Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Leda Forgo: Der Körper meines Bruders. Teil 3

27.08.2007.
Im ersten Augenblick war es, als ob ich mich verschluckt hätte. Ich saß auf unserem Bett, alleine, außer Atem. Mein Unterhemd war nass geschwitzt. Ich versuchte, mein im zerknüllten Bettlaken verwickeltes Bein zu befreien. Es war aber festgeklemmt. Ich wollte nach Vater rufen und öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Ich hinkte vor und zurück. Aus dem Krabbeln im Bein wurde ein schneidender Schmerz, als ob das Bein, in kaltes Gel eingelegt, sich von meinem Körper ablösen wollte.

Ich schaukelte eine sehr lange Zeit vor und zurück.

Dann quietschte die Klinke zaghaft, kaum hörbar, und die Tür ging langsam auf. Es brach das Summen der Normalität ein. Vater nahm mich in den Arm. Ich atmete frei und gierig auf. Erst dann fiel mir ein, dass er fort gewesen war und wir ihn gesucht hatten. Mo heulend, die Männer in den weiten Hosen und die Treppe. Jetzt war er aber wieder da. Er befreite meinen Fuß und zog das Laken über meine kalten Schultern. Er drückte mich an sich, war warm und roch ein bisschen wie Palko.

Über seine Schultern hinweg schaute ich auf den Türrahmen und dachte, dass mein Bruder da stehen würde oder gleich angerannt käme. Palko kam aber nicht. Ich wollte zu ihm rennen und löste mich aus Vaters Armen. Ich sah, dass Vaters Gesicht dunkel war, und seine Gebärden langsam. Er sah mich gar nicht an. Ich rannte in die Küche. Mo saß auf der Eckbank und starrte auf die Tischkante. Als ich vorbeiflitzen wollte, schnappte sie meinen Arm. Sie hatte kalte Hände. Sie rutschte auf die Knie und sackte zu Boden, mich mit ihrem eigenen Körper begrabend. Sie wimmerte: "Palko, Palko." Ich schrie nach Vater. Er schälte Mos Finger, die viele kleine blau-schwarze Flecken auf meiner Haut hinterließen, von meinen Armen. Ich lief ins Bad und ins andere Zimmer, aber ich fand kein fallen gelassenes Spielzeug, keinen verlorenen Strumpf von Palko, wie sonst immer. Dann ging ich zurück in die Küche, wo meine Eltern regungslos herumsaßen. Regungslos, als ob sie Blei in den Knochen hätten. Die Luft in meinem Brustkorb stockte.

Vater nahm mich zwischen seine Beine und umklammerte meine Handgelenke. "Palko ist weg, Borka. Er kommt nicht wieder. Er ist im Himmel, und eines Tages wirst du ihn besuchen, aber erst, wenn es so weit ist. Verstehst du das?" Ich verstand nur, dass er blöd war. Ich wusste, wo Palko war. Ich musste nicht noch auf irgendetwas warten. Er war die Treppe hochgeklettert. Da lagen wir auch, Mo und ich, und ich war eingeschlafen, so habe ich ihn verpasst, sonst wäre ich mitgegangen. Ich wollte jetzt sofort zur Treppe, aber er hielt mich zwischen den Beinen fest, und das machte mich wütend.

Ich schrie und trat und schlug um mich, und er ließ mich los und rührte sich nicht mehr. Beide taten nichts, mein Kopf knallte auf die Fliesen, die Schwelle bohrte sich in meine Stirn, und während ich Luft holte, entstand eine eiserne Stille. Es wurde immer schwieriger, wieder zu schreien anzufangen, und ich wurde müde. Mir kratzte der Hals, und ohne Unterstützung verlor mein Geschrei seinen Sinn. Wie auch alles andere an Sinn verlor, was ich von jetzt an alleine machte.


So blieb ich in der nächsten Zeit still, und niemand nahm Notiz davon. Es machte keinen Unterschied, ob ich schrie oder gar nicht existierte. Vater saß mit dem Löffel vor mir, und ich verteilte den Kartoffelbrei gleichmäßig an den Wänden. Ich wollte nicht essen. Ich wollte mit meinem Bruder essen. Aber Vater hatte mich nicht gefragt, was ich wollte. Er saß stundenlang mit dem Löffel da und starrte auf das gelbe Spritzmuster an der Wand, das sich langsam nach unten bewegte. Mo sah uns nicht an. Sie weinte oft, und Vater wollte sie auch nicht mehr trösten, was er früher getan hatte. Und Mo wollte die neue Sofagarnitur nicht mehr. Jeder von uns wollte irgendetwas nicht mehr, was ihm früher wichtig gewesen war. Und das alles wegen meines Bruders, der nicht mehr da war. Es hätte alles so einfach sein können, wie früher. Aber nichts war mehr wie früher. Das nennt man Entwicklung, und Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

Plötzlich war es mir rätselhaft, wie unser Leben bis dahin verlaufen war. Alleine konnte ich nichts so richtig. Ich konnte nicht spielen. Die Holzfiguren und Puppen blieben leblos in meiner Hand. Deshalb fasste ich sie gar nicht mehr an. Ich hatte keinen Hunger, alles schmeckte gleich, und das Kauen war mühsam. Und ich machte wieder in die Hose. Im Traum spürte ich immer wieder den heißen roten Urin und konnte dem Drang nicht widerstehen. Morgens war ich jedoch immer enttäuscht, wenn dann nicht alles rot um mich herum war. Am liebsten lag ich da und wartete. Obwohl nie etwas passierte, ließ meine innere Unruhe nicht nach. Ich spitzte die Ohren und lauschte, entwickelte eine Wachsamkeit, die alle kaum wahrnehmbaren Geräusche registrierte.


