Vorgeblättert

Leseprobe zu Nir Baram: Der Wiederträumer. Teil 1

24.08.2009.
(S. 19 ff)

Der Wiederträumer


1. Mai



Er lag an der Seite des eingerollten, reglosen Körpers, von dem er sich verraten fühlte. Joel Kadmon, dem Wiederträumer, schien es, als ob sich ihr Körper starr und protestierend von ihm abwende. Manchmal war ihr Schlaf ein Variete aus Schaukelbewegungen, dumpfen Reflexen, Flüstertönen, Schmatzen, sogar von amüsanten Verwünschungen. Während des Schlafs führte Rachel immer eine zügellose, laute Existenz. Von weitem hörte er eine Sirene heulen. Er schleppte sich zum Fenster und sah unweit der Allee eine Ambulanz halten. Näher konnten sie wegen des Hochwassers auf der Straße nicht heranfahren. Einige Leute sprangen aus dem Wagen und tauchten in die Allee ab, menschliche Schatten. Das Sehen fiel ihm schwer, deshalb konzentrierte er sich auf die gedämpften Laute. Die Leute mit der Trage waren schon da, hoben den toten Körper auf und legten ihn darauf ab. Sein Blick blieb an der Allee hängen, an dem Wenigen, das für ihn noch sichtbar war: die hin und her laufenden Schatten und der eingerollte tote Körper. Für den Bruchteil einer Sekunde fiel ein eigenartiges Licht auf die Allee, weiß der Teufel, woher es kam, und für einen Augenblick verharrte sein Blick auf dem Toten, bohrte sich in ihn hinein. Ein Albtraumbild blitzte in ihm auf, sein Körper erschauerte und schon war die Allee wieder dunkel und der Leichnam verschwunden.
     Der Blick des Wiederträumers wanderte vom geräumigen Balkon im dritten Stock zum Himmel über der verregneten Stadt. In seiner Erinnerung breitete sich ein dichtes Netz aus Tausenden von Sternen aus, glänzend wie damals in seiner Kindheit über dem Wadi an der südlichen Grenze. Einladend sah das aus, die Himmelskuppel mit ihren erhabenen Sternen - es schien, als schmiegte sie sich an den oberen Rand des Gebäudes. Das Ewigkeitsgefühl schützte seine bloßen Gliedmaßen vor den Böen einer neuerlichen Jerusalemer Unwetterfront. Nacht um Nacht war der Balkon, waren das Wadi und die Sterne an ihrem Platz verankert. War es nicht kindische Vermessenheit, zu glauben, der blau getönte Teppich, übersät mit den Diamanten der Nacht, werde sich auch noch in ein oder zwei Jahren ihm zu Ehren entfalten? Konnte denn irgendetwas den Strom der Zeit bezwingen und genau das bleiben, was es gewesen war? Als Kind erträumte er sich phantastische Dinge wie die Vernichtung der widerlichen Beth-Hakerem-Gemeinde, aber genauso innig wünschte er, sie möge genau das bleiben, was sie war. Nachdem er zwanzig geworden war, zog er mitten in eine dicht bevölkerte Wohnsiedlung Tel Avivs. Die Stadt am Meer war das Mekka der Israelis, die sich mehr und mehr verwestlichten. Sie alle klopften an ihre Tore. Darunter waren diejenigen, die ihre Jugend in den Vorstädten verbracht und sich immer nach ihr verzehrt hatten. Sie glaubten an ein stürmisches Leben dort. Darunter waren aber auch diejenigen, die von der Furcht getrieben wurden, sie könnten abgehängt werden, und schließlich auch solche, die wie er selbst jede Erinnerung an ihre Kindheit spurlos tilgen wollten, um neu geboren zu werden.
     Manchmal traf er auf der Straße Bekannte von damals. Die meisten von ihnen hatten die Gelegenheit zur Wiedergeburt genutzt. Die Schöngeister und die Gewitzten hatten ihre Vergangenheit, die er nur allzu gut kannte, den gegenwärtigen Erfordernissen von Tel Aviv angepasst.
     Sie schilderten ihr Heldenleben als glatten, einheitlichen Ablauf ohne Lücken. Die Schlichteren betonten unverfroren die neuen Manieren, die ihre reorganisierte Persönlichkeit sichtbar machten, und quasselten viel in einem Jargon, mit dem sie Kindheit und Herkunft verleugneten. Er hingegen, der böse Bube der Gemeinde von Beth-Hakerem, hatte sich als Kind damit getröstet, ausgegrenzt zu sein, sich genetisch von den anderen zu unterscheiden, die ihre Kindheit meist in starrem Gehorsam gegenüber ihren Eltern verbrachten. Das war eine Illusion, wie sich herausstellte. Die kleinlichen Einzelheiten, die alle zur menschlichen Existenz gehören, verschreckten ihn. Ganze Tage beschäftigte er sich mit Wasser- und Elektrizitätsrechnungen, errechnete Steuern und verplante sein Geld für Einkäufe oder Vergnügungen. Seine berufliche Zukunft machte ihm Angst, das Gebirge der Alltäglichkeiten drohte ihn zu erdrücken. Für andere waren es Schritte in eine faszinierende Zukunft, für ihn nur die nackte Tatsache, irgendwie weiterzuexistieren.
     In den ersten zwei Jahren in Tel Aviv hatte er die fixe Idee, alles, was er erreicht hatte, werde am nächsten Tag oder in der nächsten Woche verschwunden sein. Ungeachtet des Bewusstseins dessen, was er erreicht hatte, erwachte er jeden Morgen in einer Welt, in der es keine Gewissheiten gab, nicht eine einzige Gewissheit.


