Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Leda Forgo: Der Körper meines Bruders. Teil 2

27.08.2007.
An die folgende Zeit erinnere ich mich nur vage. Mein Bruder war warm und roch gut. Die großen Hände waren auch in Ordnung, die an uns herumzupften. Manchmal schoben sich fleischige Riesenlippen dazwischen. Sie artikulierten mit erschütternder Ausdauer: "Papa, Papa ?" Das kapierten wir, und es war auch ganz in Ordnung, aber mein Bruder und ich verstanden uns gut auch ohne sie. Und die Lippenbewegung sah angestrengt aus. Wir lächelten Papa an, die Show war niedlich. Aber nichts für uns. Fast drei waren wir und sprachen immer noch kein Wort. Ich glaube nicht, dass ich je ein Wort gesagt hätte, wenn nicht die Revolution gekommen wäre. Aber sie kam, und sie soll etwas ganz Großartiges gewesen sein. Etwas, worauf die ganze Nation stolz war. Sie sollte der Beweis sein, dass Ungarn nicht sklavenselig war. 1956 sollte das Jahr der Unabhängigkeit und Selbstbehauptung werden.

Ich glaube, ich bin allein mit der Meinung, dass sie vor allem aus Pisse und Kacke bestand. Das waren meine ersten Worte, da war die Revolution schon am Ende. Am Anfang war alles euphorisch. Die großen Hände warfen uns in die Luft, und Fliegen gefiel mir. Ehrlich gesagt, war es mir viel lieber, wenn mein Bruder mitflog, also brüllte ich. Vater verstand es schnell und hob uns von nun an immer gleichzeitig hoch. Unsere Eltern waren aufgedreht, auch Mo, die wir bis dahin kaum zu Gesicht bekommen hatten. Sie lächelte in unser Bettchen, was uns ein bisschen nervös machte - zwei andere Hände und dazu noch so feuchte und nervöse Hände. Das war wohl zu viel des Guten, aber es war ja Revolution, und sie sollte auch ihren Spaß haben. Viele fremde Menschen kamen vorbei. Sie sprachen von den Lichtern über den Häusern, die bald wieder leuchten sollten, von riesigen Buchstaben mit unserem Namen. Als sie dann weggegangen waren, schrie mein Vater meine Mo an, aber das war nett gemeint, dass es jetzt vorbei sei mit dem "Genosse Pataki", und sie tanzten und schleuderten uns in die Luft, und wir brüllten alle vor Freude.


Eines Tages kam Vater mit langem Gesicht nach Hause, und mit dem Lachen war es vorbei. Er und Mo flüsterten in der Küche. Das hätte gar nicht gestört, wenn Mo nicht heulend reingerannt wäre und sich auf die neue Sofagarnitur geworfen hätte. Vater kam hinterher und sagte Worte wie "Panzerrussen, Unserleben" und "Sicherheit". Mo sagte immer wieder nur "meine schöne Sofagarnitur", bis Vater schließlich nichts mehr von sich gab. Das Geld war bezahlt und der letzte Zug ohne uns in die Freiheit gefahren. Mo hatte vergessen, dass sie fliehen wollte. Oder hing sie mittlerweile wirklich so an ihrer Sofagarnitur? Nach der Revolution sagte Mo übrigens nie mehr "meine neue Sofagarnitur", aber da war es auch schon zu spät.

Die Russen spielten Tontaubenschießen auf Köpfe, die rausschauten, während sie mit ihren Panzern vorbeifuhren. Wir durften nicht mitspielen, da unser Vater Angst um uns hatte. Höchstens beten, dass der Nachbar nicht aus dem Fenster schaute, sonst hätten wir auch getroffen werden können. Aber da wir nicht beten konnten, kreisten wir nur um die verbotene Tüllgardine, wie hungrige Haie, immer kleinere Kreise ziehend, bis Vater zweimal laut klatschte und wir auseinanderfuhren.

Vater ging ab und zu in die Konservenfabrik zur Ausgabestelle, wenn unser Vorrat an Essen auszugehen drohte. Mo fühlte sich immer unbehaglich, weil sie dann mit uns allein bleiben musste. So ließ sie Vater nur gehen, wenn wir wirklich nichts zu essen mehr hatten. Obwohl das Lager nur im Nachbarbezirk lag, war es immer schwieriger durchzukommen. Die Schießereien hielten länger an, und das Essen, das zur Verteilung zur Verfügung stand, wurde immer knapper.

