Vorgeblättert

Leseprobe zu Matthias Göritz: Träumer und Sünder. Teil 1

11.07.2013.
Der Interviewer begriff nun, dass es keine Fragen mehr geben würde. Der alte Mann hatte gesagt, was er hatte sagen wollen. Vieles waren nur Floskeln gewesen. Die üblichen Dinge. Aber manchmal, zumindest bei seinem aktuellen Film, da hatte er sich geöffnet, oder? Das war nicht nur die etwas verfrühte Ankündigung seines nächsten Projekts gewesen. Er würde nicht mit leeren Händen nach München zurückfahren. Aber über Gleiwitz hätte er gern noch mehr gehört. Er stellte das Mikrofon aus, überprüfte, ob die Aufnahme auch speicherte, hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Ein schales Gefühl von Unzufriedenheit breitete sich in ihm aus - er war nicht zufrieden mit sich, mit dem Alten. Er selbst war zu passiv gewesen. Wieso war jetzt Schluss, aus heiterem Himmel?

"Sind Sie nächste Woche in Cannes?"

War er in Cannes? War das eine Einladung? Er schaute den alten Mann fragend an, der ihm bestätigend zunickte. Cannes. Er würde mit der Redaktion sprechen müssen, wegen der Spesen, aber die wären sicher interessiert; er hatte ja jetzt schon etwas, den Gleiwitz-Film, nicht das, was die eigentlich hatten haben wollten, gerade genug für einen ersten kleinen Artikel, sein Teaser sozusagen. Der Interviewer nickte.

"Gut, dann gehen wir etwas essen, mein Assistent wird Ihnen Terminvorschläge machen. Auf Wiedersehen, ja? Alles Gute."

Es musste nun schnell gehen. Eine Unruhe hatte den alten Mann erfasst, eine unerklärliche Hast. Hätte er gehen können, der Interviewer war sich ganz sicher, wäre er aufgestanden und hätte nervös an seiner korrekt gebügelten Hose gezupft, froh, dass dieser Termin jetzt vorbei war. In aller Eile verstaute der Interviewer die Geräte in seiner Tasche, schulterte diese, stand auf. Er griff nach dem Aschenbecher, wo seine abgelegte, bis auf das letzte Drittel heruntergebrannte Partagas lag.

"Lassen Sie den Aschenbecher ruhig stehen", winkte der alte Mann ab. "Und drücken Sie die Zigarre nicht aus. Ich sehe mir gerne die Glut an. Wenn Sie so alt sind wie ich, werden Sie das verstehen."

Der alte Mann war wieder in den Lichtkeil gefahren, der nun deutlich geschrumpft war.

"Sehen Sie? Draußen wird der Himmel langsam von einer erst rosafarbenen, dann blauroten Dunkelheit durchzogen, und über der blaugrauen Asche kräuselt sich leise die Luft. Ein Wind kommt ins Zimmer, ein sanfter, stiller Gast; man hört die Geräusche des Abends, die Teller der Restaurants, das heitere Lachen der Leute, die sich noch nicht für ein Gericht, eine Flasche Wein, eine Gruppe Freunde entschieden haben, der Vorabend auf der Piazza ist die schönste Zeit des Tages. Selbst wenn ich nicht mehr unter ihnen bin. Das alles steckt in der Asche, verstehen Sie?"

Der Interviewer stellte sich hinter den Rollstuhl.

"Jeder Moment, der noch leuchtet, wird wichtig. Das 'noch' wird wichtig. Das ist auch im Kino so, ganz am Ende des Films, wenn der Abspann gelaufen ist, die Musik verstummt. Dann hören Sie das Getrappel der Leute und für einen Moment, bevor die Putzkolonne kommt, um die Reihen nach leeren Bechern, zerknülltem Eispapier und zertretenem Popcorn zu durchforsten, wird es ganz still.

Die Leinwand ist schwarz. Ich muss dann immer an eine Kerze denken. Eine langsam verlöschende Kerze. Verzeihen Sie einem alten Mann, aber so denke ich."

Er drehte sich um und sah hoch. Der Interviewer war sich nicht sicher, ob da wirklich ein feuchtes Glänzen in den Augen des Produzenten war.

"Ralph bringt Sie raus, er hat Ihnen eine vorzügliche Flasche Wein eingepackt und eine Kiste mit den Zigarren. Nein, danken Sie mir nicht. Es war eine große Freude, Sie bei mir zu haben. Und denken Sie dran: Wir alle werden irgendwann ausgehen wie Kerzen."


