Vorgeblättert

Leseprobe zu Siegfried Jägendorf: Das Wunder von Moghilev. Teil 1

20.08.2009.
SIEGFRIED JÄGENDORF
TEIL I
HERBST 1941



1 | EIN UNBEKANNTES ZIEL

Der Repräsentant der jüdischen Gemeinde von Radautz stand vor dem Präfekten, als dieser die neuesten antisemitischen Dekrete ankündigte: "Alle Juden müssen die Stadt verlassen und ihr Geld sowie Schmuck und Vermögenswerte der Nationalbank überlassen. Sie dürfen so viel zusammenpacken, wie sie tragen können, aber nicht mehr als 40 Pfund. Die Häuser müssen intakt zurückgelassen werden und die Schlüssel in den Türen stecken. Innerhalb von 24 Stunden haben sich alle Juden am Bahnhof zu versammeln. Von dort werden sie an ein unbekanntes Ziel gebracht."
     Die rumänischen Behörden gaben diese Anordnung zur Deportation in ganz Radautz bekannt. Am 12. Oktober 1942 sollte die Stadt "judenfrei" sein. Jeder, der diese Verordnung nicht befolgte, würde erschossen. Für die über 5000 Juden, deren Familien hier seit Generationen lebten, war dies der dunkelste Tag ihres Lebens. Mein einziger tröstlicher Gedanke war, dass unsere beiden verheirateten Töchter nach Amerika geflüchtet waren.
     Die Leitung der jüdischen Gemeinde bat mich um Mithilfe, den Exodus zu organisieren. Bestimmt waren sie überzeugt, meine Erfahrung in Führungspositionen und mein Status als früherer Direktor der Siemens-Schuckert-Werke befähigten mich zu dieser Aufgabe. Ich war entschlossen, Widerstand zu leisten. Sollen sie uns hier töten, sagte ich, auf heimischem Boden. In diesem Fall, argumentierte die Gemeindeleitung, werden wir erschossen und die anderen trotzdem deportiert. Ich entschied mich zur Mitarbeit, nachdem ich die Zusicherung erhalten hatte, dass nicht mehr als 40 Personen in einem Viehwaggon transportiert würden. Doch kurz vor der Abfahrt quetschten die Rumänen 100 mit Gepäck beladene Juden in jeden Waggon. Ich protestierte, aber das einzige was für sie zählte, war die Einhaltung der Fristen. Rumänien wollte unsere Anwesenheit keinen Moment länger ertragen.
     Es gab die Versprechung, Familien würden gemeinsam auf Bauernhöfen angesiedelt, was sich als falsch erwies. Bei der ersten Station wurden Teile des Zuges abgekoppelt und umrangiert. Gendarmen rissen Ehemänner von ihren Frauen, Eltern von ihren Kindern und plünderten in dem Durcheinander deren Habseligkeiten. Unsere hastig vollgepackten Rucksäcke hatten für sie mehr Wert als unser Leben. Nach zwei Tagen Fahrt verließen wir die Züge in Atachi, Bessarabien, der letzten Station im damaligen Rumänien. Wir standen da, verlassen, am Rande des Abgrunds. Panisch vor Angst und Schrecken verabreichten Eltern ihren Kindern Gift und töteten sich dann selbst. Überall um uns herum wurden die Menschen fast verrückt vor Angst.
     Schnell hintereinander kamen weitere Züge an und spuckten Juden aus der Bukowina wie eine Menge Unrat aus. Ukrainische Banden wetteiferten mit den Rumänen beim Plündern, sie zerrten den Deportierten gewaltsam Ringe von den Fingern und brachen ihnen nicht selten Arme und Hände, um ihnen das Gepäck zu entwinden. Die Rumänen richteten eine willkürliche "Zollstelle" ein, wo habgierige Inspektoren die Juden ihrer Wertsachen und Dokumente beraubten. Was konnten ihnen hier schon ihre Geburtsurkunden und Diplome nutzen?
     Am Ufer des Dnjestr drängten sich abertausende Juden, die verzweifelt darauf warteten, einen primitiven Lastkahn zu besteigen, der an der engsten Stelle des Flusses 15 bis 20 Leute pro Fahrt übersetzen konnte. Oftmals nutzten rumänische Gendarmen die Nacht, um die Passagiere ins eiskalte Wasser zu stoßen. Später trieben die Leichen in der Strömung.
