Vorgeblättert

Leseprobe zu Yoram Kaniuk: 1948. Teil 1

14.01.2013.
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Eines schönen Tages im Oktober 1947 war das Meer spiegelglatt, und wir gingen zu mehreren zur amerikanischen Bar am Herbert-Samuel-Platz, um ein Sundae Special am Meer zu essen. Plötzlich wurden wir von der Hassan-Bek-Moschee im Süden beschossen. Die Leute in der amerikanischen Bar versuchten sichtlich erschrocken zu orten, woher die Schüsse kamen. Meine Freunde waren offenbar geflüchtet, und ich erstarrte vor dem Grundstück, auf dem heute der Opern-Turm steht. Wieder hörte man Schüsse knallen, ich sah ein Fenster in die Brüche gehen, und im selben Moment kam ein Mann aus dem damaligen arabischen Viertel Manschije angerannt. Ein hebräischer Polizist, der den entsetzten Mann erblickte, rief: Das ist der Arabusch, der geschossen hat. Und dann lief er weg, um sich im Treppenhaus neben dem Fotoatelier von Dudi Henyo zu verstecken, der zwanzig Jahre lang Idioten ablichtete, die vor dem Hintergrund seiner hängenden Papierdschungel schön aussehen wollten. Aber fürs Gemüt fotografierte er zwanzig Jahre lang Sonnenuntergänge an ein und demselben Strand zur selben Stunde, und keine seiner Fotografien ist erhalten geblieben.

Der Araber blieb wie angewurzelt stehen, und schon packte ihn eine Hünin mit zerzausten Haaren, die einen fast vollen Eisbecher wegwarf, um sich mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Sie spuckte ihn an und schrie auf Rumänisch, er werde im Leben nicht mehr vom Minarett der Hassan-Bek-Moschee schießen. Danach schrie sie dasselbe noch mal auf Deutsch, damit er es besser verstand. Ich wollte ihm helfen. Er weinte und flehte und beteuerte auf Hebräisch, er habe nicht geschossen, sei nur irrtümlich hineingeraten, und ich glaubte ihm, so elend und verwirrt und bedauernswert, wie er aussah, aber die andern wollten ihm nicht glauben. Sie hatten einen veritablen Feind in Händen. Noch mehr Passanten kamen dazu, warfen ihr Eis auf den Gehsteig und fingen an, den Araber zu schlagen und zu treten. Er wimmerte, und sie verprügelten ihn wegen all dem, was er ihnen in der Diaspora angetan hatte. Ich versuchte, mich schützend auf ihn zu legen, merkte, wie er zitterte und zappelte und aus der Nase blutete, erntete aber nun selber Schläge und Flüche von dem hebräischen Polizisten, der sich aus seinem Versteck getraut hatte. Er stieß mich und schrie, ich solle den Scheißaraber loslassen, denn der sei bloß angekommen, um mich umzubringen, die seien doch nur dazu geboren, uns abzuschlachten, und ich sagte, ich hätte nicht gesehen, dass er mich umbringen wollte, aber der Polizist versetzte mir eine Ohrfeige und schrie: Was denn, haben Sie nicht die Leute gesehen, die hier tot umgefallen sind? Was sind Sie für ein Flachkopf. Die Umstehenden misshandelten den armen Mann weiter und verlachten mich, ich würde dem Arabusch den Arsch ablecken, aber ich ließ nicht locker. Der Araber röchelte, und zum ersten Mal im Leben sah ich einen Menschen sterben. Ich sah, wie ihm das Leben durch Mund und Augen austrat, aus Augen, die trübe wurden, hervorquollen und nichts mehr sahen, und wie er zu röcheln aufhörte und starb.

Ich ging nach Hause. Triefte am ganzen Leib von dem Blut des ersten Toten, den ich gesehen hatte, eines bedauernswerten Arabers, der elend wirkte, aber auch wie ein kleiner Sieger. Später, im Krieg, habe ich nicht wenige Araber umgebracht und viel Blut gesehen, aber das war mein erster Toter, und er musste grundlos sterben. Die Täter dachten sicher, sie würden den biblischen Amalek schlagen, man könnte den See Genezareth mit dem Blut des Arabers füllen. Ich kam niedergeschlagen nach Hause. Meine Mutter Sarah tröstete mich, und mein Vater Mosche sagte, hier geht's wild zu, so ist das in Palästina. Ich trat auf den Balkon. Ein Schiff fuhr schwankend zum Tel Aviver Hafen. Vom Grundstück unten stieg Lagerfeuergeruch herauf. Die Gestalt des Cousins meines Vaters vermengte sich mit der des toten Arabers, und ich empfand Schmerz, ja mehr noch - Traurigkeit. Das machte mich zugänglich für die Predigten meiner Klassenkameradin Aviva, die mich beredete, den gemäßigten Jugendbund Hamachanot Haolim zu verlassen und dem Haschomer Hazair beizutreten, zum einen, weil der einen binationalen Staat propagierte, und zum anderen, um Vorfälle der Art zu vermeiden, wie ich ihn ihr von dem toten Araber berichtet hatte.

