Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Rainer-K. Langner: Kopernikus in der Verbotenen Stadt. Teil 3

17.09.2007.
Irgendwann mischte sich ein kaum wahrnehmbares Knarren in die lastende Stille, eine vorsichtige Bewegung des Mastwimpels, verschwand langsam aller Dunst, wurden wieder Sterne sichtbar. Aus dem Hauch wurde eine leichte Brise, die knapp einen Tag brauchte, um als Wind in die Segel zu greifen. Man war noch einmal davongekommen. Wer Kraft genug hatte, Matrose oder Passagier, musste in die Takelage steigen, um die Segel zu setzen. Die "Senhora de Jesus" nahm Fahrt auf, konnte den Kalmengürtel verlassen, und als wollte der Himmel die Seuche von den Decksplanken spülen, prasselte ein ergiebiger Regen auf die Überlebenden. Eilig wurden Gefäße an Deck gestellt, viele rissen sich die Kleider vom Leib.

Nachdem die Position ermittelt worden war, konnten die Schiffsoffiziere mitteilen, dass die "Senhora de Jesus" in einer südäquatorialen Strömung kreuzte, die sie westwärts auf den südamerikanischen Kontinent zutreiben würde. So segelte Vasco da Gama bis zur Höhe des Kaps S. Agostino an der Küste Brasiliens, um den Brasilstrom zu erreichen. Später musste man nur so weit nach Süden navigieren, bis südwestliche, später westliche Winde das Schiff auf Afrikas Südspitze zutreiben würden. Auf Martin Vaz, einer der brasilianischen Küste vorgelagerten Insel, wurden die Anker herabgelassen, um frisches Wasser in die Fässer zu füllen, Schweine und Hühner an Bord zu nehmen. Vier Tage lag der Segler im natürlichen Hafen von Martin Vaz, und einige Passagiere nahmen den Aufenthalt zum Anlass, ihre Reise noch vor ihrem eigentlichen Ziel auf dieser Insel zu beenden. Nachdem die Crew durch Seemänner, die auf Martin Vaz aus welchen Gründen auch immer festsaßen, wieder aufgefüllt war, lichtete die "Senhora de Jesus" die Anker, erreichte den nach Süden gerichteten Brasilstrom und passierte Mitte Juni den südlichen Wendekreis des Steinbocks, um endlich jene Winde einzufangen, die sie um Afrikas Südspitze herumblasen sollten.

Von einer auf die andere Minute schlug der Ozean über der "Senhora de Jesus" zusammen, ohne Vorwarnung. Auf dem 40. Grad südlicher Breite tobte sich einer der gefürchteten Stürme aus und warf gewaltige Wasserberge auf, gegen und über das Schiff. Einer jener Matrosen, die in die Wanten kletterten, um die Segel zu reffen, stürzte ins Meer, ohne dass jemand seinen Schrei gehört hätte. Rahen knickten wie Holzspäne, brachen aus ihrer Verankerung, Teile der Takelage peitschten gegen die Maste, der Bootskörper stöhnte, und Mensch, Tier und Proviant schleuderte hilflos von Backbord nach Steuerbord, um mit der nächsten Neigung des Schiffes wieder zurückzufallen. Ohne dass man sie hätte auffordern müssen, packten einige beherzte Passagiere mit an, die umherrutschenden Fässer, Kisten und Hühnerkäfige fester zu vertäuen. Andere wuchteten die Bordkanonen unter Deck, um den Schiffsschwerpunkt tiefer zu legen; die Gefahr, dass der Segler kentern würde, war nicht von der Hand zu weisen. Ein Schweinekäfig löste sich aus der Verankerung, sauste über das Deck, zerbarst. Noch lebende und tote Tiere wurden auf den gischtnassen Planken zu kiloschweren Geschossen, denen nicht alle, die an Deck zu tun hatten, ausweichen konnten. Unter Deck war die Situation nicht sicherer; niemand wagte es, seine Notdurft oder den Mageninhalt im Freien auf dem Abtritt oder über der Reling zu entsorgen, überall lag Kot und Erbrochenes. Diesmal wurden die Jesuiten gerufen, Knochenbrüche, Hautabschürfungen oder Platzwunden in Augenschein zu nehmen. Oft konnten sie nur noch das Kreuz über einen geschundenen Körper schlagen. Die Totenmesse würden die Patres halten, wenn man "mit Gottes Hilfe" dem Inferno entkäme.