Sein erster akademischer Titel in Kommunikationswissenschaften und respekteinflößende Noten brachten ihm ein Festmahl mit seiner Mutter in einem japanischen Restaurant im Norden Jerusalems ein. "Dein Vater wäre stolz", beteuerte sie und er entschied sich, ihr zu glauben. Sein erster Arbeitsplatz war das Archiv des ersten Fernsehprogramms in Romema. Er kehrte nach Jerusalem zurück und mietete eine Wohnung in Beth-Hakerem, im Hochhaus über dem maroden Einkaufzentrum. Das Ereignis, das er sich als erschütternde Überraschung dachte - die Rückkehr des Rebellen ins Königreich des Bösen -, wurde von der Gemeinde schlicht ignoriert. Dann und wann
nickten ihm die Feinde aus der Kindheit grüßend zu oder wechselten einige Worte mit ihm. Aber im Allgemeinen bewegte er sich auf den Straßen so anonym, dass er sich nach dem Stand der Verachtung sehnte, den er in der Kindheit innehatte.
     Im Januar 2002 kehrte er als Dreißigjähriger nach Tel Aviv zurück. Er fand eine Stellung zum Mindestlohn im Produktionsbüro j.s.s. Das Produktionsbüro befasste sich mit elektronischer Kommunikation und künstlerischen Initiativen. Zehn kleine Zimmer, in denen je zwei Angestellte saßen, waren in vier fiktive Bereiche unterteilt, die jeweils als Filialen des "Allgemeinen Seketariatsdienstes" agierten. Zum Direktionsbereich gehörten die Räume des Generaldirektors, des Vizedirektors, des Projektkoordinators und ein blau tapezierter Sitzungsraum, der mit bunten, schwarz gerahmten Photos geschmückt war. Jedes der Photos hielt den exzentrischen Gesichtsausdruck einer der Berühmtheiten fest, die Teil eines "Projektes" der Organisation waren. Ganz unterschiedliche junge Leute liefen im Büro herum: Zugereiste und Städter, verträumt oder getrieben, "etwas Interessantes zu tun". Treibsand, von einer Organisation zur anderen, von einem Projekt zum nächsten fließend, künstlerisch ambitioniert, fest entschlossen, der Welt ihre Botschaft zu verkünden. Die meisten von ihnen waren fleißig, investierten in ihre Arbeit viele Stunden, die sich in ihren spärlichen Gehältern nicht niederschlugen. Sie sprangen von einer abgeschlossen Recherchetätigkeiten, die Augen ununterbrochen auf "neue Ereignisse" und ihre Kunden gerichtet, die sekundenschnell von einem Büro ins nächste wechselten. In den Produktionsbüros, die Anfang der neunziger Jahre auftauchten, waren die Arbeitsverhältnisse des alten Israel vergessen. Die Angestellten unterschrieben kurzlebige Einzelverträge, und die Fluktuation unter den weniger Wichtigen war, auch nach westlichen Maßstäben, hoch. Nur selten traf er einen Bekannten, der nach einem Jahr noch im selben Büro arbeitete. Die Verpflichtung galt dem Projekt, nicht der Organisation. Nach etwa zwei Jahren, eine Woche nach seinem zweiunddreißigsten Geburtstag, wurde er persönlicher Assistent von Jehoschua Salomon-Mandelbaum, dem Projektkoordinator der Organisation.


