Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Attia Hosain: Licht auf zerborstenen Säulen. Teil 2

14.09.2006.
Zahra kam Onkel Mohsins Aufforderung nach; er zog sie zu sich heran und rieb sein Kinn an ihrer Wange, so daß sie aufschrie: "Du hast dich nicht richtig rasiert!"
     Sein Lachen klang fett und honigsüß, seine Augen waren frech und rotgesprenkelt. Er saß den anderen gegenüber in einem Sessel und streckte seine gekreuzten Beine weit von sich; feine weiße Baumwollhosen umspannen seine Muskeln: eng an den Waden, locker an den Fesseln zusammengehalten, an den Säumen sorgfältig handgenäht. Er hatte die Angewohnheit, beim Sprechen mit einem Fuß so schnell zu wippen, daß er fast aus den schwarzsamtenen, goldbestickten Schuhen schlüpfte.
     Tante Majida, ein umfangreiches, loses, in einen grauen Schal gewickeltes Bündel, zerkleinerte nervös Betelnüsse; sie hatte eine gerötete Nase, und ihre Augen waren feucht von frisch vergossenen Tränen. Ihre Stirn war breit und ruhig, doch ihr Mund sah furchtsam aus und zitterte, und ihre Wangen wurden durch deprimierte Linien nach unten gezogen.
     Zahra saß neben ihrer Mutter und spielte mit einem der geschnitzten Holzkegel, die an den Ecken des Diwans angebracht waren, um das darüber gespannte weiße Tuch festzuhalten.
     "Und jetzt, nachdem wir dir deinen absurden Wunsch erfüllt haben, Abida", sagte Onkel Mohsin, "und die Mädchen da sind, können wir jetzt mit deiner Erlaubnis unser Gespräch fortführen?" Seine Stimme erinnerte an das Bild eines eitlen Mannes, der sich selbst im Spiegel zulächelt.
     "In Gegenwart von Respektspersonen brauche ich nicht um Erlaubnis gefragt zu werden", antwortete Tante Abida kühl, "aber deine Definition des Begriffes :absurd9 und meine liegen gewiß weit auseinander, Onkel Mohsin."
     "Zweifellos! Wie könnte ich die Gedanken einer Kennerin der persischen Dichtung und der arabischen Theologie verstehen, die mit modernen Ideen infiziert ist?" meinte Onkel Mohsin sarkastisch - ich hörte, wie Tante Abida scharf Luft holte.
     Obwohl Onkel Mohsin der häufigste Besucher unter den männlichen Verwandten war, die Zugang zur Zenana hatten, bemerkte ich mit Vergnügen, wie gleichgültig, ja geradezu feindselig Tante Abida ihn behandelte. Bezeichnenderweise hatte Zahra herausgefunden, daß er in seiner Jugend Tante Abida gern geheiratet hätte.
     "Mohsin", bat Tante Majida, "es führt zu nichts, wenn du die Geduld. verlierst. Ich habe Kopfschmerzen, und wenn ich denken muß, tut es noch mehr weh!"
     Tante Majida hatte ständig Kopfschmerzen - Denken war immer mit Schmerz verbunden.
     "O Allah, Rahman und Rahim!" seufzte Onkel Musa und sagte mit geschlossenen Augen: "Ich habe vieles während meines langen Lebens gesehen, und wer sonst als der Allmächtige kennt die richtige Definition von irgend etwas? Er läßt uns irren, um unseren Hochmut zu brechen, damit wir seine Erlösung vom Irrtum erfahren können. Nur der Tod ist gewiß."
     Einen Augenblick schwiegen alle; Onkel Musa war so alt - der Tod war wohl seiner Gesellschaft überdrüssig und zu Baba Jan übergegangen, dessen vitales Alter eine Herausforderung darstellte. Ich schaute Zahra an, um ihr meine Verwirrung mitzuteilen, aber sie blickte sittsam zu Boden, sie kannte das Geheimnis.
     Onkel Mohsin zwirbelte die feinen Spitzen seines Schnurrbarts und bearbeitete den Teppich mit seinem Stock, der einen silbernen Knauf hatte.
     "Ich betrachte alle Dinge als absurd, die sinnlos sind", sagte er, als ob Onkel Musa nicht gesprochen hätte. "Soll das Mädchen vielleicht über ihre Verwandten urteilen? Deren Fähigkeit auszuwählen in Zweifel ziehen? Ihr Urteil in Frage stellen? Ihren Ehemann selbst aussuchen?"
