Vorgeblättert

Leseprobe zu Pete Dexter: Paperboy. Teil 2

16.01.2013.
CHARLOTTE BLESS und der Retriever warteten an meinem Fenster darauf, dass Yardley Acheman und mein Bruder herunterkamen. Mir war schwindlig von ihrem Parfüm, und obwohl ich mich keineswegs mit diesem Tier verglich, musste ich daran denken, dass wir irgendwann im Laufe der Geschichte wie Hunde vor allem durch Geruch erregt worden waren und dass es gewisse Gerüche gab, die mich immerzu aufforderten, ihrem Ruf Folge zu leisten. Ich dachte dabei nicht so sehr an einen gebratenen Truthahn im Ofen - da setzt man sich hin und verspeist ihn -, sondern an so etwas wie Benzin, das mich anzuregen schien, seit ich es zum ersten Mal gerochen habe. Aber zu was? Mir einen Drink zu genehmigen? Ein Bad einzulassen?
     Ist es möglich, dass Benzin das Erste in meinem Leben war, mit dem ich vögeln wollte?

MEIN BRUDER und Yardley Acheman tauchten in der offenen Tür auf, die nach oben zu ihrem Büro führte. Yardley setzte sich auf die unterste Stufe, nuckelte abwechselnd an einem aufgeschürften Knöchel und einer langhalsigen Bierflasche, die er in derselben Hand hielt, während Ward zurück zum Laster ging, um die Ladeklappe zu schließen. Er bemerkte Charlotte Bless erst, als er nach dem Griff fasste und sie plötzlich neben ihm stand.
     Es schien ihr zu gefallen, unvermutet an der Seite aufzutauchen. Mein Bruder zuckte bei ihrem Anblick zusammen und wurde rot, während sie dastand, den Kopf zur Seite legte und zusah, wie er sich von dem Schreck erholte. Auf einmal tat er alles zu rasch. Er lächelte, nickte und versuchte, die Ladeklappe zu schließen.
     "Ich bin Charlotte Bless", sagte sie.
     "Nett, Sie kennenzulernen", sagte er. Wortlos schaute sie ihn an. Welche Macht sie auch immer über Männer besaß, sie musste sich ständig beweisen, dass sie sie noch ausüben konnte.
     Ward zog die Klappe zu, schloss ab und ließ den Schlüssel auf die Straße fallen. Sie rührte sich nicht, als er sich bückte, um ihn aufzuheben, tat keinen Schritt. Sein Gesicht streifte beinahe ihre Hose. Er richtete sich auf, lief erneut rot an und geriet unter ihrem Blick ins Stolpern. Dann sah sie zur Tür hinüber, wo Yardley Acheman noch immer auf der Stufe saß und sein Bier trank. Attraktiv und unnahbar.
     "Mr. Acheman?" fragte sie. Von Anfang an war er es, den sie bevorzugte.
     Er stand langsam auf, trat aus dem Schatten und ging zum Lastwagen. Sie streckte ihre Hand aus, brusthoch, als hätte sie gerade erst gelernt, wie man die Hand gibt, und er nahm sie, musterte sie von oben bis unten. Er kannte die Frau bisher nur von Fotos.
     "Ist es das?" fragte sie und nickte zum Gebäude hinüber. Yardley Acheman folgte ihrem Blick und schaute sie dann an, als wolle er ihr dieselbe Frage stellen.
     Er trank den letzten Rest und stellte die Flasche auf den Bordstein. "Wollen Sie auch ein Bier?" fragte er. "Wir haben oben einen Kühlschrank."
     "Ich trinke nicht vor Sonnenuntergang", sagte sie, doch es klang, als würde sie eine Ausnahme machen wollen. Sie ging zur Hecktür des VW-Busses, öffnete sie und holte einen Stapel flacher Pappkartons heraus, der ihr fast bis unters Kinn reichte. Sie zögerte einen Augenblick, ging zu meinem Bruder und Yardley Acheman zurück, schien dann einen Entschluss zu fassen und reichte meinem Bruder die Kartons, der sie annahm, ohne zu fragen, was sie enthielten, und wortlos stehen blieb, bis sie es ihm verriet.
     "Das sind meine Akten", sagte sie und ging wieder zum Bus zurück. "Kommen Sie, hier ist noch haufenweise von dem Zeug …"
     Ich wartete hinter Yardley Acheman auf meinen Stapel Kartons, um sie die Treppe hinauf ins Büro zu tragen, und beobachtete Charlotte Bless' Gesichtsausdruck, als sie ihm seine Last aufbürdete; ein rascher Blick, irgendwas ging zwischen den beiden vor, dann ließ sie die Kartons in seine Hände fallen - er sackte unter ihrem plötzlichen Gewicht zusammen - und kehrte wieder in den Bus zurück, um meinen Stapel zu holen.

