Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Alka Saraogi: Umweg nach Kalkutta. Teil 1

28.08.2006.
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Kali-katha (1): 1997


Es war in Kalkutta (2), wo Kishor Babu die Landsdowne Road vor dem 'Golden Harvest', dem neuesten und teuersten Restaurant der Stadt, berquerte, ohne auf den Verkehr zu achten, auf die vielen vorbeirasenden Autos, Busse und Kleinbusse mit ihren erstickenden Auspuffgasen, ihren durchdringenden Hupen und kreischenden Bremsen.
     Wer Kishor Babu nicht kannte, hätte das sicher nicht besonders aufregend gefunden, doch als seine Verwandten und Bekannten davon hörten, erschraken sie bei der Vorstellung, daß er sein Leben so leichtsinnig aufs Spiel gesetzt hatte. Sie erschauderten vor Entsetzen, versanken in tiefes Grübeln, am Ende meinten sie schließlich' "Da hat er wie durch ein Wunder Glück gehabt."
     Dieses unerwartete und seltsame Verhalten eines Mannes wie Kishor Babu, der trotz seiner mehr als siebzig Jahre geistig so wach und rege war, wie höchstens noch der über achtzig Jahre alte Ministerpräsident von Bengalen, Jyoti Basu, wirkte durchaus beunruhigend auf alle, die ihn kannten.
     Wie konnte er sich in eine derartige Gefahr begeben, und das auch noch ohne einen ersichtlichen Grund!
     Der Grund dieses absurden Zwischenfalls war in Wirklichkeit etwas ganz Gewöhnliches, was ziemlich oft in einem der Krankenhäuser Indiens vorkommt.
     Als Kishor Babu aus der Narkose erwachte, nachdem ihm im renommiertesten Krankenhaus Kalkuttas ein Bypass gelegt wordenwar, stellte er fest, daß ihm der Hinterkopf heftig schmerzte. Erst nachdem man ihm den Tubus entfernt hatte, der ihm das Atmen ermöglichte, und er den Ärzten und Schwestern, die seine Gesten und Zeichen bis dahin völlig ignoriert hatten, endlich seine Beschwerden kundtun konnte, stellten diese fest, daß sich an seinem Hinterkopf, genau über dem Hals eine große Beule gebildet hatte - offenbar durch einen Pfropfen geronnenen Blutes. Man nahm nun an, daß er sich unter Narkose, als man ihn beim Rücktransport ins Krankenzimmer vom Operationstisch auf die Trage gehoben hatte, an einem eisernen Gegenstand gestoßen hatte. Aber, wie so häufig, hatte man einen solchen Vorfall einfach übersehen und dieser Beule keinerlei Beachtung geschenkt. Und die Beule am Kopf schmälerte in keiner Weise die Freude, nach so einer großen Operation wieder lebendig nach Hause zurückkehren zu können.
     Abgesehen von der Beule, wurde Kishor Babu allmählich wieder völlig gesund. Nur, auf einmal veränderte sich sein Verhalten von Grund auf.


2

"Irgendwo im Norden"