     Am Morgen nach unserer Ankunft erreichten wir mit einer Gruppe aus Radautz das Ostufer. Es gelang uns, den Gendarmen zu entkommen, die immer wieder Juden in Baracken zerrten, sie dort schlugen und ausraubten. Danach wurden die Opfer zu Fuß in entlegene Gebiete getrieben, 40, 60 oder mehr Kilometer entfernt. Wer zurückblieb, wurde auf der Stelle erschossen. Die Toten am Wegesrand sollten in Transnistrien ein vertrauter Anblick werden.
     Unsere kleine Gruppe kam unbehelligt in die Grenzstadt Moghilev-Podolski. Nachdem ich eine Bleibe für meine Frau Hilda und die anderen gefunden hatte, machte ich mich alleine auf, um den deutschen Kommandanten des Ortes aufzusuchen. Mit Hilfe eines Briefes, der mich als ehemaligen Direktor in der großen deutschen Elektrofirma Siemens-Schuckert auswies, wurde ich in das Büro des Kommandanten vorgelassen. Ich fragte ihn, mit welchen Plänen wir zu rechnen hätten, und wo wir etwas Essen sowie eine Unterkunft finden könnten. Er antwortete: "Das Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug ist jetzt unter rumänischer Kontrolle. Die Rumänen sind verantwortlich für die deportierten Juden. Was Essen und Wasser betrifft, so ist das eure Sache. Ich weiß nicht, wohin ihr geschickt werdet, aber ich muss euch darauf hinweisen, dass Moghilev für Juden gesperrt ist. Hier habt ihr nichts verloren. Wie Sie selbst sehen können, ist die Stadt zerstört. Wir sind ohne Strom und andere lebensnotwendige Einrichtungen. Ich kann nichts für Sie tun."
     Unser Schicksal lag in rumänischen Händen. Sie würden uns bis zum letzten Blutstropfen aussaugen. Wir mussten einen Weg finden, um unsere Nützlichkeit unter Beweis zu stellen, besser noch, unersetzlich zu werden. Mir fielen die Worte des Kommandanten ein: "Die Stadt ist zerstört ? ohne elektrischen Strom." Plötzlich sah ich einen Ausweg. Wir Juden könnten das technische Wissen und die nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung stellen, um das Elektrizitätswerk zu reparieren, vielleicht könnten wir sogar die kriegszerstörten Geschäfte und Fabriken der zweitgrößten Stadt Transnistriens wieder aufbauen. Aber um das zu tun, musste ich zuerst die Idee dem Präfekten, dem rumänischen Verwalter der Stadt und des Distrikts Moghilev, schmackhaft machen.
     Inzwischen hatte ich von einem leeren Kinosaal gehört und erhielt von der Polizeidienststelle die Erlaubnis, das Gebäude zu nutzen. Ich überredete den überforderten Hauptmann, dass es, sobald der Befehl zur Evakuierung käme, seine Aufgabe wesentlich erleichtern würde, wenn einige tausend Radautzer Juden an einem Ort versammelt wären. Er war einverstanden und gab den Wachen an der Sammelstelle Anweisung, jedem von mir Bestimmten zu erlauben, zum Kinosaal mitzukommen. Ich dirigierte jeden zu der Unterkunft, ob er aus Radautz war oder nicht. Als das Gebäude voll war, stellte die Polizei weitere zerstörte Häuser zur Verfügung. Es war die Stunde, in der ich, ohne es richtig zu merken, die Verantwortung für das Schicksal der vertriebenen Juden Rumäniens übernommen hatte.
     In dieser Nacht im Kinosaal lag ich eng an Hilda geschmiegt und suchte ihre Wärme. Das Elektrizitätswerk ging mir nicht aus dem Kopf. Konnte das Kraftwerk repariert werden? Am liebsten wäre ich gleich hingegangen, um es mir anzusehen. Aber Moghilev um Mitternacht war kein Ort für einen staatenlosen Juden.


