Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Monika Maron: Ach Glück. Teil 1

09.07.2007.
"Fassen Sie sich ein Herz", hatte Natalia geschrieben, "fassen Sie sich ein Herz, meine Liebe, und kommen Sie her."

Wenn das so einfach ginge, dachte Johanna, sich ein Herz fassen; irgendein kräftiges, abenteuerlustiges Herz, das einem Vorübergehenden in der Brust schlug, fassen und für sich selbst weiterschlagen lassen.

Wessen Herz soll ich mir fassen? schrieb Johanna zurück.

Und Natalia Timofejewna: Haben Sie denn kein eigenes?

Sie war fast neunzig und spindeldürr, saß in einem Internet-Cafe in Mexico City und fragte Johanna, ob sie kein Herz hätte.

Am Tag darauf schrieb sie ihr: Ich komme in zwei Wochen.


Und jetzt saß sie zusammen mit dreihundert anderen Leuten in diesem monströsen Blechbehälter zehn Kilometer über der Erde, trank Cola und kaute Erdnüsse, während sie die Flugnachrichten auf einem der Monitore verfolgte, als hielte sie es tatsächlich für normal, sich in einem fliegenden Kino fortzubewegen.

Ihre Hände waren kalt, die Finger ineinander verschränkt wie zum Gebet. Immer, wenn das Flugzeug startete, suchten ihre Finger einander, anfangs unbewusst, und nachdem sie bemerkt hatte, dass ihre Hände sich jedes Mal, wenn das Flugzeug in steiler Schräglage in den Himmel stieß, auf diese aus ihrer Kindheit stammende Demutsgeste besannen, hielt sie es für leichtsinnig, sie daran zu hindern. Wenn sie es unbedingt wollten, auch ohne ihr Zutun, half es ja vielleicht. Die Möglichkeit abzustürzen, nur weil sie ihren Händen verbot, ihrem Urbedürfnis zu folgen und sich ineinander zu verschlingen, ließ sie vor dem Experiment zurückscheuen, auch wenn sie das Ganze eigentlich für Unfug hielt.

Sie war eine ungeübte Alleinreisende. Sie war noch nie allein geflogen, immer hatte Achim neben ihr gesessen; einmal Laura, als sie ihr zum Abitur das Wochenende in London geschenkt hatten und Achim zwei Tage vorher krank geworden war.

Zum ersten Mal allein fliegen. Zum ersten Mal nach Mexiko. Im Alter verging die Zeit wahrscheinlich so schnell, weil man fast nichts mehr zum ersten Mal tat. Monatelang, jahrelang wiederholte man, was man schon tausendmal getan hatte, sodass die Monate und Jahre sich wie eine Folie über ein altes, vollkommen gleiches Muster legten und mit ihm verschmolzen, als hätte es sie gar nicht gegeben.

Jeden Morgen die gewohnte Sorte Tee oder Kaffee kochen, die einmal abonnierte Zeitung lesen, zur gleichen Zeit mit der gleichen Arbeit beginnen, am Abend die gleichen Freunde treffen oder einen alten Film sehen und sich erschrecken, weil man sich nur noch an Bruchstücke erinnern kann. So war es. Sogar, als sie plötzlich in einem anderen Staat lebten und von der Kaffeesorte bis zur Zeitung alles anders wurde und sie sogar in eine andere Wohnung in einem anderen Stadtbezirk zogen, war es nach kurzer Zeit wieder so. Sie tranken anderen Kaffee, lasen andere Zeitungen, aber wenn sie beim Frühstück einander gegenüber saßen, war es wie in all den Jahren davor, als hätten sie ihr Leben in eine andere Sprache übersetzt, in der sie nun die alten Sätze sagten. Sie klangen nur anders.

Bis vor vier Monaten war es so.

Vielleicht wäre auch ohne Bredow alles so geworden, wie es jetzt war; wer konnte das wissen. Aber fest stand, dass mit Bredow - seit sie ihn von dem Abfalleimer befreit hatte, an den ihn jemand auf dem Parkplatz an der Autobahnausfahrt Bredow gebunden hatte - die Serie von Erstmaligkeiten begonnen hat. Bredow war ihr erster Hund.

Was ist das, hatte Achim gefragt, als Johanna, schwere Taschen in beiden Händen und den Strick, mit dem man den Hund festgebunden hatte, über den Unterarm gestreift, vor der Tür stand; was ist das?

Ein Hund, hatte sie geantwortet, Riesenschnauzer und nochwas, und ging, als gäbe es dazu nicht mehr zu sagen, an Achim vorbei in die Küche. In ihrem Rücken klapperten die Krallen des Hundes leise auf dem Parkett. Dann knotete sie ihm den Strick vom Hals, stellte eine Schüssel mit Wasser neben die Tür, setzte sich auf einen Stuhl und sah dem Hund beim Trinken zu.

