Vorgeblättert

Leseprobe zu Hanna Krall: Rosa Straußenfedern. Teil 2

30.01.2012.
2006

STANISLAW S., Veteran
Über unsere Juden


     ? Friedhöfe sind im Krieg von großem Nutzen. Die Grabmale bieten Deckung vor Beschuss von jenseits der Mauer. Man schläft im Gras zwischen den Gräbern (ich hatte Glück und fand ein leeres Grab, sehr ordentlich, ausgemauert, offenbar hatte man es nicht mehr geschafft, jemanden zu bestatten). Auf den Granitplatten kann man essen - wir aßen meist Tomaten, und das Wasser holten wir von der Pumpe am Haupteingang. Unsere Juden erklärten uns, das sei keine gewöhnliche Pumpe. Wenn man einen jüdischen Friedhof verlasse, solle man ein Gebet sprechen und sich die Hände waschen, und mit diesem Wasser hätten sie sich früher gewaschen.

     Unsere Juden, das waren die, die wir aus dem Lager in der Gesia befreit hatten. Wie glücklich sie waren, meine Liebe! Einer wollte mir die Hand küssen, ein anderer schleppte einen erbeuteten Eimer Honig an. Ich zog meine Hand weg, Mensch, erklärte ich, was soll denn das, aber es war ein ungarischer Jude und wir konnten uns nicht verständigen. Oder ein holländischer, schwer zu sagen, die meisten waren Ausländer.
     Und der Honig war mir zu süß, ich konnte ihn nicht essen, ich sagte, ich gäbe ihn den Jungs in der Küche, sie verstanden wieder nicht und waren traurig, dass ich nicht aß. Unsere Juden standen sofort in Reih und Glied und machten Meldung. Lederman war es wohl, er stand stramm: Herr Kommandeur, der jüdische Trupp meldet sich bereit zum Aufstand.

     Die Tomaten brachte ein Mädchen aus der Nachbarschaft, wir kannten sie nicht, sie sagte, sie wohne in der Nähe und ihr Vater habe einen Schrebergarten. Sie hatte helles Haar. Sie trug immer dasselbe Kleid, grün, mit kurzen Ärmeln. Sie hatte braungebrannte Arme. Die Tomaten habe ich gewaschen, sagte sie jedes Mal, nahm sie aus dem Korb und legte sie auf die Tischdecke auf dem Grab. Daneben schüttete sie etwas Salz. Die Tomaten schmeckten gut und dufteten, sie kamen direkt vom Strauch. Nach ein paar Tagen kam sie nicht mehr, ich dachte, sie hätte schon alle Tomaten geerntet. Ich sah sie in der Soltyk-Straße. Sie lag auf der Fahrbahn, neben ungefähr zwanzig anderen Erschossenen. Ich erkannte sie gleich: grünes Kleid, Sandalen an den nackten Füßen, das helle Haar hatte sich mit geronnenem Blut vermischt.

     Einen Deutschen zu erschießen, war nicht schwer. In den ersten Tagen liefen sie über den Friedhof, und wir zielten aus der Deckung der Grabmale heraus auf sie. Auf einem der Wege fand mein Verbindungsmann einen Deutschen. Er nahm ihm den Helm ab, öffnete den Gürtel, nahm den Karabiner und trug alles zu der rituellen Pumpe und begann zu putzen. Zuerst wusch er das Gewehr. Dann ließ er Wasser in den Helm laufen und goss es mitsamt dem Blut und den Hirnresten auf die Erde. Wieder und wieder ließ er Wasser hineinlaufen, das Wasser färbte sich immer weniger rot, zum Schluss klebte er ein Pflaster auf das Einschussloch und setzte sich den Helm auf. In den Gürtel machte er zusätzliche Löcher. Er nahm das Gewehr in die Hand und war bereit für den Aufstand. Er sagte, er wäre vierzehn, vielleicht war er es auch. Ein schmächtiger, kleiner Junge. Er war mit einem Brief von seiner Mutter gekommen, sie erklärte sich einverstanden, "dass mein Sohn seinen Dienst bei den Warschauer Aufständischen leistet". Er kam in der Altstadt um. Seine Mutter muss auch umgekommen sein. Wäre sie am Leben geblieben, so hätte sie nach ihrem Sohn gesucht, sie suchte aber nicht, also ist sie im Aufstand umgekommen.