     Tante Abidas bleiche Lippen zitterten, als sie sprach: "Nein, Onkel Mohsin, nichts dergleichen, ich habe weder die Macht noch den Willen dazu, denn ich gehöre nicht in diese Zeit. Aber ich lebe in ihr: Die Mauern dieses Hauses sind hoch genug, aber sie umgeben keinen Friedhof. Das Mädchen kann seinen Ehemann nicht selbst wählen, sie hat weder die Erziehung noch die Gelegenheit ..."
     "Möchtest du es denn anders haben?" unterbrach er sie.
     Sie ignorierte ihn und fuhr fort: "Aber sie kann dabei sein, wenn wir die Wahl treffen, unsere Argumente hören, unsere Gründe erfahren, so daß sie später einmal unsere Fähigkeiten nicht anzweifeln und unsere Entscheidungen nicht in Frage stellen kann. Das ist das wenigste, was ich tun kann", fügte sie bitter hinzu.
     "Wir würden nicht hinter ihrem Rücken intrigieren, auch wenn sie nicht dabei wäre. Unsere Eltern und Verwandten hielten unsere Anwesenheit nicht für notwendig, und wir vertrauten ihnen. Dieses System war gut genug für sie und für uns auch", sagte er ärgerlich.
     "Wirklich?" Tante Abida war ebenso verärgert wie er.
     Onkel Mohsins Augen glühten und flackerten.
     In diesem Moment des Zögerns konzentrierte sich sein gescheitertes Leben. Sogar wir Kinder kannten die Geschichten über ihn und die "Tänzerinnen" der Stadt. Das älteste seiner vier Kinder, eine Tochter, war so alt wie wir; sie gehorchte mürrisch einem Vater, den sie selten sah, und haßte ihn um ihrer Mutter willen. Die Mutter, eine pessimistische, kränkelnde Frau von ramponierter Schönheit, die um Liebe bettelte, sah ihren Mann nur gelegentlich und bekam nach jedem seiner seltenen Besuche zu Hause wieder ein Kind. Er lebte in der Stadt, bei Freunden oder Verwandten, hatte einen großen und einflußreichen Freundeskreis, zog sich gut an, schrieb Gedichte, war ein Experte für klassische Musik und Tanz und arbeitete nie.
     Ich mochte ihn nicht.
     Seine Augen suchten nach einer Reaktion, aber Onkel Musa zählte seine Gebetskugeln, Tante Majida zerschnitt Betelnüsse und schniefte.
     "Schau, Abida", begann er aggressiv, aber nicht mehr ganz so selbstsicher, "ich bin nicht hierhergekommen, um mit dir zu streiten. Ich bin mit einem Angebot gekommen, das ihr zurückweisen oder annehmen könnt; aber ich will eine Antwort, und das bald. Baba Jans Zustand ist uns allen bekannt. Wir müssen für diese Mädchen Pläne schmieden und daran denken, was nach seinem Tod aus ihnen wird, Gott behüte."
     "Was wird mit ihnen? Was wird mit uns allen?" jammerte Tante Majida. "Schaut mich an, eine Witwe, und mein Kind, eine Tochter ohne Vater. Wohin sollen wir gehen? Und Abida, noch immer nicht verheiratet! Unser Vater hat nie jemanden gut genug für sie befunden und einen guten Antrag nach dem anderen abgewiesen. Was soll jetzt aus ihr werden, wenn er sie so grausam im Stich läßt? Und was soll aus uns werden? " Sie schluchzte, und Zahra klammerte sich weinend an sie.
     Tante Abidas Hände zitterten, als sie ihren Schal über den Kopf zog und sich ihrer Schwester zuwandte: "Sei nicht so laut", sagte sie mit müder Stimme, "Vater schläft."
     Ich fröstelte.
     Tante Majida wischte Augen und Nase mit einer Ecke ihres Schals und stöhnte: "Was für ein armes, unglückseliges Wesen bin ich doch!"
     "O Rahman, o Rahim!" flüsterte Onkel Musa.
     Onkel Mohsin räusperte sich ungeduldig, spielte mit seinem Stock und sagte: "Ihr müßt jetzt an die Zukunft denken. Zahra ist siebzehn und bereit zu heiraten. Ich habe euch einen Antrag mitgebracht, und ihr müßt zu einem Entschluß kommen. Wen wollt ihr noch um Rat fragen? Euer Vater ist krank; euer Bruder ist nicht hier, Musa und ich ..."
     "Hamid wird bald nach Hause kommen", unterbrach ihn Tante Majida.
     "Wird das einen Unterschied machen? Er ist englischer als ein Engländer, er wird keine Verantwortung übernehmen."
     "Trotzdem muß er gefragt werden; es wäre nicht richtig, das nicht zu tun", beharrte sie eigensinnig.
