Vorgeblättert

Leseprobe zu Katie Arnold-Ratliff: Was uns bleibt. Teil 3

16.01.2012.
Als das Metronom aus war, räusperte ich mich. Ich glaube nicht, dass ich heute fahren kann, sagte ich.
     Natürlich nicht, sagte sie.
     Trotz ihrer Worte konnte ich ihre Enttäuschung spüren, den Stachel dieser neuen Demütigung - wir hatten so wenige gemeinsame Wochenenden; wir hatten geplant, häufiger rauszugehen, jetzt, da die ständigen Regengüsse endlich aufgehört hatten. Ich hatte sogar die Worte gesagt - Ich verspreche es -, und jetzt blies ich es ab. Und warum? Um mit einer Tragödie fertigzuwerden, ja. Aber mit einer, die ich zumindest zum Teil erfunden hatte.
     Warum hatte ich ihr erzählt, was ich erzählt hatte? Es war einfach so rausgekommen; es schien, unerklärlicherweise, das Richtige zu sein, es zu sagen.
     Greta rutschte herum und rieb sich den Bauch. Das verstehe ich, Frank.
     Ich fühl mich einfach ein bisschen mitgenommen, sagte ich.
     Als sie nickte und ihre Unterschenkel ausstreckte, sah ich den Rest des Tages vor mir: sie und ich, beide still, wie wir uns im Haus bewegten wie Geister. Schließlich würden wir uns auf dem Sofa niederlassen und in eine Art paralysierte Starre verfallen: Fernsehen, Essen bestellen, Filme, die sie aufreizend lange auf Pause stellte, während sie am Telefon mit ihrer Mutter plauderte. Der Gedanke an das, was mit Sicherheit kommen würde - an diesem sich dahinschleppenden, unangenehmen Tag -, trieb mich aus dem Bett; ich ging ins Badezimmer und stellte die Dusche an, bekämpfte die Kopfschmerzen, die in meinen Magen rutschten und zu Übelkeit wurden. Ich würde mein Versprechen halten und bei Glen Ellen im Jack London State Historic Park mit ihr wandern gehen.