Nachmittags ging Kishor Babu nun täglich Punkt vier Uhr aus dem Haus und streifte stundenlang allein durch die Straßen. Vorher wäre es Kishor Babu nicht einmal in den Sinn gekommen, irgendwohin zu Fuß zu gehen, höchstens, um im Park am VictoriaMemorial kurz Luft zu schnappen. Stets hatte er äußerst verächtlich auf die Fußgänger in den Straßen herabgeblickt. Die Verwandten und Freunde, die keinAuto besaßen, hatte Kishor Babu nicht einmal gegrüßt.
     Kishor Babus neue Angewohnheit, in den Straßen herumzubummeln, beunruhigte seine Frau und seine Kinder derart, daß sie sein Gehirn durch neueste und kostspieligste Methoden untersuchen ließen - sie vergeudeten für eine Kernspintomographie Tausende Rupien, aber nichts kam dabei heraus. Sie stellten ihn den bekanntesten Spezialisten vor, doch auch das führte zu keinem Ergebnis, denn einige der Ärzte sahen keine Krankheit darin, durch die Straßen zu schlendern. Sie meinten, daß diese Spazierg nge auf die erhöhte Blutzirkulation im Körper zurückzuführen und deshalb ganz natürlich sei.
     Aber all diese Ärzte waren - so die Familie - Emporkömmlinge, die sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hatten. Deshalb wählten Kishor Babus Frau und seine Kinder jetzt nur noch Ärzte aus, die schon von klein an im eigenen Wagen in den Kindergarten gefahren worden waren. Erst sie begriffen den Ernst der Lage, verschrieben Kishor Babu verschiedene Medikamente und schickten ihn zu einem Psychiater, der ein Auto besaß. Doch Kishor Babu gab seine Unart, zu Fuß durch die Straßen zu streifen, nicht auf.
     Je höher manche Familien auf der sozialen Stufenleiter nach oben steigen, um so stärker haben sie das Verlangen, ihre Vergangenheit reinzuwaschen, genauso wie moderne Mütter dafür sorgen, ihre Kinder möglichst steril großzuziehen. Kishor Babu hatte es einmal als die 'neue Unberührbarkeit Indiens' bezeichnet, als ihm seine älteste Tochter bloß wegen eines Hustens nicht erlaubte, seine Enkelin in die Arme zu nehmen. Wie auch immer, das ist nur eine nebensächliche Anekdote. Es ging um nichts geringeres als darum, die gesamte Familiengeschichte zu bereinigen.
     Kishor Babus Familie hatte, um sich von den aus der Erinnerung an ihre Geschichte herrührenden Übeln zu befreien, sehr erfolgreiche Rezepte angewandt. Man kann sie folgendermaßen aufzählen:
     1. alte Dinge vergessen
     2. neue Tatsachen schaffen
     3. eine neue Ausdrucksweise annehmen
     4. Porträts prunkvoll bekleideter Ahnen in prächtigen vergoldeten Rahmen aufhängen; und mit den Ahnen dann Geschichten verbinden, die mit berühmten Persönlichkeiten und Ereignissen im Zusammenhang stehen
     5. alte Möbel, alten Schmuck und Standbilder kaufen.
     Kishor Babus Manie, als eine Art 'Sarakmap' (Straßenmesser) - im Englischen nennt man das 'Tramp' und in Bengali 'Bhawghure' - umherzuschlendern, stellte seine Familie im Hinblick auf ihre Familiengeschichte nun vor einige peinliche Probleme. Seine Töchter, die jetzt in Ballygunge wohnten, pflegten die Zeit, als sie noch im Burra Bazar lebten, als 'Somewhere in the North', also als 'Irgendwo in Nord-Kalkutta' zu bezeichnen. Dazu ist zu sagen, daß seit der Zeit, in der die Engländer Kalkutta besiedelten, die Stadt in den Norden und in den Süden, das heißt in das einheimische und in das europäische Kalkutta geteilt war. Nachdem die Europäer nach der Unabhängigkeit Indiens in ihre Heimat zurückgekehrt waren, stieg man als Bewohner des Südens im Status nach und nach auf. Aus diesem Grund hätten sich Kishor Babus Töchter nicht einmal im Traum vorstellen können, in Nord-Kalkutta verheiratet zu werden. Sie rümpften schon die Nase, wenn vom Burra Bazar die Rede war.
