Vorgeblättert

Leseprobe zu Yasmina Khadra: Die Schuld des Tages an die Nacht. Teil 3

04.03.2010.
Am nächsten Mittag ließ mein Onkel das Eisenrollo an seinem Laden herunter und kam, um mich zu holen. Er hatte wohl noch einmal in Ruhe nachgedacht, oder vielleicht hatte Germaine ihn schließlich überzeugt. Wie auch immer, er wollte ein für alle Mal Klarheit haben. Er war es leid, in der beständigen Angst zu leben, mein Vater könne es sich anders überlegen. Diese Ungewissheit lastete schwer auf seinem Glück; er hatte einiges mit mir vor, doch die jederzeit mögliche Umkehrung der Situation irritierte ihn. Mein Vater war imstande, ohne Vorwarnung einfach auf­zukreuzen und mich sang- und klanglos wieder mitzunehmen.
     Mein Onkel begleitete mich also nach Djenane Djato. Und Djenane Djato erschien mir noch grauenhafter als zuvor. Die Zeit stand hier still, führte zu nichts. Überall dieselben schmutz­braunen Gesichter, die ihren dunklen, stechenden Blick auf die Umwelt warfen, dieselben chinesischen Schatten, die im Halbdunkel versanken. Als Holzbein uns kommen sah, schob er seinen Turban ruckartig aus der Stirn. Fast hätte der Barbier dem Alten, dem er gerade den Schädel rasierte, ein Ohr abgeschnitten. Und die Kinder ließen alles fahren, reihten sich am Wegrand auf und starrten uns an. Die Lumpen hingen trostlos von ihren mageren Leibern herab.
     Mein Onkel vermied es, dem Elend ringsum Beachtung zu schenken. Er ging zügig, mit erhobenem Kopf und undurchdringlichem Blick.
     Er wollte nicht mit in den Patio, wartete lieber draußen auf mich.
     "Lass dir nur Zeit, mein Junge."
     Ich rannte in den Hof. Zwei von Badras Sprösslingen balgten sich keuchend neben dem Brunnen, die Arme ineinander verknotet. Der kleinere drückte den großen Bruder mit aller Kraft zu Boden und versuchte, ihm den Ellenbogen auszurenken. In der Ecke bei den Latrinen war Hadda mit ihrer Wäsche zugange; sie kauerte vor einer halbierten Blechtonne, die ihr als Wanne diente, das Kleid weit über die Knie hochgeschoben, und bot ihre ansehnlichen Beine den streichelnden Sonnenstrahlen dar. Sie hatte mir den Rücken zugewandt und schien sich nicht im Geringsten daran zu stören, dass die beiden Rangen ihrer Nachbarin sich gerade eine rabiate Runde Freistilringen lieferten.
     Ich hob den Vorhang unseres Verschlags an und musste ein paar Sekunden warten, bis sich meine Augen an die Dunkelheit im Raum gewöhnt hatten. Ich erkannte meine Mutter auf dem ärmlichen Bett, sie lag mit Kopftuch unter einer Decke.
     "Bist du das, Younes?", stöhnte sie.
     Ich lief zu ihr hin und warf mich auf sie. Sie umschlang mich mit schwachen Armen und drückte mich müde an ihre Brust. Meine Mutter brannte vor Fieber.
     Erschöpft schob sie mich zurück; mein Gewicht lastete wohl so schwer auf ihr, dass sie kaum noch Luft bekam.
     "Warum bist du zurückgekommen?", fragte sie.
     Meine Schwester kauerte neben dem niedrigen Tisch. Ich hatte sie erst gar nicht bemerkt, so stumm und unscheinbar, wie sie war. Ihre großen leeren Augen musterten mich, als fragten sie sich, wo sie mich schon einmal gesehen hatten. Ich war erst wenige Monate fort, und schon erinnerte sie sich nicht mehr an mich. Meine Schwester hatte noch immer nicht zu sprechen ­begonnen. Sie war anders als die Kinder ihres Alters und schien auch nicht wachsen zu wollen.
     Ich holte das Spielzeug, das ich extra für sie gekauft hatte, aus dem Beutel und legte es vor sie auf den Tisch. Meine Schwester rührte es nicht an, sie musterte es nur flüchtig, bevor sie ihren Blick wieder mir zuwandte. Ich nahm das Spielzeug, eine kleine Stoffpuppe, und gab es ihr in die Hand. Sie merkte es nicht einmal.
