Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von György Dalos: Balaton-Brigade. Teil 2

09.03.2006.
Also, es war ein Samstag, es war später Nachmittag. Leutnant Bönicke fuhr mich nach Hause - darauf hatte ich bereits während der Feier spekuliert, denn er hatte, wie meistens bei solchen Anlässen, keinen Tropfen getrunken. Wir fuhren mit dem Dienst-Lada von der Kaserne hierher zum Leninplatz, den man heute Platz der Vereinten Nationen nennt - Lenin wollten sie nach der Wende nicht mehr haben. Damals konnte man in Berlin noch Auto fahren, im Gegensatz zu heute, wo die Stadt mit diesen verdammten westlichen Protzschlitten vollgestopft ist. Aber trotzdem gerieten wir an diesem Samstag in einen richtigen Stau. Bis zum Bersten überfüllt war die Straße der Pariser Kommune, fünfzehn Minuten dauerte es, bis wir sie passiert hatten, dann standen wir am Kaufhaus Zentrum ewig vor einer roten Ampel, und in Höhe der Bushaltestelle blieben wir endgültig stecken. Ich trommelte ungeduldig gegen das Fenster, am liebsten wäre ich ausgestiegen und zu Fuß weitergegangen, und ich sah unruhig zu den Leuten hinüber, die auf den Bus warteten. Dort stand Tamara, die sich an einen jungen Mann schmiegte und mit ihm herumknutschte. Meine Tochter war gerade siebzehn Jahre alt geworden, der junge Mann konnte an die zwanzig sein und er war ein Farbiger! Nicht ganz schwarz, sondern er hatte eher eine helle Schokoladenfarbe, war mindestens zwanzig Zentimeter größer als Tamara und hatte krauses Haar. Außerdem hatte er Schlitzaugen, also eine Mischung aus Neger und Indio, wie sie in Südamerika vorkommen.
     Natürlich habe ich noch nie im Leben jemanden nach seiner Hautfarbe oder überhaupt nach dem Äußeren beurteilt. Schließlich kommt es auf den Charakter an, auf die Gesinnung und die inneren Werte - darin waren wir uns doch schon immer einig, Hugo. Und außerdem wußte ich, daß Tamara irgendwann nach ihrem Abitur im nächsten Jahr eine engere Beziehung mit einem Jungen eingehen würde, die vielleicht auch in eine Ehe mündete. Dabei war mir egal, ob der Betreffende ein Chinese, ein Araber oder ein Hottentotte sein würde. Jetzt aber war diese Liebesszene völlig daneben, mindestens verfrüht, außerdem ärgerlicherweise öffentlich, und die Hautfarbe wies eindeutig darauf hin, daß der Mann Ausländer war! Wenn es schon ein Ausländer sein mußte, dann gab es doch unauffälligere Möglichkeiten. Knutschen mit einem Tschechen oder Polen wäre noch gegangen, wobei es auch dann besser wäre, erst das Abitur abzuwarten. Und ein Franzose oder Engländer - kommt darauf an, auf die Gesinnung und auch darauf, ob er viel von sich und seinem Wohlstand hermacht. Aber dieser Neger da? Es sprang ihm doch aus allen Knopflöchern, daß er nicht von hier war! Er war wahrscheinlich nur auf Besuch in der Hauptstadt. Dabei durfte ich als ein zum Hauptmann beförderter und für die Auslandsentsendung vorgesehener Offi zier der Staatssicherheit über keinerlei Verbindungen verfügen, welche nach unseren - übrigens völlig richtigen - Prinzipien ein Sicherheitsrisiko darstellten.
