Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Monika Maron: Ach Glück. Teil 2

09.07.2007.
(Seite 27 ff)

Er fuhr vom Flughafen stadteinwärts, nicht über die Autobahn, er misstraute der Autobahn, vor allem im Berufsverkehr, und es war zwischen acht und neun Uhr am Morgen. In der Güntzelstraße, kurz bevor er in die Nassauische hätte einbiegen müssen, sah er auf die Uhr, es war fünf Minuten vor neun, um neun Uhr, glaubte er sich zu erinnern, öffnete das "Einstein", und er fuhr weiter. Das Cafe war noch leer und von morgendlicher Neutralität. Noch kämpften keine schneidenden, klirrenden, sägenden, dröhnenden, polternden Stimmen um die durchdringenden Frequenzen, kein Zigarettenrauch trübte den Blick in den Garten, wo ein paar Spatzen durch die noch kahlen Äste der Bäume tobten. Er bestellte einen großen Milchkaffee und ein Stück Mohnkuchen, wählte unter den Zeitungen, die in sperrigen Holzklammern an einem Ständer hingen, eine überregionale und eine Berliner Zeitung, legte sie neben sich und schloss für einen Moment die Augen. Er kam sich seltsam vor in diesem großen leeren Raum, ein bißchen deplaciert, er fühlte sich wie jemand, der spielte, dass er allein frühstücken ging, aber es gefiel ihm. Johanna saß in einem Flugzeug nach Mexiko und er in einem Cafe bei Mohnkuchen und Milchkaffee. Für einen Monat, hat sie gesagt, vielleicht auch ein oder zwei Wochen länger. Bis gestern Abend hatte er sich nicht vorstellen können, dass sie wirklich abfliegen würde, verschwinden auf unbestimmte Zeit. Er hat gesehen, wie sie die große Reisetasche aus der Kammer gezerrt und ihre Kleider gepackt hat, darunter auch warme Kleidungsstücke, obwohl in Mexiko im April sommerliche Temperaturen herrschten. Aber an den Abenden sei es kalt, hat sie gesagt und ihn dabei mit einem jener merkwürdigen Blicke bedacht, die er seit einiger Zeit schon an ihr bemerkt hatte und die er, obwohl sie ein diffuses Unbehagen in ihm hinterließen, nicht versucht hatte zu ergründen, jedenfalls nicht ernsthaft genug, wie sich nun herausstellte; ein ruhiger, abwartender, zugleich herausfordernder Blick. Nachträglich glaubte er, ihn zum ersten Mal wahrgenommen zu haben, als sie den Hund anbrachte und mitteilte, dass er nun bleiben werde. Was mit dem Hund denn werden solle, hatte er gefragt. Ich glaube, er bleibt, hatte sie gesagt und dabei mit diesem Blick die Unentschlossenheit ihrer Formulierung eindringlich dementiert. Auch als sie ihm eröffnete, sie würde demnächst in der Galerie dieses Russen arbeiten, hatte sie ihn angesehen, als wartete sie auf seinen Widerspruch, nur um zu erklären, warum er ihr gleichgültig war und an ihren Plänen nichts, gar nichts ändern würde. Sogar zuletzt, als sie sich noch einmal umdrehte, ehe sie im schmalen Durchgang zur Sicherheitskontrolle verschwand, hat sie ihn noch einmal so angesehen: was sagst du nun, hieß dieser Blick; triumphierend, ein bißchen traurig vielleicht auch.

Aber eigentlich, dachte er, eigentlich hat alles mit dem Hund angefangen.