Ich verstand langsam, dass mein Bruder etwas Besonderes gewesen war. Mit ihm war alles anders, und seine Abwesenheit machte aus Vater eine Schattengestalt. Ich konnte das nicht. Ich konnte andere nicht verändern. Ich konnte nicht mal aus mir etwas machen. Ich rief nur Geseufze hervor, auch, wenn ich den Mund hielt. Die Tatsache meiner Existenz war eine sich wiederholende Ohrfeige, die meinen Eltern ihren Kummer immer wieder entgegenschleuderte.

Ich hätte gewünscht, dass mein Bruder an meiner Stelle hier wäre, dann wären alle besser dran. Dann könnte alles sein wie früher. Unsere Eltern würden wieder miteinander reden. Öfter und leiser als jetzt. Sie würden nicht die meiste Zeit schweigen und sich nur manchmal, wenn einer der beiden in einen Wortschwall ausbrach, anbrüllen, so dass die Worte ohne Sinn ineinanderrutschen. Vater würde Mos Haare flechten, wie früher, und Mo Vaters Füße massieren. Aber jetzt war Mo noch müder als sonst, und Vater sprach überhaupt nicht mehr. Nur auf dem Dachboden.

Er klemmte mich unter die Achsel, wie eine zusammengerollte Zeitung. Er drehte sich hin und her, als ob er mich suchen würde - ich war bei seinem Scherz die Zeitung. Als er mich nirgendwo finden konnte, zuckte er die Schultern und ging hoch zum Dachboden. Wir erreichten den Dachboden, wo er mich absetzte. Er erblickte mich und wunderte sich, dass ich dort war, und fing gleich darauf an, seine Zeitung zu suchen: "Hab ich doch eben irgendwo hingelegt." Ich musste immer lachen, und auch, wenn er mein Lachen nicht erwiderte, hatte er immerhin mit mir gesprochen.

Er legte mir Bücher auf den Schoß. Nicht alle Kisten waren voll mit Büchern. Aus einigen holte Vater Eisenbahnen hervor. Es waren seine Spielsachen, als er noch klein war, sagte er, aber das klang sehr unwahrscheinlich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er jemals klein gewesen war. Aber ich wollte nicht widersprechen. Es war gut, dass er überhaupt sprach. Ich würde die Eisenbahnen bekommen - ein bisschen später, sagte er. Dann erblickte ich das Holzpferd meines Bruders und begann zu weinen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es ihm ohne sein Pferd gut gehen könnte. Vater sagte, es gehe ihm besser als uns allen, und ich verstand nicht, warum wir nicht alle bei ihm waren. Mein Vater sagte, er verstehe es auch nicht, aber das glaubte ich ihm wiederum nicht. Er war schließlich der Erwachsene und hätte das alles im Griff haben sollen. Er wird es noch schaffen, dachte ich mir. Er nahm mich auf den Schoß und flüsterte: "Tot, tot." Das Wort hatte ich schon mehrmals am Tisch gehört. Alle schwiegen dann eine Weile, und niemand nahm die Gabel in die Hand.

Auf dem Dachboden gab es einen alten Schallplattenspieler, den Vater immer anstellte. "Nur nicht aus Liebe weinen" sang er mit, und "Gnädige Frau, wo waren Sie gestern? " und schleuderte mich dazu in die Luft. Ich begann wieder zu weinen, obwohl ich es nicht wollte. Dann versteckte sich mein Vater. Mo wusste tatsächlich nicht, wo er war. Er hielt seinen Zeigefinger vor den Mund, bevor er verschwand, so hielt ich den Mund, obwohl ich es zuletzt langweilig fand, da er gar nicht mehr mit mir sprach. Ich dachte zwar, Baumeln ist wirklich phänomenal, aber er hätte zumindest daran denken müssen, dass ich jetzt mal dran war. Er dachte nicht dran. Ich saß da oder hörte Schallplatten - und er baumelte.

Abends blieb ich mit Mo unten allein. Sie geriet nicht mehr so in Panik, wenn Vater nicht da war, weil auch ich ohne Palko war. Wir waren also beide eingeschüchtert, halbiert, und heilfroh, nicht ganz alleine sein zu müssen. Es verging einige Zeit, und Mo wurde unruhig. Zunächst dachte sie, dass er für ein paar Tage bei Freunden untergekommen war. Es wäre nicht ungewöhnlich gewesen. In der letzten Zeit teilte er nicht mehr mit, was er vorhatte und wo er hinging. Aber als die erste Woche vorbei war, rief sie in Krankenhäusern an, bei Polizeiabschnitten, und überall, wo man ihn hätte ausfindig machen können. Ich fühlte mich ganz schön blöd dabei. Mo war langsam ganz aufgelöst, und das Telefon hatte ständig geklingelt, um uns mitzuteilen, dass Vater sich dort auch nicht aufhielt. Und ich saß dabei und wusste, dass er ungefähr fünf Meter entfernt über uns war. Ich wollte sein Spiel nicht verderben, aber Mo tat mir leid. Als es so nicht mehr haltbar und noch mehr Zeit vergangen war, nahm ich ihre Hand und führte sie auf den Dachboden. Sie machte, was ich von ihr schon kannte, aber nicht mochte: schreien. Ich trat zu Vater und wollte an seinem Arm ziehen, damit er jetzt endlich aufhörte. Mo schrie im Hintergrund. Der Dachbodengeruch war aufdringlich, aber nicht unangenehm. Sie nahm mich und drückte mich ganz fest an sich. Sie hörte nicht auf zu schreien. Genau das, was ich nicht wollte.


Mit freundlicher Genehmigung des Atrium-Verlages
(Copyright Atrium-Verlag)


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