II.

Es war schwierig gewesen, die Redaktion zu überzeugen, schwieriger als gedacht. Der Chefredakteur hatte sich geziert, geschimpft, ihm leicht ironisch seine Verfehlungen aufgetischt, nachdem er das Band angehört hatte - das war seine Bedingung gewesen, es überhaupt zu erwägen -, er, der Interviewer, habe versagt. Er habe nicht nachgefragt, Erlenberg zu wenig unterbrochen, diese Taktik sei bei gewöhnlichen Menschen ja anwendbar, Stille zuzulassen, Schweigen oder das wasserfallartige Gelaber. Aber all das müsse man formen, um zum Ziel zu gelangen, und das habe er, leider, versäumt. Der Interviewer hatte keinen Ton gesagt, nicht einmal gezuckt, als der stellvertretende Chefredakteur hinzufügte, mit einer väterlich vorwurfsvollen Intonation in der Stimme, er sei doch ein erfahrener Mann. Sie hatten sich nicht vorstellen können, wie es gewesen war, wie schwierig, mit diesem Mann, der die Autorität eines Lazarus zu besitzen schien, ein Mann mit der Stimme eines Auferstandenen, der den Tod schon hinter sich gelassen hat. Natürlich war er sich seiner "Verfehlungen" bewusst. Natürlich hatte er den alten Mann reden lassen, was war ihm auch anderes übrig geblieben?
Sie sollten doch froh sein, dass er ein Exklusiv beim Produzenten, der sonst nichts sagte, überhaupt hinbekommen hatte. Über seine Kontakte, mit Beharrlichkeit, durch das Glück des Augenblicks.
"Er hat sie benutzt", hatte der Chefredakteur gesagt.
"Er wird sie weiter benutzen wollen", fügte der Stellvertreter hinzu. "Um seinen Film zu promoten." Sollte er doch, wenn er dafür all das aus dem alten Mann rauskitzeln konnte, was niemand wusste und was viele Leute brennend gern erfahren wollten.

Schließlich hatten sie zugestimmt. Der Artikel über den Gleiwitz-Film, mit Auszügen aus dem Interview, sollte nach der Preisverleihung in Cannes in Druck gegeben werden, mit der Hoffnung, dass beim Interview in der Palmenstadt mehr aus dem alten Mann herauszubekommen war, vor allem natürlich Details über die Auseinandersetzung mit Tarantino, aber auch die Sache Gleiwitz erschien der Redaktion jetzt vielversprechend.

Sie hatten vergeblich versucht, Fotomaterial zu bekommen, die Sekretärin des Produzenten war eisenhart. Castingbilder könne sie anbieten, von der Kidman und vom neuen Heath Ledger. "Wir sind doch kein Pressebüro", hatte der Chefredakteur gewütet. Aber die Dame war starr auf Kurs geblieben, noch werde ja nicht gedreht, es sei sowieso schon ein Hyperexklusiv, und sie müssten sich noch ein wenig gedulden, vielleicht bekämen sie ja eine Set-Erlaubnis, der junge Herr, den sie verbeigeschickt hätten, sei so was von eingeschlagen, er wäre ja geradezu vernarrt in ihn gewesen, ihr Chef, dass es sie nicht wundern würde, wenn hier einmal eine Ausnahme gemacht werden könnte, und die Berichterstattung, wie gesagt hyperexklusiv, von einer einzigen außenstehenden Person, ihm, dem Interviewer, gemacht werden könne. Hm, hatte der Interviewer gedacht, misstrauisch. Glaubte er ihm das? Aber umgekehrt - auch ihm war der alte Mann sympathisch gewesen. Und warum sollte ein mächtiger Mann keine Gefühle haben? Schon am nächsten Tag erhielt er einen Anruf von der Redaktionsassistentin. Seine Auftraggeber stimmten zu. Reisespesen für Cannes und eventuell weitere Fahrten waren auf einmal kein Problem mehr. Ein Dreh mit Ridley und das vermutlich letzte große Projekt dieses alten Produzenten, noch dazu mit diesem, nun, schwierigen, reizvollen Thema, das sollte sich doch lohnen, signalisierte ihm der stellvertretende Chefredakteur. Der Interviewer hatte das Gefühl gehabt, durch den Hörer hindurch ein kaltes Grinsen wahrzunehmen und ein spöttisches Augenzwinkern. Die nächsten Tage deckte er sich mit Material zum Gleiwitz-Überfall und mit zwei leichten, aber eleganten Sommeranzügen ein, für Cannes, das hatte ihm der Stellvertretende eingeschärft, brauchte man nicht nur Charme und Verstand, auch Eleganz war ein Mittel, und er sollte sich, wenn es ginge, an den alten Mann dranhängen, für die Partys und Treffen, die es sonst allgemein nicht zu sehen gab, den Klatsch, den die anderen nicht mitbekamen, er solle sich auffällig unauffällig verhalten, nicht wie ein Mann von der Presse, er habe ja eh keine richtige Akkreditierung, das Festival liefe ja schon, er solle sich also eher wie ein Schreiber aufführen oder sonst so ein Kunstzeug. Ohren auf und durch, vielleicht schnappe er ja was auf, und trinken Sie nicht so viel, hatte der Redakteur ihm nachgerufen.

