Vorgeblättert

Leseprobe zu Magdalena Tulli: Getriebe, Teil 2

Wer will denn schon Person sein und über das zwischen verlorener Vergangenheit und ungewisser Zukunft gespannte Seil schreiten, wie ein Akrobat im engen Trikot, unter dem sich das Spiel der Muskeln und die Anspannung des wehrlosen Bauches abzeichnet? Und das alles reicht ja noch nicht: Nach wenigen Augenblicken schon nickt das Publikum vor Langeweile ein, es sei denn, dem Akrobaten gesellt sich noch eine glitzernde Partnerin zu, im knappen paillettenbestickten Kostüm, das in der Schultergegend mit einem Paar großer Schmetterlingsflügel geschmückt ist. Wenn sie ebenso verrückt oder dumm ist wie er, wird sie sich über dem Abgrund in seine Arme stürzen, voll zwangsläufig blindem Vertrauen auf ihn oder das Sicherheitsnetz, sofern dieses aufgespannt ist. Allerdings kann ihre Darbietung nur ohne dieses Netz wirklich großartig sein. Der weite Raum über den Köpfen verschlägt allen den Atem, und einen Augenblick lang mögen sich die Zuschauer ausmalen, dass ihre eigenen Körper auf den Seilen dort in der Höhe balancieren, wo es keine sichtbaren Beschränkungen und allem Anschein nach Freiheit in Hülle und Fülle gibt. Dass sie sich dort treffen und trennen und über dem Abgrund aneinander vorbeisausen und ihnen der weite Raum gehört.
     Wie dem auch sei, eine Trennung ist unvermeidlich: Er hat den dreifachen Salto mit Landung auf der Trapezstange vor sich. Das mag allerdings etwas übertrieben sein, wenn man den üblichen Wortlaut der Vertragsbedingungen bedenkt, wo alles Wesentliche knapp und sachlich in Ziffern ausgedrückt ist, die Gefahr jedoch, in die sich die eine der Parteien mit einer leichtfertigen Unterschrift begibt, stillschweigend übergangen wird. Was er hier in die Wagschale wirft, ist ein unschätzbares Gut, das im Verlustfall unersetzlich ist. Nicht einmal eine Lebensversicherungspolice, ein Dokument von zweifelhafter Redlichkeit, das schon in seinem Titel mit oberflächlichen Versprechungen frappiert, kann da noch von Nutzen sein. Leider hat ein Akrobat nichts gelernt, als über dem Abgrund zu balancieren, er kann nichts anderes und tut also das Seine, während seine Partnerin ins Leere stürzt. Ihre Pailletten schillern, die Schmetterlingsflügel rauschen, während sie kopfüber nach unten fliegt, als würde sie in dieser Nummer zu nichts mehr gebraucht. Doch ihr Auftritt ist noch nicht zu Ende, gerade rechtzeitig ergreift sie in der Luft das Trapez, das in weitem Bogen dort oben schwingt, und noch einmal saust sie über unseren Köpfen dahin und steigt auf in den Raum. Wenn sie sich nicht den Hals bricht, werden sich die beiden auf der zitternden Plattform unter der leicht verschossenen Himmelskuppel treffen und von dort aus gemeinsam in die Mitte der Arena hinabschweben, als wären sie vom Mond gefallen. Er wird sie um die Taille fassen, sie werden sich nach rechts und links verbeugen, und das Orchester spielt einen Tusch. Sie steigen in gehobenen Hotels ab. An einem schneeweiß gedeckten Tisch lassen sie die Ecken der Morgenzeitung in den duftenden Kaffee sinken und bestreichen ihre Brötchen mit Butter. Bevor ihnen überhaupt irgendetwas widerfährt, bildet das diskrete Klappern von Besteck und Tellern den Auftakt, von draußen mischt sich der Klang von Hupen ein. Hier und da ertönen im Wechsel die Melodien von Mobiltelefonen. Die Morgengeräusche sind chaotisch und doch vielversprechend, wie eine Wolke aus Tönen leer gestrichener Saiten, in der zufällige Bruchstücke des bevorstehenden Konzertes aufklingen, die das Orchester hier und dort, schnell und ohne Ausdruck, in ironischer Verkürzung beim Stimmen der Instrumente aufgreift. Alles erscheint möglich, wenn der Abend noch so fern ist.