2 | DER PRÄFEKT

Am zweiten Tag ging ich zur Präfektur und fand mich zwischen hunderten ukrainischen Bittstellern, die auf eine Audienz beim höchsten rumänischen Distriktbeamten warteten. Ich verbrachte den ganzen Tag auf der Treppe des schwer bewachten Gebäudes, kam am nächsten und übernächsten Tag wieder, weil ich fürchtete, wir würden verschleppt, bevor mich der Präfekt empfangen hätte. Nach zwei Wochen kam ein Wachposten aus dem Gebäude und rief. "Jude Jägendorf". Ich folgte ihm in das Büro eines jungen Mannes in Zivil. "Herr Ingenieur", sagte der Mann hinter dem Schreibtisch, "ich heiße Gheorge Fuciu, Assistent des Präfekten. Nehmen Sie bitte Platz. Colonel Baleanu wird gleich bei Ihnen sein."
     Herr Fuciu behandelte mich höflich, als ob er nicht wüsste, dass ich ein Deportierter sei. Ich sah nicht typisch jüdisch aus, und obwohl ich mit den anderen auf dem Boden des Kinosaals schlief, rasierte ich mich jeden Tag, trug ein weißes Hemd, einen sauberen Anzug und Handschuhe aus Kalbsleder. Das war ich meiner Würde schuldig. Was auch geschehen sollte, ich wollte es durchhalten, jedem Offiziellen ebenbürtig gegenüberzutreten.
     "Colonel Baleanu wird Sie jetzt empfangen", kündigte Herr Fuciu an. Als ich eintrat, erhob sich ein großer Mann in Uniform und begrüßte mich auf die bekannte Wiener Art: "Grüß Gott", und fügte hinzu, "gestern haben wir zusammen gekämpft. Soll ich heute Ihr Feind sein?" Seine überschwängliche Begrüßung brachte mich aus der Fassung.
     "Wo haben wir zusammen gekämpft, Colonel Baleanu?"
     "Ingenieur Jägendorf, ich nehme an, unsere Wege haben sich im letzten Krieg gekreuzt. Sie haben als Offizier in der österreichischen Armee gedient, nicht wahr?"
     "Jawohl, Herr Präfekt. Ich war Oberleutnant. Und Sie sind seit meiner Deportation der einzige Offizielle, der mich wie einen Mitmenschen anspricht."
     Ich bat den Offizier, mir ans Fenster zu folgen. Er tat mir den Gefallen. Unseren Augen bot sich ein Bild des Leids und der Erniedrigung. Im Morast Schlangen von Menschen, gezeichnet von Hunger und Erschöpfung. "Herr Präfekt, wollen Sie tatenlos eine solche Behandlung unschuldiger Menschen hinnehmen, nur weil sie als Juden auf die Welt gekommen sind?"
     "Nein, das tue ich nicht", antwortete er und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. "Aber wir wollen nicht darüber sprechen. Ich bin für ihren Zustand nicht verantwortlich. Ich bin Soldat; ein Soldat muss Befehle ausführen. Sie verstehen das sicher, Ingenieur Jägendorf!"
     Zweimal hatte er mich mit meinem Berufstitel angesprochen. Ich beschloss, mein Ziel weiter zu verfolgen: "Es ist wahr, Sie müssen Ihre Pflicht tun, Herr Präfekt, aber Sie haben auch die moralische Verpflichtung menschlich zu handeln. Die Geschichte gibt Ihnen eine große Verantwortung. Sie alleine können den Lauf der Dinge nicht ändern, aber Sie können etwas tun, um das Leiden zu lindern."
     "Woran denken Sie?"
     "Halten Sie die Gendarmen zurück, die unsere Frauen vergewaltigen, unsere Männer schlagen und alles stehlen. Und versorgen Sie uns mit Lebensmitteln; unsere Vorräte sind zu Ende."
     "Ingenieur Jägendorf, Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass Juden in Moghilev nicht bleiben können; wir richten für sie anderswo im Distrikt Lager ein. Auch mit Lebensmitteln kann ich Ihnen nicht weiterhelfen."
     Ich überlegte fieberhaft, ob ich meine Idee endlich vorbringen sollte, dem Präfekten jüdische Fachleute zur Verfügung zu stellen, als Colonel Baleanu sagte: "Jetzt will ich Ihnen verraten, warum ich Sie herbestellt habe. Wir brauchen hier in Moghilev Ihre Dienste. Das Elektrizitätswerk wurde während der Belagerung demoliert und noch weiter zerstört, als der Dnjestr über die Ufer trat. Ich will, dass Sie einige Elektriker und Mechaniker hoher Qualifikation aussuchen, vier oder fünf vielleicht. Sie werden auch eine Werkstatt mit Maschinen brauchen, die Sie sich mit meiner Erlaubnis aussuchen können. Ich glaube nicht, dass man mich hängen wird, wenn ich einer Handvoll Juden erlaube, in der Stadt zu bleiben."
          Ich versicherte Baleanu, dass wir jede seiner Erwartungen erfüllen würden. Auf dem Rückweg zum Kino dachte ich über sein Angebot nach, vier oder fünf Männer freizustellen. Aber hunderte Juden brauchten Schutz! Vielleicht ließe sich das möglich machen. Für den Augenblick hatte ich wenigstens einen jüdischen Stützpunkt in Moghilev gesichert.

Teil 2