Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Benjamin Kunkel: Unentschlossen. Teil 2

21.08.2006.
Aber als ich jetzt den Sicherheitsgurt über der Taille festzog, den Tisch vor mir hochklappte und die Rückenlehne in eine senkrechte Position stellte, hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil ich den Namen Joker geprägt hatte. Trotzdem war ich als Einziger eine Art Vertrauter von Natasha geblieben, wenn von Vertrautheit überhaupt die Rede sein konnte. Und ich war mir todsicher, dass es auf dem zehnjährigen Jahrgangstreffen wie ein prestigeträchtiger Orden an mir glänzen würde, dass ich vor kurzem Natasha van der Weyden besucht hatte. Dann hatte ich wenigstens etwas, womit ich vor allen angeben konnte, vor meinen Klassenkameraden mit ihren beruflichen Glanzleistungen und ehelichen Errungenschaften, über die ich alle Einzelheiten so genau wusste, als wären sie mir in Dein-Name-auf-einem-Reiskorn-Größe ins Hirn tätowiert, denn als Jahrgangssprecher war es ja mein Job, solche und andere Prahlereien vierteljährlich gebündelt an die Alumnizeitschrift zu schicken.
     Wohingegen ich im Moment arbeitslos war und es auch sonst nicht viel gab, worauf ich stolz sein konnte, mal davon abgesehen, dass ich noch keine Glatze hatte. Ich gebe zu, mein Haaransatz ist vielleicht ein bisschen nach hinten gerutscht, aber irgendwann habe ich beim Blick in den Spiegel so etwas wie eine Grenzlinie gezogen, und seitdem hat er sich nicht mehr vom Fleck gerührt. Ein größeres Problem stellte wohl meine irrsinnige (wenn auch blonde) Behaarung an Hals, Rücken, Brust, Beinen, Po und Armen dar. Aber irgendwie schien es den Frauen, die mich nackt sahen oder gar anfassten, nie etwas auszumachen, dass ich von Kopf bis Fuß mit einem leichten, zartflaumigen Pelz bedeckt war. Als der Flieger von der Startbahn in Bogota abhob, fragte ich mich wieder einmal, warum es sie nicht störte. Hielten sie mich womöglich für einen Missing Link?
     Als wir wieder in der Luft waren, kam mir auf einmal der Gedanke, was es für ein Coup wäre, mit Natasha zusammen zu dem Jubiläum zu gehen. Wie stolz würde ich bloß sein - als Jahrgangssprecher und als Mann -, wenn ich sie dazu überreden oder gar verführen könnte! Und das Geniale: Jetzt war es, als hätte ich einen echten Grund, warum ich nach Südamerika geflogen war! Außerdem hoffte ich, dass ich nach zehn gemeinsamen Tagen etwas Neues zu der ganzen Natasha-Geschichte zu sagen hätte. Wenn sie dann in einem Sommerkleid auf dem Rasen stünde, könnte ich vielleicht aus der Ferne zu ihr hinüberdeuten und zu Stratton oder Bill T. sagen: Mensch, wir hatten echt keine Ahnung, als wir sie den Joker genannt haben, das Ding bei Natasha ist nämlich, und das ist gar nicht so schwer zu kapieren, dass ..., und dann würde ich zum Besten geben, was ich herausgefunden hatte. Damit war all das, was ich über Natasha bloß gedacht hatte, schon zu Wissen geworden. Es war wie nach der Rückkehr von einer Reise in ein fremdes Land, wenn alle fragten, wie es gewesen war: Meine Schilderungen wurden sich dann immer ähnlicher, stellten diesen tollen Eindruck, jenen coolen Ort oder eine bestimmte lustige Begebenheit in den Vordergrund - bis es nur noch eine einzige Version gab, die dann an die Stelle meiner Erinnerungen trat. Als mir diese Neigung wieder einfiel, packte mich die schiere Angst. Es war diese altbekannte und durch ihre plötzliche Intensität so durchdringende Angst, dass, wenn sich eines Tages alle Empfindungen in Luft aufgelöst hätten, von meinem Leben nichts übrig bleiben würde als ein Klischee. Dass mich Petrus nach meinem Tod fragen würde: Und, wie war's?, und ich dann sagen würde: Ein herrliches Fleckchen. Gutes Essen. Manches hab ich nicht vertragen. Aber die Leute waren echt nett. Und das wäre dann alles.
