Vorgeblättert

Leseprobe zu Vera Lourié: Briefe an Dich. Teil 3

03.02.2014.
Liebste,
     mir ist so traurig zumute. Wenn ich Dich und Dein geliebtes Gesicht sehe, wenn ich Deine wie Samt weiche Stimme höre, vergesse ich mein Alter und meine Beschwerden. Aber jetzt bin ich allein! Ich schreibe an Dich, um mit Dir zu sprechen. Heute an der Ecke Kudamm/Westfälische Straße kam ein riesengroßer Lkw vorbei. Er erinnerte mich an den großen Wagen, in dem man die Häftlinge der Geheimen Staatspolizei vom Gefängnis Alexanderplatz in die Prinz-Albrecht-Straße und zurück brachte. Gestern wurde es sehr spät, bis ich im Bett war. Ich hatte Schmerzen, die ganze Hüfte war verkrampft und ich war auch so enttäuscht, dass Du nicht angerufen hast!
     Aber jetzt liege ich schon im Bett und möchte Dir von den 7 ½ Wochen, in denen ich mich in sogenannter Schutzhaft befand und vom Ende meiner Romanze mit Posnjakow erzählen.
     Nachdem man mich verhaftet hatte, wurde ich in einem Pkw in die Prinz-Albrecht-Straße in das enorme Gebäude der Gestapo gebracht. In einem gut eingerichteten Arbeitszimmer saß dort der Kriminalrat Opitz. Das Verhör begann. Die Sekretärin saß mit einem Block in der Hand dem Kriminalrat gegenüber. Ich musste stehen. Opitz fragte mich: "Ist Posnjakow Ihr Geliebter?" Ich antwortete: "Nein." Opitz diktierte dann der Sekretärin: "Posnjakow ist nicht mein Geliebter, aber einen anderen habe ich auch nicht!" In dieser Art wurde die Vernehmung fortgesetzt. Einmal schlug er mich mit dem Buch von Posnjakow auf die Stirn.
     Abends wurde ich in einem Privatwagen zum Alexanderplatz gefahren, da es im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei keine Zellen für Frauen gab. Dort wurden mir Geld, eine Uhr, eine Halskette und ein Ring abgenommen. Dann führte man mich in einen sehr großen, stark beleuchteten Saal mit Etagenbetten. Mehrere Frauen schauten neugierig auf mich, die Neuangekommene. Ich schlief oben. Das Gesicht war von den Strohkissen oft zerkratzt. Die Frauen, die sich in Schutzhaft befanden, waren Hebammen, die bei Abtreibungen geholfen oder die Frauen zu einem Arzt gebracht hatten. Außerdem gab es jüdische Huren, die man mit arischen Männern erwischt hatte. Eine Jüdin saß wegen Zollvergehen. Nach der Kristallnacht kamen einige Frauen wegen des Vorwurfs der Plünderung dazu. Sie hatten lediglich Waren von der Straße aufgesammelt, die zuvor von den SS- und SA-Männern dort hingeworfen wurden, nachdem sie die Vitrinen der jüdischen Geschäfte zerschlagen hatten. Diese Frauen bekamen Papiere mit der Haftbegründung: "In Schutzhaft genommen, da durch Plündern dem Ruf des deutschen Volkes Schaden zugefügt wurde."
     Das Licht in den Zellen brannte die ganze Nacht hindurch, und die diensttuende Wachtmeisterin konnte durch den Spion der Zellentür kontrollieren, was sich in der Zelle tat. Eines Nachts bemerkte eine der Mithäftlinge, dass sich ihre Nachbarin mit einem Gürtel erwürgen wollte. Sie klopfte an die Tür und schrie laut um Hilfe. Die Wachtmeisterin stürmte herein, und die Frau wurde herausgetragen. Ob sie lebte oder nicht, weiß ich nicht, gesehen habe ich sie niemals mehr.
     Das Essen wurde in großen Kübeln gebracht und in Emailletöpfen, einer Art Hundenäpfe, serviert. Alles in allem war es ziemlich langweilig, obwohl die Hebammen und Huren ganz nett zu mir waren.
     Ich hatte das "Glück", dass jeden Morgen ein Gestapomann kam, um mich in dem riesigen Gefängniswagen zur Prinz-Albrecht-Straße zu bringen. Den Wagen habe ich größer in Erinnerung als die grüne Minna der Polizei. Die Häftlinge saßen auf zwei langen Bänken. Einmal befand sich Posnjakow unter ihnen. Wir wollten miteinander reden, worauf ich in eine Art Käfig gesperrt wurde, der in dem Wagen eingerichtet war. In ihm hatte man kaum Platz und bekam wenig Luft.
