Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Benjamin Kunkel: Unentschlossen. Teil 1

21.08.2006.
Prolog

Erst als es in meinen Ohren knackte und das Flugzeug sich über den flimmernden Lichtern von Bogota - bei Nacht eigentlich eine Stadt wie jede andere - langsam senkte, sah ich von der Buchseite hoch, über der ich gegrübelt hatte, und dachte an Natasha, das Mädchen oder die Frau, die Freundin oder Bekannte, derentwegen ich so weit flog. So war das damals mit mir: Ich konnte erst an die Zukunft denken, wenn ich dort angekommen war.
     Dabei machten alle ständig Bemerkungen über meine anscheinend bemerkenswerte, unverwüstliche Dwightigkeit, die gegen Zeit und Raum immun war. "Dwight, Mann, bist ja noch ganz der Alte!", sagte ein alter Schulfreund oder "Schön, dass man dich mal wieder sieht, Dwight, du hast dich ja kein bisschen verändert!" eine Freundin meiner Mom. Manchmal sagte das sogar Mom selbst. Und ich wusste, dass die Leute irgendwie Recht haben mussten, denn sonst hätte man von a) einer Verschwörung oder b) einer grundlegenden kollektiven Inkompetenz auf dem Gebiet persönlicher Identität ausgehen müssen, zwei Optionen, die ich zu verwerfen geneigt war, da ich auf dem College Philosophie im Hauptfach studiert und mich, weil sie das kleinste Übel war, für die pragmatische Sicht entschieden hatte, wonach das, was die meisten Menschen für wahr halten, tatsächlich wahr ist, oder jedenfalls nah an der Wahrheit dran. Mit diesem oder anderen philosophischen Problemen habe ich mich nie eingehender beschäftigt, als nötig war, um in Zeiten galoppierender Noteninflation auf einen Zweierdurchschnitt zu kommen, aber ein Pragmatist war ich trotzdem. Und in dieser Haltung bestärkten mich nicht nur meine leidenschaftslosen Nachforschungen, sondern auch meine ganze liebenswürdige Persönlichkeit, wegen der ich bei anderen immer so gut ankam.
     Es tut mir Leid, dass ich meine Geschichte über wichtige, lebensverändernde Ereignisse so abstrakt beginne, zumal sie neben etwas Sex, vielen Drogen und schließlich dem Rezept, das ich der ganzen Welt ausschreibe, jede Menge konkreter Sinnesdaten enthält. (Im Passagierraum schrien Babys, als das Flugzeug sich senkte, und der Typ auf dem Sitz neben mir kommentierte in blauer Tinte, mit hektischen Kreisen und hitzigen Unterstreichungen - "STRATEGIE", schrieb er, und "WICHTIG!!!" -, einen Kolumbien-Artikel in einem Wirtschaftsblatt.) Doch "abstrakt" ist genau das richtige Wort für mein Gefühl damals, hoch oben in der Luft, im Flugzeug. Andere Menschen mochten es ja so empfinden, als bliebe ich immer derselbe, egal wo ich war; aber ich selbst erschien mir immer ganz durchtränkt von meiner Umwelt, voll gesogen mit der Farbe des Ortes, und jetzt, auf der Durchreise, fühlte ich mich so erfüllt von purer Nirgendwoigkeit, dass ich mich fragte, ob ich am Ende vielleicht gar niemand war.
     Vor gerade mal fünf Stunden war ich noch in New York gewesen. Über vier Jahre lang hatte ich dort gewohnt, die meiste Zeit Downtown in der Chambers Street, zusammen mit drei anderen Typen und gelegentlich einem vierten, der noch einen Schlüssel hatte und manchmal auf der morphologisch am wenigsten angegriffenen Couch pennte. Ich verließ die Stadt natürlich nicht für immer, nur für zehn Tage, länger nicht. Ich glaube, ich hatte mein Bett absichtlich nicht gemacht, damit es mehr so aussah, als ob es auf mich wartete. Außerdem wollte ich nach meiner Rückkehr zu einem Jahrgangstreffen gehen; das hatte die ganze Sache mit Natasha erst ins Rollen gebracht.