     Ich sah zum Fenster hinaus in die makellose, sternfreie Dunkelheit. Und ich beschloss, jedes Mal etwas Neues über meinen Besuch zu erzählen, wenn mich jemand fragte, mich kein einziges Mal zu wiederholen, und schon gar nicht zwei oder drei Mal. Und wenn es etwas Unerfreuliches zu sagen gäbe, dann würde ich mir überlegen, auch das zu erwähnen, denn die Welt konnte ein sehr unangenehmer Ort sein, was auf den Staat Kolumbien ganz besonders zutraf, wie ich erfahren hatte, seit ich ein paar Tage zuvor meine Arbeit verloren und Zeit gefunden hatte, die Zeitung zu lesen. Dummerweise hatten meine Mitbewohner und ich vor gar nicht allzu langer Zeit Kolumbiens langjährigen Bürgerkrieg begünstigt, indem wir Koks gekauft und gesnifft hatten. Ich war nicht unbedingt scharf darauf, Natasha davon zu erzählen. Da ich sie aber kaum kannte, musste sie mir alles von sich erzählen, und gerechterweise musste ich dann genauso auspacken. Ich hoffte bloß, dass sie mich nicht fragte, wer den kolumbianischen Bürgerkrieg meiner Meinung nach gewinnen sollte. Gab es nicht auf beiden Seiten Terroristen? Dann war es vielleicht höchste Zeit, sich für die besseren Terroristen einzusetzen!
     Bald darauf landete das Flugzeug ohne Zwischenfälle. Zwei von zwei. Das gab einem doch ein gutes Gefühl. Und während wir zum Gate rollten, hörten alle Babys auf zu weinen. Ist Ihnen mal aufgefallen, dass sie das nie tun, ohne vorher aus einem absolut kindischen Widerstreben heraus noch ein paar Mal zu schnauben, und sich noch einige letzte schluchzende Laute abringen, bevor sie die neue Stimmung an sich heranlassen? Es scheint, als wollten sie nicht zugeben, dass das, was ihnen die Laune verdorben hat, vielleicht doch nicht so schlimm war, noch nicht mal im kriegsgeschüttelten Kolumbien.
     Aber das war nicht Kolumbien, schärfte ich mir wieder ein, als ich die Aluminiumtreppe hinabging und auf das Vorfeld der Halle hinaustrat. Das war Ecuador, eine Terra incognita, von der ich keine Ahnung hatte. Ich hatte mir die ganzen Reiseführer angesehen, Let's Leave! und Tough Planet, aber da ich mich nicht entscheiden konnte, hatte ich keinen gekauft. Das Einzige, was ich wirklich wusste, war, dass die Luft hier - es ist immer ein unglaubliches Gefühl, hier zu sein, egal wo auf der Welt - kühl war und nach Holzfeuerrauch roch. Vielleicht mit einer feinen Beimischung schwachduftigen Abwassers? Ich überlegte, ob ich mich wohl durch eine besonders gute Nase auszeichnete und demnächst Weinverkoster werden, mein Geld mit Trinken verdienen und eine wahnsinnig hohe Versicherung auf meine Nase abschließen sollte. Dann konnte ich irgendeine Kopfverletzung vortäuschen, die den Geruchssinn beeinträchtigte, und richtig reich werden.
     Es war ein schier unanständiges und aufregendes Gefühl, nicht zu wissen, was ich mit mir anfangen sollte.
     Als ich am Gepäckband stand und auf meine Tasche wartete, fiel mir auf, dass ich zitterte: DT! DT war ihr zweiter Spitzname, wegen ihrer niederländischen Herkunft, kurz für Deichtochter; von jedem, der in St. Jerome's in sie verknallt war, wurde gesagt, er läge im DT.
