Vorgeblättert

Leseprobe zu Richard Hughes: In Bedrängnis. Teil 3

06.08.2012.
II

Nach vier Tagen hatten sie San Salvador erreicht.
     Die kleine sommerliche Oase lag nun hinter ihnen; danach herrschten eine graue, südöstliche Dünung und eine frische Brise; das Wetter war bewölkt mit gelegentlichen Schauern. Doch es bestand keinerlei Grund, richtig schlechtes Wetter zu erwarten; das Ende der Hurrikan-Saison lag mindestens zwei Wochen zurück, die Dünung kam nicht lang und ölig, was sonst einen tropischen Sturm ankündigt, und auch die Wolken ließen keineswegs Schlimmes ahnen. Belebendes Wetter, mehr nicht.
     Die Bordroutine ging ihren Gang. Während der Mahlzeiten richtete niemand unaufgefordert das Wort an den Captain. Captain Edwardes war privat keine einschüchternde Erscheinung, ja nicht einmal imposant, sein Posten hingegen schon.
     Captain Edwardes besaß nicht von Natur aus jene souveräne Ausstrahlung, die so vielen Seeleuten eigen ist. Er war klein, mit etwas kindlichen, aber dunklen Zügen. Seine Augen leuchteten, doch eher vor Begeisterung als vor Stärke; und man merkte, er wäre ausgesprochen umgänglich gewesen, hätte es ihm sein Posten erlaubt. Er stammte aus Carmarthenshire, und einem gebürtigen Norfolker, wie Dick Watchett, fiel es irgendwie schwer, einem Waliser Respekt entgegenzubringen. Der Erste Offizier, Mr. Buxton, kam hingegen aus Dicks Heimat, und ihn hätte Dick insgeheim lieber auf dem Kommandoposten gesehen.
     Auch Mr. Foster, der Zweite Offizier - ein derber Nordengländer - wirkte wie ein tüchtiger Seemann.
     Aber ein unparteiischer Physiognom, der in der Messe Ausschau hielt nach jemand, dem er blind vertrauen konnte, hätte mit ziemlicher Sicherheit den kleinen, hageren Mann aus Devon gewählt, den Supernumerar Mr. Rabb mit den ruhigen, strahlend blauen Augen und dem energischen Kinn, der mehr einem Marineoffizier als einem Offizier der Handelsflotte glich.
     Nur etwas störte an Mr. Rabb: Seine Nägel waren stets bis aufs Fleisch abgekaut.
     Um zwei Uhr morgens kam das Leuchtfeuer von San Salvador in Sicht. Sie ließen es zehn oder zwölf Meilen östlich liegen und passierten zwischen dieser Insel und Rum Cay, deren weiße Zwillingsklippen im ersten Morgendämmer gerade auftauchten. Sie navigierten nun zwischen den Inseln, wahrten jedoch von allen Abstand; der blaue Turm von Bird Rock lag kurz nach dem Frühstück querab. Es herrschte weiter Schauerwetter bei mäßigem Wind und mäßiger Dünung, und den übrigen Tag sahen sie nichts mehr, bis sie um vier Uhr nachmittags den hohen Turm auf Castle Island sichteten.
     Dick hatte die Westindischen Inseln noch nie gesehen; es war enttäuschend, von diesen halkyonischen Inseln jetzt nichts weiter zu erblicken als ab und zu einen Leuchtturm oder hinter dem Regenvorhang einen verwaschenen, hingeduckten Fleck.
     Um neun Uhr abends befanden sie sich östlich von Cape Maysi, dem östlichsten Zipfel Kubas, und fuhren in die breite, als Windward Passage bekannte Meerenge zwischen Kuba und Haiti ein. Das Kap selbst liegt zu tief, als dass man es in der Dunkelheit sehen könnte, aber die hintereinander gestaffelten Reihen der Purial Mountains hoben sich undeutlich gegen den helleren Himmel ab.
     Um fünf Uhr am nächsten Morgen, es tagte eben, liefen sie östlich an Navassa Island vorbei; ein unfruchtbarer Kalksteinschwamm zwischen Jamaika und Haiti. Das war das letzte Land, das sie sehen würden vor dem Erreichen Colons am Zugang des Panamakanals (wo Mr. Rabb an Bord seines eigenen Schiffes wechseln sollte). Vor ihnen lag die kurze Passage durch die offene Karibik - eine rund 48-stündige Fahrt.