     Mit einem Auge beobachtete ich das Pärchen, mit dem anderen Leutnant Bönicke, der Tamara aus dem Erholungsheim des MfS kannte. Sie hatten dort einmal zusammen Tennis gespielt. Es wäre für mich sehr unangenehm gewesen, wenn auch er Augenzeuge dieser Szene geworden wäre, aber zum Glück hatte der Leutnant nur Aufmerksamkeit für den verstopften Verkehr. Ich habe dann noch gesehen, daß meine Tamara in den krausen Haaren des Jünglings wühlte, während dieser mit seiner rechten Hand ihren Rücken hinunterfuhr, sie am Po festhielt und sich an sie drängte. In diesem Moment wechselte die Ampel auf Grün, und drei Minuten später standen wir bereits vor dem Haus am Leninplatz. Das Seltsame war, daß es mir nicht gelang, das Gesicht des Jungen zu erkennen, obwohl ich früher in der Hochschule als ziemlich guter Beobachter galt.
     Heute kann ich dir alles ziemlich ruhig und ohne große Emotionen erzählen, denn es ist viel Zeit seither vergangen, und wir haben eine Unmenge an Veränderungen erlebt. Damals jedoch war ich sehr aufgebracht über das, was ich gesehen hatte. Du mußt aber nicht denken, Hugo, daß es mir in diesem Moment nur um meine Karriere ging, daß ich Angst hatte, man könnte im letzten Augenblick aus reiner Wachsamkeit statt meiner Person einen anderen Genossen nach Balatonfüred schicken. Für mich wäre das ohne Frage eine schmerzhafte Entscheidung gewesen, aber wenn jemand einer Sache aus Überzeugung dient, muß er einiges aushalten können. Wir beide, Hugo, sind nämlich keine Intellektuellen, die sich wegen irgendeines ausgebliebenen Literaturpreises oder einer nicht bewilligten Auslandsreise plötzlich zum Andersdenkenden aufschwingen. Na, du atmest so schwer und bist bestimmt müde - laß uns dort in den häßlichen Stehimbiß gehen und eine Halbe trinken, das wird uns nicht schaden.

Um auf unseren Verbannungsort zurückzukommen - selbst aus der schäbigen Kaserne ließ sich etwas machen. Wir versuchten, unsere Arbeitsräume mit Topfpflanzen, hübschen Tischdecken und Wandbildern wohnlicher zu gestalten. In diesen Dingen waren vor allem die Sekretärinnen Experten. Über meinem Schreibtisch hing das Porträt von Felix Dserzinskij - erinnerst du dich? Du hast es gesehen, wenn du mich ab und zu ins Büro begleitet hast. Ich muß sagen, er hat mir mit seinem hageren Gesicht, dem Spitzbart und der aristokratischen Haltung überaus imponiert - ein leibhaftiger polnischer Edelmann. Kein durchschnittlicher Geheimpolizist, sondern jemand, dem man auch heute in unserer modernen Zeit noch einiges abgewinnen kann. Er war mein Vorbild, Hugo, ich kann es nicht anders sagen. Er war mein Idol, ich bekannte mich wie er dazu, daß ein Tschekist über drei Eigenschaften verfügen muß: ein heißes Herz, eine saubere Hand und kalte Vernunft. Wenn ich irgendwann verzagte, die Arbeit eintönig, auch schon mal seelenlos und bürokratisch fand, wenn ich aus irgendeinem Bericht das Wesentliche nicht herausschälen konnte, dann sah ich ihn fragend an: Na, Felix Edmundowitsch, Golubtschik, mein Täubchen, was würdest du an meiner Stelle tun?
     Was die tschekistischen Tugenden anbetrifft, so erfüllte ich die ersten beiden zur vollsten Zufriedenheit. Mein Herz brannte für den Sozialismus, und an meiner Hand blieb niemals ein unverdienter Groschen kleben. Aber kalte Vernunft - und hierin sind wir uns wieder ähnlich, Hugo - gehört nicht zu meinen Stärken. Auch deshalb hütete ich mich nach Beendigung meines Studiums vor der Hauptabteilung Ermittlung, obwohl die Genossen mich wärmstens dorthin empfohlen hatten. Ein Verhöroffi zier muß gegenüber dem Klassenfeind oder dem irregeleiteten Subjekt eine ganz bestimmte Taktik verfolgen. Unter Umständen muß er seinem Gesicht selbst bei tiefster Empörung ein honigsüßes Lächeln aufzwingen, in anderen Fällen einen Wutausbruch mimen, während er innerlich vollkommen ruhig ist. Dafür bin ich nicht geeignet, denn wenn bei mir die Wut hochkocht, brülle ich gleich los. Und wenn ich an einen besonders gerissenen Feind geraten wäre - wer weiß, vielleicht wäre mir sogar die Hand ausgerutscht. Deshalb entschied ich mich für die weniger reizvolle Tätigkeit im Büro, wo ich mit den Delinquenten niemals persönlich konfrontiert wurde.