Er wandte sich vom Fenster ab und legte sich wieder ins Bett. Es war Morgen. Er könnte seinen Finger in Richtung Wecker schieben und das bevorstehende Heulen verhindern, doch er blieb träge liegen und hörte der "Sirenenuhr" zu, wie die Träumende sie nannte. Sie füllte den dunklen Raum mit heulenden Geräuschen, die er leibhaftig zu sehen glaubte, wie rauchfarbene Schläuche, wie Staubkrümel sahen sie aus, die plötzlich von einem Lichtstrahl angesengt wurden. Schon immer hatte er Geräusche gern mit Formen verglichen. Er streichelte die Haut der Träumenden. Anfangs verharrte sie in der Welt des Schlafs und rührte sich nicht. Eine Minute verging und die "Sirenenuhr" heulte immer noch markerschütternd. Da öffneten sich ihre Augen.
     "Schon Morgen?", fragte sie aus trockener Kehle, jede Silbe ein heiserer Ton.
     "Es ist schon zwanzig nach acht", antwortete er schulmeisterlich. Tadelte er sie dafür, dass es schon spät war? Sie hatte doch keinen Grund, aufzustehen.
     "Draußen ist alles Nacht ?"
     "Ja", bestätigte er und sah zum Fenster, wo er vergeblich nach
einem schwachen Lichtabdruck suchte, der das Aufleuchten des
Morgens signalisiert hätte.
     "Hast du etwas gesehen?", fragte sie, und ihre Stimme lud sich mit Argwohn auf. Einen Moment lang wollte er sich unwissend stellen, so tun, als hätte er die Frage nicht verstanden. Aber dann kam ihm der Trick jämmerlich vor, eine Beleidigung ihrer gemeinsamen aufrichtigen Geschichte.
     "Diesmal nicht, ehrlich nicht." Die Verneinung war schon rechtzeitig vorbereitet. Spinnerin, Größenwahnsinnige, ärgerte er sich. Sie weigerte sich, zu glauben, dass er manchmal in Gedanken versunken war, die nichts mit ihr zu tun hatten. Als ob er selbst keine anderen Aufgaben hätte, als durch die Tore ihrer Welt zu treten und sich danach wie ein Dieb wieder hinauszustehlen.
     "Hast du etwas gesehen? Wenigstens ein bisschen?", fragte sie ihn zweifelnd und auf ihrem Gesicht lag der feindselige Ausdruck, der ihm neuerdings die Morgenstunden vergällte.
     Wieder identifizierte er das bekannte Misstrauen. Noch bevor er eine unverfängliche Antwort geben konnte, hörten sie ein Klopfen an der Tür.


