Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Rabea Edel: Das Wasser, in dem wir schlafen. Teil 3

13.02.2006.
2.

Das Fenster war halb geöffnet, und Mutter stand gerade so dicht vor der Scheibe, daß ihre Haut das Glas nicht berührte. Ab und an zog etwas Wind durch den Spalt und bewegte die feinen Haare an ihren Schläfen, die jetzt, nachdem meine Schwester auf der Welt war, in einer selbstverständlichen Geste, gerade so, als habe sie lange darauf gewartet, von Mutter mit der Nagelschere abgeschnitten worden waren und nur noch die Ohrläppchen knapp bedeckten. Sie hatte Vater gezwungen, die Haare im Nacken mit dem Rasierer zu kürzen, so daß er ihm jetzt, wenn sie so am Fenster lehnte, zu zart und stoppelig, zu hell und eigenständig fremd im Gegenlicht erschien, als daß er dem Bedürfnis nachgekommen wäre, die Hand auszustrecken und den Nacken unserer Mutter zärtlich zu berühren. Diese eine Geste nur erschien ihm als unausführbar.
     Das erzählte er mir später, als wir einmal zusammen dort im Wohnzimmer saßen. Vater wischte sich mit den Händen durchs Gesicht, als müßte er Nase und Augen und Mund wieder an den rechten Platz rücken, sah mit einem ruhigen, in sich gekehrten Blick in den Garten hinaus und erzählte.
     Nur wenn Mutter einige Male schwankte, das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte, oder gegen Abend und wenn das Licht die Bilder, die sie dort draußen im Garten wohl sah, nach Innen in die überheizten vier Wände des dicht an dicht mit alten Möbeln, Vasen und persischen Teppichen angefüllten Wohnzimmers verlagerte, Erbstücke unbekannter Verwandter und Flohmarktkäufe von Vater, lange bevor er unsere Mutter kennengelernt hatte, und wenn sie müde wurde und für wenige Minuten nur die Augen schloß, legte sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe und drehte sich dann zu ihm um.
     Vater, der an diesem Nachmittag zum erstenmal seit langem doch die Hand nach ihrem Nacken ausstreckte, ließ sie sinken, erwiderte Mutters Blick und schob die Hand von hinten unter ihr kurzes schwarzes Kleid, das sich glatt und unscheinbar ihrem schmalen Körper anpaßte. Mutter senkte den Blick und starrte Vaters Arm zwischen ihren Beinen an. Vater hob den Kopf, atmete ein, aber er sagte nichts, sondern hielt die Luft an und schaute in Mutters helle Augen. Die Farbe verschwand nach und nach, und anstelle des dunklen Taubenblaus war die Iris mittlerweile hellgrau, die Schatten unter den Augen schminkte sie am Morgen mit Make-up über.
     "Als würde die Farbe aus deinen Augen herauslaufen", sagte Vater und zog die Hand weg, bevor Mutter ihn darum bitten konnte.

Die Fettabdrücke, die Mutter am Glas hinterließ, verwischte ich mit den Händen. Manchmal kopierte ich mir den Abdruck ihres Gesichtes, ich legte Butterbrotpapier auf das Glas und fuhr mit einem Bleistift die Umrisse nach. In der Kommode am Fußende meines Bettes sammelte ich die aufgeschnittenen Tüten, bis eine Schublade voll war.
     Lina und ich standen hinter Mutter im Wohnzimmer an die Heizung gelehnt, wir saßen vor dem Fernseher und guckten Trickfilme und Talkshows, oder wir zählten die Minuten, bis Mutter sich bewegte, das Gewicht verlagerte, ihr Haar hinters Ohr strich. Lina und ich nannten es schlafen, aber ich wußte, daß Mutter nicht träumte, wenn sie am Fenster stand und uns nicht hörte, egal, wie laut wir auch über sie sprachen. Meist wurde es Lina langweilig, und sie quengelte und rutschte so lange auf ihrem Hintern herum, bis ich sie rauswarf. Lina streckte mir die Zunge raus, rannte die Treppe hinauf und warf die Tür hinter sich zu. Ich beobachtete Mutter.
     Kam ich mittags aus der Schule, stand sie wieder am Fenster. Sie aß nach uns.
     "Setz dich zu uns", bat Vater, "den Kindern zuliebe."
     Er stellte Blumen auf ihren Sitzplatz, aber Mutter schob sie lächelnd in die Tischmitte und sah uns beim Essen zu.
     Ich wartete darauf, daß sie sich nach mir umdrehen würde. Ich ging in das Zimmer über ihr und stellte mich dort an das Fenster, um zu sehen, was sie sah, aber da war nichts. Ich lief hinaus in den Garten, ohne Jacke und barfuß, und setzte mich in den nassen Laubhaufen, den Vater zusammengekehrt hatte, ich hoffte, sie würde mich hineinholen und in den Arm nehmen, aber ich konnte ihr Gesicht durch die Scheiben nicht sehen. Wenn es dunkel wurde, ging ich hinein und schaltete das Licht an, und das Fensterglas spiegelte mein helles Haar, das hinter Mutters Rücken über die Sessellehne fiel. Ich harrte stundenlang aus in dieser Position. Vater betrachtete mich kopfschüttelnd, wenn er vom Arbeitszimmer durch das Wohnzimmer in die Küche lief und Kaffee kochte, er knallte laut mit den Schranktüren und ließ den Wasserhahn in der Küche laufen, damit ich aufstehen würde, aber die Geräusche störten mich nicht.
     "Dummchen", sagte er im Vorbeigehen zu mir.
     Wenn das Licht brannte, lächelte mir Mutters Gesicht in der Scheibe plötzlich zu, und ich stand auf und umarmte sie von hinten.
     "Wo ist Lina?" fragte sie dann.