     War ich also vielleicht all die Jahre in sie verliebt gewesen? Bloß, dass sie bisher nie irgendwelches Interesse an mir gezeigt hatte? Und jetzt, wo sie mich immerhin nach Quito eingeladen hatte, konnte ich mir das endlich eingestehen? Manchmal wird die Stirnlampe immer trüber beim Versuch, die Höhlen der Psyche zu erforschen. Jedenfalls zitterte ich. Immerhin war das hier ein neuer Ort, folglich ein neues Leben und damit Anlass genug, ein wenig vor der Aussicht zu erzittern, dass man auf dieser Welt die Freiheit hat, auf der Stelle wahnsinnig viele Dinge zu tun, wenn man nur will und sich entschließen kann.
     Ich hievte mir den Rucksack auf die Schultern und ging durch das Gate in die sala de esperanza. Natürlich fiel eine hoch gewachsene Blondine inmitten von so vielen mit glänzendem schwarzem Haar bedeckten Köpfen sofort auf. Auch wenn sie nicht so groß war wie in meiner Erinnerung. Und nicht sehr blond. Eigentlich gar nicht. Trotzdem leuchtete in ihren Augen ein Erkennen auf, als ich mich in ihre Richtung manövrierte und "Hola! El Joker!" rief. Nur war mir das Lächeln, das ich zur Antwort bekam, unbekannt, und mit einem Schlag war ich entsetzt; nicht darüber, dass sie sich verändert hatte - sie sah immer noch ziemlich klasse aus -, sondern über das radikale Ausmaß dieser Veränderung. Als sie aus ihrem chirurgisch veränderten Gesicht mit einer entzückenden tiefen Stimme, die collagengeschwollenen Lippen entsprang, "Hallo Dwight" sagte, schwante mir, dass die erste Etappe einer langen, sonderbaren Reise soeben begonnen hatte, und ich brachte außer einem Lächeln nichts zu Stande.
     "Natasha ist mal kurz zur Toilette gegangen", sagte die Frau, und in meiner Erleichterung über die Nachricht, dass diese Fremde eine Fremde war - überhaupt nicht Natasha! -, fiel ich ihr um den Hals, umarmte sie fest und sagte: "Mensch, ist das schön, dich zu sehen." Die Frau und ich lachten immer noch, als Natasha zurückkam. "Sieh an! Schon schnelle Freunde!" Sie klang holländischer, als ich erwartet oder in Erinnerung hatte. Sie war immer noch Natasha, aber zugegeben, etwas verändert. Merkwürdig sah sie aus, unruhig - ein bisschen so, wie ich mich fühlte. Dann ließ sie ihr berühmtes Lächeln erstrahlen. "Siehst du, Brigid, Dwight ist genau, wie ich's dir gesagt hab. Er gehört sofort jedem."


ERSTER TEIL

Eins

Eine Woche vor Quito saß ich in New York aufrecht im Bett, und an die Ufer meines Bewusstseins brandete der Straßenverkehr. Mit einer Hand hielt ich das Buch auf, das ich las, und die andere lag über dem Kopf der schlafenden Vaneetha. Da saß ich und steckte in Zeit und Raum fest wie ein Tier in einer Kiste.
     Vaneetha hatte sich weggedreht und war ein Stück nach unten gerutscht, so dass von ihr nur das zerzauste, vaneethianische Haar zu sehen war, dem die Nachttischlampe all diese grünlich schimmernden Lichtkringel entlockte. Ich hätte nicht gedacht, dass selbst ganz dunkles Haar auf Licht so reagieren konnte, und diese Entdeckung blinkte in meinem Kopf als das geringfügigste und unauffälligste Sinnbild der mannigfaltigen Entdeckungen, die zwischen uns noch gemacht werden konnten, wenn wir - na ja, vor allem ich - nicht so unsicher gewesen wären, ob wir sie machen wollten.