     "Wie hast du es fertiggebracht, unseren Patio wiederzufinden?", wollte meine Mutter wissen.
     "Mein Onkel wartet auf der Straße auf mich."
Meine Mutter stieß einen spitzen Schrei aus, als sie versuchte, sich aufzusetzen. Wieder umschlangen mich ihre Arme und zogen mich an ihre Brust.
     "Ich bin so froh, dich zu sehen. Wie ist es denn bei deinem Onkel?"
     "Germaine ist sehr nett zu mir. Sie wäscht mich jeden Tag und kauft mir alles, was ich will. Ich habe jede Menge Spielzeug, und Gläser mit Konfitüre, und Schuhe ? Weißt du, Mama, das Haus ist sehr groß. Da gibt es genügend Schlafzimmer und Platz für uns alle. Warum kommt ihr nicht einfach mit zu uns?"
     Meine Mutter lächelte, und jäh waren Kummer und Leid, die ihr Gesicht zeichneten, verschwunden. Sie war eine schöne Frau, meine Mutter, mit ihrem schwarzen Haar, das bis zur Rundung ihrer Hüften ging, und ihren Augen, die so groß waren wie Untertassen. Damals, als wir noch auf unseren Ländereien lebten, hatte ich sie oft für eine Sultanin gehalten, wenn ich sah, wie sie auf einer Anhöhe stand und ihren Blick über unsere Felder schweifen ließ. Sie hatte Anmut und Würde, und wenn sie den Hügel hinuntereilte, dann hängte sie beschwingt all das Elend ab, das sich wie eine Hundemeute an ihren Kleidersaum krallte.
     "Aber ja, ganz im Ernst", beharrte ich, "warum kommt ihr nicht einfach alle mit und wohnt mit uns im Haus meines Onkels?"
     "So einfach geht das nicht bei den Erwachsenen, mein Junge", erwiderte sie und wischte mir über die Wange. "Und dann würde dein Vater auch nie im Leben bei jemandem wohnen wollen. Er will aus eigener Kraft etwas leisten und niemandem etwas schuldig sein ? Du siehst gut aus", fügte sie hinzu. "Ich habe den Eindruck, du bist dicker geworden ? Und wie hübsch du in dieser Kleidung bist! Fast schon wie ein kleiner Rumi."
     "Germaine nennt mich Jonas."
     "Wer ist Germaine?"
     "Die Frau meines Onkels."
     "Das macht nichts. Die Franzosen können unsere Namen nicht richtig aussprechen. Sie machen das nicht absichtlich."
     "Ich kann jetzt lesen und schreiben ?"
     Ihre Finger zausten mein Haar.
     "Wie schön. Dein Vater hätte dich niemals deinem Onkel überlassen, wenn er nicht erwartet hätte, dass er dir das gibt, was Vater dir nicht bieten kann."
     "Wo ist er überhaupt?"
     "Er arbeitet. Pausenlos ? Du wirst schon sehen, eines Tages wird er kommen und dich zum Haus seiner Träume führen ? Weißt du eigentlich, dass du in einem schönen Haus geboren bist? Die Hütte, in der du groß geworden bist, gehörte einer Bauernfamilie, die für deinen Vater arbeitete. Am Anfang waren wir fast reich. Ein ganzes Dorf hat mit uns Hochzeit gefeiert. Eine Woche lang gab es Gesang und Lustbarkeiten. Unser Haus war aus Stein gebaut, und rundherum waren Gärten. Deine ersten drei Brüder sind wie die Prinzen geboren. Aber sie haben nicht überlebt. Du bist erst später zur Welt gekommen und hast in diesen Gärten gespielt, bis du außer Atem warst. Dann fasste Gott den Beschluss, dass der Winter den Frühling ablöst, und unsere Gärten gingen ein. So ist das Leben, mein Kind. Was es mit der einen Hand gibt, nimmt es uns mit der anderen wieder weg. Aber nichts hindert uns daran, es zurückzuerobern. Und dir wird es gelingen. Ich habe Batoul, die Seherin, befragt. Sie hat in den Wasserwirbeln gelesen, dass du es schaffen wirst. Deshalb ermahne ich mich jedes Mal, wenn du mir gar zu sehr fehlst, nicht so eigennützig zu sein, und ich sage mir: Es geht ihm gut, da wo er jetzt ist. Er ist gerettet."
                         
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Mit freundlicher Genehmigung des Ullstein Verlages


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