Einmal, auf dem Heimweg vom Neuen Gymnasium in der Hajarkon-Straße, trafen wir einen Freund, der Aviva liebte und durch meine Vermittlung ihr Herz zu gewinnen hoffte. Er war ein großer Kerl und hieß Nachum. Er hatte etwas Urwüchsiges, Bodenständiges, das ich nie gehabt habe, war wahrhaftig, besonnen und arm. Er prahlte nicht, schrie nicht rum, gab keine politischen Erklärungen ab und hasste Gefühlsduselei, und während wir alle aufs Gymnasium gingen, arbeitete er im Hafen, um seine Familie zu ernähren.

Eines Tages lud er mich in den Hafen ein. Alles war verrammelt. Stacheldraht. Die Laternen tagsüber ausgeschaltet. Britische Wachsoldaten. Schussbereite Maschinengewehre in alle Richtungen. Er hatte mir einen Passierschein besorgt, ein untersetzter englischer Polizist kontrollierte mich gründlich, dann stieg ich mit Nachum in einen der Schlepper, die die mit Fracht und Passagieren beladenen Kähne von den Schiffen an die Kais und zurück zogen. Ich trat praktisch die erste Auslandsreise meines Lebens an. Ein fremder Geruch hing in der Luft. Wir kletterten an Deck eines Frachters. Dort herrschte eine Atmosphäre, die ich nicht kannte, es waberten Gerüche, die ich nicht einordnen konnte. Männer mit seltsamen Mützen liefen hin und her, einige dunkelhäutig, in schweren Mänteln. Fremde Sprachfetzen schwirrten durch den Nebel. Ein ziemlich junger Mann, vielleicht Franzose, reichte mir eine Schachtel Craven A, zündete mir ebenso schwungvoll die Zigarette an, die ich mit einer Hand herausgezogen hatte, und führte das lange Streichholz an die Lippen, um es auszublasen. Lächelnd sagte er auf Englisch, das ich kaum konnte: Gut für dich. So sagte er. Ich stand einigermaßen aufgeregt da, spürte vielleicht zum ersten Mal im Leben einen Hauch von Freiheit. Das Meer war da, aber es war anders, nach drei Seiten unendlich, und zur vierten hin lag mein Zuhause, unsichtbar im Nebel versunken. Es war ein ganzes Meer, grenzenlos, distanzlos, ohne Liegestühle, ohne Strandtennis, ohne Eis am Stiel, ohne Brandungsboote und ohne Brause. Ich schnupperte es. Ich kannte den Geruch von unserem Balkon, aber dieses Meer hatte einen machtvollen Duft, der "alles erlaubt" signalisierte. Hinterher sagte ich zu meinem Vater, ich bin in deinem Ausland gewesen, und er lachte, verstand mich jedoch und sagte, es ist furchtbar, dass man die Juden nicht kommen lässt, aber es wird noch gut werden. Ich fand es bemerkenswert, jemanden sagen zu hören, dass es gut werden würde, noch dazu meinen Vater Mosche. Bis dahin war mein ganzes Leben zwischen "es wird schlimm" und "es wird sehr schlimm werden" gependelt.

Unter den Matrosen und Schauerleuten an Deck sehnte ich mich nach einem fernen Ort, an dem es gut sein würde und an dem ich noch nie gewesen war. Mir fiel wieder ein, wie wir 1938, in der 3. Klasse, Briefe nach Deutschland geschrieben hatten: "Liebes jüdisches Kind, dir schreibt Yoram K. von der Musterschule in Tel Aviv. Flieh schnell und komm nach Erez Israel, denn wenn nicht, stirbst du des Todes." Nicht einfach "stirbst du" hatte ich geschrieben, sondern "stirbst du des Todes", das heißt in der Annahme, das deutsche Kind würde wissen, dass die zweite Wendung aus der Schöpfungsgeschichte stammte. Die Briefe wurden in Säcken gesammelt und nach Deutschland und Österreich geschickt. Wir standen im neuen Tel Aviver Hafen, umschwirrt von Mücken und Fliegen, inmitten der schreienden und fluchenden Hafenarbeiter aus Saloniki, und die blassen deutschen und österreichischen Einwanderer, deren Kindern wir vielleicht geschrieben hatten, dass sie des Todes sterben würden, wenn sie nicht schnellstens kämen, kletterten schüchtern vom Schiff in die motorisierten Landeboote, sehr vorsichtig, weil die Dinger schlingerten. So gelangten sie ins Hafenbecken, Männer in Anzügen, Frauen mit Fuchspelzen um den Hals, erschrocken über die pralle Sonne, sogar Skiausrüstungen entdeckte ich. Sie schwitzten in den Booten, und wir, in Shorts und weißen Hemden, standen da und sangen: "Auslaufende Schiffe, kaum noch zu schauen / tausend Hände entladen und bauen. / Wir erobern Wellen und Strände / einen Hafen bauen wir mit der Kraft aller Hände." Und danach deklamierten wir: "Ho, ha, wer kommt denn da? / Ein Schiff kommt an mit Schornstein dran! / Woher kommt das Schiff gefahren / und was hat's für uns geladen? / Es kommt von weit her / Juden warten dort sehr / um mit Rucksack und Wanderstab schnell / aufzusteigen ins Land Israel!"