Die Zeit in München verging schnell. Er las sich durch die Bücher, erstaunlicherweise gab es gar nicht so viele, die sich wirklich mit dem Überfall und seiner Inszenierung beschäftigten. Augenscheinlich hatte der Produzent hier eine Lücke getroffen. Auch den Film von 1961 sah er sich an - er gab eine Unsumme für eine alte VHS-Kassette bei Amazon Marketplace aus, der Film war vergriffen -, er würde die Rechnung für den Film und die Bücher, noch bevor er abfuhr, bei der Redaktionsassistentin einreichen. Aber das überlegte er sich gleich anders. Alle Spesen zum Schluss, das wirkte, auch wenn es seiner derzeitigen Finanzlage nicht ganz entsprach, souveräner. Der Fall Gleiwitz gefiel ihm nicht. Er hatte es sich auf seiner riesigen Monstercouch - ein Modell mit Löwenfüßen - mit einem Glas vom tatsächlich ganz passablen Hauswein des alten Mannes und ein paar Sushis vom Lieferservice bequem gemacht; eigentlich hatte Melanie ihn zum Kauf dieses blauen Sofaungetüms überredet, sie nannte es kuschelig; schon nach den ersten zehn Minuten ließ er die Finger an der Bedienung. Spulte vor, spulte zurück. Stilistisch gewagt waren die 63 Minuten, das schon, und moralisch sicher korrekt. Vor allem in dem Staat und für die Zeit. Aber die Geschichte ließ ihn kalt. Der Fall Gleiwitz wirkte auf ihn wie ein Instrument, mit dem man vielleicht die Sehgewohnheiten veränderte, man sah die Genialität von Curik, dem tschechischen Kameramann und den Willen des Regisseurs, Leni Riefenstahl und ihre Filmsprache zu dekonstruieren, der Film als Ganzes blieb aber bloß ein intellektuelles Gerüst.

Er stellte das restliche Sushi in den Kühlschrank und beschloss, sich lieber auf den formaleren Stahlrohrsessel zu setzen, den er sich vor einigen Wochen auf dem Flohmarkt besorgt hatte. Vielleicht erforderte der Film einfach eine andere Konzentration, eine bestimmte Haltung. Aber irgendetwas gefiel ihm nicht an der Inszenierung. Er hatte viele der Szenen, auch die Biografie des Polen und seines Gegenspielers, des Supernaziagenten, aus den Erzählungen des Produzenten noch ganz lebendig im Kopf. Dessen Stimme hatte sich als viel stärker erwiesen als die - zugegeben - avantgardistische Schwarz-Weiß-Kunst des DEFAFilms. Er musste gestehen, er war nun wirklich verdammt neugierig geworden auf den Film des alten Mannes. Er beschloss, ihn anzurufen. Er bekam ihn sogar selbst ans Telefon, kurz zwar, aber als er sich für die freundliche Einladung in dessen Haus bedankt und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte und sie das Geplänkel über "gemeinsame Liebe zum Film", "da habe er ihn ja ganz schön ins Schwitzen gebracht" und dem neckischen "was könne er
ihm denn überhaupt noch erzählen, er müsse sich das wohl sehr genau überlegen, bevor sie sich wiedersähen" hinter sich gebracht hatten, blieb ihm wirklich noch Zeit, ein Kompliment für die intensive Begegnung auszusprechen und sich auf das nächste Zusammentreffen zu freuen. Er klang sogar für sich selbst überzeugend professionell. Und der alte Mann wirkte sowohl überrascht als auch dankbar. Zufrieden legte er den Hörer auf und machte sich an das restliche Sushi. Alles in allem fühlte er sich so gut wie lange nicht mehr. Die Dinge bewegten sich, endlich. Er war im Spiel.

zu Teil 2