     Man brachte mich täglich zur Geheimen Staatspolizei, weil ich sämtliche russischen Dokumente und Briefe von Posnjakow ins Deutsche übersetzen sollte. Erst durch diese Arbeit habe ich erfahren, was Frau Werner bei Posnjakow gesucht und wohl auch gefunden hatte. Zu der Zeit, als ich Posnjakow noch nicht kannte, wurde er von einem sowjetischen Tschekisten beauftragt, irgendwelche geheimen deutschen, politischen Dokumente zu besorgen. Posnjakow hatten den Agenten aber betrogen, da er ihm ganz offizielle Berichte, die in den Zeitungen erschienen waren, kopierte und mit falschen Stempeln versah. Posnjakow erzählte mir später, dass er mit der Drohung erpresst wurde, seine in Russland lebende Mutter käme ins Gefängnis, falls er nicht mit der Tscheka zusammenarbeitete. Diese Stempel behielt Posnjakow dummerweise in seinem Schlafzimmer verwahrt, um seine Unschuld gegen Deutschland beweisen zu können.
     Wenn man mich aus der Prinz-Albrecht-Straße zurückbrachte, wurde ich sofort von der Wachtmeisterin von Kopf bis Fuß untersucht, ob ich vielleicht versteckte Scheren oder Messer bei mir habe. Einmal fand sie eine Illustrierte, woraufhin sie sich empörte: "Wenn das der Kriminalrat wüsste!" und mir die Illustrierte wegnahm. Dabei hatte sie mir der Kommissar Lange selbst gegeben. Ich habe ihn aber nicht verraten. Wenn ich am Alexanderplatz in der Zelle war, machten wir folgendes Spiel: eine war die Hure und die andere der "Kunde". - Ich habe viel über diesen Beruf erfahren.
     Im Büro der Geheimen Staatspolizei herrschte völlige Willkür. Dann wurde auch Lescht festgenommen. Er war ein starker Trinker. Sehr schnell fand er Kontakt zum Kommissar, der ihn dazu brachte, als eine Art Spitzel für die Gestapo zu arbeiten. Dafür durfte ihm seine Verlobte, eine deutsche Jüdin, in großen Mengen Alkohol mitbringen. Lescht wurde dann nach einer längeren Schutzhaft freigelassen, weil er mit der Gestapo zusammenarbeiten wollte. Sein Ende war allerdings auch tragisch. Nachdem die Gestapo-Leute, mit denen er gearbeitet hatte, in Ungnade gefallen waren, wurde Lescht sofort als Jude ins Gefängnis geworfen, wo er an Tuberkulose gestorben sein soll. Man hat ihn dann in einem Massengrab für Juden verscharrt. Seine Verlobte kam in irgendeinem Konzentrationslager ums Leben.
     Mir ging es den Umständen entsprechend sogar recht gut bei der Gestapo. Einmal, als ich mich erkältet hatte, es war ein ziemlich kalter November, gab mir Kommissar Lange Cognac aus dem Vorrat von Lescht zu trinken. Am Sonnabend gab es im Gefängnis am Alexanderplatz zum "Mittag" eine Erbsensuppe mit Schweineschwarten - Luxusessen! Meine Portion wurde mir gelassen, so dass ich sie abends, wenn man mich zurückgebracht hatte, essen konnte. Als ich die Briefe und Papiere von Posnjakow übersetzt hatte, bat ich Kommissar Lange, mich irgendwie zu beschäftigen. Ich konnte dann auf einer Schreibmaschine in einem der Büroräume der Gestapo eine Kartothek der "Verbrecher" zusammenstellen. Es war eine ziemlich lange Arbeit. Mit mir im Raum befand sich Herr Bauer, etwa 50 Jahre alt, bebrillt und sehr ruhig. Er war sehr nett. Er sagte zu mir: "Seien Sie beim Telefonieren mit Ihrer Schwester vorsichtig, die Gespräche werden abgehört." Wenn einer der Gestapo-Leute in das Zimmer kam, in dem ich Schreibmaschine schrieb, sagte Herr Bauer schmunzelnd: "Unsere neue Mitarbeiterin." Ein anderes Mal musste er in einen anderen Raum gehen. Er nahm mich mit, um mich nicht einsperren zu müssen. Einmal sagte er: "Mein Vater war bei den Gendarmen, und da hat man Verbrecher festgenommen, aber hier?" Wie kann man nur erklären, dass ein Mann mit solchen Ansichten bei dem NSKK [Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps] und dann bei der Gestapo arbeitete? Eine Erklärung - keinesfalls aber eine Entschuldigung - ist wohl die Arbeitslosigkeit. Um bei der Wahrheit zu bleiben, muss ich wirklich sagen, dass mich mein Schutzengel gut beschützte, denn im Vergleich mit den schrecklichen Erlebnissen anderer Leute bei der Gestapo war meine Lage noch sehr zufriedenstellend. Während meiner Arbeit bei der Gestapo bekam ich auch dort mein Mittagessen, es war besser als am Alexanderplatz. Dabei saß ich im langen Korridor am Tisch und die vorbeigehenden SS-Burschen, nannten mich "Lorchen". Auch diese Arbeit ging aber zu Ende und Weihnachten nahte. Aus dem schwarzen Ungeheuer - dem Gefängniswagen - sah man bei der Hin- und Rückfahrt belebte Straßen, Passanten, beladen mit Paketen und Tannenbäumen. Die Stadt bereitete sich auf das Fest vor. Das Schreiben der Kartothek war beendet. Das Letzte, was ich auf der Schreibmaschine der Geheimen Staatspolizei schrieb, war ein Antrag von Herrn Kriminalrat Opitz um Entlassung.