     Genau wie Natasha - und zugegebenermaßen hunderte von anderen - war ich in der St. Jerome's Prep School, einer Privatschule, die auf das College vorbereitete, mehr oder weniger beliebt, und als 1992 das lang ersehnte letzte Frühjahrstrimester kam, wurde ich zum Jahrgangssprecher gewählt. (Es ging das Gerücht, neben den ernst gemeinten seien auch ein paar satirische Stimmen abgegeben worden, doch ich kann bestätigen, dass die Neuauszählung zwar einen ganzen Nachmittag gedauert hat, das Ergebnis am Ende aber beglaubigt wurde und ich Wahlsieger war.) Als Jahrgangssprecher bin ich für den Rest meines Lebens für Fundraising, Organisation von Jubiläen und dergleichen mehr zuständig, und in dieser überraschenderweise irgendwie lästigen Funktion hatte ich vor kurzem eine Rundmail geschrieben und jeden Einzelnen daran erinnert, dass er zum zehnjährigen Jahrgangstreffen kommen müsse, wenn er nicht für einen totalen Loser gehalten werden wolle, der Angst habe, sich zu zeigen. Oder für eine Loserin. Manche Leute antworteten mit einer Absage oder irgendwelchen Neuigkeiten; die herausstechendste E-Mail kam von Natasha, die schrieb, sie käme vielleicht, vielleicht aber auch nicht.
     Zufällig rief meine Schwester Alice an, kurz nachdem ich diese ungeheuerliche Nachricht bekommen hatte. Es war schön, dass Alice wieder mit mir sprechen wollte, und als eine Art reziproke Geste wiedererlangter Offenheit zwischen uns las ich ihr die E-Mail vor, die die Deutung erlaubte, dass Natasha mich ganz im Ernst einlud, sie in Quito besuchen zu kommen. "Wo liegt Quito?", fragte ich. "Vielleicht fahre ich nämlich wirklich hin."
     Quito (gesprochen: Kieto, für nicht Eingeweihte) liegt in Ecuador, Südamerika. Das sagte Alice, und ich erzählte ihr - nicht zum ersten Mal, behauptete sie -, dass ich von Zeit zu Zeit auf ihre jüngere Bekannte geradezu fixiert gewesen sei. Al unterbrach mich: "Sag mal, Dwight, kann es sein, dass du's irgendwie mit ausländischen Frauen hast?"
     Stimmt, Natasha kam aus Holland. Und Vaneetha stammte aus Indien. Und Vaneetha war eine Frau, neben der ich seit einiger Zeit schlief, ohne dass wir jedoch allzu oft miteinander geschlafen hätten. Andere Körper führten mir in letzter Zeit deutlich das berühmte Problem der anderen Seele vor Augen, und ich hatte das Gefühl, dass eine Frau, die ich kannte, mir nie unbekannter war, als wenn wir uns küssten, falls wir uns küssten, ganz zu schweigen von richtigem, echtem Ficken. "Hm ..., wenn sie fremd sind ..."
     "Ja, Dwight?"
     "... dann ist es irgendwie logischer, dass sie fremd sind."
     Alice, die Natasha sogar ein bisschen ähnlich sah, wenn man darüber nachdachte, was ich lieber nicht tat, gab ein seminachsichtiges Schnauben von sich. Eine halbe Stunde später rief sie aber noch mal an und sagte geheimnisvoll: "Besuch sie. Ich bestehe darauf, Dwight. Besuch sie!"
     "Meinst du wirklich? Wart mal, ich such die Münze", sagte ich und tastete in allen möglichen Hosentaschen nach einer der unausgebbaren Spezialmünzen, die Mom mir geschenkt hatte, damit ich das alte chinesische I-Ging-Orakel befragen konnte, was ich nie tat. Erster Wurf: Kopf. Das und der Segen von Alice sagten mir, ich sollte fliegen. Aber ich warf noch mal und dann ein drittes Mal. Ich wusste, dass das Ergebnis exakter wurde, je mehr Stichproben man nahm. Sollte ich wirklich fliegen? Aber wie sollte man das jemals wissen, bevor man sich auf die Socken gemacht hatte? Alice war immer noch am Telefon, als ich die Münze zum fünften Mal warf. "Du bist echt durchgeknallt", sagte sie.
     "Nicht mehr lange", versicherte ich ihr, und das mit gutem Grund. "Der fünfte Wurf ... ist Kopf", verkündete ich. "Also -"
     "Du machst diesen Scheiß also echt?"