     Einmal pro Woche war eher zweimal geworden, und in unseren gemeinsamen Nächten war ich meist noch eine Stunde oder länger wach, wenn Vaneetha schon neben mir schlief und atmete. Manchmal zuckte sie wie ein träumender Hund, und das jagte mir meist einen zärtlichen Schauder über den Rücken, nicht zuletzt, weil ich genau wie der Rest meiner Familie Hunde sehr gern hatte. Trotzdem, gerade weil ich diese Zärtlichkeit empfand, überlegte ich, ob ich sie nicht lieber verbergen sollte, wenn wir beide wach waren. Sie konnte uns ungünstigerweise das Gefühl vermitteln, dass wir zusammen waren. Und da unsere Beziehung darauf basierte, dass wir noch keine Beziehung haben wollten, fand ich das nicht gerade ideal. Wir waren uns einig, dass moderne Liebesbeziehungen heutzutage ein viel zu schnelles Tempo vorlegen. So erklärte Vaneetha, warum sie bisher nur so wenige Partner gehabt hatte, und so erklärte ich, warum es bei mir siebzehn oder mehr gewesen waren. Trotzdem schwebte letztlich die unausgesprochene Frage im Raum, ob wir in Bruder-und-Schwester-Manier beieinander schliefen und außer in betrunkenem Zustand von richtigem Sex meist die Finger ließen, weil wir a) keine Liebesbeziehung führten oder b) eine führten, aber ganz langsam, so wie es laufen sollte und nie tat.
     Auf jeden Fall schien es nachts oft so, als würde ich einen besseren Hundebesitzer abgeben als einen Freund. Für mich war nicht ersichtlich, wie ich mit Vaneetha am besten umgehen sollte, denn jede Frau war schließlich anders. Hunde dagegen brauchten trotz der schier unglaublichen Vielfalt der Rassen alle mehr oder weniger dieselbe Mischung aus Futter, Wasser, Gassigehen und liebevollem Kopftätscheln. Mit einer Freundin trug man in der Großstadt aber viel weniger Verantwortung als mit einem Hund. Und eins von beiden wollte ich unbedingt haben, denn wie jeder Mensch - und jeder Hund - sehnte auch ich mich sehr nach Liebe und Zuneigung. Hm.
     Es war fast schon eine Art Frieden, jede Nacht in derselben geistigen Sackgasse zu landen. Außerdem fühlte ich mich in der Stille zu Hause. Ich nahm sensibel und merkwürdig wohlwollend den Moment wahr, in dem der Kühlschrank ansprang und zu summen begann. Das ?chzen des Müllwagens verstärkte und durchbrach die Ruhe gleichermaßen. Zu guter Letzt gab es mir ein Gefühl von Autorität, als Letzter wach zu sein, der über alles herrschende Geist.
     So kehrte ich immer wieder zu denselben Fragen zurück, wie die Zeiger einer Uhr zu den Kerben im Zifferblatt. Spät in der Nacht wurde mir klar, dass das Leben aus Tagen bestand - und dass das Leben kaum aufheben würde, was die Tage am Wegesrand liegen ließen. Zugegeben, das war nur die nachträgliche Analyse des jeweiligen Tages, und zwar zu einem Zeitpunkt, der schon gestern oder morgen war, je nach Perspektive. An den Abenden, die Ford (Mitbewohner Nummer eins) und seine Freundin Kat bei uns Downtown verbrachten, hatten sie es sich jetzt schon gegenseitig besorgt, begleitet vom Quietschen der verschreckten Bettfedern. Und nach zwei wäre dann Sanchez (Mitbewohner Nummer zwei) aus seinen feuchten Träumen aufgewacht und hätte den Fernseher ausgeschaltet, dessen illegaler Decoder ihm einen endlosen Strom von Sportübertragungen, Spielfilmen und Pornos aus dem Pay-TV auf den Bildschirm schickte. Und Dan (Mitbewohner Nummer drei) wäre da oder auch nicht: Er bewegte sich immer leiser durch die Welt, lebte nur noch von Fastfood, wirkte dünn, vergeistigt und gehetzt, und nur hin und wieder informierte er uns zwischen seinen Seminaren und den Laborstunden an der NYU Med School darüber, was er dort lernte. Neulich meinte er, dass terminales Nierenversagen wohl noch der angenehmste Weg sei, das Zeitliche zu segnen, und versicherte Sanch und mir, dass ein Zusammenhang zwischen Kaffee und Krebs wissenschaftlich praktisch nicht zu belegen sei, nicht einmal bei meinen sechs Tassen pro Tag.
     "Ja Mann, dieser verdammte Hugo Chavez trinkt sechzehn Espressos am Tag. Und das auch erst, nachdem ihn seine Leute von vierundzwanzig runtergebracht haben", meinte Sanch.
     "Wahnsinn!" Ich war ernsthaft beeindruckt von diesem Mann. "Wer ist Hugo Chavez?"

Teil 3