Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Martin Caparros: Valfierno. Teil 1

20.07.2006.

1

Ich bin Valfierno.

Sagen wir, ich bin Valfierno. Oder, besser gesagt, ich war Valfierno. Und als Valfierno habe ich etwas Außergewöhnliches geschaffen: die Geschichte eines Lebens.

Warum der Name Valfierno?
Wir haben vereinbart, daß Ihre Fragen sich auf die Tatsachen beschränken, nicht wahr?
Ja, das stimmt. Und ist das keine Tatsache?
Also, kommen Sie, Verehrtester.

Am Dienstag, dem 23. August 1911, fanden die Abendzeitungen von Paris reißenden Absatz. An allen Straßenecken verkündeten die Zeitungsjungen lauthals, daß das berühmteste Gemälde der Welt gestohlen worden sei.
"Die Gioconda! Lesen Sie selbst! Die Gioconda ist verschwunden!"
"Die Gioconda, Messieurs, Mesdames! Die Gioconda ist weg!"
Es herrschte eine Affenhitze. Seit Wochen herrschte eine Affenhitze, und alle, die nicht von ihr profitierten, fühlten sich miserabel: das unvermeidliche Thema, bei jeder Begegnung, in jedem Cafe, jedem stuckverzierten Salon, jeder Kirche, jedem Luxusbordell. Die schwüle Hitze bewirkte, daß Paris aufhörte, Paris zu sein. Und dies - daß Paris nicht mehr Paris war - ließ sie sich ganz besonders elend fühlen, betrogen; und sie redeten. Männer und Frauen redeten über die Hitze, und nachdem sie über die Hitze geredet hatten, gingen sie zu anderen Themen über, die sie nicht interessierten, und dann wischten sie sich unvermittelt den Schweiß von der Stirn und kehrten zur Hitze zurück, und jemand sagte, die Welt sei nicht mehr das, was sie einmal gewesen sei, und ein anderer kündigte großspurig an, er werde sich einen Ventilator kaufen, wenn das so weitergehe.
"Der Fortschritt, mein Lieber! Wenn die Sozialisten nicht wären und diese fürchterliche Hitze ?"
Seit Wochen ließ die erstickende Hitze jedes Gespräch verdorren. Bis ganz plötzlich, an jenem Abend, Leben in die Welt kam:
"Man hat sie gestohlen! Man hat Frankreich lächerlich gemacht! Extrablatt! Extrablatt!"

Ich bin Valfierno. Ich war ein sehr glückliches Kind. Meine Mutter nannte mich Bollino, und ich glaubte, daß das mein Name sei: Bollino, ich bin Bollino. Sie lachte sehr, meine Mutter, als eine Frau einmal auf der Straße sagte, ach, was für ein hübsches Kind, wie heißt es denn, und ich sagte zu ihr, Bollino. Nein, Señora, er heißt Juan Maria, sagte meine Mutter, die nicht wußte, daß ich einmal Eduardo heißen sollte. Ich aber, Bollino, Juan Maria, aber nicht Enrique, eher schon Bonaglia, auch Eduardo, ich war ein sehr glückliches Kind.

Der Junge hat schwarzes Haar, ein breites Gesicht und ausgeprägte Züge, und er ist für seine acht Jahre etwas klein. Der Junge macht eine herrische Geste und befiehlt etwas. Die beiden anderen folgen ihm. Die beiden anderen sind blond. Der größere Junge muß etwa sechs Jahre alt sein, das Mädchen vielleicht fünf. Der Park um sie herum leuchtet: ein prachtvolles, makelloses Rasenmeer, ein Teich mit Seerosen, Liguster wie kleine Häuschen, Magnolien, Araukarien, Eichen, Inseln aus lila Hortensien, weiße Skulpturen von Tieren und Göttinnen und Kriegern; dazu ein Pfau. Im Hintergrund blitzen die Fenster des im französischen Stil erbauten Hauses in der Sonne, und der schwarzhaarige Junge sagt zu den beiden anderen, daß sie jetzt zu der Hirschskulptur gehen, doch der blonde Junge widerspricht:
"Ich will nicht, daß du mich rumkommandierst. Du hast mich hier nicht rumzukommandieren. Du bist ein Niemand."
Brüllt Diego, den Tränen nahe, und stürzt sich auf ihn. ­Bollino ist einen halben Kopf größer als er und stärker; Diego versucht ihn zu schlagen, und Bollino weicht ihm aus, ohne zurückzuschlagen. Marianita lacht, Diego macht weiter, und als er wieder zuhauen will, rutscht er aus. Er fällt hin, faßt sich ans Auge und schreit, am Boden liegend, daß Bollino ihm ins Gesicht geschlagen habe. Sein Matrosenanzug ist schmutzig.
"Bollino hat mich geschlagen, Bollino hat mich geschlagen, das sag ich meiner Mama."
Schreit er, das Gesicht rotzverschmiert, als die dicke Frau in Dienstmädchenkleidung herbeigeeilt kommt. Sie hat eine sehr weiße Haut, schmutzigblondes Haar, Füße wie Teigtaschen, und von nahem sieht sie jünger aus. Sie hilft ihm auf, säubert ihn. Diego will nicht, daß sie ihn anfaßt, er sträubt sich, schreit, faß mich nicht an, Anunci; Mariana und Bollino stehen daneben und schauen zu. Es duftet nach Mispeln und Orangenblüten.
"Was ist passiert?"
Fragt mit italienischem Akzent das Dienstmädchen.
"Bollino hat mich geschlagen, er ist böse, das sag ich meiner Mama."
"Nein, ich habe ihn überhaupt nicht geschlagen. Er ist von ganz alleine hingefallen, er ist ausgerutscht und ist hingefallen. Ich habe ihn überhaupt nicht geschlagen."
Sagt Bollino, und das Dienstmädchen schlägt ihm mitten ins Gesicht: eine kräftige, schallende, gesalzene Ohrfeige.
"Damit du lernst, daß du dich nicht mit den Kindern zanken sollst."
Sagt das Dienstmädchen zu ihm, und Bollino sieht sie regungslos an, krampfhaft bemüht, nicht zu weinen.
"Aber Mama, ich habe ihm doch gar nichts getan."