Ich konnte ihn doch nicht stehenlassen, sagte sie.

Achim stand in der Tür, sah abwechselnd auf den Hund und auf seine Frau. Und was soll mit ihm werden, fragte er.

Der Hund leckte die letzten Tropfen aus der Schüssel und schob sie dabei bis an die Türschwelle. Achim trat einen Schritt zurück. Du hast ja Angst, sagte Johanna und füllte noch einmal Wasser in die Schüssel.

Der Hund löffelte sich mit der Zunge geräuschvoll das Wasser in die Schnauze, setzte sich, als er endlich genug getrunken hatte, dicht neben Johannas Bein und sah Achim an, als ahnte er, dass sein Schicksal von dieser, an Größe ihn und seine Retterin überragenden Gestalt abhing.

Was soll nun mit ihm werden, fragte Achim noch einmal.

Johanna streichelte dem Hund die Stirn, verfolgte die Bewegung ihrer Hand auf dem schwarzen Fell und sagte ohne aufzusehen: Ich glaube, er bleibt.

Sie hatte bis dahin selbst nicht gewusst, was sie auf diese unvermeidliche Frage antworten würde, und hätte Achim ein bißchen weniger fordernd gefragt, hätte am Ende seines Satzes wirklich ein Fragezeichen gestanden, wäre sie seinen Bedenken vielleicht zugänglich gewesen.

Am Nachmittag kaufte sie in einem Geschäft in der Lietzenburger Straße, das ihr wegen seines Namens "Hundehütte" früher schon aufgefallen war, Leine, Halsband, zwei Näpfe aus Edelstahl, einen roten und einen gelben Vollgummiball und ein halbes Pfund Hundekeks.

Obwohl Achim zu dem Tier allmählich Vertrauen fasste, ihm ab und zu auch ein Stück Wurst oder eine joviale Redensart zuwarf, na, du alter Rabauke oder komm her, du Stinktier oder ähnliches, obwohl er gerührt war, wenn der Hund ihm den Kopf zwischen die Knie schob, um sich die Ohren streicheln zu lassen, blieb der Hund eine ungeklärte Angelegenheit, in der Achim mal eine Kampfansage, mal einen Vorwurf vermutete. Er beteiligte sich zwar an der Namenssuche, hielt aber Lauras Vorschlag, ihn nach der Autobahnabfahrt, an der Johanna ihn gefunden hatte, Bredow zu nennen, für literarisch zu belastet, was Laura, die von Willibald Alexis noch nie etwas gehört hatte, blödsinnig fand. Achim sagte, Hunde müssten Struppi, Lumpi oder Strolchi heißen. Sie nannten ihn trotzdem Bredow.


Ihr Nachbar, ein kompakter, schnurrbärtiger Mann um die fünfzig, der einen beißenden Dunst aus Deo und Schweiß verströmte, setzte seine Kopfhörer auf, und Johanna nutzte die Gelegenheit, um die Armlehne zwischen ihnen zu erobern. Seine Begleiterin tat, scheinbar absichtslos, das Gleiche, obwohl sie am Gang saß und wenigstens ihren rechten Arm frei bewegen konnte. Die beiden waren ihr wegen der Gepäckberge, die sie aufgegeben hatten, schon in Berlin aufgefallen. Zwölf Stunden bis Mexico City, und erst zwei Stunden lagen hinter ihnen. Eigentlich wollte sie Bredow mitnehmen auf die Reise. Sie hatte sich nicht vorstellen können, sich für Wochen, vielleicht sogar Monate von ihm zu trennen. Aber er war zu groß, um im Passagierraum mitzufliegen, und hätte als Gepäckstück verladen werden müssen.

Elli hatte behauptet, das würde dieser ohnehin neurotische Hund nicht überleben. Die kriegen nicht mal was zu trinken, schrie sie, und können verlorengehen wie ein Koffer. Und dann, was machst du dann?

Nimmst du ihn? fragte Johanna.

Wie denn? Warum lässt du ihn nicht bei Achim?

Unmöglich.

Sie saßen im "Diener" am Savignyplatz. Johanna wäre lieber ins "M" gegangen, wo es immer ein gutes Risotto gab, aber Ellis Bereitschaft, das exaltierte Flair erfolgreicher Jungakademiker und Künstler zu ertragen, erschöpfte sich in ihrem redaktionellen Alltag, sodass, wenn Johanna den Abend nicht in einer beliebigen Bierkneipe verbringen wollte, das "Diener", wo der Wirt Elli mit Handschlag begrüßte, als einziger Kompromiss blieb. Sie bestellten Hefeweizenbier und Bouletten, für Elli noch einen Wodka.

