Vorgeblättert

Leseprobe zu Laszlo Vegel: Sühne. Teil 2

12.04.2012.
1.

Berlin strahlte, wie blitzsaubere Zimmer in hübschen kleinen Einfamilienhäusern auf dem Land. 1988 war ich das erste Mal in der geteilten Stadt; die Mauer stand bereits siebenundzwanzig Jahre. Die Stimmung im Westteil glich einer absurden Idylle, die ihn umschließende Mauer hatte eine klaustrophobische Wirkung auf mich. Ortega y Gasset sinnierte im September 1949, die Deutschen verhielten sich, als hätten sie sich zwischen den Rippen einer riesigen Leiche einquartiert. Die Mauer ließ mich an solche Rippen denken, doch über dem Laub der uralten Platanen auf dem Kurfürstendamm leuchtete imposant der blaue Berliner Himmel, unter dem die Menschen sorglos herumliefen. Inmitten dieses Widerspruchs wurde ich von einem nächsten eingeholt, einem Bild, das sich mir von der erhöhten Plattform vor dem Brandenburger Tor bot. Von dieser improvisierten Kanzel aus durfte ich die jenseits der Mauer postierten stolzen ostdeutschen Soldaten beobachten. Der Anblick brannte sich in mein Leben ein. Hier an der Mauer, beim Blick in den Osten, überkam mich plötzlich das Gefühl, als habe man mir Säure ins Gesicht gespritzt. Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen und 1948 zur Schule gekommen, meine Schulbücher waren im Geist der Deutschfeindlichkeit verfasst, im Kino wurden deutschfeindliche Filme gezeigt, deren Botschaft ich eifrig verinnerlichte und die stets lautete: Die Partisanen besiegen die Deutschen. Am Ende klatschte das Publikum und rief laut Hurra; und auf dem Weg hinaus aus dem Kinosaal schimpften wir im Chor über die Schwaben. Die Filme erreichten ihr Ziel, denn viele hatten, so wie ich, immer noch Angst vor den Deutschen. Niemand nannte sie so, man nannte sie spöttisch die Schwaben.
     Feige Würmer, die ihr Schicksal verdienten, wiederholten die Leute vor dem Dorfkino gebetsmühlenartig. Die negativen Adjektive sprudelten nur so aus ihnen heraus, und sie überboten sich gegenseitig mit Geschichten über die Schwaben, in denen die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit zunehmend verschwamm. In mir begann ein Verdacht zu keimen, als seltsame Geschichten über einen Mann aus dem Dorf, einen bosnischen Serben, die Runde machten. Mir war zu Ohren gekommen, dass er Titos Favorit gewesen sei, dann aber irgendwann in Ungnade fiel, weil er verrückt nach Frauen gewesen wäre. Dann hieß es, Tito habe ihn fallen gelassen, weil er mit seinen grausamen Taten über das Ziel hinausgeschossen sei, er habe weder Frauen noch Kinder verschont. Diese Gerüchte seien auch zum Marschall gelangt, der empört war und befahl, der primitive Rohling solle unverzüglich verschwinden.
     Tito ließ den Mann durch die Geheimpolizei beobachten, es stand zu befürchten, dass er durchdrehte und seine Grausamkeit dann keine Grenzen mehr kannte; ein solcher Typ konnte selbst seine eigene Mutter aus dem Weg räumen. Er lebte einsam im Schwabenhaus auf der Hauptstraße. Nur mit den gelegentlichen Trinkkumpanen traf er sich. Ein hoher schmiedeeiserner Zaun, dahinter ein einst gepflegter Garten. Davon zeugten die ungewöhnlichen immergrünen Pflanzen. Nirgends in der Gegend sah ich Kiefern, nur im Garten des Schwabenhauses auf der Hauptstraße. Auf dem Weg in die Schule und zurück konnte ich sie bewundern.
     Eines Tages bemerkte ich eine Veränderung.
     Warum wird das wunderschöne Haus abgerissen?, fragte ich meinen Vater.
     Das weiß nur er, brummte er gereizt. Und fügte hinzu: Junge, misch dich nicht ein.
     Von da an verfolgte ich das Geschehen nur umso interessierter.
     Binnen Kurzem stand ein nagelneues Haus an der Stelle des alten, und ich bemühte mich herauszufinden, wer der Eigentümer war. Leicht war es nicht, denn die Erwachsenen wollten nicht darüber sprechen.
     Er sah keinem der Partisanen ähnlich, die ich aus den Filmen kannte. Ständig wechselte er die Kneipen, trank mal einsam, mal in Gesellschaft, und es kam vor, dass er, stockbesoffen, kaum nach Hause fand und nur hin und hertorkelte. Manchmal sah ich ihn so auf dem Weg von der Schule nach Hause, und folgte ihm unauffällig.
     Einmal hielt er sich, kurz davor, das Gleichgewicht zu verlieren, an einem Baum fest. Ich stand gut zehn Meter entfernt hinter ihm und begriff nicht, was mit ihm los war. Er begann, in seiner linken Jackentasche nach etwas zu suchen, fand es aber nicht, seine Bewegungen wurden immer hektischer - und dabei fiel ihm das Portemonnaie aus der Gesäßtasche, was er natürlich nicht bemerkte. Er riss sich zusammen und torkelte weiter. Ich sprang aus meinem Versteck, hob das prall gefüllte Portemonnaie aus festem Leder auf und ging ihm nach. Ich wollte es ihm zurückgeben. Also nahm ich allen Mut zusammen und stellte mich vor ihn hin. Er sah mich mit leerem Blick an, schwankte. Ich führte ihn zu einer Bank in der Nähe, setzte mich neben ihn und drückte ihm, ohne ein Wort zu sagen, das Portemonnaie in die Hand. Eine Weile betrachtete er es verwundert, dann beugte er sich vor, öffnete das Portemonnaie und entnahm ihm einen Schein nach dem anderen, lauter rote Hunderter.
     Das gehört dir, sagte er.
     Ich wollte das Geld nicht annehmen. - Ich habe es aus Dankbarkeit getan, haspelte ich herunter, weil Sie, der große Partisan, die feigen Schwaben besiegt haben. Der Mann, als sei er plötzlich wieder nüchtern geworden, streckte sich und begann mich mustern.

zu Teil 3