Und plötzlich interessierte die Hitze keinen mehr. Der Diebstahl jenes Gemäldes kam einer nationalen Katastrophe gleich: Nichts erregt die Bürger eines Landes mehr, als Zeugen eines nationalen Unglücks zu werden. Nichts entzückt sie mehr, als eine richtige Katastrophe hautnah mitzuerleben: die Genugtuung, zu wissen, daß sie einen Augenblick erlebt haben, an den viele, noch Jahre später, sich zu erinnern behaupten werden. Zu glauben, daß die Hand der so wählerischen, so hochmütigen Geschichte sie zu berühren geruht hat.

Meine Mutter zog mich beherzt auf. Ich erinnere mich - es ist wohl das erste, an das ich mich erinnere -, wie sie mich fütterte. Sie spießte klitzekleine Fleischstückchen auf eine Gabel, und bei jedem Bissen sagte sie zu mir, Bollino, du mußt es sehr lange kauen, mit geschlossenem Mund, sonst kriegst du Bauchweh und einen schlechten Leumund, sagte sie und lachte. Und dann lachte auch ich: "Leumund" war ein sehr ­lustiges Wort.
Sie war fast immer für mich da. Und die Herrschaften waren gut zu mir. Als wir noch kleiner waren, verbrachten wir den ganzen Tag zusammen, Diego, Marianita und ich. Es waren sehr lange, sehr glückliche Tage: Schwimmen, Reiten, Spielen im Park und im Spielzimmer, und meine Mutter paßte auf uns drei auf. Ich bekam Sachen geschenkt, Spielzeug, Kleidung, und der Señor sagte manchmal zu mir, er liebe mich wie einen Neffen und ich sei sehr intelligent und wenn ich groß sei, würde ich mich im Leben gut zurechtfinden. Bis zu meinem zehnten Lebensjahr waren wir unzertrennlich, die Kinder und ich; dann, als Diego Unterricht von einer Privatlehrerin bekam, die man eigens für ihn engagierte, gab der Señor meiner Mutter Geld, damit sie mich zu den Priestern aufs Internat schicken konnte. Am Tag vor Unterrichtsbeginn rief mich der Señor in sein Arbeitszimmer und sagte zu mir, daß Erziehung das Wichtigste sei und daß man ohne Erziehung ein armer Mensch sei und daß, wenn ich einmal irgendein Problem hätte, ich es dem Pater Superior sagen solle, er selbst werde sich darum kümmern, und daß er mir alles Gute wünsche und daß, wenn ich irgend etwas brauchte, ich ihn nur darum bitten müsse, und dann schenkte er mir eine Schulmappe aus echtem Leder. Als Don Angel mich und meine Mama am nächsten Tag in seiner Kutsche zur Klosterschule fuhr, entdeckte ich, daß es hinter den Mauern des Parks einen Weg gab, der zu einer Stadt am Ufer eines Flusses führte. Es war eine sehr häßliche Stadt. Ich hatte davon gehört, doch bis jetzt hatte ich mich nicht dafür interessiert.

     Aber Sie wurden nicht dort geboren, Valfierno.
     Ist das eine Frage oder eine Feststellung?
     Nun, Sie haben gesagt, daß Ihre Mutter Ausländerin war. Sie haben gesagt, daß Sie Ausländer waren.
     Ausländer, sagen Sie? Und woher?

