlang der Straße, von der ein Abzweig in weitem Bogen zum Haus führt, stehen Reste eines alten Zauns. Der gegenüberliegende Hügel ist waldig. Winzig klein kreist dort ein Bussardpaar.
     Das Geräusch eines Wagens schneidet einen Keil in die Stille. Rafa richtet sich auf. Ihr Blick sucht das Tal ab. Sie hat dunkle, große Augen, die Augäpfel stehen weit vor und schimmern. Ein Auto ist durch die Bäume nicht zu sehen. Rafa reckt sich, die Hände auf die Lehnen gestützt, aus dem Deckstuhl, äugt, lässt sich zurücksinken. Das Motorgeräusch verklingt wieder. Nah bei der Terrasse zetert eine Elster.
     Per hüpft auf einem Bein aus der Terrassentür. Das andere hat er angewinkelt. Einen Finger hinten in dem ausgelatschten, seitlich abgeschürften Mokassin, versucht er die Ferse in den Schuh zu quetschen. Das auf dem Fußrücken mit leichtem Kräuseln eingesetzte Mokassinblatt und die umlaufende sichtbare Naht auf der Brandsohle im Schuhinnern sind zwei eindeutige Merkmale, um die vielen Pseudomokassins von den echten zu unterscheiden. Per trägt das braun-graue Haar millimeterkurz. Im Gesicht und bis zum Haaransatz ist die Haut leicht gerötet. Er ist unrasiert. Leise schleicht er zu Rafa und zieht an einem Schnürband ihrer Spangenballerinas. Sie bemerkt es und schüttelt unwillig seine Hand ab.
     "Wie alt bist Du eigentlich?", fragt sie, ohne die Augen zu öffnen.
     "41. So alt wie du."
     "Ich bin 42."
     Rafa verlagert ihr Gewicht. Ihre Hände liegen nun auf den Armlehnen des Deckstuhls; leise klimpern ihre Nägel auf dem Holz. Für einen Moment schlägt sie die Augen auf und lässt einen kühlen Blick auf Per ruhen, bevor sie die Sonnenbrille auf die Nase setzt und den Kopf in die andere Richtung dreht. Ein Rotschwänzchen schnickert Tui-tick-tick dicht an ihnen vorbei. Per hockt neben Rafas Stuhl. Er schiebt seine Hände zwischen die Stofflagen ihrer twinsetähnlichen Bluse, bis er an eine Naht stößt.
Seine Hände fassen Rafas Brüste. Sein Mund nähert sich ihrem Ohr.
     "Wir haben noch eine halbe Stunde."
     Er wispert, doch seine Stimme hält nicht durch. Mitten im Satz wird sie kratzig, und er muss sich räuspern.
     "Ich könnte Pascal anrufen und sagen, dass was dazwischengekommen ist."
     Während er spricht, wandern seine Hände zu ihren Brustspitzen. Rafa zittert, als er sie berührt. Sie schiebt Pers Hände weg.
     "Wegen dir könnten wir überhaupt allein auf der Welt sein."
     Sie dreht sich um. Per zieht sie an sich.
     "Oder ich sag ihm, dass er eine Stunde später kommen soll."
     "Per, bitte!" Rafa macht sich los. "Wir haben Pascal seit fünfzehn Jahren nicht gesehen. Und er will schon nächste Woche zurück nach Barcelona."
     "Seit du hier bist, höre ich nur noch 'Pascal'."
     "Du freust dich doch am meisten auf ihn, du wehrst es nur wieder ab."
P     er hockt auf den Fußspitzen, er tariert wippend sein Gleichgewicht aus.
     "Du solltest sehen, wie deine Augen leuchten, Rafa. Genau diesen Blick hattest du auch früher, sobald Pascal bloß in der Nähe war."
     "Quatsch."
     "Du warst in uns beide verknallt. Hast du geglaubt, das merkt man nicht?" Per hebt ein Papierchen vom Boden auf. "Ich war lang davon überzeugt, dass du mit ihm gehen würdest, nicht mit mir."
     "Nur weil ich an Ricos 25. einmal mit ihm geknutscht habe? Oh, Per! - Kommt da ein Auto?"
     Rafa hat sich im Deckstuhl aufgesetzt. Mit einem Wink bedeutet sie Per, still zu sein, doch dann ist nichts zu hören.
     "Naja." Per schnippt das eben aufgehobene Papier mit den Fingern weg. "Ich will keinen kalten Kaffee aufwärmen."
     Eine Weile schweigen sie.
     "Jedenfalls bin ich gespannt, wen er da mitbringt."
     "Eine Bekannte." Rafa betont das Wort spitz. "Dir gegenüber hat er doch betont, dass es nicht seine Freundin ist. Wahrscheinlich wollte er dich nicht eifersüchtig machen."
     Per nestelt an der Cargotasche seiner Hose. Er macht einen Kussmund und verzieht gleichzeitig das Gesicht.
     "Pass gut auf mich auf, sonst flieg ich mit Pascal davon."
     Er spreizt die Ellbogen und schlägt damit wie mit Flügeln.
     "Hat mein Vögelchen denn schon Federn?"
     Er antwortet nicht. Rafa streckt eine Hand aus, lässig, als sollte Per sie küssen.
     "Bind mir bitte den Schuh, Per. Du hast ihn auch aufgemacht."