     Den ganzen Tag über fegte ein frischer Nordostwind, und die schwarze See war rau. Aber was bedeuten raue See und ein halber Sturm schon für ein modernes, prächtiges Schiff wie die Archimedes? Nur eine Gelegenheit, ihre guten Eigenschaften unter Beweis zu stellen; nur eine willkommene Abwechslung vom sonst enervierenden Bordalltag. Der Wind pfiff in den Drähten, Gischt schwappte übers Vordeck und erwischte mitunter einen unbesonnenen Chinesen, der in seiner papierdünnen Kattunkleidung das Raumdeck überqueren wollte. Für Dick Watchett auf der Brücke bedeutete es, dass er sich als echter Fahrensmann fühlte, und es vertrieb die triste Vorstellung, heutzutage bestünde das Seemannsleben nur aus dem Büffeln für Prüfungen und dem Abzählen von Kolonialwaren.
     Gegen Abend tobte ein richtiger Sturm. Mit Schlimmerem musste man indes nicht rechnen, jetzt wo die Hurrikan-Saison vorüber war. Das Meer wogte immerhin so hoch, dass die Archimedes stampfte und rollte; und wären Passagiere an Bord gewesen, hätten sie stumm und elend in ihren Kabinen oder halberfroren in den Deckstühlen gelegen und gar nicht mehr gut ausgesehen; manche wären vielleicht auch eilig auf Deck hin und her gerannt und hätten sich kernig gegrüßt mit dem hartgesottenen Grinsen von Schmalspur-Wikingern. Aber es gab keine Passagiere an Bord der Archimedes, nicht einmal Pilger, und der einzige, der sich übergeben musste, war Thomas, und er erledigte dies dezent und diskret in den Tiefen des Nebelhorns.
     Der Sturm fand seine Erklärung, als der Funkwetterbericht einging. Das Zentrum einer "tropischen Störung" lag einige hundert Meilen weiter östlich: anders gesagt, ein kreisförmig um den Kern eines Tiefdruckgebiets gruppiertes System von Stürmen, die noch früher im Jahr zu Hurrikanstärke hätten anwachsen können.
     Der Bericht meldete aber eine Störung von geringer Intensität, die sich nur äußerst langsam in westlicher Richtung verlagerte. Die Meldungen der letzten fünfzig Jahre erwähnen für den Monat November keinen schweren Hurrikan. Die Tiefdruckgebiete füllen sich immer wieder auf, und der Wind erstirbt. Und jetzt schrieb man bereits Mitte November. Da aber die Parole der Sage-Linie "Vorsicht" lautete, wich Captain Edwardes von seinem südlichen Kurs etwas nach Westen ab, um dem Tief ganz aus dem Weg zu gehen. Ein Hurrikan stand zwar keinesfalls zu erwarten, sollte aber trotzdem einer aufziehen, dann würde auf einem Schiff wie der Archimedes kein Hahn danach krähen. Doch sei das Risiko auch noch so klein, ein Navigator hat die Pflicht, es weiter zu verringern.
     Nacht musste der Sturm sich eigentlich erschöpfen, und am nächsten Abend würden sie in Colon einlaufen. Ein leichter Barometeranstieg am späten Abend bestätigte endgültig, dass der Sturm in Kürze hinter ihnen liegen würde.
     Aber nein: Um sechs Uhr morgens begann das Barometer wieder zu fallen, und es stürmte in der Tat sehr heftig. Dem schlechten Wetter jetzt weiterhin nach Westen ausweichen zu wollen, wäre unklug gewesen, denn dort lagen Riffe; und Riffe gilt es noch mehr zu meiden als Stürme. Colon war nun nicht mehr sehr weit, und die Wetterberichte von dort versprachen jedem Ankömmling milde Brisen und schönes Wetter. Also wurde der neue Kurs direkt nach Süden gesetzt, um das kleine Störungsgebiet zu umfahren, in das sie da ganz offensichtlich irgendwie hineingeraten waren.
     Um acht Uhr an diesem Morgen beschloss Mr. Buxton, einen Rundgang durch das Schiff zu machen, um alles in Ordnung zu bringen und für einen Sturm vorzubereiten, nur für den Fall, dass sie doch etwas abbekamen. Es war eine routinemäßige Vorsichtsmaßnahme, weiter nichts; auf einem Schiff wie der Archimedes trifft man nicht dieselben Vorkehrungen - zum Beispiel das Anbringen der Lukenhauben -, die man auf einem anfälligeren kleinen Fahrzeug treffen würde.
