Vorgeblättert

Leseprobe zu Sandra Hoffmann: Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist. Teil 2

23.07.2012.
Wissen Sie, wie es in Herrenumkleidekabinen riecht, nach dem Sport, bei den Kickern? Bilinski kann es riechen, sofort, wenn er daran denkt, füllt sich das Zimmer mit diesem säuerlich dunklen feuchten Geruch, er schüttelt sich.
Die kleine Schwester stutzt, sie wartet fragend, streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und schiebt sie mit dem Zeigefinger ins Haargummi. Bilinski ist ihrer Hand gefolgt und bleibt mit seinem Blick in ihrem Pferdeschwanz hängen, der wippt, wenn sie sich bewegt, und sich nun auf ihren Rücken biegt, fast bewegungslos und glänzend, wie nur Haare von jungen Frauen glänzen, so satt.
Woher sollst du es auch wissen, sagt er. Er hört sein "DU", er verbessert sich nicht. Er sagt: Da stinkt es ganz erbärmlich. Und so hat das gerochen in diesem Auto, nach Männerschweiß und Schweißfüßen und feuchten Kleidern und schlechtem Rasierwasser; ich habe, glaube ich, nicht geweint. Die Hand von diesem Dreckskerl ist vom Arm auf meinen Oberschenkel gerutscht und hat sich in mein Knie gekrallt, er lächelte mich an, und seine Hand lag fest und schwer auf meinem Bein, auf dem Weg in die Stadt. Ich hoffte so sehr, dass sie mir das glaubten mit den fünfzehn Jahren, dass sie mich in der Stadt aus dem Auto jagten, von mir aus soll er mit mir solang machen, was er will, dieser Wichser, habe ich gedacht.
Marita gluckst.
Ich kann das auch, hast du gemeint, ich kenne nur die Blümchensprache?
Sie wehrt sich nicht gegen das "Du", sie lacht, und er merkt, wie ihn das aufmuntert, zu erzählen.
Hauptsache, er lässt mich gehen. Dachte ich.
Er ließ meinen Schenkel nicht los, rubbelte ab und zu mit dem kleinen Finger leicht über den dünnen Stoff meiner Hose, als habe der Finger einen Tick, aber ich traute mich nicht zu sagen: Lassen Sie das!
Bist ja schon über den Stimmbruch. Stimmbrrr-uch, wiederholte der, und ich wusste, sein Adamsapfel hüpfte nun wieder, er hatte so einen eckigen Adamsapfel, so einen knochigen Spitzberg am Hals, ich wollte das nicht sehen. Seine Hand wanderte dabei ein Stück weit meinen Oberschenkel hinauf und biss sich einige Zentimeter unterhalb meiner Leiste fest. Er spürt, wie schlimm das war, er spürt es noch am ganzen Leib.
Fünfzehn, lachte der. Das schauen wir uns nachher doch mal an. Rrrrrr. Wirrrrr, rollt Bilinski, Pommerrrrrland ist abgebrrrrrannt.
Die kleine Schwester springt auf, oh Gott, sagt sie.
Man wird nach Ihnen rufen, wenn man Sie braucht, sagt er beschwichtigend, aber er weiß, dass das nicht stimmt, und spürt schon, jetzt ist sie weg. Sie rennt zur Tür, öffnet sie, bleibt zum Glück noch einmal stehen, schließt die Tür wieder und schaut ihn an. Sie will etwas sagen, das sieht Bilinski, und dass die Hand die Klinke wieder drückt.
Sie sagt nichts.
Inzwischen weiß er, sie kommt wieder, wenn sie den Scheinheiligen versorgt hat, nebenan.
Scheinheiliger? Hat er sie gefragt, als er es das erste Mal gehört hatte.
Ein Pfarrer. Dann ihr Lachen. Ihr Kopf, wie er dabei in den Nacken fiel, ihr Mund, weit geöffnet, die Zähne eine Perlenkette.
Er liegt im Koma, seit einem Jahr. Um den Kopf herum wächst ihm ein Lockenkranz. Marita hatte wieder gelacht.
Ihren Humor möchte ich haben, hatte Bilinski gesagt.
Sie war nicht beleidigt gewesen, so richtig beleidigt war sie nie.