"Bestimmt ist sie es", stellte er erleichtert fest und stand schnell vom Bett auf, um einem weiteren mürrischen Blick auszuweichen. Bald war es neun Uhr, wenn er sich nicht beeilte, würde er zu spät kommen. Er kehrte in Begleitung einer jungen Frau ins Zimmer zurück, die die Träumerin höhnisch "das Kindermädchen" nannte. Er bemerkte, dass auch dieser Morgen den Uhren nach vorhanden war, draußen aber nicht: Der Winter weigerte sich zu weichen. Der April war vorbei, doch es war selbst bei genauestem Hinschauen schwer, am Himmel irgendeine Helligkeit auszumachen. Währenddessen schwoll der Sturm an und forderte täglich weitere neue Opfer. Gestern, hatte er gehört, sei ein Wagen über eine Hauptstraße durch die Luft geflogen, "regelrecht wie ein Drachen", sagte ein Augenzeuge. Er erinnerte sich, dass er jetzt wieder nicht mit dem Auto ins Büro fahren konnte: Wasserströme in der Farbe des "Schwarzen Goldes" flossen die Allee hinab und rissen die ganze Welt mit sich.
     Der Wiederträumer war außer Haus. Windstöße pfiffen entnervend und schmerzten ihn auf der Haut. Er blieb gebeugt stehen und verbarg das Gesicht im Pelzkragen seines Mantels. Dann quälte er sich schwerfällig die Allee hinauf, verschlossen gegen alle Bilder, mit einer Leidensmiene, als müsse sein Gesicht das Gehen gemeinsam mit den Füßen bewerkstelligen. Allerdings zeigte es auch Anzeichen der Erleichterung, nachdem er sich so rasch aus seiner Wohnung befreit hatte. Er genoss die kalte Luft, die er einatmete, den Regen, der seine Lippen netzte, und die verborgenen Lüste, die in ihm erwachten - auf dem Grünstreifen in der Allee zu liegen, der in diesem Winter so üppig geworden war, oder auf einem schönen Frauenkörper. Er wünschte sich, das Beste aus dem Überfluss der Welt zu saugen. Doch am Abend würde er sich davon wieder abwenden: Wer, wenn nicht er, war der Brandstifter, der allabendlich dahin zurückkehrte, wo er das Feuer entfacht hatte?
     Wie tötet man eine Geliebte?
     Die beste Methode war, sie ohne Bosheit und ohne eine Spur von Vorsatz zu erlösen. Selbstverständlich war die anständigste Form des Tötens die ohne rohe Gewalt. Es ging darum, die Identität der Geliebten zu vernichten, ihre Gestalt verschwinden zu lassen. Es ging darum, ihr Äußeres nebulös werden und aufweichen zu lassen, ja sogar das Gesicht auszuradieren, wie es sich im flatternden Blick eines Fremden spiegelte.
     Ob sie es sieht? fragte er sich, während er sich durch eine
Warteschlange vor den Taxis drängte. Der traurige Ausdruck auf den Gesichtern brachte ihn auf. Absichtlich summte er vor sich hin. Trotz der Störungen kam er nicht umhin, diese Wintertage zu genießen. Die Sehnsucht nach Rückkehr der Sonne verstand er überhaupt nicht. Sie walkte doch jeden Anblick flach. Mit ihr gab es keine Dimensionen, keine Schatten, nichts Geheimnisvolles, alles sah gleich aus, es gab keine Nähe und keine Ferne, die Gesichter waren ohne Tiefe, überall breitete sich der Himmel ohne Grenzen aus. Sehnsüchtig dachte er daran, wie ihn in New York Himmelsfetzen angeschaut hatten, zwischen den Wolkenkratzern, die den Glanz filterten. Sie hatten Schatten geworfen, aber hier, unter dem Wüstenhimmel, machte der Glanz sich überall breit und machte alles hässlich.
     Ob sie merkte, wie sie sich veränderte? Der allmorgendliche Blick in den Spiegel gibt Veränderungen nicht wirklich preis. Der alltägliche Blick kann sie nicht feststellen: Genau hier war etwas und jetzt ist es anders. Doch obwohl er sie jeden Morgen und jeden Abend sah, kam er nicht umhin, die Veränderungen zu bemerken.
     Er hatte die Träumende beobachtet, wie sie zu Hause monatelang in immer demselben Trainingsanzug herumlief, ihr Haar wirr und zersaust. In den Morgenstunden summte sie Lieder und in ihren Augen erkannte er den alten, geliebten Blick, eine feine Mischung aus Spott und Reue. Je älter der Tag wurde, desto mehr wuchs ihre Müdigkeit. Sie verlor sich in den Weiten der Wohnung, ihre Augen wurden glasig und was sie auch sah, quittierte sie mit dem immergleichen Gesichtsausdruck. Abend für Abend wurde sie von einer neuen Attacke gequält, schlief ein, erwachte und schlief sofort wieder ein. Sie wehrte sich gegen den Schlaf und verlangte, er solle sie wecken und ihr die schreckliche Müdigkeit nehmen.
     Manchmal, wenn sie den nutzlosen Kampf gegen den Schlaf satt hatte, richtete sich ihr Scheitern gegen ihn. Sie schrie nicht. In gemessenem Ton, an dem gerade die zwanghafte Zurückhaltung quälend war, machte sie ihn nieder, zerkrümelte ihn, machte aus jeder gemeinsamen Erinnerung eine Farce: jedes Erlebnis, alle Geständnisse, die er ihr früher gemacht hatte, die glühenden Umarmungen, als er sie noch grenzenlos liebte. Es ist die Freiheit des Opfers, grausam zu sein. Sie verstand, sie zu nutzen.
     Manchmal richtete sie ihren Zorn gegen das Bettzeug, verknitterte die weißen Laken, die Kissen, riss Löcher in die Matratze, die sie gemeinsam aus dem Haus seiner Eltern in Jerusalem geholt und hier die Treppe hinaufgetragen hatten. Dann wieder schlug sie mit einem Bügeleisen oder einem Hocker auf imaginäre Köpfe ein. Wie das zerknautschte Bettzeug, erwischte es meistens auch ihn. Manchmal ließ er sich halbherzig auf den Kampf ein, als ob er sie an den Unterschied zwischen ihm und den gefolterten Gegenständen erinnern wollte.

Teil 2