CHARLOTTE BLESS' langfristiges Ziel war es, die Ehefrau von Hillary Van Wetter zu werden. So stellte sie sich jedenfalls das Ergebnis ihrer Bemühungen vor. Sie gab dies auch unumwunden zu, während sie sich gegen die Geschenkkartons mit dem Etikett des Kaufhauses "Maison Blanche" lehnte, die sich hüfthoch an den Wänden auf der Bürohälfte meines Bruders auftürmten. Jeder dieser Kartons war mit Klebeband verschlossen und etwa zur Hälfte mit mehreren Kilo "Akten" gefüllt. Das Gewicht der oberen Kartons drückte die unteren zusammen, sodass die ganze Wand aussah wie eine Sammlung verkrampft lächelnder Grimassen.
     Yardley Acheman saß auf der anderen trank noch ein Bier, den Stuhl an die Wand hinter ihm gekippt, die Beine auf dem Tisch übereinandergeschlagen. Er betrachtete Charlotte Bless mit einer Miene, die verriet, dass er sich noch keine endgültige Meinung über sie gebildet hatte. Aber vielleicht musste er sich auch nur an ihren Anblick gewöhnen. Auf den Bildern hatte sie jünger gewirkt.
     Niemand, der sich für die Frage interessiert, wo Journalisten ihre Storys herhaben, sollte glauben, dass die Kompassnadel jedes Mal neu ausgerichtet wird. Was sie fasziniert, das ändert sich nicht, nur der Ort, an dem sie es aufspüren.
     Mein Bruder und ich lehnten an den Fensterbänken. Die Fenster standen offen, der Geruch von Zwiebeln lag in der Luft, unterlegt mit Charlotte Bless' Parfüm.
     Sie saß da, als würde sie in ihrem eigenen Wohnzimmer sitzen. Die Knie hatte sie fast bis an den Kopf hochgezogen, mit den Armen hielt sie ihre Beine umschlungen. "Ich bin hergekommen", sagte sie und schaute wieder Yardley an, "weil ich - von meinen persönlichen Gefühlen für Hillary einmal abgesehen - einen Akt der Ungerechtigkeit korrigieren und einen unschuldigen Mann befreien will."
     Yardley Acheman tippte mit der Flasche sanft an seine Lippen und reagierte nicht. Mein Bruder blieb reglos sitzen und wartete.
     "Das ist doch auch Ihr Ziel, oder?" fragte sie.
     "Sie wollen ihn heiraten", sagte Yardley Acheman.
     "Wir sind verlobt", gab sie zurück. Ich warf einen raschen Blick auf ihre Hände und versuchte herauszufinden, welcher Ring von Hillary Van Wetter stammte. Statt eines Steins trug sie in dem Ring am Zeigefinger einen Babyzahn.
     Yardley Acheman sah meinen Bruder an.
     "Das ändert gar nichts", sagte sie. Es war still im Zimmer. "Oder doch?"
     Mein Bruder rührte sich, wodurch er ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er schien etwas sagen zu wollen, doch dann überlegte er es sich anders und blieb stumm.
     "Mr. Acheman?" fragte sie, beugte sich vor und entblößte ein wenig mehr von ihrer Brust. Er tippte sich mit der Bierflasche an die Lippen und dachte nach.
     "Nein", sagte er.