Er ist nicht gerne alleine. Die Nacht und der Tod waren eins.
Sie kommen wieder, oder, fragt Bilinski und winkt ab, sie ist schon draußen, sie ist schon weg.
Er sieht sich in der Kammer neben dem Saal im Stadthaus stehen, hinter ihm an der Tür dieser elende Franke mit dem Arschgesicht, der jede seiner Bewegungen verfolgte. Langsam knöpfte Janek sein Hemd auf, oder tat wenigstens so, Zeigefinger und Daumen zitterten um die Knöpfe herum, tasteten sich am Knopf vorbei, nimm die zweite Hand dazu, dann geht's schneller, sagte der Franke, und die zwei Finger tasteten sich wieder zum Knopf, der sich jetzt leicht öffnete, weil die zweite Hand das Hemd festhielt, viel zu schnell ging das. Er vermutete, es würde ihm besser gehen, der schwule Franke würde es ihm womöglich leichter machen, wenn er verraten würde, warum er Deutsch konnte. Dann müsste er von Mutter erzählen, und wo sie wohnten, und von Mili. Ein zweites Mal überlebte Mili so einen Überfall nicht. Auch wenn die Mutter stark wäre, Mili hielte das nicht noch einmal aus. Er sah den sechzehnjährigen Janek, der noch nicht Bilinski war, der erst mit den Nächten unterm Scheunendach und den Tagen auf dem Hof und im Wald, durch die Verachtung und die Angst, zu Bilinski werden würde. Jene, die ihm Angst einflößen wollten, wussten, wenn sie ihn beim Vornamen nannten, dann meinten sie ihn, den großen Jungen, der vorhatte, der sogar sicher war, einmal ein großer, ein großartiger Autobauer zu werden. Ein Architekt ist auch ein Bauer. Bilinski, das war ein hergelaufener Polack, der froh sein konnte, dass er Zwangsarbeiter auf einem Hof geworden ist und nicht einer in der Seifenfabrik, wo er den Blicken der Aufseher, den fiesen kleinen Qualen, dem Gestank der Gemeinschaftsbaracken und den schnarchenden Nächten ausgesetzt gewesen wäre. Die Blicke dieses spitzbärtigen Drecksfranken wanderten über seinen Körper, er spürte sie schwer auf sich liegen, obwohl er ihm den Rücken zuwandte. Die Wand in der Kammer verlor an drei Stellen Putz und war außerdem voller Fliegenschisse, kleine braune Punkte sprenkelten den Verputz und das Fenster, das auf den Hof hinterm Haus hinabschaute. Er legte das Hemd zusammen. Das Unterhemd war zu weit, er hatte es von seinem Vater, aber das war wieder eine andere Geschichte. Das Unterhemd wollte er nicht ausziehen, deshalb bückte er sich nun hinab zu den Schuhen, in deren Senkeln noch Kletten und Dornranken hingen, er zupfte sie heraus, da hörte er hinter sich eine Bewegung und etwas Hartes rammte sich in seinen Schritt, er schrie auf. Der Gewehrkolben rieb hin und her zwischen seinen Oberschenkeln, die er zusammengeklemmt hatte, unwillkürlich hob er sich auf die Zehenspitzen. Der Franke keckerte hässlich: Mach voran. Der Gewehrlauf folgte ihm in die Höhe.
Sie das weg, schrie Janek.
Setz dich doch drauf, der Franke lachte hämisch. Schöne Stange, sagte der Franke und drückte den Kolben gegen Janeks Hoden, und Janek versuchte ein Bein anzuheben, um darüberzusteigen, aber der Kolben rückte hinterher. Er gab nach, bückte sich, zwischen den Beinen, die inzwischen mehr wackelten als zitterten, dieses Scheißgewehr, hinter sich, und so nah, dass er ihn atmen hörte, das fränkische Arschgesicht, und Janek löste die Schnürsenkel, richtete sich auf, half sich mit den Füßen aus den Schuhen und öffnete den Hosenknopf. Er sah auf die Fliegenschisse und suchte sich den größten aus, eins, zählte um den großen Fliegenschiss herum immer in Richtung Loch in der Wand, damit er die Orientierung nicht verlor, neunzehn, wahrscheinlich übersah er jede Menge kleiner Schisse, aber das war egal, er konnte ja nur die zählen, die er mit seinen Augen und aus dieser Position sah, fünfundzwanzig, da musste er sich bücken, weil die Hose an seinen Zehen hängen geblieben war; Pause einlegen, er hob die Hose vom Boden, der Gewehrlauf hatte längst wieder seinen alten Platz eingenommen, nur war es nun besonders unangenehm, weil er das kühle Metall durch den etwas zerschlissenen Stoff der Unterhose spürte, aber er wusste, je mehr er nun sagen würde, desto gemeiner würde diese Drecksau mit ihm umgehen. Er hängte die Hose an den Haken. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig.