     Ich bekam sechs Splitter ab und führte als Kommandeur der Verwundeten 63 Personen durch die Kanäle. Im Feldspital holten sie vier Splitter heraus (der fünfte wurde mir nach dem Krieg in der Haft entfernt, der sechste nach der Entlassung aus dem Gefängnis in Wronki) und ich schlug mich nach Czerniakow durch. Ich lag auf dem Balkon, im ersten Obergeschoss, ein Deutscher schoss auf mich, und ich stürzte mit dem Balkon herunter. Der Panzer feuerte weiter, und die zweite Etage fiel auf mich, zum Glück nicht ganz, ein Teil der Balustrade blieb über mir hängen, und ich konnte atmen. Ich dachte, ich verrecke in diesen Trümmern vor Hunger und an den Wunden, aber Jakub Wi?nia, einer von unseren Juden, befreite mich. Er sagte zu Fil, seinem Kommandeur: Swist war auf dem Balkon dieses Hauses. Und wenn er auf dem Balkon war, dann liegt er jetzt unter den Trümmern, wir müssen ihn suchen. In der Nacht kam er mit Fil, sie gruben mich aus, trugen mich auf einer Tür zur Weichsel, Berlings Soldaten verfrachteten mich auf ein Schlauchboot und brachten mich ans andere Ufer.

     Nach dem Krieg ging ich in eine preiswerte private Kneipe, um Suppe zu essen, immer in dieselbe, in der Zielna. Einmal bin ich mit der Suppe fertig, wische den Teller mit dem Brot aus, da bleibt jemand hinter mir stehen. Ein Mann. Ich drehe mich um ? er steht stramm. Ich höre: Herr Kommandeur, Jakub Wisnia macht Meldung. Wie sich herausstellte, war er der Besitzer der Kneipe. Fortan bekam ich Suppe, ein Hauptgericht und ein Glas Obstsaft - gratis, Tag für Tag.

     Vierzig Jahre später meldete er sich noch einmal. Er war alt, hatte keine Kinder, hatte niemanden mehr und lebte ohne Trauschein mit einer polnischen Frau zusammen. Eine nette, freundliche Frau. Er fragte, ob er eine Bescheinigung bekommen könne, dass er in der "Zoska" gekämpft hatte. Natürlich konnte er, er hatte ja gekämpft. Er sollte mich einige Tage später anrufen. Statt seiner rief seine Frau an. Die Bescheinigung wurde nicht mehr gebraucht, gebraucht wurde ein Sarg. Ich ging zu seinem Begräbnis. Der Rabbiner bat mich, ein paar Worte zu sagen. Ich stand über Jakubs Kopf und erzählte ihm alles noch einmal. Unser Angriff auf das Lager, der Eimer mit Honig, "der jüdische Trupp meldet sich bereit zum Aufstand ?" Ich erzählte von der Nacht in den Trümmern unter dem Balkon ? Ich redete und redete, und die Juden schluchzten laut. Besonders die Frauen. Meine Liebe, wie sie weinten, alle miteinander.

     Ich ging langsam zurück, dabei sah ich mich um. Und dachte: Dieses Grabmal wäre bei Beschuss eine gute Deckung. Massiv, hoch aufgerichtet. Wem gehörte es? Advokat Meyet. Ich erinnerte mich nicht, ob es uns damals nützlich war. Das Mädchen hätte seine Tomaten auf die Platte legen können. Auf der Grabplatte von Chaja Bersohn stand: "Als Gattin züchtig und ehrlich, als Mutter liebend und zärtlich ?" Neben dem Rabbiner Poznanski hätte man schlafen können. Ich nicht, ich hatte mein leeres, gemauertes Grab, aber die Jungs hätten es bequem gehabt. "Wäre nicht dein Gesetz mein Trost gewesen, ich wäre vergangen in meinem Elend ?" hatten sie dem Rabbiner auf den Grabstein geschrieben. Ich dachte, dass dieser Psalm auch für mein Grab taugen würde.

                                                   *

JANINA N.
Über Straußenfedern


     ? Michal? Eine Freundin? Hast du sie schon gesehen? Hör zu ?
     Dieser Michal, das ist doch ein Verwandter von dir, oder?
     Dein Enkel, ach so.
     Was meinst du, wird er sie heiraten?
     Denn wenn er heiratet, was wirst du zur Hochzeit anziehen?
     Weißt du, was du anziehen solltest?
     Ich weiß es. Eine Tunika.
     Aus schwarzem Samt.
     Oder aus Velours-Chiffon, das wäre eleganter.
     Lass dir eine schwarze Tunika mit Straußenfedern nähen.
     Die Federn müssen unten sein. Und sie muss glockig sein.
Leicht glockig, aber nur unten.
     Die Federn auch glockig, natürlich, warum stellst du so
dumme Fragen.
     Dunkel?, dunkelrosa.
     Deine Mutter trug so eine. Im Karneval. Ach, wie sie aussah, wie eine Balletteuse. Du wirst auch wie eine Balletteuse aussehen.

                                              *

zu Teil 3