Ich glaube, er bleibt; das war eine Kampfansage, das wusste er jetzt. Inzwischen hatte der Kampf stattgefunden. Aber woher hätte er damals wissen sollen, dass Johanna ihm den Krieg erklärte, einen stillen Krieg, Johannas Krieg eben, aber Krieg, den er verloren hatte, ohne an ihm teilzunehmen. Er wollte den Hund nicht, aber er hat nichts gegen ihn unternommen. Er hat ihn nicht vergiftet, nicht geschlagen oder getreten. Er hat ihn geduldet, sogar gefüttert und durch die Straßen geführt, wenn Johanna darum bat. Und wenn er ihm eins seiner zerfetzten und eingespeichelten Spielzeuge aufs Knie legte, hat er es ihm in eine Zimmerecke geworfen. Dem Hund war es gleichgültig, ob er es gern tat oder angewidert war. Nein, nicht der Hund, Johanna war gekränkt, wenn er seinen Ekel vor den vollgesabberten Gummibällen und Plüschbären nicht ausreichend verbarg und nicht voller Entzücken zusah, wie der Hund seine Jagdgelüste dem Parkett einschrammte. Er hatte sich darüber keine Gedanken gemacht, damals; sie hat ihren Hund, dachte er, und ich habe das Recht, ihn nicht zu mögen. Dabei mochte er ihn sogar, jedenfalls später. Als Hund mochte er ihn, wogegen Johanna ein höheres Wesen in ihm sah, nicht einen Menschen, dafür war sie zu intelligent und hatte zu viel Geschmack, aber ein Wesen, das von Natur aus recht hatte, mit göttlicher Kompetenz ausgestattet. Sie bewunderte ihn, sie betete ihn an; das war vielleicht übertrieben, aber nicht maßlos. Er hatte gehofft, Johannas Verzückung würde sich allmählich legen, wenn der Hund erst einmal alltäglich geworden sein würde, so alltäglich wie alles andere in ihrem Leben, die Arbeit, ihre Tochter, er selbst. Damals, als Laura geboren wurde, war Johanna auch für ein Jahr in ihrer Mutterschaft versunken. Ein Jahr lang hatten sie über nichts anderes gesprochen als Lauras Trink- und Eßgewohnheiten, Lauras Lallen, Lächeln, über ihre Zähne, die zu früh oder zu spät kamen, nichts auf der Welt konnte wichtiger sein als Lauras Verdauung. Damals hat er befürchtet, die Frau, die er geheiratet hatte, würde nie wieder auftauchen aus den Wonnen ihrer natürlichen Bestimmung und er würde für immer ein Fremder bleiben für dieses symbiotische Wesen aus Mutter und Kind. Aber nachdem Johanna sich allmählich davon überzeugt hatte, dass Laura auch dann wuchs und atmete, wenn sie ihr nicht ständig dabei zusah, kam sie selbst wieder zum Vorschein, obwohl Achims Mutmaßung, von etwas Bestimmtem, das die beiden verband, ausgeschlossen zu bleiben, sich bestätigte. Vielleicht wäre es mit einem Jungen anders gewesen, aber Laura war nun einmal ein Mädchen.

Jedenfalls glaubte er, dass Johanna aus ihrem Hundewahn erwachen würde wie damals aus ihrem Mutterschaftsrausch, und wartete ab. Aber während Johannas Verhalten nach Lauras Geburt von Hormonen beherrscht wurde, entschied sie über ihren Umgang mit dem Hund selbst, und somit konnte er nicht hoffen, dass die Sache sich allein durch gesetzmäßige Abläufe in Johannas Körper erledigen würde. Es hatte sich auch nicht erledigt, gar nichts hatte sich erledigt. Johanna flog nach Mexiko, derweil er bei Milchkaffee und Mohnkuchen im Cafe saß.

Während Achim darauf gewartet hatte, dass der Hund sein göttliches Wesen verlieren und sich auch in Johannas Augen wieder in einen Hund verwandeln würde, braute sich hinter seinem Rücken etwas zusammen. Nein, nicht hinter seinem Rücken, eigentlich vor seinen Augen. Und was er nicht sehen konnte, erzählte ihm Johanna, absonderliche Geschichten von den nächtlichen Spaziergängen, die sie mit dem Hund unternahm, oder aus der Galerie, in der sie tagelang mitsamt dem Hund saß und nichts tat, oder von der verrückten alten Russin, die sich eines Tages aufgemacht hatte, um in Mexiko nach einer anderen Verrückten zu suchen. Und immer hängte sie ihren Erzählungen diesen Blick an, dieses: was sagst du nun? Er wusste nicht mehr, was er damals über diesen Blick gedacht hat, er konnte sich nicht einmal genau erinnern, ab wann er ihm aufgefallen war. Inzwischen kam es ihm vor, als hätte sie ihn das ganze letzte Jahr oder sogar noch länger so angesehen; wenn er sich ihr Gesicht vorstellte, dann nur so, mit diesem Blick, nicht erwartungsvoll, das nicht, eher abwartend oder gespannt und geduldig wie jemand, der einen Countdown zählt: five, four, three, two, one, zero. Und während all dieser Zeit lag der Hund, schwarz und kleinstmöglich zusammengerollt, fast unsichtbar auf dem schwarzen Ledersofa wie ein hundgewordener Flaschengeist oder Alien, was schließlich nichts anderes war als ein moderner Flaschengeist, lag schwarz auf dem schwarzen Ledersofa, öffnete nur ab und zu die Augen, sodass das Weiße darin aufleuchtete, um das Ausmaß der Verwirrung zu kontrollieren, die er angezettelt hatte. Nein, nein, nein, der Hund war ein Hund, kein Gott, kein Flaschengeist, kein Alien, sondern nichts als ein Hund, ein über Jahrtausende domestizierter Wolf, vielleicht sogar der beste Freund des Menschen, aber ein Hund. Trotzdem hat mit diesem Hund alles angefangen. Im Frühjahr hatte Johanna mit ihren Nachtwanderungen begonnen. Wenigstens zweimal in der Woche zog sie kurz vor Mitternacht mit dem Hund los und kam erst nach zwei, manchmal sogar drei Stunden wieder.

