Vorgeblättert

Leseprobe zu Ngugi wa Thiong'o: Träume in Zeiten des Krieges. Teil 3

16.08.2010.
Doch Nairobi hatte ihn geprägt. Mein Vater hatte von seinem europäischen Arbeitgeber ein paar ausgewählte Wörter und Sätze Englisch gelernt - "bloody fool", "Nigger" und "Bugger", die er als "mburaribuu", "kaniga gaka" und "mbaga ino" lautmalerisch ins Gikuyu übertrug und großzügig auf jedes seiner Kinder anwendete, auf das er gerade wütend war. Während seiner Anstellung hatte er genügend Geld gespart, um sich ein paar Ziegen und Kühe zu kaufen, die sich im Laufe der Zeit vermehrten, so dass er, als er aus Nairobi floh, bereits eine stattliche Herde besaß, um die sich sein Bruder gekümmert hatte. Schließlich kaufte mein Vater Njamba Kibuku ein Stück Land ab und bezahlte nach dem traditionellen Brauch der mündlichen Verträge vor Zeugen mit Ziegen. Njamba verkaufte dasselbe Land später an Lord Stanley Kahahu, einen der ersten christlichen Konvertiten und Absolventen der Missionsschule der Church of Scotland in Kikuyu, und dessen Bruder Edward Matumbi, der in Molo als Holzfäller, Sägewerker und Hersteller von Schindeln für europäische Kunden zu Geld gekommen war. Der Zweitverkauf wurde nach kolonialem Vertragsrecht geschlossen, mit Zeugen und unterschriebenen Dokumenten. Ob der religiöse Kahahu wusste, dass Njamba das Land doppelt verkaufte, zuerst gegen Ziegen an meinen Vater und danach gegen Geld an ihn? Egal was er wusste, die doppelte Transaktion begründete eine dauerhafte Spannung zwischen den beiden Anspruchsberechtigten, meinem Vater und Kahahu.
     Die Anhörung vor dem Native Tribunal Court in Cura, durch die der rechtmäßige Besitzer festgestellt werden sollte, war eine langwierige Angelegenheit, die sich über viele Jahre hinzog, vor allem aber war sie zu jedem neuen Termin ein Rechtsfall des geschriebenen Wortes gegen das mündliche Zeugnis. Mündlichkeit und Tradition verloren gegen Schriftlichkeit und Modernität. Ein Rechtstitel, egal wie er zustande gekommen war, stand über dem mündlichen Vertrag. Kahahu ging als rechtmäßiger Eigentümer aus dem Rechtsstreit hervor; mein Vater behielt das nicht vererbbare Recht lebenslanger Nutzung des Geländes, auf dem er seine fünf Hütten gebaut hatte. Der Sieger setzte seine Rechte unverzüglich durch, indem er meinem Vater das Nutzungsrecht am übrigen Land zu Viehzucht und Ackerbau verweigerte.
     Ob mein Vater jemals über die Ironie nachdachte, dass er gegen einen schwarzen Landbesitzer verloren hatte? Gegen ein Produkt der weißen Missionsschule in Kikuyu, unter eben dem Rechtssystem, das aus dem Hochland der Afrikaner die White Highlands gemacht hatte? Er musste sich um wichtigere Dinge als die Ironie der Geschichte kümmern: wie sollte er seine Kinder und die riesige Ziegen- und Kuhherde ernähren?
     Ngugi wa Gikonyo, mein Großvater mütterlicherseits, half meinem Vater aus der Klemme. Er übertrug ihm Weide- und Ackerrechte auf dem Land, das ihm gehörte, Land, das sich bis zu den indischen und afrikanischen Läden und, auf der afrikanischen Seite der Eisenbahngleise, darüber hinaus erstreckte. Die neue Thingira und der Rinderkral meines Vaters befanden sich jetzt zwischen den Ausläufern eines Eukalyptuswaldes, der Großvater Ngugi gehörte, und dem Rand des afrikanischen Marktes.* Die Frauen meines Vaters und wir Kinder blieben im alten Gehöft.
     Trotz dieser Niederlage vor Gericht und ihrer Konsequenzen blieb der Ruf meines Vaters erhalten, der an Rindern und Ziegen Reichste zu sein, und auch sein Ansehen, einem geordneten Haushalt vorzustehen und obendrein einen Blick für schöne Frauen zu haben, das bis in die Zeit zurückreichte, in der er die erste Frau für sich gewonnen hatte.