     "- also flieg ich."
     Trotzdem war ich in den fünf Tagen, nachdem ich das Flugticket nach Quito via Bogota gekauft hatte, wie immer von der Wohnung zum Lebensmittelladen gegangen, dann zum Multiplex, ins Restaurant und in den Park, an all die üblichen Orte minus einen, nämlich meinen früheren Arbeitsplatz, und während ich so meine Runden drehte, dachte ich irgendwie so gut wie nie an Natasha.
     Ich hatte die E-Mail bekommen. Dann die Münze geworfen. Und dann war ich rausgeflogen, bei Pfizer. Für einen arbeitslosen, gegenwärtig verkaterten Menschen ergab der bevorstehende Trip sogar noch mehr Sinn. Er war wie eine kleine Phiole voller Bestimmung, die ich jeden Morgen entkorken konnte, um daran zu schnuppern. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was ich mit mir anfangen sollte, wenn meine Ersparnisse erst aufgebraucht und kurz darauf auch der Dispokredit ausgeschöpft sein würde, und vielleicht war das leichtsinnige Geldausgeben für Last-Minute-Tickets in der Finsternis meines Un- oder Unterbewussten eine Mäglichkeit, diese Rechnung zu beschleunigen. Oder aber ich hatte das Gefühl, die Antwort auf die Frage, was ich als Nächstes tun sollte, schwebe wie eine Art platonische Wesenheit jenseits von mir, und ich könnte mich ihr - vielleicht war es sogar Natasha - ganz zufällig annähern, während ich bei Natasha unten in Ecuador war.

Das Fahrgestell wurde mit hydraulischem Keuchen und einem dumpfen Schlag über Bogota ausgefahren.
     Am meisten hatte ich an Natasha wohl immer die Leichtigkeit bewundert, mit der sie sich auf alles Mögliche einstellen konnte. So war es mir und den anderen Typen zumindest vorgekommen, als sie im fünften Schuljahr neu in unsere Klasse kam und das Irokesen- und WASP-Spiel Lacrosse beherrschte, als hötten es die Holländer erfunden; als sie zu einer Dinnerveranstaltung in einem dieser kurzen schwarzen Kleider erschien, wie die New Yorker Society-Schnecken sie tragen; als sie draußen auf den Freaky Fields mit uns zusammen Magic Mushrooms aß, lachte, rumflachste und in Drogengründe abtauchte, als hätte sie jahrelang backstage mit den Greatful Dead abgehangen; und vor allem, wenn sie in ihrem flüssigen, fließenden und praktisch akzentfreien Englisch mit uns sprach. Nur ganz selten entdeckte man eine Spur der Niederlande - fast so aufregend, als wäre ihr Kleid an den Schenkeln ein paar Zentimeter hochgerutscht.
     Doch trotz ihres Talents, sich einzufügen, ist sie meines Wissens niemals der Anpassung beschuldigt worden, die - da war sich ganz St. Jerome's einig - als unverzeihliches Verbrechen galt. (Ich für meinen Teil wurde für unschuldig erklärt, weil ich schon viel zu sehr Popper war: Seit Ewigkeiten trug ich mein braun gewelltes Haar ungefähr so wie Bobby Kennedy, und am allerersten Tag war ich im Rektorat in einem Brooks-Brothers-Hemd und in denselben fein gerippten Levi's-Cordhosen aufgekreuzt, die ich heute ein paar Nummern größer immer noch trage, und schon im ersten Prep-School-Jahr besaß ich dank Alice eine ansehnliche Sammlung von Dead-Tapes.) Aber was Natasha anging: Trotz dieser ganzen Anpassung blieb sie irgendwie würdevoll und distanziert. Sie war beliebt, gehörte aber zu keiner festen Clique, und sie hatte sehr klare und erstaunliche Ansichten, insbesondere über Euthanasie, legalisierte Prostitution und Methadon. Und soweit wir wussten, war sie nie weiter gegangen, als jemanden zu küssen.