Rafa steht vor einer blau gestrichenen Wand. Sie schaut sich eine Reproduktion des "Swimmingpools mit rotem Plastikbrett" von David Hockney an. Eine Hand hat sie auf der Lehne des vor der Wand stehenden Eames-Stuhls. In der Glasscheibe vor dem Bild spiegelt sich ein Camcorder. Sie spricht, ohne sich umzudrehen. "Ich habe mich einfach auf einen Freund gefreut, den ich lange nicht gesehen hatte." Sie dreht sich um. "Stimmt schon, von heute betrachtet sieht das anders aus. Aber da war nichts 'anderes'. Ich bin keine 20 mehr, ich kenne meine Gefühle. Vielleicht so ein kleines Prickeln. Das war alles."

Per in demselben Arrangement. Er sitzt. Seine rechter Ellbogen hängt über die Armlehne, die Finger fahren an der Kante der Palisanderschale hin und her. "Klar, ich war neugierig. Hat Pascal sich verändert, wie ist er drauf und so. Wir hatten uns fast zehn Jahre nicht gesehen. Am meisten gespannt war ich darauf, was Pascal zu meinem Haus sagen würde. So ein Besitzerstolz und Zeigenwollen waren da dabei. Ein bisschen nervös war ich auch. Pascal ist ja reich, ich meine: richtig reich. Er würde sicher das Zehn- oder Zwanzigfache für ein Haus ausgeben. Natürlich nur in absoluten Top-Lagen." - "Das mit den Schnürbändern. Ich war verletzt, weil sie nicht darauf reagiert hat. So haben wir uns ja mal kennen gelernt, weil ich ihre Schuhbänder in der Vorlesung heimlich an die Hörsaalbank gebunden habe. Ich dachte, sie erinnert sich und lacht oder macht eine
Bemerkung."



II
Nichts ist bedeutender in jedem Zustande
als die Dazwischenkunft eines Dritten.