     Er stellte jedoch fest, dass Mr. Rabb ihm zuvorgekommen war und auf eigene Faust schon alles wind- und wetterfest gemacht hatte. Trotzdem drehte er selber auch noch einmal die Runde, nicht etwa, weil er Mr. Rabb misstraute, sondern weil die Verantwortung letztendlich bei ihm als Erstem Offizier lag. Er fand nichts zu verbessern und konnte die Akribie und Tüchtigkeit bei der Erledigung dieser Aufgabe nur bewundern. "Er ist ein guter Offizier", murmelte er und setzte dann hinzu, ohne recht zu wissen wieso: "aber ein schräger Vogel".
     Während Mr. Buxton sich der aktuellen Situation widmete, strengte Captain Edwardes schwierige und komplexe Überlegungen an. Denn er musste jetzt anhand gewisser meteorologischer Regeln den weiteren Verlauf der Störung vorhersehen.
     Die Tage von Conrads Taifun sind vorbei; jene Tage, wo Hurrikane den Schiffsverkehr so unerwartet überfielen wie die Katze die Maus. Zum einen wissen die Mäuse heute mehr über die Anatomie der Katze und ihre Bewegungsmuster - und außerdem hat man der Katze ein Glöckchen umgehängt.
     Um die Jahrhundertwende hatte die Meteorologie bereits ordentliche Fortschritte gemacht. Man hatte die Bewegungen dieser Stürme über einen langen Zeitraum hinweg kartographiert und studiert und darin eine außerordentliche Gleichförmigkeit erkannt. Darum lernte jeder Seemann, auf welchen Bahnen sich Hurrikane für gewöhnlich bewegen und wo die unsichtbaren Barrieren liegen, die diese Bahnen in nördlicher Richtung ablenken. So konnte er es meist ganz vermeiden, überhaupt in einen Hurrikan zu geraten. Befand er sich jedoch an den Ausläufern einer derartigen Störung, ermöglichten es ihm weitere Regeln - durch Beobachtung des Barometerstands und der umspringenden Windrichtungen -, das augenblickliche Zentrum des Wirbelwinds zu berechnen und ob sich sein Schiff in einem Quadranten aufhielt, wo es eingesogen oder abgestoßen werden würde, und in welche Richtung er entkommen konnte. Denn genau so wie ein schnell rotierender Kreisel nur langsam über den Boden des Kinderzimmers kriecht, so wandert das ganze System, trotz der gewaltigen Geschwindigkeit des Hurrikans, doch nur sehr langsam. Im Durchschnitt - während der Sturm richtig tobt - nicht mehr als zwölf Meilen pro Stunde, manchmal auch nur drei oder vier Meilen.
     Und trotzdem gerieten Schiffe mitunter immer noch in einen Hurrikan. Ein langsames Segelschiff oder ein schwer beladener Dampfer etwa, die durch eine exzentrische Bewegung des Sturms zu einem falschen Manöver verlockt wurden oder die ihnen drohende Gefahr zu spät erkannten, um ihr noch entkommen zu können. Heute jedoch, mit dem Beginn der drahtlosen Telegraphie, existiert selbst diese Gefahr kaum noch. Denn wenn jetzt ein Hurrikan unterwegs ist, bleibt ihm der gesamte Schiffsverkehr in der Nähe auf der Spur und telegraphiert die relevanten Informationen an eine Küstenstation. Dadurch kann der Meteorologe an Land jedes noch so exzentrische Verhalten des Hurrikans und jede Veränderung seiner Stärke wie mit eigenen Augen verfolgen, und die kleinste sich abzeichnende Kursabweichung oder Geschwindigkeitsänderung wird sofort registriert und zweimal täglich in neuesten Berichten an die Schifffahrt zurückgefunkt.
     Das meine ich eigentlich damit, wenn ich sage, man hat "der Katze ein Glöckchen umgehängt". Zweimal am Tag hört man das Glöckchen klingeln. Man hört den Hurrikan schon kommen, bevor er auch nur in der Nähe ist.
     Heutzutage hört man, dass ein Hurrikan meist bei ortsfesten Dingen wie zum Beispiel Bananenstauden Schäden hinterlassen hat, nicht aber beim Schiffsverkehr. Schiffe (da beweglich) sind in diesen geographischen Breiten weniger gefährdet als Regierungsstellen (da unbeweglich).

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Auszug mit freundlicher Genehmigung des Dörlemann Verlages
(Copyright Dörlemann Verlag)

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