Wangaris Aussehen und ihr Charakter waren das Gesprächsthema in allen Tälern und auf allen Hügeln zwischen Limuru und Riuki. Eigentlich lagen die beiden Bezirke dicht beieinander, aber in jenen Zeiten, als es keine Verkehrsverbindungen gab, schienen sie viele Meilen voneinander entfernt. Onkel Njinju, der Bruder meines Vaters, war als Erster von ihrem Aussehen hingerissen und schwor, sie zur Zweitfrau zu nehmen. Man weiß nicht, wie und wann Onkel Njinju oder Baba Mukuru, wie wir ihn nannten, das erste Mal von ihr hörte oder mit ihr oder ihrer Familie in Kontakt kam. Es ist nicht einmal bekannt, ob er ihr tatsächlich begegnet ist. Wahrscheinlich hat er lediglich eine dieser Brautschau-Geschichten zwischen zwei Familien ausgelöst, die von Dritten moderiert werden. Der Besitz von Kühen und Ziegen und ein guter Charakter wirkten überzeugender als das Aussehen, und vermutlich hatten die beiden Waisen, die mit nichts angefangen und sich hochgearbeitet hatten, bis auf Augenhöhe zu den Leistungen der jungen Männer ihres Alters, durch ihren Reichtum an Ziegen bewiesen, dass sie sich nicht auf ihr gutes Aussehen verließen, sondern auf ihre Hände und ihren Verstand.
     Seit ihrer Flucht aus Murang?a waren mein Vater und Baba Mukuru etwas unterschiedlichen Pfaden gefolgt und hatten verschiedene Lebenseinstellungen entwickelt. Mein Vater hatte sich in Kleidung und Aussehen ein städtisches Flair zugelegt, gegenüber traditionellen Ritualen und Praktiken war er ziemlich nachlässig. Mein Onkel dagegen hatte seinen Weg über Ackerbau und Viehzucht gemacht und achtete die traditionellen Werte und Riten, wie sie bei der Hochzeit mit seiner Erstfrau befolgt worden waren. Wie dem auch war, die Tatsache, dass sich Baba Mukuru jetzt eine Zweitfrau nehmen wollte, während mein Vater noch immer unverheiratet war, bewies den Erfolg meines Onkels und bestätigte seine Entscheidung, die Stadt zugunsten des Landlebens aufgegeben zu haben.
     Von meinem Vater begleitet, sprach Baba Mukuru mit einer Delegation, zu der auch Sprecher gehörten, die keine Familienangehörigen waren, weil man in solchen Dingen seine Angelegenheiten niemals selbst vertrat, bei Wangaris Vater Ikigu vor. Alles ging so weit gut, die Getränke, die formellen Einleitungen - bis die Braut hereingerufen wurde, um ihren Verehrer kennenzulernen. Man hätte sie besser vorbereiten sollen, denn als sie eintrat, fiel ihr Blick zuerst auf den jüngeren der beiden Männer, meinen Vater. Nachfolgende Berichtigungen hinsichtlich des tatsächlichen Bewerbers stießen auf die tauben Ohren einer jungen Frau, die sich entscheiden sollte, die Zweitfrau eines älteren Mannes oder die Erstfrau eines anderen zu sein, der sowohl Jugend als auch Modernität ausstrahlte.
     Als sie später nach Hause gingen, hatte das Glück der beiden Brüder die Seiten gewechselt; Wangari hatte sich in meinen Vater, den jungen Städter, verliebt und wurde schließlich seine erste Frau. Die Beziehung der beiden Brüder zerbrach zwar nicht, stand aber von da an ein Leben lang unter Spannung. Die Liebe hatte sich zwischen die zwei Männer gedrängt, die in ihrer Jugend auf der Suche nach einem Leben fern der Heimat unzertrennlich gewesen waren.
     Ich weiß nicht, wie mein Vater später zu seiner Zweitfrau Gacoki kam. Gerüchte weisen darauf hin, dass seine Erstfrau Wangari Hilfe brauchte, den wachsenden Wohlstand an Kühen und Ziegen zu bewältigen, und dazu beitrug, Gacoki ins Haus zu holen. Wahrscheinlicher aber ist, dass Gacoki, die hübsche Tochter Githieyas, von der Herzensübereinstimmung und dem Arbeitsrhythmus zwischen Wangari und meinem Vater angezogen wurde, lange bevor mein Vater ihr einen Antrag machte. Die Erfahrung meiner Mutter, seiner dritten Frau, wirft einiges Licht darauf, wie mein Vater warb.