Mo lief vom Fenster zur Tür und zurück, solange Vater weg war. Ich wette, dass sie dabei sogar ihre neue Sofagarnitur vergessen hatte. Mit offenem Mund verfolgten wir ihre Schritte, wie bei einem Pferderennen. Das Holzpferd meines Bruders lag leblos auf seinem Schoß. Ein Speichelfaden mit einer Schaumblume kroch an seinem Kinn herunter. Wir versuchten instinktiv, Mo nicht zu behelligen, und so vergingen diese ungewöhnlichen Stunden friedlich. Allerdings hätte man die Sehnsucht mit der Schere schneiden können, wenn es einem in den Sinn gekommen wäre. Wer Vaters Kommen mehr herbeigesehnt hatte, wir oder Mo, hätte man nur schwer bestimmen können. Vater kam ohne eine einzige Dose zurück. Seine Haare klebten in seinem Gesicht.

"Das war knapp", flüsterte er und rang nach Luft. Er fiel auf die Knie, drückte das Gesicht zur Wand, hielt die Augen geschlossen und keuchte. "Oh Gott, oh Gott!" Mehr brachte Mo nicht raus. Sie begann zu zittern wie Espenlaub bei dem Gedanken, dass sie beinahe mit uns allein geblieben wäre. Sie betastete Vater, um sich zu überzeugen, dass er noch da war.

"Das nächste Mal musst du mehr aufpassen!"

"Meinst du, ich könnte beeinflussen, in welche Richtung sie schießen?"

Wir rannten auf Vater zu. Den Ernst des Augenblicks erfassten wir nicht. Wir lachten in sein feucht glänzendes Gesicht und durchsuchten seine Taschen: Wir wollten essen. Karottenmus hatten wir lange nicht mehr gehabt, aber zumindest Kartoffelschalen, Zwieback oder etwas anderes Essbares. Wir fanden nichts. Wir brüllten, wenn ich mich recht erinnere, die ganze Nacht. Mo hielt sich die Ohren zu, Vater kraulte ihren Kopf.

Morgens sagte Mo, "Bleib lieber hier". Er ging aber. Er zog Fratzen, um uns zum Lachen zu bringen, während Mo noch an seinen Lippen hing. Sie versuchte mit ihrem Kuss den Moment hinauszuzögern, bis sie wieder mit uns allein bleiben würde. Mo bemerkte den Betrug und boxte ihn ärgerlich in den Bauch. Ein Hauch von Lachen zog über unsere blassen Gesichter, sonst schwiegen wir erschöpft. Das Gebrüll und der Hunger hatten uns in die Knie gezwungen. "Geh nicht!", versuchte Mo Vater noch einmal zum Bleiben zu bewegen. Aber er ging.

In unserem trägen Dahindämmern merkten wir kaum, dass er nicht da war. Manchmal brach ein lautloses Schluchzen aus uns heraus. Unsere Brustkörbe hoben sich und sanken wieder herab. Darauf folgten Geräusche aus unserem Magen, ähnlich Naturgewalten: Vulkanausbruch, Wirbelsturm, Blitz und Donner, Blubbern im Sumpf kurz vor dem Versinken. Die Augen hielten wir geschlossen und horchten in uns hinein. Wir versuchten, die Luft anzuhalten. Es war gar nicht notwendig, meine Augen aufzumachen, um zu wissen, dass mein Bruder das Gleiche tat. So war ich eingedöst und er auch. Was Mo tat, weiß ich nicht. Sie lief eine Zeitlang unruhig umher, und nachher war auch sie still. Stiller als sonst.


Als ich die Augen wieder öffnete, fummelte sie an mir rum. Sie schob meine Arme durch einen engen Stoff und zupfte an meinem Bauch. Sie hatte wenig Übung beim Anziehen ihrer Kinder, und sie schien auch noch zusätzlich zitterig. Sie packte uns nacheinander in eine Trage, die sie sich auf den Rücken schnallte. Wir wehrten uns nicht, waren vom Traum noch halb betäubt. Sie stand langsam, stöhnend, mit wackeligen Beinen auf. Dann hüpfte sie ein paarmal, damit unser Gewicht sich günstig verteilte. Wir husteten kurz und heiser. Ich suchte nach dem Faden meines verlorenen Traumes, fand ihn aber nicht mehr. Die Augen klebten noch, und ich starrte auf einen Punkt auf Mos langem, dünnem Hals, der vor uns wackelte, wie ein Schwan. Ich spürte ihre Rippen seitlich durch den Stoff der Trage. Die harten Muskelstränge wechselten sich ab, wie Harfensaiten beim Spielen, während sie sich bewegte. Ich kann nicht behaupten, dass Mo reiner Komfort auf Beinen war. Aber auf meiner anderen Seite klebte mein fleischiger Bruder an mir, und so konnte ich im Großen und Ganzen mit der Beförderung leben.