Die Frau wartet zu Hause. Ihr Zuhause ist ein schmutziges Zimmer in einem alten Kasten, der früher einmal ein Palast war. Seitdem sind Jahrhunderte vergangen. Jetzt ringt sie die Hände. Die Frau wartet und weiß, daß sie noch einige Stunden wird warten müssen. Während dieser Stunden wird sie sich tausendmal fragen, warum sie nicht die richtigen Worte zu finden gewußt hat, um ihren Mann von seinem Vorhaben abzubringen. Weder Liebesworte noch Drohungen, noch die Erinnerung an seine Verantwortung als Vater haben genutzt, und sie wird sich immer wieder fragen, warum ihr Mann die Pflicht, die ihn angeblich rief, ihr vorgezogen hat. Auch wird sie sich sagen, daß er, wie schon so oft, vielleicht recht haben könnte: daß ihre Ängste übertrieben seien, Schwächen einer Frau, dummes Zeug. Ganz sicher hat er recht, doch sie ängstigt sich und wartet auf die Nachricht, von der er nichts wissen wollte, hochmütig, mit einem herablassenden Lächeln und einem flüchtigen Gruß: Mach dir keine Sorgen, Frau, davon versteht ihr nichts. "Ihr", das könnten sie und ihr Sohn sein, doch nein, sie weiß, es sind die Frauen, alle Frauen; und die Art, wie ihr Mann sie mit so vielen anderen in einen Topf geworfen hat, macht sie traurig, und auch der Geruch der Wäsche ihres Mannes - wie nach verbranntem Fett - macht sie traurig: der Geruch in diesem Zimmer, den ihr Mann zurückgelassen hat, damit sie nicht vergißt, auf ihn zu warten.
Die Frau ist keine zwanzig Jahr alt, und ihre Formen sind bereits rundlich durch die Mutterschaft und gewiß auch durch zuviel Brot und Nudeln. Die Augen der Frau sind ungewöhnlich hell in dem dunklen Gesicht, das schmutzig ist durch das Wegwischen von Tränen mit schmutzigen Händen; sie sitzt, und wenn sie sitzt, sieht man vor allem ihre schweren, runden Arme. Die Frau könnte schön sein wie eine Madonna. Die Frau heißt Annunziata - Annunziata Perrone, geboren in Trimoli am 25. März 1850, an Mariä Verkündung, einem Mittwoch; Tochter von Giovanni, Ehefrau von GianFelice Bonaglia, früher Näherin von Beruf, dann Hausfrau -, und sie ringt die Hände, immer wieder. Sie wischt sie sich an dem braunen Rock ab, der sauber ist, aber mit Fettflecken, die nicht rausgehen, und denkt wieder an die Worte, die sie nicht gefunden hat, und tröstet sich: Sie hat nie die richtigen Worte gefunden, er ja, er findet immer die richtigen Worte, schon als er vor der Nähwerkstatt auf sie gewartet hat; sie war fünfzehn, und ihr Lächeln - das sagten alle - war ihr Kapital, und schon damals wußte sie, daß sie zu schweigen und ihm zuzuhören hatte, und sie schwieg, als er sie einlud, sich auf dem Kirchplatz mit ihm neben den ausgetrockneten Brunnen zu setzen, und sie schwieg weiter, als er sie von da an Abend für Abend abholte und als er ihr seine Hand hinhielt, damit sie sie ergriff - nicht er ergriff ihre Hand, er hielt ihr die seine hin, damit sie sie, schweigend, ergriff -, und sie schwieg, um "Ja" zu sagen, als der Herr Pfarrer sie fragte, ob sie wolle, und sie schwieg, als die Hebamme ihr sagte, ihr Mann werde zufrieden sein, weil sie ihm einen Sohn geschenkt habe: Er ist gesund, ein Junge, dein Mann wird zufrieden sein. Sie wußte zu schweigen und entdeckte mit der Zeit, daß ihr Schweigen auch eine Macht sein konnte, daß sie keine Worte brauchte, und jetzt denkt sie, daß, als sie sie einmal doch brauchte - heute morgen, die Liebesworte oder die drohenden oder bittenden Worte, die sie ihm nicht zu sagen gewußt hat -, es bereits zu spät war, und sie ringt die Hände und wischt sie sich ab, und der Junge umklammert ihre Hände und fragt sie, ob es ihr heiß sei, Mama, weil ihre Hände ganz naß sind.
Der Junge hat nicht aufgehört, ihr dumme Fragen zu stellen: Ist Ihnen heiß, Mama, essen wir heute abend Bohnensuppe, Mama, bringt Papa mir ein Bonbon mit, wenn er nach Hause kommt, Mama, warum ist Ihnen so heiß, Mama, es ist zwar heiß, aber auch kalt. Und sie sagt zu ihm, er solle still sein, und konzentriert sich wieder aufs Warten. "Warten" nennt sie die Überzeugung, daß jeden Moment eine schreckliche Nachricht eintreffen kann, und sie stellt sich vor, daß, wenn sie so sehr auf sie wartet und sie bereits jetzt erleidet, es sein kann, daß diese Nachricht gar nicht eintrifft - daß das Warten der Preis ist, den sie zahlen muß, damit sie möglicherweise nicht eintrifft - und daß, wenn die Nachricht schließlich doch kommt, sie durch das Warten vielleicht weniger schrecklich sein wird, und wann fangen Sie an, die Suppe für mich zu kochen, Mama, es wird schon spät.

Teil 2