Vorgeblättert

Leseprobe zu Rainer Pöppinghege: Tiere im Ersten Weltkrieg.Teil 1

11.08.2014.
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AN DER FRONT

Tiere im Einsatz


Der Kriegseinsatz begann mit einer Bahnfahrt. Wir kennen die üblichen Fotos der mit Siegesparolen beschrifteten Waggons. "Jeder Stoß ein Franzos"", und Weihnachten wollte man wieder zu Hause sein. Die Siegeszuversicht musste ebenso weichen wie die von vielen geteilte Erwartung eines kurzen Krieges. Also machten sich Mensch und Material auf, um den Gegner zu stellen.


Pferde

Auch für viele Tiere bedeutete der Kriegseinsatz zunächst einmal tage- und oft nächtelange Bahnfahrten in Waggons, die alles andere als artgerecht zu nennen waren. Im Westen versammelten sich die Regimenter auf grenznahen Truppenübungsplätzen, wo auch den Pferden einige Stunden der Ruhe zukamen. Schon der Bahntransport und der Ritt zum einstweiligen Rastplatz hatten die Tiere geschwächt. Dann ging es weiter in Richtung belgischer Grenze. Im günstigsten Fall war man auf die Massen an Pferden vorbereitet und hatte Futtervorräte herangeschafft. Es muss nicht betont werden, dass das nicht immer gelang und sich schon in den ersten Einsatztagen ein Problem offenbarte, das über vier Jahre hinweg den Einsatz der Tiere prekär werden ließ: die Versorgung mit genügend nahrhaftem Futter. Anfangs erschien dies noch als Organisationsmangel, der überwunden werden konnte. Später stellte sich das Problem als strukturelles Defizit dar.
     Für die Pferde an der Front, die beispielsweise Artilleriegeschütze und -munition transportierten, standen häufig selbstgebaute Unterstände zur Verfügung. Die rückwärtigen Einheiten nutzten meist bereits bestehende Stallungen und Scheunen. Daneben errichteten die Soldaten Unterstände aus Zeltbahnen, sofern kein anderes Baumaterial zur Verfügung stand. Insbesondere bei der Schlacht um Verdun scheinen sie hiervon des Öfteren Gebrauch gemacht zu haben. Je nach ihrem körperlichen Zustand litten die Pferde nicht nur am grassierenden Futtermangel, sondern auch an den bescheidenen Unterstellmöglichkeiten - von den direkten Einwirkungen des gegnerischen Feuers einmal ganz abgesehen!
     Dass man im Zeitalter einer rapide fortschreitenden Technisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch auf Pferde zurückgreifen musste, war den meisten Militärstrategen klar. Unterschiedliche Ansichten gab es vor allem über die Art des Einsatzes. In Deutschland stand die Kavallerie im Zentrum einer scharfen Auseinandersetzung zwischen konservativen und reformorientierten Kräften.(83) Wie wichtig sollten künftige Kavallerieeinsätze sein? Sollte man sie stärken und ihre militärstrategische Bedeutung noch erhöhen - oder sollte man sich nicht langsam von der Vorstellung verabschieden, mit Reitern in die Offensive zu gehen?
     Vermehrung oder Verringerung - auf diese Frage spitzten sich die Diskussionen zu. Dabei war die zahlenmäßige Entwicklung der berittenen Einheiten während der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg in den meisten Staaten weitgehend stabil. In Deutschland verfügten die Kavallerieeinheiten zwischen 1873 und 1913 über einen Bestand zwischen 69 000 und 70 000 Tieren.(84) Das Heer in Bayern hatte die Anzahl an Dienstpferden seit der Jahrhundertwende sogar deutlich vergrößert.(85)
