Vorgeblättert

Leseprobe zu Milan Füst: Die Geschichte meiner Frau. Teil 2

19.11.2007.
Nun habe ich den Verdacht, daß diese Muscheln mein Verderb gewesen sind. Noch heute betrachte ich jene Vespermahlzeit als die Vorgeschichte meines Leidens. Denn bereits an jenem Abend schmeckte mir nichts mehr, umsonst stand das vorzügliche Abendbrot da. Ich spürte eine Kälte im Magen von all den Seeviechern.

Nicht einmal die Vorbereitungen machten mir Freude, die doch sonst immer mein Hauptvergnügen sind. Zuerst sah ich nach, ob auch alles geschickt, nichts vertauscht worden war. Ich kaufte immer die beste Sorte Tafelöl, die gelb ist wie Lampenlicht. Dieses war so gelb - ich hielt es gegen das Licht, es war ungebrochen, klar, tadellos -, sonst hatte mir schon der Anblick solchen Öls Freude gemacht. Dann stand ich ein bißchen in der Küche herum und sah zu, wie die Schnecken brieten - man muß sich nämlich zu den Freuden in die richtige Stimmung versetzen, das hatte ich schon gelernt. Ich verstand zu leben! Auf dem Flur polierte der Junge die Teller, ich beobachtete ihn, sah ihm zu, wie er das Küchentuch in den Gläsern drehte und sie dann vor die Lampe hielt, ob sie schon so glänzten, wie er es haben wollte. Manchmal liegt in der Bewegung eine große Ruhe, ich liebe ein gemächliches Tempo und ein stilles Strahlen. Immer bereite ich mich sehr friedlich aufs Abendessen vor. So auch damals, aber umsonst. Ich fand keine Freude daran. Ich hatte mir die Eingeweide verdorben.

Es half mir auch nichts, daß ich nachher meine Freunde beobachtete. Sie benahmen sich laut und futterten alles auf, was sie vorfanden, ich rührte kaum etwas an. Sie sangen laut, und ich hörte zu. In jenen glücklichen Zeiten kauften wir noch okkaweise den schweren Tabak längs der Levante - in einigen Häfen überfluteten die Händler unter großem Geschnatter die Schiffe damit -, es war schöner, langfädiger Tabak mit einem Goldschimmer, wie das Haar unberührter Mädchen - davon nahm ich ein großes Bündel und warf es der Gesellschaft hin. Ich selbst versuchte eine Zigarette nach der anderen, aber umsonst. Nichts schmeckte mir. Das ganze Leben erschien mir zweck- und sinnlos. Nie war ich krank gewesen, ich hatte mir noch niemals den Magen verdorben, da aber fühlte ich: Es hatte mich erwischt. Ich spürte gleich das Verhängnis und war fürchterlich erbittert.

Das Grammophon spielte.

"Niente, niente" Und sie stopften die Delikatessen in ihn hinein, obwohl es bei mir auf den Schi, sagte ich zu meinen Gästen, "sono un poco ammalato cosi", und ich tat, als wäre ich von dem harzgelben Wein beschwipst. Meine Gäste fühlten sich auch ohne mich wohl.

"Vieni, vieni", riefen sie dem Jungen zu, "komm und iß statt deines Herrn."ffen stets verboten war, während des Dienstes zu essen. Aber jetzt kümmerte ich mich nicht darum, so krank fühlte ich mich.

Das einzige, was ich tat: Ich warf, was sie übrigließen, vor Wut ins Meer.

Diese Krankheit führte dann zu meiner Ehe, davon bin ich überzeugt. Zum Teil darum, weil ich bei diesem Gastmahl einen Abscheu vor den Männern bekam: wie sie sich vollfraßen und sich um mich überhaupt nicht kümmerten.

Es geschieht nämlich manchmal, daß man all seinen Erfahrungen zum Trotz plötzlich beleidigt ist, weil die andern, gerade wenn man unpäßlich ist, an einem vorbeirasen wie eine sausende Karre und sich nicht einmal nach einem umdrehen. So etwas tut weh. Und manch einer nimmt sich Kränkungen, die mit dem Essen zusammenhängen, besonders zu Herzen - nicht nur die Kinder, keineswegs; es ist etwas sehr Ernstes, mögen es die Wichtigtuer auch noch so geringachten. Da war zum Beispiel mein guter Kollege, ein Kapitän namens Gerard Bist, der wurde regelrecht melancholisch, wenn man ihm das Mittagessen verdarb.

"Wozu lebt man denn dann?" fragte er mich. "Monatelang sitzt man von allem abgeschlossen auf so einem Dreckschiff, als säße man im Gefängnis, und da soll man nicht einmal das bißchen Freude haben, etwas Anständiges zu essen?" Er hatte recht. Daß ich ganz besonders gekränkt war, kann man sich denken. Wenn?s das nicht mehr gab, was sollte dann aus mir werden? Ich bitte Sie: Ich, der ich immer zügellos war, sollte plötzlich vorsichtig leben, nur Diät essen, die Krankenhäuser abklappern und zu Quacksalberinnen gehen ... Ich versuchte es sogar mit der Punktur und ließ eine Behandlung mit Zahlen über mich ergehen, Herrgott noch mal, das war in Japan. Ich machte alles mögliche durch, aber nichts half. Schließlich kam ich zu einem sogenannten Psychoanalytiker. Und dem habe ich vielleicht mein noch größeres Unglück zu verdanken.

"Die Frauen", sagte der Psychoanalytiker, "die Frauen", und er blinzelte mir bedeutungsvoll in die Augen.