Hier ist wenigstens alles, wie es immer war, sagte Elli und vergewisserte sich mit einem dankbaren Blick, dass auch wirklich alle Bilder der Berühmtheiten, die hier je ein Bier getrunken hatten, noch an den tabakfarbenen, von den Ausdünstungen zweier Generationen durchtränkten Wänden hingen, die, wenn man dem Wirt glauben durfte, seit über dreißig Jahren durch keinen Pinselstrich und keinen Tropfen Farbe entweiht worden waren. Hier hatten sie sich auch zum ersten Mal wiedergesehen, nach fast fünf Jahren. Elli hatte sie morgens um drei geweckt und etwas durchs Telefon geschrien, das Johanna anfangs nicht verstand, weil nur wildes Gegröle wie aus einem Fußballstadion durch den Hörer dröhnte und weil sie, was Elli ihr mitteilen wollte, nicht für möglich hielt: Die Mauer ist auf, und "Diener", Grolmannstraße, schrie sie. Sie brauchten zwei Stunden oder länger. Elli stand inmitten eines unüberschaubaren Menschengewühls am Tresen, ein Bier in der Hand, das sie Johanna, nachdem sie sich zueinander durchgekämpft hatten und endlich in die Arme fielen, zur Hälfte über den Mantel goss. Aus den zahllosen, im Tabaknebel wie zu einem Muster verschmolzenen Gesichtern tauchte unverhofft hier und da ein einzelnes auf, das jemandem gehörte, den Johanna einmal gekannt hatte, einem, der weggegangen war wie Elli, eines Tages verschwunden, ein paar Kilometer weiter im irdischen Jenseits hinter der Mauer, für immer. Und plötzlich waren sie wieder da, wie im Märchen, wenn der Zauber gebrochen ist und die in Steine oder Tiere Verwandelten wieder menschliche Gestalt annehmen, so standen sie plötzlich im "Diener", umarmten, weinten, küssten, brüllten ihr Glück in die Welt und tranken Bier: der Architekt, der ihnen die Badewanne für Basekow besorgt hatte, Melanie, in die Achim einmal verliebt gewesen war, zwei Schauspieler, die sie aus dem Schallplattenverlag kannte, der Maler Korf, den sie ein paarmal bei Elli getroffen hatte, alle waren sie in dieser Nacht wieder auferstanden. Sogar Achim hatte geweint.

Es kam in letzter Zeit selten vor, dass sie so beisammen saßen, meistens telefonierten sie nur. Im Sommer kam Elli manchmal nach Basekow, aber im Winter sahen sie sich manchmal wochenlang nicht, obwohl sie nur fünfzehn Minuten Fußweg voneinander entfernt wohnten. Die Wohnung auf der anderen Seite des Parks hatte Elli ihnen vor sechs Jahren vermittelt, als einer ihrer Kollegen als Korrespondent nach Tokio versetzt wurde. Damals hatten sie sich vorgenommen, an Sonntagen große Frühstücksrunden einzuladen, ab und zu gemeinsam zu kochen, spazieren zu gehen oder ins Kino. Aber Elli war abends müde und musste am nächsten Morgen meistens früh aufstehen, an den Sonntagen hatte sie oft Redaktionsdienst oder musste zu irgendeinem Kongress fahren.

Elli kaute an ihrer Unterlippe. Irgendwie ist dein Leben komplett durcheinander, sagte sie. Erst schaffst du dir einen Hund an, dann lässt du dich als Hilfsarbeiterin von diesem Russen anheuern, und nun willst du nach Mexiko auswandern.

Ich will nicht auswandern.

Jedenfalls tust du so, sagte Elli, für zwei Wochen müsstest du doch den Hund nicht mitnehmen. Sie zupfte an dem Faden, der aus einem Knopf an der Manschette ihrer Bluse lugte, bis der Knopf auf den Tisch fiel.

Bist du in diesen Russen verliebt?

Nein. Ich bin auch nicht seine Hilfsarbeiterin, sondern tu ihm einen Gefallen, indem ich für ein paar Wochen seine Galerie bewache.

Aber du bist wirklich nicht verliebt, fragte Elli noch einmal, und Johanna beteuerte, in Igor wirklich nicht verliebt zu sein, und dass, selbst wenn sie in ihn verliebt wäre, es nichts zu bedeuten hätte, weil es sich in diesem Fall um eine vollkommen abstrakte Verliebtheit handeln würde, um eine hypothetische Variante von Verliebtheit, die absolut ungefährlich sei.