     Schon bald mussten Strategen wie der Militärhistoriker Friedrich von Bernhardi jedoch einsehen, dass der von ihnen bevorzugte "Kampf mit der blanken Waffe"(86) im verminten und von Schützengräben durchzogenen Schussfeld der Maschinengewehre anachronistisch wirken musste. Trotzdem behielten die Militärbehörden zunächst sogar die Ausstattung der Kavallerie mit Lanzen bei, die bei Nahgefechten in vorherigen Kriegen gute Dienste geleistet hatten. Doch für die Realität des modernen industrialisierten Krieges, wie er an der Westfront stattfand, waren sie - anders als gelegentlich an der Ostfront - ziemlich ungeeignet. Hier halfen eher Gewehre, die die Kavallerie dann aber in die Nähe der berittenen Infanterie rückte, die Pferde nur zur Fortbewegung, nicht aber für das eigentliche Gefecht nutzte.
     Unbestritten war dagegen die größere Beweglichkeit berittener Einheiten. Und ebenso unbestritten war die Tatsache, dass Pferde auch für die Armeen des Ersten Weltkriegs eine herausragende Rolle spielten. Dies galt vor allem für ihre Rolle als Last- und Zugtiere. Immerhin vermochte ein einzelnes Tier zwischen 60 und 80 Kilogramm zu tragen, Maultiere schafften Ähnliches. Und als Gespannpferde waren sie ohnehin unverzichtbar. Denn man sollte nicht vergessen, dass das Pferd zu jener Zeit das am meisten genutzte Transportmittel auch im Zivilleben war.
     Bis in das 20. Jahrhundert hinein waren Pferde die Haupttriebkräfte des urbanen Massenverkehrs im Personen- und Lastentransport - von ihrem Einsatz in der Landwirtschaft Europas und Nordamerikas ganz zu schweigen.(87) Der Höhepunkt der Pferdenutzung war erst im Jahrfünft zwischen 1905 und 1910, also praktisch am Vorabend des Ersten Weltkriegs erreicht worden. In der deutschen Landwirtschaft verdrängten motorgetriebene Zugfahrzeuge die Tiere sogar erst in den 1950er Jahren. Insofern kann es nicht überraschen, dass Pferde in den meisten Ländern das Rückgrat der Heeresinfrastruktur bildeten.
     Im Durchschnitt griff das deutsche Feldheer während des Krieges kontinuierlich auf 1,2 bis 1,4 Millionen Pferde zurück - mehr als in jedem anderen Krieg zuvor. Nicht mitgerechnet sind hierbei jene schätzungsweise zwei Prozent außeretatmäßige Krümperpferde, die eigentlich ausgemustert waren und für leichtere Arbeiten wie den Transport von Futter bei den Pferdedepots herangezogen wurden. Sie erhielten keine gesonderten Futterrationen, sondern wurden aus den Lieferungen für die planmäßigen Dienstpferde miternährt.(88)
Die meisten Pferde - 700 000 - gab es an der Westfront, den zweitgrößten Bestand bildete die Ostfront mit 400 000 Tieren.(89) Was dies für den Pferdebestand insgesamt bedeutete, zeigen zwei Zahlen: Kurz vor Kriegsbeginn gab es im Deutschen Reich insgesamt 4,7 Millionen Pferde, wie eine entsprechende Zählung ergab. Bei Kriegsende hatte sich diese Zahl um fast ein Drittel auf 3,3 Millionen verringert.
     Es gelang zwar, den Pferdebestand an der Westfront bis ins letzte Kriegsjahr auf 900 000 Tiere zu steigern, doch nahmen zu jener Zeit auch die Verlustraten dramatisch zu. Betrugen die dortigen Verluste 1915 noch 9,5 Prozent der Ist-Stärke, so näherte sich dieser Wert im Jahr 1918 den 25 Prozent an - ein sicheres Zeichen dafür, dass die Tiere zunehmend geschwächt waren und leichter Opfer von Krankheiten wurden. Schon im Oktober 1916 mussten viele berittene Einheiten absatteln, da es schlicht an Pferden fehlte. Als unberittene Einheiten setzten sie ihre Einsätze fort, was im Westen also nicht nur dem Einfrieren der Kampfhandlungen im Stellungskrieg geschuldet war.(90)
     Ähnliche Verlustquoten wiesen die Heere der Alliierten auf. Die Briten beklagten im ersten und im letzten Kriegsjahr jeweils die höchsten Verlustraten mit jeweils circa 20 Prozent.(91) Mehr als 500 000 Pferde in Diensten der Briten kehrten nicht aus dem Krieg zurück, gut die Hälfte davon verendete auf den Schlachtfeldern Nordfrankreichs. Zum Teil etwas höhere Verlustziffern sind aus Frankreich überliefert, wo mindestens eine Million Pferde starben, bzw. aus Österreich, wo 250 000 Tiere vorwiegend aufgrund von Unterernährung umkamen.