     Jetzt blieb ich den ganzen Tag am Alexanderplatz, hinter verschlossenen Türen. Das Schlimmste war die Tür ohne Klinke. Seither hat sich meine Furcht vor dem Eingesperrtsein verschlimmert.
     Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich mich retten konnte. Ich ging zum Gefängnisarzt, dachte mir tausend Beschwerden und Krankheiten aus. Es half nichts. Ich wurde richtig deprimiert und verzweifelt. Und dann erschien unerwartet am 24. Dezember des Jahres 1938 frühmorgens der SS-Fahrer in unserer Zelle und sagte: "Lorchen, Sachen packen." Ich habe dann alle Sachen zusammengeschmissen - denn ordentlich war ich nie -, und das schwarze Ungeheuer brachte mich in die Prinz-Albrecht-Straße. Dort sagte mir Herr Bauer, er habe meine Schwester schon angerufen und sie gebeten, mich abzuholen. "Ich brauche niemanden, ich gehe allein", rief ich mit Begeisterung. Ich muss noch hinzufügen, dass die jungen SS-Männer mein Gepäck schön in Ordnung brachten, gut verschnürten und mir alles Gute wünschten. Herr Bauer sagte mir dann zum Abschied: "Jetzt werden sie bestimmt allen Leuten schreckliche Sachen über uns erzählen." "Nein", war meine Antwort, "Sie, Herr Bauer, waren immer sehr gut zu mir, und das vergesse ich nicht."
     Es überraschte mich sehr, dass ich aus der Haft entlassen wurde, denn ich war ja Halbjüdin (und dass ich nur Halbjüdin war, konnte ich nicht beweisen), Russin und staatenlos. Normalerweise kam man dann ins Lager. Die Gründe für meine Freilassung kann ich nicht genau erfassen, aber vielleicht war es, dass ich bereit war, zu übersetzen und auf der Schreibmaschine zu schreiben, obwohl das eigentlich keine Gründe für die Gestapo gewesen wären.
     Meine Schwester und ich bekamen durch die Bemühungen der Ehefrau von Berthold Hesse, des Vetters von Hermann Hesse, mit der ich bekannt war, die Erlaubnis, als Dienstmädchen nach London zu fahren. Ich blieb aber in Berlin. Der Grund dafür war Posnjakow. Meine Schwester ging dann im Frühling 1939 nach London. Ich war die einzige, die Posnjakow etwas Geld brachte und seine Wäsche wusch. Manche schimpften mich aus, dass ich mich für Posnjakow opfere. Bald brachte man Posnjakow in das KZ Oranienburg. Dort sagte er, dass ich seine Verlobte sei, da ich sonst kein Recht gehabt hätte, ihm etwas Geld zu schicken und mit ihm zu korrespondieren. Außer mir hatten alle früheren Bekannten Angst davor, mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden.
     Vom KZ Oranienburg wurde Posnjakow dann ins KZ Dachau gebracht. Von dort bekam ich einige sehr traurige Briefe. Im letzten vor seinem Tod schrieb er: "Betet für mich, Du und Deine liebe Mutter." Dann kam ein Telegramm aus Dachau, in dem stand, dass mein Verlobter, Herr Alexis Posnjakow, trotz ärztlicher Bemühungen an Kreislaufversagen im Lazarett gestorben sei. Sie boten mir an, den Toten sehen zu können, und fragten, wohin sie die Urne schicken sollten. Sie wurde zum Berliner russischen Friedhof gebracht. Die musterhafte deutsche Ordnung hatte sich bewährt. Da Posnjakow kein Jude war, bekam ich auch alle seine persönlichen Sachen von der Leitung des KZ Dachau zugeschickt. Sogar die Taschenuhr haben sie nicht gestohlen!
     An der Beisetzung auf dem Orthodoxen Friedhof in Tegel nahmen nur vier Personen teil: meine Mutter, ein alter russischer Schauspieler und der alte verarmte russische Professor Strojew, der in der Tolstoj-Stiftung in Tegel wohnte, und natürlich ich selbst. Alle anderen Bekannten von Posnjakow hatten Angst und blieben dem Begräbnis fern. Wieder eine Etappe meines Lebens ging zu Ende!
Ich bin müde und mache jetzt Schluss.
Vera

                                                             *

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlages Schöffling & Co.
(Copyright Schöffling & Co.)


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