In der Liebe ist gar nichts ungefährlich, sagte Elli, worauf Johanna schwieg, weil es vollkommen sinnlos war, mit Elli über die Liebe zu streiten. Für Elli war die Liebe ein raffiniertes Instrument der Natur, um die Fortpflanzung zu sichern, jenseits der juvenilen Paarungszeit aber nichts als ein willentlich oder fahrlässig herbeigeführter Rausch, in Verlauf und Folgen dem Drogenrausch vergleichbar, was, wie Elli behauptete, an den Hirnreaktionen sogar nachweisbar sei. Seit Elli einen berühmten Hirnforscher interviewt und über ihn auch ein Porträt geschrieben hatte, kam sie in kaum einer Diskussion ohne ihr gerade erworbenes Expertentum aus, und Johanna vermutete, dass sie die Hälfte ihrer siegreich vorgetragenen Forschungstrophäen einfach erfand.

Das Lokal füllte sich allmählich. Elli bestellte noch ein Bier, Johanna einen Viertelliter Rotwein. Na, Mädels, sagte der Wirt, als er die Gläser auf den Tisch stellte; Elli ließ ihren Kopf in die Hände fallen und stöhnte: Oh Gott.

Es war ein Abend wie die meisten anderen Abende, die sie miteinander verbracht hatten. Sie sprachen über Ellis Zeitung und ihren jungen Chef, der Elli vor einigen Tagen nahegelegt hatte, sich im Urlaub für einen Englischkurs anzumelden; Johanna erzählte, dass ihre Biografie über die Gräfin Lichtenau nun vielleicht gar nicht erscheinen würde, weil niemand wusste, ob es den Verlag im nächsten Herbst noch geben würde; Elli sagte, sie brauche dringend ein neues Fenster im Bad, der Hauswirt bestünde auf einem Plastikfenster, und sie hasse Plastikfenster. Und Johanna erzählte, dass der Hund schon seit drei Wochen nicht mehr ins Auto gekotzt habe, Achim sich aber immer noch weigere, ihn mitzunehmen, wenn sie nicht dabei sei, um gegebenenfalls den Unrat zu beseitigen.

Es war eigentlich wie immer, und dann, während sie einen fast kahlen Stiel aus dem Strohblumensträußchen auf dem Tisch zog und ihn zwischen den Fingerspitzen langsam zerrieb, sagte Elli: Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.

Johanna war ihr dankbar für diesen Satz, obwohl er sie auch hätte kränken können. Aber er bedeutete, dass Elli doch verstand, warum sie sich ihren Warnungen und Ratschlägen entzog, und dass sie dabei war, etwas zu tun, das sie, solange sie sich kannten, noch nie getan hatte, etwas, das Elli ihr gar nicht zutrauen konnte, weil sie es sich selbst nicht zugetraut hatte. Sie schmiss ihr Leben über den Haufen.

Auf dem Weg zum Auto, das auf der anderen Seite des Platzes stand, sagte Elli, sie würde sich dann irgendeine Arbeit im Zoo suchen.

Wann würdest du dir eine Arbeit im Zoo suchen?

Wenn sie mich rausschmeissen, weil ich nicht englisch kann, sagte Elli.

Die Tür ihres BMW fiel vornehm ins Schloss, als sei ihm ein Schalldämpfer einmontiert. Vor einigen Jahren, als Ellis alter Golf, den sie einem Freund für zweitausend Mark abgekauft und danach noch Jahre gefahren hatte, endgültig schrottreif war und Elli verkündete, sie wolle sich nun einen BMW anschaffen, hielten das alle für einen Scherz. Ein BMW passte zu Elli wie ein Nerzmantel zu Mutter Teresa oder ein Tutu zu Marianne Sägebrecht. Aber Elli meinte es ernst, und alle freundschaftlichen Versuche, ihr den BMW auszureden, schienen ihren Entschluss nur zu festigen. Sie wollte einen BMW, weil er nicht zu ihr passte, weil er so elegant, schön und schallgedämpft war, wie die Natur es Elli selbst versagt hatte. Dass sie jetzt, da das Alter die Grenzen zwischen Schönen und weniger Schönen, Grazilen und Plumpen allmählich unscharf werden ließ, dass sie ausgerechnet jetzt ihre Erscheinung durch die BMW-Prothese korrigieren wollte, war eigentlich unsinnig. Aber wahrscheinlich wollte sie, wenn sie schon doppelt so alt war wie ihr Chef, nicht auch noch ein altes Auto fahren.

Am nächsten Tag rief Elli an und sagte, Johanna könne Bredow zu Hannes Strahl bringen.

Teil 2

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