Na also, sagte die Sau.
Socken, fragte Janek, neunundzwanzig, dreißig, einunddreißig.
Ausziehen!
Niemals hatte er so ein ekelhaftes hämisches Lachen gehört, so ein gieriges Wichserlachen. Zweiunddreißig. Janek bückte sich. Der Gewehrkolben drückte sich gegen sein Geschlecht und ließ ihn nach oben schnellen. Er stand aufrecht. Dreiunddreißig.
Hemd aus!
Vierunddreißig, fünfunddreißig, seine Arme hoben sich, seine Daumen zeigten schon gegen die Schultern, berührten das Schlüsselbein und, siebenunddreißig, zweitgrößter Mückenschiss, die Hände zogen die Träger des Vaterhemdes nach oben. Achtunddreißig, neununddreißig, er durfte die Orientierung nicht verlieren, links neben der obersten Kante des Loches in der Wand ging es weiter. Vierzig wäre das dann. Er zog das Hemd über den Kopf, roch sich selbst, sauer und warm, obwohl ihm so eiskalt war, blieb hängen in seinem eigenen Geruch. Jetzt so bleiben, Kopf im Hemd.
Los jetzt! Der Gewehrkolben hatte seinen ursprünglichen Ort verlassen und stieß nun auf das Stückchen Haut, das zwischen Unterhose und Hemd hervorschimmerte.
Du Pisser, du tust mir nichts! Denken ja, aber halt die Klappe, dummer Janek. Er zog das Hemd über den Kopf. Vierzig, er hatte den Punkt an der Wand wiedergefunden und hängte das Hemd an den Haken.
Weiter, wieherte die Sau, und der Gewehrlauf strich seine Wirbelsäule entlang und trieb das Gummiband der Unterhose Richtung Poritze. Reflexhaft zog er die Hose über die Hüfte. Dreiundvierzig? Er starrte auf die gelbe Wand, das graue Loch, das die Form eines auf den Kopf gestellten Herzens angenommen hatte beim Schauen, oder war es wirklich eines, aber wenn es eines war, warum stand es dann auf dem Kopf, und wer hatte es wem aus der Wand geklopft?
Hör mal Bürrrrschen, wenn du nun nicht sofort -
Kann ich nicht mit der Hose über den Gang, Janek fragte es schüchtern, hoffnungslos eigentlich, er wollte das nicht, und was wäre, wenn dieser Kerl sehen würde, dass er da unten asymmetrisch war? Neunundvierzig, fünfzig. Warum hat der Junge, der das Herz aus dem Wandputz gemeißelt hat, nicht einmal die Initialen des Mädchens danebengeschrieben?
Komm, sagte das Schwein. Der Gewehrlauf streifte ihm noch einmal die Flanke hinauf, ein demütigendes Streicheln, dann hörte er, wie der Franke die Tür öffnete. Dreiundfünfzig. Er drehte sich um, die Unterarme über der Brust verschränkt.
Die Augen des Spitzbärtigen blitzten dunkel und geil. Fünfzehn, wieherte er, dass ich nicht lache.
Janeks Arme waren zu dünn und seine Hände zu klein, obwohl sie doch gar nicht so klein waren, aber eben nicht groß genug, um seine noch nicht üppigen, aber doch wohlsprießenden Brusthaare zu verdecken; sie lagen wie ein dunkler feiner Flaum auf seiner Haut.
Ziert sich, der Knabe!

zu Teil 3