     Meine Mutter Wanjiku machte nicht viele Worte, aber was sie sagte, trug die Autorität des Schweigens, das ihren Worten vorausgegangen war. Selten nur strömten die Worte ungezwungen aus ihrem Mund und öffneten ein kleines Fenster zu ihrer Seele. In einem jener Momente des Wohlbefindens, die einer guten, dampfenden Mahlzeit folgen, fragte ich sie einmal: "Warum hast du in die Polygamie eingewilligt? Warum hast du zugestimmt, die dritte Frau meines Vaters zu werden, der bereits ältere Kinder hatte - Wangeci und Tumbo mit Wangari und Gitundu mit Gacoki?"
     Wegen seiner ersten beiden Frauen Wangari und Gacoki und deren Kindern, antwortete sie, und auf ihrem Gesicht spielten Licht und Schatten des Holzfeuers. Sie waren immer zusammen, es herrschte solch eine Harmonie, und ich habe mich oft gefragt, wie es wäre, mit ihnen zu sein. Und dein Vater? Den konnte man einfach nicht ablehnen. Ich weiß nicht, wie er herausbekommen hat, auf welchem Feld meines Vaters, deines Großvaters, ich arbeitete, aber irgendwann tauchte er auf, lächelte und sagte etwas. Wie schade, wenn eine so schwer arbeitende Schönheit sich jemals mit einem faulen Mann zusammentun würde, zog er mich auf. Das waren keine geringen Worte aus dem Munde eines Mannes, der viele Ziegen und Kühe besaß und seinen ganzen Wohlstand durch eigene Arbeit erworben hatte. Ich wollte aber nicht, dass er meinte, ich fiele einfach auf seine Worte und sein Ansehen herein, und forderte ihn deshalb heraus. Woher soll ich wissen, dass du nicht zu denen gehörst, deren Frauen sich zu Tode schuften müssen und die dann behaupten, der Reichtum stamme allein von der eigenen Hände Arbeit? Am nächsten Tag war er wieder da, mit einer Hacke über der Schulter. Als wollte er beweisen, dass er kein Faulpelz war, und ohne meine Aufforderung abzuwarten, begann er zu arbeiten. Es wurde ein spielerischer und zugleich ernsthafter Wettstreit, wer zuerst schlapp machte. Ich habe standgehalten, sagte sie mit einem Hauch Stolz auf ihre Leistung. Die einzige Pause gab es, als ich ein Feuer machte und ein paar Kartoffeln röstete. Meinst du nicht, wir beide sollten unsere Kräfte in einem gemeinsamen Heim zusammentun?, fragte er wieder. Ich gab zur Antwort: Nur wegen eines Tages Arbeit auf einem bereits umgegrabenen Feld? An einem anderen Tag traf er mich an, als ich einige Büsche rodete, um meinen Acker zu vergrößern. Er arbeitete mit, und am Abend waren wir beide erschöpft, auch wenn keiner das zugegeben hätte. Er ging, und ich glaubte, er würde nie wieder auftauchen. Aber er kam wieder, an einem anderen Tag, ohne Hacke, mit einem rätselhaften Lächeln auf den Lippen. Oh, ja, das war ein Tag! Das Getreide blühte, das ganze Feld war mit Erbsenblüten in den verschiedensten Farben bedeckt. Ich werde nie die Schmetterlinge vergessen, es waren so viele; und ich fürchtete mich nicht vor den Bienen, die mit den Schmetterlingen wetteiferten. Er zog eine Perlenkette hervor und sagte: Würdest du sie mir zuliebe tragen? Nun, ich sagte weder ja noch nein, aber ich nahm sie an und trug sie, fuhr sie mit hörbarem Seufzen fort.
     Nachfolgende Fragen beantwortete meine Mutter nicht, doch was sie gesagt hatte, genügte, mir klarzumachen, wie sie die dritte Ehefrau meines Vaters geworden war, auch wenn es nicht ausreichte, um zu erklären, wie sie ihre Stellung als jüngste und letzte Ehefrau an Njeri, die vierte Frau, verloren oder wie sie den Neuzugang in der Familie empfunden hatte.

                                                   *

Mit freundlicher Genehmigung des A1-Verlages

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