     "Aber natürlich wird er gefragt, damit er nicht in seinem Stolz gekränkt wird. Aber die Entscheidung kann vorher getroffen werden. Es ist nicht einfach, einen passenden jungen Mann zu finden, und wenn du dir diese Gelegenheit entgehen läßt - wie lange willst du Zahra am Halse haben, bei deiner ungesicherten Zukunft?"
     Das Stöhnen ihrer Schwester wurde durch Tante Abidas scharfe Antwort unterbrochen: "Du redest, als ob wir ein neues Pferd für die Kutsche aussuchen wollten."
     "Meine liebe Abida, Pferde werden heutzutage mit mehr Sorgfalt ausgesucht als Ehemänner. Es ist Mode, die Herkunft eines Menschen herabzusetzen, während man für den Stammbaum von Pferden oder Hunden ein Vermögen zahlt. Bald werden wir uns für unsere Abstammung und Erziehung entschuldigen müssen, anstatt stolz darauf zu sein. Obwohl du darauf bestanden hast, diese Diskussion als eine lächerliche Szene aufzuziehen, mit den Mädchen als Publikum, bin ich sicher, daß Zahra das tun wird, was ihre Verwandten beschließen. Sie ist nicht nach westlichen Prinzipien erzogen worden; obwohl ich erfreulicherweise sehe, daß sich einiges geändert hat und deine junge 'Memsahib' nicht mehr wie eine Christin herumläuft."
     Der kalte Stein in mir war nun wie glühendes Blei. Tante Abida legte ihre Hand auf meine, und ihre Stimme klang scharf wie ein Eissplitter:
     "Wie Laila sich kleidet oder was sie tut, steht hier nicht zur Debatte."
     Tante Majida sagte vorwurfsvoll: "Mohsin, Laila ist so erzogen worden, wie ihr Vater es gewollt hätte. Abida hat die Wünsche ihres geliebten Bruders ausgeführt, wie es selbst eine Mutter nicht besser hätte tun können, wenn sie es erlebt hätte, das Kind heranwachsen zu sehen. Sogar unser Vater respektierte die Anschauungen seines Sohnes und setzte seine eigenen hintan; daher hast du weiß Gott kein Recht, das zu kritisieren."
     Onkel Mohsin polterte los: "Ich habe das Recht zu sagen, was ich für richtig halte. Ich rede nicht hinter dem Rücken der Leute das ist mein Problem, ich bin zu ehrlich! Ich sage, was ich meine, weil ich meine Familie liebe und mir Sorgen um sie mache. Ich möchte, daß meine Nichten keiner Versuchung ausgesetzt werden. Schließlich ist Zahra anders, richtig und vernünftig erzogen worden."
     Tante Abidas Stimme überschlug sich vor Ärger: "Ich habe dir gesagt, daß ich diese Angelegenheit nicht mit dir diskutieren möchte, Mohsin."
     Und Tante Majida fügte mit einem Blick voller Stolz auf die bescheidene Zahra hinzu: "Das ist nicht der Moment für Streit. Es ist wahr, ich habe das Beste, was ich mit meinem geringen Wissen tun konnte, für Zahra getan. Sie hat den Koran gelesen, sie kennt ihre religiösen Pflichten; sie kann nähen und kochen, und in der Schule hat sie ein wenig Englisch gelernt, wie das die jungen Männer heute verlangen. Ich habe getan, was ich konnte, und du weißt, daß ich in meinen unglücklichen Verhältnissen nicht mehr tun konnte, auch wenn ich es gewollt hätte."
     Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen; sie flossen so bereitwillig, daß sie jede Bedeutung verloren hatten und nur noch entfernt an eine Klage erinnerten, weil deren Inhalt durch ständige Wiederholung verlorengegangen war.
     Es war fünfzehn Jahre her, seit Tante Majidas Mann sie verlassen hatte, um den Heiligen zu dienen, für deren Grabstätten und Wohltätigkeitseinrichtungen er sein Vermögen geopfert hatte; dieses Vermögen hatte zu seinen Vorzügen gehört, als Baba Jan ihn zum Schwiegersohn wählte. Vor sechs Jahren war er gestorben, ein sanfter Irrer, besessen von seiner Liebe zu Gott. Während dieser sieben Jahre hatte Zahra ihn in einen Heiligen verwandelt, und das lieblose, einsame Leben ihrer Mutter wurde eine Opfergabe für Gott.
     "Verdammt!" schrie Onkel Mohsin und spuckte ärgerlich dicken roten Betelsaft in den großen Spucknapf aus Messing neben seinem Sessel. "Wollt ihr wohl zum Thema zurückkommen und mich nicht in Streitereien hineinziehen?"
     "Wie alt ist der junge Mann, sagtest du?" fragte Tante Abida kühl und schob ihren Ärger beiseite.

Teil 3

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