     Sie haben es nicht eilig, sie sitzen mit den Ellbogen auf den Tischrand gestützt, der Tisch ist mit Krümeln übersät und zeigt Spuren von Orangenmarmelade. Sie trägt blaue Jeans und nimmt eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch. Er gibt ihr Feuer, unter dem schwarzen Pullover spannt sich der Bizeps. Sie unterhalten sich. Worüber mögen sie sich unterhalten? Sie lacht, schaut ihm direkt in die halb geschlossenen Augen, wirft den Kopf in den Nacken, stößt eine Rauchwolke aus, streift die Asche im Aschenbecher ab. Das rote Haar trägt sie kurz geschnitten. Wenn sie die Rolle einer Frau spielen wollte, die mit einem Mann in schwarzem Pullover im Speisesaal eines Hotels sitzt, müsste sie nichts weiter tun. Und solange sie nicht vom Tisch aufstehen, sehen sie aus wie glückliche Menschen, eine gefahrlose Zukunft liegt vor ihnen ausgebreitet: morgens Brötchen und Kaffee, abends Sprünge über dem Abgrund, bis in alle Ewigkeit. Reicht ihnen das, um die Grenzen der Metapher zu spüren, in der ihr Schicksal eingeschlossen ist? Und wenn ja - bleibt ihnen etwas anderes übrig, als widerspruchslos das Leben anzutreten, das für sie in dieser Geschichte vorgesehen ist? Vielleicht wäre es besser für sie, auf immer am gedeckten Frühstückstisch sitzen zu bleiben, sie mit einer Zigarette, er mit einer Tasse in der Hand, auf dem weißen Tischtuch zwischen ihnen beispielsweise ein grüner Apfel, auf den keiner der beiden so recht Appetit gehabt hat. Für immer würden sie so da sitzen, bequem und breit auf den Sesseln, die ihre Weichheit dem rosa Füllstoff unter den Polsterbezügen zu verdanken haben. Man kann sich leicht denken, wie viel Mühe, Verdruss und Enttäuschung ihnen erspart bleiben würden. Aber niemand hat den Wunsch, in dem unwesentlichen Augenblick zu verharren, der gerade vergeht. Die Gedanken fliehen im Rückwärtsgang von dort weg zu den vollendeten Fakten, und die Wünsche, die in der Vergangenheit nichts zu suchen haben, preschen Hals über Kopf nach vorn. In der Gegenwart hastet nur der unruhig zitternde Sekundenzeiger voran. Vereinsamt eilt er immer wieder den beiden dickeren Zeigern voraus, die, mit ihm ganz eindeutig nur mechanisch verbunden, gemächlich ihre immer gleichen Kreise ziehen. Der Rhythmus fiebriger Unruhe ist ihnen von Grund auf fremd. Dem Körper hingegen ist er nur allzu bekannt. Dem empfindsamen, von Wünschen warmen Körper, der im selben Augenblick, in dem er in die Zukunft strebt, in die Vergangenheit zurückfällt und rettungslos in ihr versinkt und stecken bleibt. Solange dieser sogenannte gegenwärtige Augenblick noch dauert, macht sich seine Gegenwärtigkeit nur in Gestalt eines unbeherrschten Aufruhrs von Herz und Geist bemerkbar, ein Chaos, vor dem man so weit wie möglich fliehen will. Der Speisesaal leert sich nun allmählich, und früher oder später wird sich auch das Paar, das jetzt sein Frühstück beendet, von den Stühlen erheben und die auf dem Tisch verstreuten Krümel zurücklassen. Sind es ihre Tassen mit dem kleinen Kaffeerest, die auf dem verchromten Wagen hinausgefahren werden? Sie sind nur kurz durch ihre Hände gegangen, haben unter Besteckgeklirr und Stimmengewirr die tägliche Schleife zwischen Geschirrspüler und Tisch hinter sich gebracht. Er taucht noch einmal hinter der Glasscheibe in der Hotelhalle auf, dann ist sie flüchtig zu sehen, im Hintergrund zeichnen sich ausladende Sofas ab, in deren Innern rosa Füllstoff die unsichtbaren unsympathischen Spiralfedern kaschiert und dem Lederbezug Rundung verleiht. Wir können uns davon überzeugen, dass ihre Koffer zu dem Zeitpunkt, als die beiden ihren Kaffee tranken, bereits reisefertig neben der Rezeptionstheke standen, dort, wo sich die Wege zu den Bahnhöfen und Flughäfen kreuzen, wo demnach alle Welten zusammenlaufen und wo man von jeder der Personen nur gewisse geringfügige Formalitäten erwartet. Die letzte solche Formalität ist der farblose Wunsch, man möge einen schönen Tag verbringen, ein kurzlebiger Wunsch, den man entgegennehmen muss, bis er sich in dem dunklen und feuchten Novembermorgen - angenommen, es ist ein solcher - auflöst, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Teil 3