CHARLOTTE BLESS hatte Hillary Van Wetter zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, als sie ein Bild von UPI auf der Titel vier Tage alten Ausgabe der New Orleans Times-Picayune sah, die jemand bei der Arbeit auf dem Mittagstisch liegen gelassen hatte.
     Auf dem Bild war er in Handschellen und wurde in Lately die Stufen zum Gericht hinaufgeführt. Er stand unter Anklage, Sheriff Thurmond Call ermordet zu haben.
     Sie saß in der Kantine der Hauptpost von New Orleans, in der Loyola Street. Die Zeitung lag auf dem Tisch, jemand hatte die Sportseiten herausgerissen, auf dem Papier trockneten rote Bohnen und Reis. Sie wischte die Essensreste weg und betrachtete das Bild, das leicht verwackelt war, aber trotzdem eine gewisse Intensität im Gesicht jenes blonden Mannes einfing, der zwischen zwei mondgesichtigen Hilfssheriffs stand, und sie spürte, wie es sie zu ihm hinzog.
     Den übrigen Mördern nach zu urteilen, deren Akten sie zusammen mit Hillary Van Wetters Unterlagen im Volkswagen transportiert hatte, hegte sie eine Vorliebe für blonde Männer.
     Sie hatte die Story unter dem Bild gelesen - es waren nur einige Absätze, die vor allem die Laufbahn von Sheriff Call wiedergaben -, und als ihre Mittagspause zu Ende ging, riss sie Bild und Artikel aus der Zeitung und stopfte sie in ihre Tasche. In der Kantine war das möglich, in der Abteilung wäre es eine Straftat gewesen, denn hinter den abgedunkelten Fenstern saßen Aufpasser, die die Briefsortierer gerade auf ein derartiges Vergehen hin kontrollierten.
     Bisher hatte Charlotte Bless' Ehrgeiz nur das Ziel gekannt, ihre Karriere beim Postamt von New Orleans als eine Aufpasserin hinter diesen abgedunkelten Fenstern zu beenden. Eine solche Arbeit hätte ihr gefallen, sie war sogar entschlossen, alle Beförderungsangebote abzulehnen, die über diese Stelle hinausgingen. An jenem Abend schrieb sie ihren ersten Brief, Luftpost, einen fünf Seiten langen Bericht, der Hillary Van Wetter schilderte, wie sie sein Bild entdeckt hatte und welche Stellung sie bei der Post einnahm, der von den Essensresten auf dem Tisch erzählte, den nie einer sauber machte, und der ihr "Dilemma" beschrieb, dass sie sich nämlich inmitten der ganzen Schweinerei hier die Frage stellte, wie ein ordentlicher, sorgfältig rasierter Mann wie Hillary Van Wetter in eine solche Situation hatte geraten können.
     Sie machte einen Durchschlag, legte die Kopie in einen Karton und schrieb H.V.W. darauf.
     Er war nicht der erste Mörder, dem sie geschrieben hatte, aber er war der erste, der mit einem Messer gemordet hatte. "Wäre ich an Ihrer Stelle gewesen", schrieb sie ihm am Ende des Briefes und schlug damit einen seltsam vertraulichen Ton an, "hätte ich mich - wäre ich so sehr provoziert worden, dass ich jemanden töten wollte - bestimmt ebenfalls für die Intimität der Klinge entschieden."
     Sie erhielt keine Antwort.
     Im nächsten Brief stand, sie wisse, dass er sich noch am Anfang seiner juristischen Reise befinde, genau das waren ihre Worte, und daher wohl zu beschäftigt sei, um den üblichen gesellschaftlichen Gepflogenheiten nachzukommen. "Und fotogen wie Sie sind", fügte sie hinzu, "erhalten Sie sicher weit mehr Briefe, als Sie beantworten können."