Zu meiner Einschulung hatte Mutter mir ein Kleid mit Blütenmuster genäht, den Stoff hatten wir zusammen in der Stadt gekauft, Lina saß neben dem Tisch auf dem Boden und kaute auf ihrer Unterlippe herum, sie beobachtete jeden von Mutters Handgriffen, und zwei Tage lang war unser Haus voller Geräusche: das Klacken der Schreibmaschine aus Vaters Arbeitszimmer, das helle Klingeln, wenn er eine Zeile geschrieben hatte und den Wagen zurückschob, das Rattern der Nähmaschine. Mutter hielt die Stecknadeln zwischen den Lippen, während sie den Papierschnitt auf den Stoff übertrug. Ihre Wangen waren gerötet, sie zupfte an mir herum, steckte Falten ab und korrigierte, als ich das fertige Kleid anprobierte, zeigten die Köpfe der Blumen nach unten.
     "Wenn du es nicht willst, nehm ich es", sagte Lina, so selbstverständlich wie sie ein Jahr später, als wir uns längst an die Frau am Fenster gewöhnt hatten, an ihre Bewegungslosigkeit und an ihr Schweigen, die Treppe hinunterkam und die Nadel vom Plattenspieler riß, den Vater ohrenbetäubend laut gestellt hatte. Die Posaunen und Oboen, die Trompeten und Pauken brachen ins Zimmer, Mutter drehte den Kopf nicht, Vater ging in die Küche und schloß die Tür hinter sich. Die Fensterscheiben vibrierten, und Lina, in Unterhemd und kurzen Frotteeshorts, kam die Treppe hinunter, ging langsam und geradewegs auf den Plattenspieler zu, streckte die Hand aus und riß die Nadel zur Seite. Dann war es still, auf der Platte ein daumenlanger Riß. Vater öffnete die Küchentür und starrte auf diesen Riß und auf Lina, die ruhig und klein neben dem Tisch stand und seinen Blick erwiderte. Dann schlüpfte sie unter Vaters Arm hindurch und lief in den Garten.
     Ich setzte mich neben sie auf die Veranda. Lina saß sehr gerade, die Schultern durchgedrückt, mit erhobenem Kinn, und ließ ihren linken Fuß auf und ab wippen, ihre Finger fuhren über das Holz, immer wieder über dieselbe rauhe Stelle, bis ich ihre Hand festhielt.
     "Paß doch auf", sagte ich, "du holst dir noch einen Splitter."
     Lina sah mich an und nickte. Ihr Fuß tippte gegen das Holz, "Klack" machte es, "klack, klack", und Lina lächelte.

Meine Schwester war so schweigsam wie unsere Mutter seit Linas Geburt. Sie hatten die gleiche weiße, an Handgelenken, Schläfen und Beinen durchscheinende Haut, unter der die blauen Venen schimmerten, und so, wie Mutters Augen an Farbe verloren, dunkelten die Augen meiner Schwester jeden Tag ein wenig mehr nach, in ein Grün hinüber, das klar war und tief und dunkel. Lina hatte schmale Handgelenke und Finger, wir legten die Handflächen aneinander, verglichen die Größe und probierten Mutters Ehering an, der in einem Porzellanaschenbecher auf dem Fensterbrett lag. Vater hatte ihn verkleinern lassen, aber immer wieder fiel der Ring von Mutters Finger. Er blieb im Aschenbecher liegen, zwischen angestaubten Blütenblättern, die vor sich hin trockneten und bei der leichtesten Berührung zerfielen, das Silber lief schillernd an.
     "Kein Gold", hatte Mutter zur Hochzeit gesagt, "Gold bringt Unglück!", und sie hatte darauf bestanden. Vater hatte den von der Großmutter geerbten Ring in die hinterste Schreibtischschublade gelegt, obwohl er wie angegossen an ihrem Finger saß.
     Keinem von uns paßte der Ehering.
     Wir sahen uns nicht ähnlich, auch wenn Mutter uns die gleichen Kleider kaufte. Lina wuchs so schnell, daß wir eine Zeitlang dieselbe Kleidergröße trugen. Weil Mutter wollte, daß wir uns ähnlich würden, kämmte sie jeden Morgen im Badezimmer an Linas Haaren herum, sie zog den Kamm durch die Locken, bis sie kraus waren und alles andere als glatt um Linas Kopf abstanden, und Lina hielt still, weil sie das auch wollte.

Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlages

Informationen zum Buch und zur Autorin hier