Also gut, die Frauen, sehen wir uns mal um. Aber das war gar nicht nötig, denn gerade damals machte ich die Bekanntschaft meiner späteren Gattin.

Sie war Französin, sehr kokett, sehr kitzlig, sie lachte sehr viel, hauptsächlich über mich und gerade dann so, als würde sie gekitzelt. Sie nannte mich Onkel Douc-Douc, Dodo, Cric-Crac und Croc-Croc, und zwar wegen meines, wie sie sagte, explosionsartigen Lachens, oder Onkel Bär, weil sie es so lustig fand, wie mir beim Abendessen die zwei Zipfel der Serviette neben den Ohren abstanden. Und sie plätscherte förmlich in ihrer Freude wie ein Ferkelchen. Ich binde mir nämlich tatsächlich die Serviette um den Hals - warum, weiß ich nicht, wohl aus alter Gewohnheit.

"Die zwei großen Ohren", rief sie, "und dazu noch die zwei Zipfel, einfach herrlich!" Und sie klatschte in die Händchen.

"Wie schlampig, wie schlampig!" rief sie, aus dem Fenster lehnend, wenn sie mich die Treppe hinter der Kirche herauf kommen sah (ihre Wohnung lag oben auf dem Berg hinter der Kirche), und ich hatte dabei das Gefühl - weiß Gott warum -, daß sie sich schon für alle möglichen Kavaliere so zum Fenster herausgebeugt hatte wie eine duftende kleine französische Rose. Sündhaft war sie, sündhaft, das fühlte ich sofort. Aber es machte nichts, denn mir war sehr, sehr wohl bei ihr. Ich bat sie, den Satz zu sagen: "Veux-tu obeir? Veux-tu obeir?" Und sie sagte ihn fleißig. Meistens empfing sie mich mit diesem Satz. Sie war also klug, sehr klug. Auch geschickt. Sie hatte überraschend schnell heraus, wie man mit mir umgehen muß. Sie ließ mich in allem gewähren, und so ist es richtig, ich muß tun können, was ich will. Nun hätte man aus alledem auf eine gewisse Erfahrenheit schließen können, aber ich wollte das nicht. Ich verwarf alle Bedenken.

Wenn sie mir gefällt, heirate ich sie, was soll ich da lange überlegen? sagte ich mir. Der Seemann ist darin bei weitem nicht so ängstlich-vorsichtig wie die Männer des Binnenlandes - das sage ich, weil ich oft genug gesehen habe, wieviel die erwägen und hin und her beratschlagen, ehe sie sich entschließen. Aber wir?

Ich bin ständig in Lebensgefahr, und ich war es besonders zu jener Zeit, nicht nur auf hoher See, sondern ich stand damals mit recht gefährlichen Levantinern in Verbindung, wie sollte ich mich da lange mit so einer Lappalie abgeben, ob mich meine Frau lieben, ob sie mir treu sein würde, wenn ich nicht zu Hause war. Frauen sind ja überhaupt nicht treu, besonders Kapitänsfrauen nicht, das gehört nun einmal dazu.

Ich kaufte ihr also einen Haufen Armbänder und Halsketten und heiratete sie. Wir Seeleute machen nicht gern lange den Hof. Ich hatte einen Kollegen, der machte es so:
"Andiamo a letto", sagte er gleich nach dem ersten Abendspaziergang zur Dame seines Herzens. Auf manche wirkte gerade das. Wenn auch nicht sofort, so doch nach zwei Wochen. Es lohnt nicht, darüber empört zu sein, so ist nun einmal das Leben. Natürlich ist es nicht schön von mir, das gerade hier zu erwähnen, aber wozu Faxen? Ich war damals so. Die Ehe war für mich nicht heiliger als - sagen wir - eine Mohrrübe. Über alles Heilige war ich längst hinaus - jedenfalls glaubte ich, darüber hinaus zu sein. (Daß es sich doch nicht ganz so verhielt, davon handelt diese meine Lebensgeschichte.)

Also, ich heiratete sie. Und ich glaube, sie hatte gleich eine kleine Affäre, ganz kurz nach unserer Hochzeit - die Zeichen deuteten jedenfalls darauf hin. Ich kann nicht sagen, daß mir diese Geschwindigkeit wohlgetan hätte, aber ich setzte mich darüber hinweg. Ich sagte mir: Es lohnt sich nicht, kleinlich zu sein; ich bin sowieso nicht an Frauen gewöhnt, die nur mir gehören, was soll ich nun hinter ihr hersein, ihr nachspionieren, mir Beweise verschaff en? Hol?s der Teufel! Wenn sie mich jetzt nicht betrügt, tut sie?s ein anderes Mal. Warum auch nicht? Ich bin monatelang fern, vielleicht auch halbe Jahre, kann man denn von einem menschlichen Wesen Übermenschliches verlangen? Soll sie jahrelang allein schmachten? Und wenn sie immerzu schmachtete, könnte sie gar nicht mehr so schön singend sagen: "Veux-tu obeir?" Und dann hätte ich ja keine Freude mehr an ihr.

Obgleich ich, wie gesagt, keine große Sache daraus machte, schreibe ich dennoch nieder, was ich von dem ersten Fall weiß - nicht weil es besonders interessant wäre, sondern weil immer und bei allem der erste Fall von etwas größerer Bedeutung ist, meine ich. Aber auch noch aus einem anderen Grunde schreibe ich es auf: um von den Lebensumständen und Verhältnissen, in denen meine Frau vorher lebte, ein Bild zu geben beziehungsweise um verständlich zu machen, was für ein kompletter Idiot ich gewesen wäre, wenn ich in Kenntnis all dessen wegen der Treue meiner Frau Bedenken gehabt hätte.

Teil 3

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