IN DEN NÄCHSTEN FÜNF MONATEN ging Charlotte jeden Nachmittag nach der Arbeit in die öffentliche Bibliothek von New Orleans und suchte nicht nur in den Seiten der Times-Picayune und der States-Item, die beide kaum über Ereignisse außerhalb Louisianas berichteten, nach einer Erwähnung von Hillary Van Wetter, sondern las auch die Atlanta Constitution, die Miami Times und die Tampa Times.
     Als das allgemeine Interesse an der Story abflaute, wurden Hillary Van Wetter und Sheriff Call seltener erwähnt. Doch dafür wurde Charlotte später, während des eigentlichen Prozesses, mit täglicher Berichterstattung belohnt, und sie schnitt alle Artikel sowie sämtliche Bilder von Hillary Van Wetter aus, selbst wenn es Fahndungsfotos waren, die sie bereits besaß.
     Sie schnitt auch die Bilder von Sheriff Call, vom Staatsanwalt, dem Strafverteidiger und den beiden Schöffen aus, die nach dem Urteil interviewt und fotografiert worden waren. Manchmal schaute sie sich morgens die Bilder an, wenn sie vor lauter Sorge um Hillary aufwachte, und es tröstete sie, diese Männer mit ihm zu vergleichen. Ihr Leben lang hatte sie Männer mit solch weichen Gesichtern zurückgewiesen.
     An einem kleinen, vom vorderen Tresen nicht sichtbaren Tisch der Bibliothek schnitt sie die Bilder aus der Zeitung, wobei sie eine kleine Nagelschere mit stumpfen Enden benutzte, die die Ränder der leeren Rahmen ausfranste. Sie schämte sich, die Bilder zu stehlen, und hinterließ einmal im Kummerkasten einen Zettel mit dem Hinweis, dass die Bibliothek ein besseres Sicherheitssystem gebrauchen könnte. Sie hatte auf die abgedunkelten Fenster im Postamt verwiesen.
     Zu Hause klebte sie die Artikel und Bilder auf Schreibmaschinenpapier und legte die Blätter zuunterst in den mit H.V.W. beschrifteten Karton. Sobald er halb voll war, begann sie einen neuen Karton.
     Unterdessen schickte sie Hillary Van Wetter jede Woche einen Brief ins Gefängnis - lange, ausschweifende Briefe mit Beschreibungen des Postamts und der Leute, die dort arbeiteten, der Geräusche, die nachts durch die Wände ihrer Wohnung drangen, und davon, was sie von einem Artikel über ihn hielt oder wie er ihr auf einem Foto gefiel, das sie entdeckt hatte.
     Es war noch zu früh, um Druck zu machen.
     Die übrigen der von ihr ausgewählten Mörder waren seit dem ersten Brief, sogar noch ehe sie ihr Bild geschickt hatte, eifrige und treue Korrespondenten gewesen. Doch waren ihre Antwortschreiben letztlich so eintönig, dass Charlottes Interesse erlahmte. Sie schickte ihnen zwar noch nichtssagende Karten aus dem Urlaub, machte sich aber nicht mehr die Mühe, einige der dickeren Umschläge zu öffnen, die als Absender eine Kennnummer trugen. Sie waren alle gleich, steckten voller Juristenjargon und Geschichten von vergesslichen Anwälten, dem Gefängnisalltag und ihren erotischen Sehnsüchten, und alle versprachen Sex, der Tage und Monate dauern sollte.
     Schlimmer noch waren die, die Bücher lasen und laufend tote Philosophen zitierten. Meistens deutsche.
     Nichts über die Verbrechen. Kein Wort über die Opfer oder den Tatort, an dem der Mord passiert war. Keinen einzigen Hinweis darauf. Fast schien es, als wäre die eine aufregende Sache in ihrem Leben nie geschehen.
     Trotzdem hatte Charlotte Bless sie noch nicht völlig abgeschrieben. Sie dachte nachts an sie, wie sie, eingesperrt in sechs verschiedenen Bundesstaaten, im Halbdunkel der Zellen ihr Bild anstarrten, alles um sie herum totenstill bis auf ihren harschen Atem und das Knarren der Pritschen.
     Allerdings spürte sie, dass sie bei Hillary Van Wetter nach etwas Tiefgründigerem suchte, als es ihr die gewöhnlichen Killer bieten konnten.
     Sie wollte jemanden, der keine Kompromisse einging. Kaum hatte man Hillary verurteilt - sie begann ihre Briefe danach mit "Mein lieber Harry" - und in die Todeszelle gesteckt, sandte sie ihm ihr Bild und unterschrieb es mit: "Für Hillary Van Wetter, einen integren Mann. Mit wärmsten Empfehlungen, Charlotte."
     Als ich im Begleitbrief dieselbe Formulierung las - "ein integrer Mann" -, musste ich plötzlich an meinen ungarischen Schwimmlehrer an der Universität von Florida denken. Mobilisiere deine ganze Kraft fürs Schwimmen.
     Sie wusste, wie sehr ihr das Foto schmeichelte, fand es aber im Großen und Ganzen angemessen. Es gab ihre wesentlichen Merkmale korrekt wieder, glättete ihre Haut, ließ sie weicher wirken und zeigte zudem keinen Teil ihres Körpers, an dem sie, selbst nicht in kritischen Momenten, etwas auszusetzen hatte.
     Und falls sie beim Versenden des Bildes bereits wusste, dass sie irgendwann vor Hillary Van Wetter nicht in exakt derselben Gestalt erscheinen würde wie angekündigt, dann war die Täuschung keineswegs so gravierend wie etwa bei den Abbildungen auf Verpackungen von Tiefkühlkost, die Erbsen so grün wie grüne Kreide versprachen und graue Erbsen enthielten.
     Sie war keine graue Erbse.
     Acht Tage nachdem sie ihr Bild abgeschickt hatte, traf ein Brief aus Starke in Florida ein:

Geehrte Miss Charlotte Bless,
     vielen Dank, dass Sie mir einen Brief über meine Unschuldigkeiten geschrieben haben. Ich hab da ein paar Sachen vor, die gehen in die gleiche Richtung. Gibt's kein Bild, wo mehr von Ihnen drauf ist, damit ich weiß, womit ich's zu tun habe?
     Ihr ergebener
     Hillary Van Wetter / Nr. 39269
     Postfach 747
     Starke, Florida

     Sie las die Worte und meinte, seine Stimme zu hören. Keine Ausflüchte, kein Anwaltsgeschwafel, kein Herumgejammer. Er war reiner als die anderen Killer, aber das hatte sie ja von Anfang an gewusst. Ungebrochen vom Knast und den ganzen Juristen, ein integrer Mann.
     Und selbst wenn man zugab, dass die Romanze mit Hillary Van Wetter im Kern auf einem gewissen Missverständnis beruhte, würde doch niemand, der Hillary Van Wetter persönlich kennengelernt hatte, behaupten wollen, dass sich Charlotte Bless ganz und gar geirrt hätte.

Teil 3