     Nun, da Kishor Babu ein 'Sarakmap' - in manchen anderen Sprachen auch 'Sarakchap' (Straßenstempler) genannt - geworden war, holte er die Geschichte seiner Familie wieder aus dem Vergessen hervor, jene Zeit also, in der sie Bewohner dieses engen, dicht besiedelten Stadtteils waren, in demes nur so von Rikschas und Handkarren wimmelte, und wo es ständig zu neuen Streitereien kam. Als die Ärzte und andere Leute wissen wollten, ob Kishor Babu bereits in seiner Kindheit die Gewohnheit gehabt hatte, zu Fuß durch die Straßen zu laufen, blickten seine Kinder nervös auf ihre Mutter. Diese begriff die Peinlichkeit des Augenblicks und erklärte, daß Kishor Babu im Jahr vor ihrer Heirat von einem Fakir berichtet hatte, der durch einen Schlag auf den Kopf verrückt geworden sei. Der war dann, mit einem mit unzähligen Bündeln behangenen Stock auf der Schulter und in Lumpen gehüllt, in Kalkuttas Gassen umhergelaufen und hatte irgendwelche Reden geschwungen. Ja, fiel ihr dann noch ein, und oben an diesem Stock flatterte stets ein dreifarbiger Wimpel.
     Noch bevor Kishor Babus Psychiater eine Schlußfolgerung aus dieser Sache ziehen konnte,warf der Sohn mit erregter Stimme ein, daß er dieser Tage genau solch einen Menschen in der Gegend um die Lansdowne Road habe umherlaufen sehen: "Ist der nicht bis auf die Knochen abgemagert, schwarz und hochaufgeschossen? Mit ganz wirrem langem Haar, einem Gesicht voller Falten und einem Bart? Und Augen wie glühende Kohlen? Und seine Dhoti hängt ihm bis auf die Oberschenkel herab?" Kishor Babus Sohn stellte seiner Mutter Fragen über Fragen. Aber sie konnte darauf keine Antwort geben, denn Kishor Babu hatte ihr von jenem Fakir ja nur vage erzählt. Sie selbst hatte ihn niemals mit eigenen Augen gesehen. Ja, fiel ihr dann noch ein, er hätte immerzu so unsinniges Zeug gerufen wie: "Hindus und Muslime, seid einig."
     Kishor Babus Sohn erzählte nun die Geschichte, die er erlebt hatte: "Ich habe doch nie weiter auf diesen Verrückten geachtet. Aber was passiert mir da? Ist doch dieser Verrückte da ganz in der Nähe der Lansdowne Road unter mein Auto geraten. Mein neuer 'Maruti'(3), den ich gerade gekauft hatte, kam natürlich gleich zum Stehen, als ich auf die Bremse trat. Sonst wäre dieser Verrückte noch am selben Tag ein Liebling Gottes geworden. Und was macht da dieser Verrückte? Er starrt mich wutentbrannt an und fragt in reinstem Englisch: 'Do you think, you own this road (Du denkst wohl, dir gehört diese Straße)?' Ich war derart verblüfft, als dieser verrückte Fakir Englisch sprach, daß ich kein einziges Wort herausbrachte. Da rückte dieser Irre den dreifarbigen Wimpel am Stock über seinem Kopf, der sich verdreht hatte, zurecht und marschierte in Richtung Gurusaday Road davon."
     Die Sache verwirrte sich nun nochmehr. Kishor Babus Psychiater hegte starke Zweifel an der Geschichte, die der Sohn seines Patienten da erzählte. Die Heirat Kishor Babus lag nun schon ganze fünfzig Jahre zurück - sie hatte am 15. Juli 1947, genau einen Monat vor der Erringung der Unabhängigkeit, stattgefunden. Wie sollte es denn da möglich sein, daß dieser halbnackte Verrückte, der vor fünfzig Jahren auf den Straßen umherlief, jetzt noch lebte und sich immer noch genauso aufführte? War diese Familie vielleicht schon seit Generationen vom Wahnsinn befallen? Wollte dieser junge Mann etwa alles so hinstellen, als sei sein Vater durch einen Schlag auf den Kopf verrückt geworden, oder wollte er vielleicht mit seinem Verdacht, daß jener Verrückte noch lebte, etwa beweisen, daß darin der Grund für Kishor Babus seltsame Veränderung liege?
