Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Tanguy Viel: Unverdächtig. Teil 3

23.07.2007.
Ich ging ein paarmal hin, in diese Bar, und ich sah: Mit Lise war es anders, dachte ich oft, während ich zusah, was sie hinten im Saal so trieben, wie sie lächelten und sich zutranken und ihnen allen die Hand auf den Rücken schmiegten, mit Lise war es anders, sie wäre um nichts auf der Welt bereit gewesen, am Ende so eines Abends mehr als betrunken zu sein, sie hatte sämtliche Methoden gelernt, jenen Augenblick bis ins Unendliche zu verschieben, auf den sie alle hofften, bereit, ihr mit bankfrischen Geldscheinen die Schulter oder die Wange zu streicheln, auf jene Art, die klarmachte, dass sie nur aufzustehen und ihnen zu folgen bräuchte. Aber das war wie ein zusätzlicher Genuss für sie, dieses Warten, diese Schamhaftigkeit und zugleich Zurückhaltung, so erzählte sie später, die ihnen die Illusion vermittelte, dass sie sich ihnen so nur noch mehr hingab, weil es so vieler Umwege bedurfte, um sie so weit zu kriegen. Aber sie kriegten sie nicht so weit, nie. Weder Henri noch sonst einer.

Also drehte sich jeden Morgen, als wäre es eine trübselige Gewohnheit, ihr Schlüssel im Schloss, für mich war das wie ein Wecker, gegen fünf, sechs Uhr früh. Kaum war ihr Mantel zu Boden gefallen, leerte sie sämtliche Taschen, es mochten mal fünfzig, mal hundert Euro darin sein, die sie mechanisch auf den Tisch legte, bevor sie sich aufs Bett fallen ließ, jeden Morgen schien sie sich wie zu Anbeginn der Dinge schlafen zu legen, wegen dieser absoluten, zwangsläufigen Zeit-ver-schiebung des Morgengrauens, das sie ermüdet auf-nahm, sie war betrunken wider Willen, ihr war ein wenig übel. Und ich sah ihr zu, wach jetzt, mein Blick fiel kurz auf mein Gesicht in dem einzigen Spiegel des einzigen Raums, der uns als Wohnung diente, ich dachte an die Nacht, die sie hinter sich, an den Tag, den ich vor mir hatte, immer weniger entspannt auf dem Sofa, immer früher ein Glas in der Hand, in der anderen die Fernbedienung, als würde ich, indem ich allmorgendlich dieselben sinnlosen Bewegungen wiederholte, für eine Weile das Bild meiner selbst auf dem Sofa auslöschen, den lieben langen Tag vorm Fernseher, wo ich alles sah, Nachrichten, Spielfilme, Spiele, Sport, aber das ist lehrreich, sagte ich zu Lise, wenn sie nachmittags aufstand, oder auch: Das vertreibt mir die Zeit, je nachdem, ob ich genug Kraft hatte oder nicht, meinen Tag zu rechtfertigen.
Aber das, also was ich mit meiner Zeit anstellte oder nicht, sah sie gar nicht mehr, wenn sie sich nur noch bewegte, um den allzu vollen Aschenbecher zu leeren, den Kühlschrank zu füllen und laut darüber nachzudenken, dass das alles anders werden würde, stolz schon beim Gedanken an ein Morgen, manchmal machte sie den Fernseher aus, und sie träumte, natürlich, träumte von einem besseren Leben, war überzeugt, sie werde in Übersee leben, jenseits unserer Gläser und der traurigen Mauern, die unsere Wohnung umschlossen, sie kauerte balancierend auf hunderttausend "Vielleichts", die sie gleichgültig durch "Bald" oder "Morgen" ersetzte, wenn sie an ein und demselben Abend nacheinander Floristin sein wollte, Politikerin und Schriftstellerin und ebenso regelmäßig plante, ihr Studium wieder aufzunehmen, ein Flugzeug zu steuern und sich dann regelmäßig auch ein Glas einschenkte, dann noch eins, und lächelnd schloss, ich werde in die States gehen. Und ich lächelte auch. Dann blickte sie auf die Wanduhr hinter mir und so gut wie jedes Mal konnte ich wetten, dass es Mitternacht war, auf diese biologisch geregelte Weise, dank derer ich den Einfluss von einer Gegebenheit nach der anderen auf ihre Worte hätte studieren können, den Einfluss der begonnenen Nacht, des Alkohols, der Stille ringsum, des Hundegebells, und Wort um Wort den Sinn ihrer Sätze hätte ermessen können und das tägliche Crescendo ihrer Fantasien. Dann, von einem Moment zum anderen, nichts mehr, Schweigen, der Aschenbecher gehäuft voll Kippen, die Tür zugeworfen, die wirkliche Nacht.

Aber wenn dich irgendwann mal einer zwingt, dachte ich jede Nacht, wenn ich sie gehen sah, dann wird der sterben. Und er ganz genauso wie die anderen, also Henri, der seit Monaten in diese Bar kam, seitdem er Witwer war, sagte er, um sich reinzuwaschen, und verlangte immer nach Lise, oder verlangte nicht mehr nach ihr, denn Lise empfing ihn ganz natürlich, falls er denn kam, bereits auf der Schwelle mit einem Arm, den sie ihm unter den Ellbogen schob, geleitete ihn zu seinem Tisch, setzte sich zu ihm, neben ihn auf das breite Sofa, aber ganz dicht, Schenkel an Schenkel im Klingeln ihrer Gläser. Ich sah sie mehrmals so und mehrmals erzählte sie mir davon: Mein bester Kunde, sie konnte noch ironisch sein, meine besten Kunden, korrigierte sie sofort, denn natürlich, natürlich war da, wo Henri war, auch Edouard, sein Bruder. Es waren da, so ist mir mittlerweile klar, sämtliche Figuren dieser Geschichte. Aber das ist eben das Problem mit so einer Geschichte, wenn sie anfängt, dann weiß sie noch nicht, wen sie alles mitnimmt.