Früher, sagte Johanna, sehr viel früher, als sie ihn noch nicht gekannt und Laura noch nicht geboren hatte, als sie noch kein Auto hatte und kein Geld für Taxen, als sie noch bei ihren Eltern wohnte und später in dieser Bruchbude in der Metzer Straße, früher sei sie oft allein durch die Stadt gezogen, wenn sie von einem Fest kam oder mitten in der Nacht jemanden besuchen wollte, der dann aber nicht zu Hause war. Sie erinnere sich genau an das triumphale Gefühl, in das die tiefstille, menschenverlassene Stadt sie hatte versetzen können, wenn sie sich vorgestellt hatte, alle Menschen wären gestorben oder geflohen und alle Häuser und Straßen gehörten nun ihr; sie, Johanna, hätte die Stadt erobert, kampflos, durch bloßes Dasein, weil irgendein Spuk, der alle anderen dahingerafft hatte, sie nicht betraf. Die Stadt gehörte ihr, ihr allein. Sie könne nicht mehr sagen, ob sie sich damals wirklich nicht gefürchtet oder ob die Angst dazugehört hatte, weil sie erobert werden musste wie die Einsamkeit. Wer einsam war und für seine Angst ganz allein zuständig, war erwachsen. Später, als ihr Erwachsensein nicht mehr angezweifelt werden konnte, hätte sie ihre Kampfansage an die Stadt wohl zurückgezogen. Einsame nächtliche Wege hätte sie nur noch auf sich genommen, wenn sie unvermeidlich waren, und erleuchtete Fenster hätten sie eher beruhigt, als dass sie dahinter überlebende Feinde imaginiert hätte.

Er fand ihre Erzählung reichlich pathetisch; eine Zeile von Kleist aus dieser dröhnenden Germania-Ode fiel ihm ein: ... nicht der Mond, der, in den Städten,/ aus den öden Fenstern blinkt...

Dabei, sagte Johanna, und das merke sie erst jetzt, hätten ihr diese Spaziergänge in all den Jahren gefehlt, ohne dass sie es genau so hätte sagen können: mir fehlen die nächtlichen Spaziergänge, aber die Empfindungen, die sie in ihr auslösten, hätte sie vermisst, einen gewissen hochmütigen Abstand zur Welt, wenn fast alle Menschen sich wie die Tiere in ihre Höhlen zurückgezogen hätten und schliefen oder ihren Geschlechtstrieb auslebten, wenn die Stadt so stumm und farblos war, dass sie sich einbilden konnte, sie ließe sich neu erfinden, und wenn die Straßen sich wie Skelettknochen vor ihr ausbreiteten, ohne Fleisch und Blut, fühle sie einfach anders, unabhängiger, kühler. Und diese wiedergewonnene Freiheit, sagte Johanna, verdanke sie nur dem Hund.

Ihr Blick, den sie dem Satz anfügte wie ein Frage- oder Ausrufungszeichen, verlangte nach einer Antwort und ließ gleichermaßen keine zu. Dem Hund verdankte sie also die Freiheit, zu der er ihr nicht verhalf, weil er nachts nicht mit ihr spazieren gehen wollte, sondern lieber am Schreibtisch saß, der Welt den Rücken zugewandt, wie Johanna meinte. Er hielt ihren unausgesprochenen Vorwurf für unlogisch, denn in seiner Begleitung wäre sie nicht allein gewesen, sodass sie sich ihren erhabenen Einsamkeitsphantasien gar nicht hätte hingeben können.

Allerdings hat er damals, nachdem er sich mit der Anwesenheit des Hundes einmal abgefunden hatte, wenig Gedanken verwendet auf Johannas neue Gewohnheiten. Er nahm nur dankbar zur Kenntnis, wie allmählich die Unzufriedenheit, ja, Misslaunigkeit von ihr abfiel, die in der letzten Zeit zu ihrem auffälligsten Wesensmerkmal geworden war und die Achim ihrem schwierigen Alter zugeschrieben hatte. Plötzlich hörte er sie wieder aus dem Hintergrund der Wohnung lachen, unvermittelt und übermütig, wie früher, wenn sie mit Elli oder einer anderen Freundin, manchmal auch mit Laura, telefonierte und wovon zuletzt nur ein Raunen und Wispern geblieben war, das in ihm immer den Verdacht genährt hatte, es gälte ihm; er sollte nicht hören, was da gesprochen wurde, weil er der Gegenstand des Geraunes war, auf jeden Fall als Mitwisser unerwünscht. Sobald er in Johannas Nähe kam, verließ sie, als wollte sie ihn mit ihrem Gerede nicht stören, den Raum und wanderte mit dem Telefon durch die Wohnung.

Mit dem Hund lachte Johanna wieder, sie gurrte und scherzte, rief laut: bravo, Bredow! und klatschte in die Hände, wenn der Hund irgendeine Intelligenzaufgabe, die Johanna sich ausgedacht hatte, gelöst oder ein neues Wort gelernt hatte. Nichts erheiterte sie mehr als der Hund. Wochenlang las sie nur Bücher über Hunde. Sie warf die Kunstbände aus ihrem Bücherregal und ersetzte sie durch eine Hunde-Bibliothek.

Mit freundlicher Genehmigung des S.Fischer Verlages

Informationen zum Buch und zur Autorin hier