     An mehr als fünf Fingern von Kishor Babus Sohn funkelten mit unterschiedlichsten Steinen besetzte Ringe. Der Psychiater stellte fest, daß er dabei war, den Sohn statt des Vaters zu diagnostizieren. Es war nicht ausgeschlossen, daß auch Kishor Babus Töchter so ihre Zweifel im Hinblick auf ihren Bruder hatten, aber die ganze Angelegenheit kam ihnen sehr gelegen, umaus der Marotte ihres Vaters eine äußerst geheimnisvolle Angelegenheit zu machen. Sie wurden lange Zeit nicht müde, all ihren Bekannten die verschiedensten Geschichten über diesen verrückten Fakir zu erzählen.
     Doch Kishor Babu behielt seine Gewohnheit, in der Stadt herumzubummeln, bei. Mit der Zeit hörten die Familienangehörigen auf, sich darüber Gedanken zu machen, und sahen es nun als eine Wendung des Schicksals. Manchmal zeigte seine Frau irgendeinem Pandit das Geburtshoroskop ihres Mannes und gab Spenden oder ließ eine Puja lesen.
     Eines Tages jedoch fand sie ein von Kishor Babu in der Nacht beschriebenes Blatt Papier. Sie las und versteckte es. Sie wollte es ihren Kindern nicht zeigen, denn das hätte sie nur in unnötige Aufregung versetzt. Auf diesem Blatt hatte Kishor Babu in seinen schönen runden Buchstaben auf verworrene Art die Lansdowne Road beschrieben. Ein Grund ihrer Sorge war, daß auf der Lansdowne Road, die jetzt in Sarat Bose Road umbenannt worden war, also den Namen von Neta-jis(4) älterem Bruder trug, ihre älteste Tochter wohnte. Würde die Tochter diese Beschreibung lesen, wäre sie sehr verärgert darüber, daß ihr Vater um seiner Marotte willen von allen Straßen in Kalkutta ausgerechnet die ausgewählt hatte, in der sich das Haus ihrer Schwiegereltern befand.      Schon von klein an hatten die Kinder ihren Vater seiner Disziplin, seiner Strenge und seines Despotismus wegen hinter seinem R cken als 'Hitler' bezeichnet. Doch wie viele Qualen sie auch wegen dieser 'Hitlerei' ihres Vaters ertragen mußten, noch viel mehr quälte es sie nun, daß ihr Vater jetzt wie ausgewechselt schien. Die jüngste Tochter und den Sohn ausgenommen, hatten sich alle vier anderen Töchter in ihrem Leben das 'Hitlerhafte' ihres Vaters angeeignet. Von Kindheit an hatten sie den Spruch ihres Vaters 'I am the monarch of all I survey' (Ich bin der Herr über mein Reich.) auch zu ihrer Devise gemacht.
     Für diese vier war es eine schreckliche Erfahrung zu sehen, wie der Halt ihres Lebens, ihr Vater, sich in einen ganz gewöhnlichen Menschen verwandelte. Sie stellten fest, daß sich der Griff, der ihr Leben fest zusammengehalten hatte, lockerte. Kishor Babus Frau hatte nur eine sehr vage Ahnung von all diesen Komplikationen. So verbarg sie das Blatt mit der Beschreibung der Lansdowne Road ganz unten im Schrank, in den Falten ihrer Saris.

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(1) Kali-katha' ist ein Wortspiel, das auf dem Gleichklang der Aussprache beruht: 'Kali-katha' heißt eigentlich 'Geschichte der Kali', also der Göttin Kali, die für Kalkutta, die Hauptstadt des Bundeslandes Westbengalen, eine bedeutende Rolle spielt und ihrem Namen zugrundeliegt. Außerdem deutet die Bezeichnung 'Kali-katha' auch auf das 'Kaliyug(a)' hin, das vierte und schlechteste Weltzeitalter in der indischen Mythologie.
(2) Kalkutta: eigtl. 'Kalkatta', jetzige Schreibweise des Namens dieser Stadt: Kolkata; sie wurde 1690 von den Engländern gegründet.
(3) Maruti: Name für den Pkw einer indo-japanischen Firma, abgeleitet von 'Marut', dem Gott des Windes.
(4) Neta-ji: 'verehrter' Führer; Beiname von Bose, Subhash Candra.

Teil 2

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