     Insgesamt dürfte es sich um acht Millionen Pferde gehandelt haben, die dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen. Darunter sind allerdings nur solche in Militärdiensten erfasst, also nicht diejenigen zivilen Pferde, die in der Heimat verendeten. An den Fronten richteten die Militärbehörden spezielle Einheiten zur Beseitigung der toten Tiere ein. Denn auch aus Haut und Knochen wollte man noch Nutzen ziehen: Schließlich konnte man noch Fett, Leim, Tiermehl und - bei gesunden Pferden - Fleisch für die Soldaten aus ihnen gewinnen. Ein entsprechendes Merkblatt erläuterte in ungelenker Sprache: "Der empfindliche Mangel an Rohstoffen erfordert dringend die allseitige Mitarbeit an der Bergung gefallener Tiere und der tierischen Abfälle: Sie verschafft uns: Häute für die Ledergewinnung, wertvolle technische Fette und Kraftfuttermittel für Schweinemast, als [sic!] zur Wiedererzeugung von Nahrungsfetten."(92)
     Der Mangel an Pferdefutter war bei den Deutschen ab Februar 1915 zu erkennen, als die Militärbehörden sich gezwungen sahen, die Haferrationen ganz oder teilweise zu ersetzen.(93) Je nach Einsatzzweck - schwere Zugpferde erhielten noch den höchsten Haferanteil - sank der Haferanteil auf lediglich 5500 Gramm. Das war allerdings nur die auf dem Papier vorgesehene Menge. In der Realität konnte der Haferanteil in den Rationen deutlich spärlicher ausfallen. Der Rest bestand aus Ersatzstoffen wie Gerste, Mais, Hirse, Erbsen, Bohnen oder auch Tiermehl. Das allerdings verschmähten viele Pferde, sofern es nicht geschickt beigemischt wurde. Selbst Sägemehl bekamen sie "aufgetischt", denn neben dem Mangel waren es auch Transportprobleme, die verhinderten, dass Futter rechtzeitig und in hinreichender Menge zu den Tieren gelangte: Die Kapazität der Eisenbahn war beschränkt, und Tierfutter hatte nicht die höchste Transportpriorität.
     Da die Hoffnung auf gute Ernteerträge in den Folgejahren trog und insbesondere die Heulieferungen spärlich blieben, kann von einer Entspannung bei der Futterversorgung für die restlichen Kriegsjahre nicht gesprochen werden. Im Gegenteil: Nicht nur die Futtermengen verringerten sich, sondern auch die Nährwertqualität des Futters sank. Zum Kriegsende hin hatte sich die Situation drastisch verschärft. Unterernährte Pferde fraßen auf der Suche nach geeignetem Futter auch von Dächern überhängendes Stroh, das aber oft mit Schimmelpilzen verunreinigt war. Das Resultat bestand in Magenkoliken, die die Einsatzfähigkeit der Tiere zunehmend minderten.
     Angesichts der kriegsbedingten erhöhten körperlichen Beanspruchungen musste sich die abnehmende Menge und Qualität des Futters besonders negativ bemerkbar machen. Ein Regimentskommandeur der Kavallerie berichtete 1915, sicherlich in guter Kenntnis des Bewegungskriegs im Osten: "Die Durchschnittsmarschleistung der Gros war 40-50 km täglich, bis zu 10 Tage ohne Rast. An die zahlreichen Patrouillen- und Meldereiterpferde traten große Leistungen heran, bis zu 100 km pro Tag, mehrmals [wurden] 120 km am Tag erreicht, wobei sehr viel im Gelände zu galoppieren war. In den ersten 2 Monaten wurde oft biwakiert, das Wetter war häufig schlecht. Wenn Unterkunft bezogen wurde, dann meist nur für wenige Stunden. Die stete Marschbereitschaft ließ selten ein Absatteln zu, es kam vor, daß Pferde 4 Tage ununterbrochen unter ihren schwerbepackten Sätteln standen."(94) Da wundert es nicht, dass die derart überstrapazierten und geschundenen Tiere in großen Mengen verendeten.