     An das letzte Frühjahr in St. Jerome's erinnere ich mich gern als an eine Zeit des minderjährigen Alkoholgenusses, der vorweggenommenen Nostalgie und des Nacktbadens in Seen, auf deren Oberflächen Unmengen hauchfeiner Tupfen von Wolfsmilchpollen schwammen, wie kleine Wolken, die eingestürzt und auf die Erde hinuntergezogen worden waren. Einmal saßen Natasha und ich auf dem Damm am Long Pond, Wasser floss uns zwischen die Schenkel und um sie herum, und wir reichten den verbotenen Flachmann des Anstoßes hin und her. Wir einigten uns darauf, dass wir uns vielleicht besser kennen lernen wollten. Dann machten wir unsere Abschlüsse, und Natasha ging genau wie Alice - und ich nicht - auf die elitäre Yale University. (Mein Diplom, cum nada, vom Eureka Valley College in Kalifornien hängt im Gegensatz zu dem von Alice via Yale und ihrem Doktortitel von der Columbia nicht über Dads Schreibtisch.) Egal; nach allem, was ich von Alice hörte oder mir selbst ausmalte, muss Natasha auch die ganze Collegezeit hindurch diese bemerkenswerte Verbindung von Teilnahme und Zurückhaltung aufrechterhalten haben, und noch immer küsste sie nicht viele Leute.
     "Das Mädel ist ganz offensichtlich lesbisch", meinte Alice, immer noch am Telefon.
     "Vielleicht ist sie ja bloß schüchtern."
     "Sie machte aber nie den Eindruck, als sei sie schüchtern, Dwight."
     "Na ja, ich ja auch nicht", hielt ich dagegen.
     Aus irgendeinem Grund verstrickte ich mich immer in Selbstbetrachtungen, wenn ich an Natasha dachte.
     Jetzt setzten die Reifen mit einem leisen Aufschrei unterdrückten Schmerzes auf der Landebahn auf. Der Asphalt dampfte und war mit roten und weißen Lichttröpfchen übersät. Ich sah mich um, nickte allen zu und nahm erfreut zur Kenntnis, dass wir noch mal Glück gehabt hatten.
     "Sie sind froh, wieder unten zu sein, was?", sagte der Anzugmensch auf dem Nebensitz.
     Da ich ihn nie wieder sehen würde, konnte ich ehrlich zu ihm sein: "Eigentlich hasse ich Zwischenländer." Ich wollte Zwischenlandungen sagen, aber ich hatte den ganzen Tag noch kein Wort gesprochen.
     Der Typ runzelte die Stirn und deutete ein Nicken an. "Ja, ich glaube, Kolumbien ist irgendwie ... ja. Trotzdem, ein gutes Land für Investitionen. Die Leute wollen Arbeit. Und es gibt keine Scherereien mit den Gewerkschaften."
     "Wie nett." Und auch ich war so nett in diesem Moment! "Und weshalb?"
     Mit einer Geste gab er mir zu verstehen, dass es ein bisschen hieran und ein bisschen daran lag. "Alles Gute", sagte er, stand auf und holte seine Aktentasche aus dem Gepäckfach über uns. Mir fiel auf, wie vorsichtig, ja bedächtig er esöffnete. Denn es stimmt, was man über den Inhalt sagt - er kann sich während des Flugs verschieben.
     Die frei gewordenen Sitze hatten sich bald mit Passagieren gefüllt, die nach Quito weiterflogen, und die Flugbegleiterinnen sagten wieder ihr Sprüchlein auf, erst auf Englisch, dann auf espa-ol. Ich hatte nie habla espa-ol gelernt, auch nicht das kleinste poquito. Ich hatte mich stattdessen für Französisch entschieden; wahrscheinlich, weil es so aussah, als kännte ich das schaffen. In ungefähr einer Stunde war ich auf Gedeih und Verderb der Spanisch sprechenden Natasha ausgeliefert.
     Oder dem Joker, wie wir sie damals auch nannten. Sie hatte so ein unglaubliches Lächeln: ein tiefer Comicfiguren-Halbmond zwischen den Klammern ihrer Grübchen, und irgendjemand - okay, ich war's - war mal auf die Idee gekommen, sie den Joker zu nennen. Der Name blieb hängen, und wir, die Jungen, hatten ihn manchmal als Kosewort benutzt, sogar in ihrer Gegenwart. Sie nahm den Spitznamen gelassen lächelnd an, genau wie anscheinend auch alles andere.

Teil 2