Eine halbe Stunde später läuft Rafa wie ein bummelndes Kind vor dem Haus herum. Die Sonnenbrille hat sie abgesetzt, die Vorderseite des Hauses liegt nachmittags im Schatten. Das Fachwerk ist frisch gestrichen, Fensterrahmen und Haustür dagegen sind verwittert. In den ungleichmäßigen Scheiben des kleinen Flurfensters flimmern groteske Spiegelbilder. Der rechte Teil des Hauses war früher ein Stall; er hat Ziegelwände. Die alten Fensteröffnungen sind teilweise mit leuchtend roten, neuen Steinen aufgemauert. Ein schmales Fensterband durchzieht über Blickhöhe diesen Teil der Fassade. Über der Haustür ein neu angebauter Balkon, dunkles Holz. Er bildet gleichzeitig das Vordach. Die Einfahrt zum Grundstück und den Weg bis zum Haus hat Per mit weißen Kieselsteinen belegen lassen. Im Schatten wirken die Steine matt und graustichig.
     Per kommt rückwärts aus dem Haus. Unter dem Balkon dreht er sich um. Er hat ein großes Glasbecken mit Metallkanten in den Händen, dessen unterer Teil von Ablagerungen getrübt ist. Den Kopf hält er schräg, die Oberkante des Glaskastens klemmt unter seinem Wangenknochen. Sie quetscht die Gesichtshaut hoch. Als Rafa ihn sieht, bleibt sie stehen.
     "Ist der letzte jetzt auch gestorben?"
     "Zorc hat Bettys Tod nicht verkraftet."
     Die Terrariumwand drückt gegen Pers Kehlkopf, er spricht mühevoll, was Rafa ein kleines Lächeln entlockt.
     "Du wolltest doch einen neuen Frosch kaufen."
     "Ich glaube nicht, dass eine neue Partnerin ihn getröstet hätte. - Kannst du dich erinnern, dass ich die Rotaugenlaubfrösche schon hatte, als wir uns kennen gelernt haben? Sie waren noch ganz klein."
     "Ich erinnere mich an die ekligen Eidechsen -"
     "Du meinst die Dornschwanzagame. Die waren nicht eklig. Eidechsen hatte ich als Junge; es war mein erstes Terrarium. Du hast meine Tiere nie gemocht, auch die Frösche nicht."
     "Wegen denen wolltest du nie wegfahren. Immer musstest du dich um diese Viecher kümmern."
     "Und du hattest sowieso nie Zeit zum Wegfahren, hab ich Recht?" Per klingt gereizt. Er hat einen Fuß auf einen Stein gestellt und stützt das Terrarium mit dem Oberschenkel.
     "Du hast die Frösche nie beachtet."
     "Sie haben ja immer unter irgendwelchen Blättern geschlafen."
     "Tagsüber. Nachts waren sie aktiv. Ich habe ihnen oft mit dem Nachtsichtgerät zugeschaut. Manchmal dachte ich, sie wissen, dass sie beobachtet werden. Sie waren immer so würdevoll; nie sind sie aus der Rolle gefallen."
     "Hast du nicht immer zugesehen, wie sie sich paaren?"
     "Einmal konnte ich sie dabei beobachten. Aber selbst da waren sie irgendwie diskret."
Rafa wendet ihre Aufmerksamkeit wieder der Einfahrt zu. Per nimmt das Terrarium und verschwindet damit zwischen den Sträuchern.

Per: "Anfangs nicht. Pascal verhielt sich diesbezüglich normal; er schien es verwunden zu haben, dass ich ihn damals ausgestochen habe. Auch Rafa war nichts anzumerken." Er denkt nach. "An dem Nachmittag ist mir ihr Eifer aufgefallen. Sie war ja richtig aufgekratzt, schon bevor Pascal und Inita kamen. Ich habe das gespürt, aber ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht. Nicht an jenem Freitag." - Per grinst. "'Eine gute Bekannte' ? ich konnte mir nicht vorstellen, dass Pascal und Inita nichts miteinander hatten. Ich würde heute noch wetten, dass sie miteinander ins Bett gehen. Es gab auch keine Einwände, als ich sie zusammen im Gästezimmer unterbrachte - außer von Rafa." - "Ich hab mir Inita dunkler vorgestellt, mehr der südliche Typ, und nicht so scharfzüngig. Pascal steht eigentlich mehr auf zurückhaltende Frauen. Und weniger konservative."

Rafa sitzt. Sie schaut konzentriert geradeaus, bevor sie antwortet. "Inita hat von vornherein nicht zu uns gepasst. Vielleicht haben wir deshalb so getan, als käme Pascal allein. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum er sie mitgebracht hat. Ich glaube, er wollte sich schützen. Vor seinen Gefühlen, meine ich. Unbewusst hat er sicher geahnt, was auf ihn zukam." - "Absolut nicht! Ich war früher oft abgemeldet, wenn Per und Pascal zusammen waren. Ich rechnete eher damit, dass es wieder so sein könnte. Erst recht, als die beiden gleich mit ihren Autos anfingen."

Leseprobe Teil 2

Informationen zum Buch und Autor hier