Drei Tage und drei Nächte, dann verlor der Orkan seine Kraft, und auf der "Senhora de Jesus" wurden die Schäden inspiziert, während die Patres einen Dankgottesdienst für die Überlebenden zelebrierten sowie eine Totenmesse für jene, deren Überfahrt irgendwo auf dem 40. Breitengrad endete.

Spät passierte das Schiff die Südspitze Afrikas im re­spektvollen Abstand zur Küste, um nicht gegen den Agulhasstrom ankämpfen zu müssen, der von einem auf den anderen Augenblick Monsterwellen aufwerfen konnte, denen keine Karracke, keine noch so große seemännische Erfahrung gewachsen war. Johannes Schreck richtete sich bereits wie die anderen Passagiere darauf ein, an der ostafrikanischen Küste, auf Madagaskar zu "überwintern", doch die Schiffsoffiziere entschieden, die äußere Seeroute zu nehmen, ostwärts von Madagaskar durch die offene See zu segeln, um, auf der Höhe der Malediven den Südwestmonsun ausnutzend, Indiens Westküste zu erreichen. Diese so genannte "Äußere Route" war den Portugiesen bis 1525 unbekannt, selbst Vasco da Gama, der 1498 als erster Europäer Indien auf dem Seeweg erreichte, "überwinterte". Noch Ende des 17. Jahrhunderts zogen einige Kapitäne die "Winterpause" dem als gefährlich geltenden östlichen Umweg um Madagaskar vor.

171 Tage nachdem die "Senhora de Jesus" in Lissabon die Anker lichtete, erreichten Johannes Schreck und die anderen am 4. Oktober 1618 Goa. Seit Alfonso de Albuquerque im Jahr 1510 das bedeutende Handelszentrum an Indiens Westküste eroberte, war die Stadt im Flussdelta der Aguada-Bucht fest in portugiesischer Hand und scheinbar ebenso fest im katholischen Glauben.

Kaum von den Anstrengungen der Überfahrt erholt, schrieb Schreck am Vorweihnachtsabend einen ersten Bericht an Faber nach Rom. "Mit Gottes Hilfe sind wir in weniger als sechs Monaten in Indien angekommen. Alle sind der Meinung, dass wir auf der Reise großes Glück gehabt haben. Wir waren 22 Chinamissionare, fünf davon sind gestorben, drei Wallonen, ein Italiener und der deutsche Pater Albericus. Pater Trigautius ist knapp dem Tod entgangen, und ich lag nicht ohne Todesgefahren mit einem wirklich äußerst heftigen Fieber danieder, doch nach sieben Tagen wurde ich wieder gesund.

Wir haben einen einzigen großen Sturm erlebt, als wir das Kap der Guten Hoffnung schon hinter uns hatten. In den gleichen Breiten gab es einen weiteren Sturm, der aber nicht gefährlich war. Auf einem anderen Schiff segelten zwölf Missionare, die für Japan bestimmt waren. Einen davon haben wir verloren. Auf unserem Schiff sind alle krank geworden, sodass einmal 300 bis 600 Personen gleichzeitig daniederlagen. Ich konnte keinen Grund erkennen, außer einer Konjunktion des Jupiter, des Saturn, des Mars und der Sonne im Sternbild des Stiers, die auch andere auf ihren Schiffen beobachtet hatten. Sogar im Osten herrschte diese Seuche, denn im Königreich Mogor sind viele Tausende umgekommen.

In den Regionen Indiens ist alles ganz ruhig, und nirgendwo gibt es Krieg. Auch von den Holländern hört man nichts. In der Stadt Surate in Cambaia [nördlich von Bombay] befinden sich einige englische Handelsschiffe, gegen die, wie man hört, der Vizekönig eine Flotte schicken will, damit sich die Engländer dort nicht zum Schaden der Portugiesen einnisten. Die Zustände in China, Japan und Indien beschreibt der Pater Trigautius ausführlich. Sie können es in seinem Buch nachlesen, das bald gedruckt wird, wie ich glaube, in Deutschland. Wissenschaftliche Studien gibt es hier bei den Heiden keine, sondern nur Legenden nach Art des Talmuds und des Korans. In den Königreichen Bisnaga und Mature in der Nähe von Cochin [Südindien] nennen sich dennoch einige Leute ­Astronomen; sie sollen Finsternisse vorhersagen können, die in unseren Ephemeriden-Tabellen nicht angegeben sind. ?
Aus dem Kolleg Salsetta am 23. Dezember 1618, Ihr Diener in Christo Johannes Terrentius."


Mit freundlicher Genehmigung vom S.Fischer Verlag
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