     Der Winter des Jahres 1917/18 brachte weitere beträchtliche Verluste an Pferden, deren Zahl immer weiter sank. Kurzzeitige Entlastung gewährte der am 3. März 1918 geschlossene Friede von Brest-Litowsk zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Dieser erlaubte es den Deutschen, ihre Truppen - und vor allem Pferde - von der Ostfront abzuziehen und nach Frankreich zu verlagern. Auf Dauer vermochten diese Maßnahmen jedoch auch dort den Nachschub nicht zu sichern. Ohne die Kraftreserven der Tiere zu schonen, sollten auf höchste Weisung seit 1915 schwere Gespanne, für die eigentlich sechs Pferde vorgesehen waren, nur noch von vieren gezogen werden.(95) Die Zugkapazität leichter Gespanne wurde von vier auf zwei Tiere halbiert. Die Tätigkeit der Tiere konnte darin bestehen, Lasten wie beispielsweise Baumaterial für Schützengräben und Unterstände an die vordersten Linien zu transportieren. Stark beansprucht wurden sie auch durch lange Tagesmärsche. Ihr Hufbeschlag nutzte sich durch die Fortbewegung auf harten Straßenbelägen schneller ab. Beim Vormarsch im Westen im August 1914 hatte sich hauptsächlich starker Wassermangel negativ bemerkbar gemacht. So oder so: von einer hinreichenden Ernährung konnte nicht die Rede sein.
     Schließlich hing der Zustand der Pferde ganz wesentlich von der Pflege ab. Doch geschultes Personal stand nicht überall zur Verfügung, gut ausgebildete Reiter ebenso wenig. Auch unter falschem menschlichen Verhalten hatten die Tiere also zu leiden, wie Generalmajor Paul Seiffert im Januar 1918 kritisierte: "Bedauerlicherweise geht aber ein großer Teil der Pferde außerhalb des Gefechtfeldes dem Heere durch unsachgemäße Behandlung, Mangel an Pflege und unnötige Überanstrengung, sowie häufig durch unglaubliche Rohheit der Leute verloren."(96) Ob die von der Armeeführung ergriffenen Gegenmaßnahmen - intensivere Schulung und verstärkter Einsatz von gut ausgebildeten Pferdeoffizieren - geholfen haben? Oder war es dafür bereits zu spät?
     Auch an weit entlegenen Kriegsschauplätzen wie in Afrika traten Probleme mit der Futterbeschaffung auf. In Deutsch-Südwestafrika waren neben Pferden auch die Kamele der Schutztruppe betroffen. Prinzipiell glich der Tiereinsatz jenem in Europa: Es gab Pferdelazarette, und es wurden Tiere aus zivilen Beständen rekrutiert, um den militärischen Bedarf zu decken. Allerdings dürften die Verlustraten angesichts der extremen klimatischen Bedingungen auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz höher als in Europa gewesen sein. Neben Pferden und Kamelen kamen - häufiger als in Europa - Maultiere, Esel und sogar Ochsen als Reittiere zum Einsatz.(97) Selbst Zebras versuchten die Militärs als Reit- und Zugtiere zu nutzen. Dies jedoch vergeblich, da die Tiere sich schwer fangen und schon gar nicht züchten ließen.(98)

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(84) Kutter, S. 36.
(85) Kutter, S. 22.
(86) Zit. n. Pöppinghege, S. 242.
(87) Vgl. Clay McShane / Joel A. Tarr: "Pferdestärken als Motor der Urbanisierung. Das Pferd in der amerikanischen Großstadt des 19. Jahrhunderts", in: Dorothee Brantz / Christof Mauch (Hrsg.): Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Kultur der Moderne, Paderborn 2010, S. 39-57.
(88) Kutter, S. 74.
(89) Kriegsveterinärbericht, S. 362.
(90) Kutter, S. 118.
(91) Kriegsveterinärbericht, S. 373.
(92) Zit. n. Kutter, S. 152.
(93) Kriegsveterinärbericht, S. 387 ff.; Schwarte, Bd. 7, S. 582.
(94) Zit. n. Kutter, S. 125.
(95) Schwarte, Bd. 6, S. 58.
(96) Zit. n. Kutter, S. 119.
(97) Hans Fontaine: Das deutsche Heeresveterinärwesen. Seine Geschichte bis zum Jahre 1933, Hannover 1939, S. 781 u. 801.
(98) Fontaine, S. 822 f.

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