     Selbstverständlich wäre ich imstande gewesen, die bei Verhören angemessene Haltung früher oder später zu erlernen. So setzte ich mir an jenem Samstag, als ich aus Bönickes Auto stieg, in den Kopf: Solange ich zu keiner klaren Entscheidung gekommen bin, wie es mit Tamara und dem Neger weitergehen soll, werde ich mit keinem Zucken der Gesichtsmuskeln etwas über meine Gefühle verraten. Roswitha war schon zu Hause, in ihrer Schule war die Novemberfeier bereits mittags gewesen. Sie stand vor dem Spiegel, war mit ihrem Gesicht beschäftigt und bereitete sich auf den Abend vor. Tamara erschien etwas atemlos und zerzaust kurz vor sieben und entschuldigte sich damit, daß sie den Nachmittag bei ihrer Freundin Tina verbracht und die Zeit vergessen habe. Obwohl innerlich zähneknirschend, machte ich gute Miene zum bösen Spiel, wie ich es mir vorgenommen hatte. Wir bestellten ein Taxi und fuhren zum Restaurant Moskwa. Ich behielt mich den ganzen Abend gut unter Kontrolle, und es gelang mir sogar, mich locker zu geben. Wir bestellten Krimsekt und Kaviar, Hähnchenbrust nach Kiewer Art, Wodka und zum Nachtisch russische Cremetorte.
     Meine Ruhe währte auch noch den ganzen Sonntag, und ich nahm wortlos hin, daß unsere Tochter nicht mit ins Erholungsheim des MfS kommen wollte - Abiturvorbereitungen bei Tina waren ihr wichtiger. Ich wußte ja, welches Programm für sie amüsanter war als die übliche Wochenend-Freizeitgestaltung, und mir wurde übel, wenn ich mir vorstellte, daß sie die Zeit, in der wir weg waren, durchaus mit diesem Jüngling allein in unserer Wohnung verbringen und mit ihm intim werden konnte. Solche Gefühle sind dir natürlich unbekannt, Hugo.
     Gegenüber Roswitha erwähnte ich nach wie vor mit keiner Silbe, was ich an der Bushaltestelle gesehen hatte. Das Bild geisterte aber ständig in meinem Hirn herum, und wegen der äußerst delikaten Natur der Angelegenheit nahm ich mir vor, am Montagmorgen als allererstes meinen Vorgesetzten Frickhelm darüber in Kenntnis zu setzen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag war ich so nervös, daß ich ein Schlafmittel einnehmen mußte, was ich sonst vermeide.
     Mein Geduldsfaden riß schließlich am Sonntagabend um viertel nach elf, als meine Tochter unsere Wohnung betrat. Im Eingangsbereich gab es nur eine 25-Watt-Birne, und vielleicht lag es an den schwachen Lichtverhältnissen, daß Tamaras Gesicht - offenbar gefühlsmäßig in Wallung - förmlich im Halbdunkeln leuchtete. Obwohl ich ihr Vater bin, habe ich meine kleinwüchsige Tochter noch nie besonders hübsch gefunden. Sie war zu dieser Zeit ein pummeliges, frühreifes Mädchen mit eckigen Bewegungen und kurzgeschorenen blonden Haaren, ihre herben Gesichtszüge erinnerten an Roswitha. Und doch: Dort im Vorzimmer stellte ich überrascht fest, daß sie wenig kindlich und sehr weiblich wirkte.

Teil 3