Die Fahrt dorthin dauerte eine Stunde und führte über lang gezogene ländliche Highways, aus den geordneten Weingärten wurde befestigtes Waldgelände und dann ein zementierter Parkplatz. Ich parkte den Wagen am Fuß des Hauptwanderweges. Als wir die Türen öffneten, traf uns eine Wand aus Hitze. Das Mikroklima Nordkaliforniens konnte Uneingeweihte überraschen - die durchdringende, neblige Kälte der Stadt, die knochentrockene Dürre weiter landeinwärts, das nasse grüne Aufschlagen der Wellen an der North Coast. Gestern hatte ich im Regen gekauert; hier war die Landschaft ausgedörrt und extrem. Wir gingen auf das Besucherzentrum zu und daran vorbei in die ausgedehnten Wälder.
     Wir hielten uns aneinander fest, trotz der Hitze. Ich streifte mit den Fingern ihren Bauch. Ist das auch nicht zu viel für dich?
     Sie blinzelte fröhlich in die Sonne. Man kann es ja kaum Wanderung nennen. Es ist ein Weg mit Hügeln.
     Unter einem Dach aus Laub tat sich die Niederung auf, in die der Pfad führte, die Sonnenstrahlen durchstachen die Äste wie Nadeln. Obwohl ich zwei Aspirin genommen hatte, verstärkte das Auf und Ab der Schritte den Schmerz in meinem Kopf.
     Thomas, sagte sie, Thomas Mason. Was meinst du?
     Ist spießig, sagte ich. Thomas trägt Tweed und lässt im Gespräch lateinische Ausdrücke fallen.
     Ein älteres Paar näherte sich uns, der Mann keuchte leicht. Er beugte sich vor, die Arme wie Fühler ausgestreckt, und nahm einen ausgiebigen Schluck aus seiner Wasserflasche, als sie zeternd an uns vorbeigingen.
     William, sagte sie.
     Würde Mom lieben, sagte ich. Ihr Vater hieß William.
     Deine Eltern dürfen nicht in die Nähe von meinem Baby kommen, sagte Greta, und wir kicherten beide.
     William näselt und ist phlegmatisch. Ich ließ ihre Hand los und rieb mir die Schläfen. Über dem Weg schwebten Horden von schwarzen Faltern, und wir gingen vorsichtig.
     Wenn man einen Schmetterling berührt, stirbt er, weißt du, sagte sie.
     Das hab ich vor drei Tagen gerade einem Kind erklärt.
     Was hatte es gemacht?
     Was glaubst du denn, es hat einen berührt. Egal, was ich sage, sie müssen es ausprobieren.
     Zum Beispiel "Esst keine Malkreide", sagte sie.
     Vor ein paar Monaten hatten deshalb einige Kinder Ausschlag gehabt. Sie hatten sich alle auf die braunen Kreidestücke gestürzt - Sienabraun, Umbra -, vermutlich, weil sie aussahen wie Schokolade.
     Sie wissen die einfachsten Dinge nicht, sagte ich. Dann überdachte ich es noch mal und schüttelte den Kopf. Und dann wissen sie wieder diese ganzen anderen Sachen. Sie hören irgendwas Bescheuertes, tragen es mit sich herum und spucken es irgendwann wahllos wieder aus.
     Zum Beispiel "Arschficken", sagte sie.
     Genau.
     Ein paar Wochen vorher hatte eine kleine Gruppe mit mir zusammen am Multifunktionstisch Mittag gegessen. Wir stocherten alle in unseren unbefriedigenden Mahlzeiten herum und schielten begierig auf Marisols von McDonald?s mitgebrachtes Essen, als es geschah: Arschficken, sagte Adrian. Ja, Arschficken, fiel Angelica ein. Und dann hatten alle mich angesehen, und das war der merkwürdigste und schlimmste Teil daran: Sie wussten nicht, was es bedeutete, aber sie wussten, was es bedeutete - dass es ungezogen war, dass es eine Reaktion provozieren würde. Sagt das nicht, hatte ich lahm gesagt. Sagt nicht "Arschficken" oder irgendwas anderes mit Ficken.
     Greta senkte die Stimme. Meinst du, die sind in Panik wegen gestern?
     Weiß ich nicht, sagte ich. Tut mir leid, ich will nicht unhöflich ? - aber können wir bitte einfach nicht drüber reden?
     Ein verschwitzter alter Hippie ging an uns vorbei und strahlte, während der Duft seiner Achselhöhlen zu uns herüberwehte. Sie wartete, bis er außer Hörweite war, ehe sie weitersprach. Hat jemand die Polizei gerufen? Haben sie mit ihr gesprochen und versucht, sie dazu zu bringen, runterzukommen?
     Ich stellte mir vor, was passiert wäre. Ja, sagte ich zögernd.
Schien, als hätte sie es sich in den Kopf gesetzt.
     Und warum hat sie dann überhaupt mit den Polizisten geredet?
     Weiß ich nicht. Ich seufzte.
     Warum hat sie nicht einfach -
     Warum tun Leute Dinge?, blaffte ich. Hatte ich dich nicht gerade gebeten, nicht mehr darüber zu reden?
     Sofort wurde ihr Gesicht - wie soll ich es sagen? -, es zerknautschte, als hätte ich sie nicht angeherrscht, sondern ihren Kopf in die Hände genommen und ihn zusammengedrückt wie eine Papierkugel. Sie wirkte kurzatmig, und ich konnte fast spüren, was in ihrem Körper geschah: dieses Gefühl, als ob sich die Brusthöhle mit Gewissensbissen und Kränkung füllte. Ich musste wegsehen, so schlecht wurde mir von dem Schmerz in ihrem Blick.
     Und dann, wie immer, sondierte sie das Terrain mit ihrer Standardbeschwichtigung - einer mit eingebauter Antwort:
     Ich liebe dich, sagte sie.
     Ich ging auf Abstand und sah ihr noch einmal prüfend ins Gesicht. Jetzt, da der barsche Augenblick hinter uns lag, wirkte sie weicher, leuchtend. Ich fragte mich, ob das an dem Licht hier draußen lag oder an der Schwangerschaft. Ich überlegte, ob sie damals, als sie schon einmal schwanger gewesen war, anders ausgesehen hatte; was immer es war, ich hatte sie so schon lange nicht mehr gesehen - ich hatte schon lange nicht mehr auf diese Weise über sie nachgedacht. Ich sah sie an und überlegte, warum ich sie so selten ansah. Ich hatte einen dieser außerkörperlichen Momente, die eine Ehe hervorrufen kann: Diese Person ist Meine Ehefrau. Aus allen Männern dieser Welt hat sie mich ausgesucht. Ich hatte den Impuls, ihr zu danken.
     Sie sah mir forschend ins Gesicht. Ich sagte, ich liebe dich, Frank.
     Ich liebe dich auch, sagte ich.
                    
                                                        *

Mit freundlicher Genehmigung des mareverlages.
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