Edouard und Henri Delamare, Vereinigte Auktionskommissare, stand auf ihrer Visitenkarte zu lesen, die sie Lise so oft überreicht hatten, weil sie vergessen hatten, dass sie sie schon besaß, nach all diesen bewegten und taumeligen Nächten, wenn die Tür der Bar sich nur zu schließen brauchte, damit sie sich drinnen wie zu Hause fühlten, in dieser Freimaurerei der Lust, dachte ich oft, wo man unter Brüdern keine Angst vor Verrat zu haben braucht. Und wie oft haben wir nicht, Lise und ich, über sie gelacht, über ihre unmöglichen Vornamen, Edouard und Henri, bei dem Bild, wie ihre Eltern sich über einen verstaubten Kalender beugen, über einen sehr verstaubten, lachten wir, und sie ohne jeden Skrupel Henri den einen, den anderen Edouard tauften, oder wenn wir sie uns als Kinder vorstellten, wie sie blau und weiß gekleidet aus sämtlichen Kirchen des Departements traten, einer glänzenden Zukunft versprochen. Aber wenn man sie dann kennt, diese beiden, hat man seine liebe Mühe, sie sich beim Verlassen einer Kirche vorzustellen, und ebenso hat man seine liebe Mühe, sich vorzustellen, sie seien einmal Kinder gewesen, sie, deren nunmehr verwirklichte glänzende Zukunft zu nächtlicher Stunde ihren Glanz offenbar auf der Straße ließ, um sich vorsätzlich mit der Schwärze der Niederungen zu besudeln, der Niederungen, sagte ich zu Lise, und der geheimen Lüste.

Dabei waren sie gar nicht mal geheim, die Lüste, die sie für Lise empfanden. Henri vor allem, diese Art, wie er ihre Beine anstarrte, ihr eine fette Hand aufs Knie legte oder ihr mit dem Handrücken die Brust streifte, vorgeblich rein aus Zufall, aber alles tat, damit sie nachgab, damit sie ihm die wenigen Stufen hinauffolgte, die sie von den Zimmern trennten, wo all die Mädchen sich vor ihnen hinknieten, damit Lise ihrerseits sich fügte. Sie fügte sich nicht, nicht Lise.

Nun hat das Begehren der Männer ja dies Merkwürdige und Mathematische an sich, dass Widerstand, statt die Ambitionen zum Erlöschen zu bringen, sie nur noch anwachsen lässt, und durch welches physische Gesetz soll man erklären, was da geschah: Sie ließ ihn so oft abblitzen, dass er am Ende mehr wollte als ihren Körper, den sie ihm verweigerte. Am Ende liebte er sie, dieser Depp. Nicht Depp genug, um zu sagen, ich liebe dich, nicht Depp genug für so eine Liebeserklärung, aber Depp genug, dass sie eines Morgens nach Hause kam und zu mir sagte: Er will mich heiraten.

?

Ich hatte mich nicht verhört: Er will mich heiraten.

Und was habe ich anfangs noch losgeprustet, wie ulkig fand ich das, Lise heiraten wollen, dich heiraten wollen, Lise, diese Leute glauben tatsächlich, sie können sich alles erlauben, diese Leute können auf nichts verzichten, was? Und sie lachte mit mir, immer noch schockiert von diesem Antrag, schockiert, dass ihr gelungen war, was noch keine von ihnen je geschafft hatte, was sogar stillschweigend aus diesen Nächten verbannt war, also dass sich die Lust auf einen Körper unter vielen in Liebe verwandelte, und es war letztlich auch kein Glück, kein Glück für ihn, Henri, dass er an sie geraten war.

Dich heiraten, wiederholte ich, dich heiraten, als würde man sich nicht in der schlimmsten Nachtwelt befinden, sondern in einem altvergangenen Jahrhundert, als würde er sich vorkommen wie in so einer Zeit voller Prüderie, Moral und Ziemlichkeiten, was für ein Kontrast zu diesem Ort, wo man die Liebe kauft mit Champagnerrunden und Markenjacken, Luxusautos und Reiseberichten, wenn er stundenlag von seinen Tauchgängen im Roten Meer erzählte, das erzählte -wiederum sie mir am nächsten Tag, wo man Fische sehen kann, deren Namen nicht mal im Lexikon stehen.

Doch statt unaufhörlich zu lachen, wie sie es angesichts einer solchen Idee hätte tun müssen, dass einer wie er sein Leben neu in die Hand nehmen will und derart für sie entbrennt, dass er um ihre Hand anhält, statt nur noch zu lachen, ging es ihr jetzt wie einem Astronomen, der einen neuen Planeten entdeckt, als wäre dieser Antrag eine Hieroglyphe und enthielte chiffriert das Programm für den Wechsel.

Ich erinnere mich an den Klang ihrer Stimme an jenem Morgen, wir beide mit den Ellbogen auf der Fensterbank, wir beide lange Minuten still, all dies schien wie in einem Block zu uns zu sprechen, und unsere Blicke aufeinander geheftet, ich erinnere mich, wie sie irgendwann sagte: Jetzt oder nie, das ist die Gelegenheit, Sam.

Wie, die Gelegenheit wozu, Lise, die Gelegenheit wozu?


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Klaus Wagenbach.
(Copyright Verlag Klaus Wagenbach)


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