Auf der Straße war es schon dunkel. Ich weiß nicht, wie lange wir auf Vater gewartet hatten, er schien aber den ganzen Tag nicht zurückgekommen zu sein. Mo schlich durch die Gassen, immer an Hauswänden entlang. Sie hielt immer wieder an und horchte. Dann lief sie wieder ganz hastig weiter. Mein Bruder schob seinen Kopf aus dem Tuch und schaute nach oben. Er blinzelte häufig, und seine Glieder waren schlaff. Ich machte es ihm nach und sah schwarze, kahle, verflochtene Zweige vor dem grauen Himmel, und schiefe Hauswände. Es war schön warm, dort, wo unsere aneinandergepressten Körper ineinander verschmolzen.

Zwei Schüsse fielen. Aus der Wohnung hörten sich die Schüsse dumpf an. So wie ein ständiges Feuerwerk aus der Ferne. Vor Ort waren sie lauter und klarer, klangen aber nicht ungewöhnlich. Wir spürten keine Angst. Die Geschwindigkeit kühlte unsere Wangen, wir lachten sogar, glaube ich. Langsam kam unser Kreislauf in Gang. Mo drehte sich um und lief in die andere Richtung. Es war so schön, ich vergaß sogar fast den Hunger. Mo wimmerte und hastete, aber die Schritte wurden immer langsamer. Dann wurde sie ruhiger. Ich lachte und schaute auf meinen Bruder. Es war das erste Mal, dass wir nicht gleichzeitig wach waren. Er schlief. Und ich war ganz munter. Er war plötzlich heiß, so heiß, dass ich auf der Stelle zu schwitzen anfing, und ich hatte den bösen Verdacht, dass etwas gerade in die Hose ging. Mo hielt plötzlich inne und schrie. Sie schälte die Trage vom Rücken. Ich sah, dass mein Bruder rot gepinkelt hatte, und ich war mir nicht sicher, ob nicht auch ich rot gepinkelt hatte, weil es überall rot war. Er schlief immer noch, obwohl Mo ihn geschüttelt hatte. Sie rief Vaters Namen, aber er kam nicht. Mein Bruder wachte Gott sei Dank nicht auf, und ich begann langsam zu frieren ohne ihn. Ich wusste, dass er auch fror, deshalb begann ich zu heulen. Wieder hörte ich Schüsse. Mo legte sich so auf uns, dass ich plötzlich keine Luft mehr bekam. Ich zappelte und weiß nicht, wie ich freigekommen wäre, wenn mich nicht ein großer Mann gerettet hätte.

Ein Mann in einer weiten Hose, wie ein türkischer Kaiser. Er hatte einen breiten Ledergürtel um die Hüften, aus dem seine Jacke in Brusthöhe herausquoll. Sie war aus dem gleichen schmutzigen grünbraunen Stoff wie seine Hose. Er zog meine Mo mit einer Hand hoch, sprach Worte, die man überhaupt nicht verstehen konnte. Es kamen noch andere Männer im gleichen seltsamen Aufzug und sprachen auch so. Sie hantierten mit Stöcken und schienen gar nicht gut gelaunt zu sein. Sie stupsten Mo ein wenig mit den Stöcken. Vielleicht wollten sie sie nicht berühren, was ich eigentlich verstehen konnte. Ich fand auch, dass mein Bruder besser roch.

Dann ließen sie sie los, und sie rannte mit uns auf dem Arm weg. Die Trage ließ sie liegen. Sie rannte und heulte, und ich dachte, sie hätte besser daran getan, zu Hause zu bleiben. Vielleicht war Vater auch schon zurück und wusste nicht, wo wir waren. Mo war für mich ein Beispiel dafür, was die Revolution aus Menschen machte, die nur ihre neue Sofagarnitur im Kopf hatten.

Sie öffnete ein schweres Eisentor mit den Schultern, während ich mich an ihrem Hals festhielt. Palkos Kopf hing nach hinten, seine Haare tanzten strahlenförmig in der Luft, als ob er sich vom Anblick der Sterne, die sich in dieser Nacht wolkenlos darboten, nicht hätte losreißen können. Mo fiel auf die Steine hinter dem Tor. Ich weinte nicht, ich beobachtete nur, wie Mo weinte. Sie weinte auf eine Weise, dass ich nicht wusste, ob es langsam aufhören oder im nächsten Augenblick noch schlimmer werden würde. Sie weinte, und mein Bruder schlief neben mir, und er war trotzdem nicht warm. Ich versuchte ihn zu wärmen, denn ich wusste, dass ihm kalt war. Eine lange Treppe, die kein Ende nahm, fuhr vor uns in die Höhe. Ich war ganz ruhig. Mo wurde auch leiser, und ich erkannte die Treppe. Ich sah mir die sich verengenden Stufen lange an. Ich stellte fest, dass die Treppe, die zum Himmel führte, kalt war. Ich fror und war kalt, wie der Körper meines Bruders.

Teil 3

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