Die Ankömmlinge dachten sicher, eine Truppe Clowns, klein wie Luftblasen, sei aus einem entfernten Winkel Afrikas hier gelandet. Sie sahen uns mit unseren kurzen Hosen, Kibbuz-Hüten und den derben Sandalen vom Karmel-Markt, hörten uns kreischen und meinten gewiss, Asiaten vor sich zu haben. Sie betrachteten uns abschätzig, weil sie aus Europa kamen, das ihnen nicht mehr gehörte, aber das wussten sie noch nicht. Sie entstammten der Kultur meines Vaters, waren mit Cimarosa und Chambord aufgewachsen, und ich dachte an dieses Europa, das sie nun vertrieb, und an sie, die wahrscheinlich erst eine Woche vor ihrer Ankunft in Tel Aviv in Triest oder einer anderen Hafenstadt eingetroffen waren und die Schiffsreise vermutlich unter wenig komfortablen Bedingungen zurückgelegt hatten, und nun landeten sie in dieser erezisraelischen Katastrophe, die für uns die ganze Welt bedeutete.

Lehrer Blich, "ein müder und das Schicksal der Nation schmerzlich betrachtender Lehrer", wie er sich selbst bezeichnete, beorderte uns, stehenzubleiben und auf die Juden zu warten. Und sobald wir sie erblickten, schrien wir: Wie gut, dass sie nach Erez Israel gekommen sind. Und das, wo wir freitags Theaterstücke über das Ghetto aufführten, uns dazu Bärte aus gefärbtem Stroh anklebten und Knetgummihöcker auf die Nase setzten, um wie Juden auszusehen, solche, die Salzfische verkaufen, sich lautstark schnäuzen und jiddisch sprechen. Nur wenige unter uns konnten jiddisch, und die, die zu Hause jiddisch sprachen, gaben meist vor, es nicht zu verstehen. Schließlich sind wir die Kinder von Pionieren, skandieren "hebräische Arbeit", "Hebräer, sprich hebräisch", und wir gehen in die Kibbuzim, treten das Erbe der hebräischen Wächter an, machen die Wüste fruchtbar, erbauen das Land und werden erbaut. Wir schlagen unsere Angreifer, vertreiben die Briten, werden Helden. Wir deklamierten Brenners Spruch: "Glücklich ist, wer im Geiste von Tel Chai stirbt", was bedeutete: "Gut ist es, fürs Vaterland zu sterben." Bloß nicht so hässlich und angsterfüllt werden wie die Juden - das sagten wir dummen Kinder, die wir waren.

Was sind also Juden? Die, die 1938 ankamen, als wir im Hafen vor ihnen standen und ihnen einen Gruß zuschrien? Die, die nicht auf uns gehört hatten? Damals deklamierten wir mit viel Gefühl das Gedicht von Avigdor Hameiri: "Auf Papier, so weiß wie Schnee / kommt ein Brief aus der Diaspora / schreibt eine Mutter unter Tränen: 'Meinem lieben Sohn in Jerusalem, / dein Vater ist tot, deine Mutter krank / kehr heim, lieber Sohn …'" Und die Antwort: "Auf schlichtem Papier, so grau wie Asche / geht ein Brief in die Diaspora. / Ein Pionier schreibt unter Tränen 1929 in Jerusalem: / 'Verzeih mir, meine kranke Mutter, ich kehr nicht zurück in die Diaspora! / Liebst du mich inniglich, komm her und umarme mich. / Ich bin nicht länger unstet und flüchtig! / Hier gehe ich nimmermehr weg …'"

Im Jahr 1939 wurde das britische Weißbuch veröffentlicht, das die jüdische Einwanderung stark beschränkte. Die Araber hatten mit ihren gewaltsamen Unruhen gegen die Einwanderer einen Sieg davongetragen. Fortan konnten kaum noch jüdische Flüchtlinge einreisen, und von denen, die es illegal versuchten, ertranken unterwegs die meisten, und nur wenige kamen an.

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