Vorgeblättert

Leseprobe zu Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Teil 2

01.08.2011.
Im deutlichen Gegensatz zu anderen katholischen Abgeordneten wollte Traegers Nachredner Ludwig Windthorst die "außerordentlich schwierige Frage" nach "der sozialen Stellung unserer jüdischen Mitbürger" nicht als politischen Konfliktstoff in die Öffentlichkeit tragen: "Sie ins Tagesleben hineinzuwerfen, halte ich bei den Stimmungen, welche (nun) einmal in den Massen der Bevölkerung obwalten, für im höchsten Grade misslich und bedenklich."(159) Anders als Windthorst, der, obwohl Führer des Zentrums, ausdrücklich nicht für seine Partei, sondern nur im eigenen Namen sprechen konnte, nutzte dessen Fraktionskollege Bachem die Judenfrage agitatorisch. Seiner Meinung nach beförderte die soziale Aufstiegslust der Juden den Antisemitismus im Allgemeinen, besonders aber in den wirtschaftlich zurückgebliebenen Ländern Europas - in Russland, in den Donaustaaten, in den schwach entwickelten Landesteilen des Deutschen Reichs. Sie bewirke hier wie dort "eine ungeheure Verschiebung des mobilen und immobilen Besitzes zugunsten der Juden".(160)
     Die Haupttendenz der Debatte hatte der Berliner Korrespondent der Londoner Times schon einige Tage zuvor erkannt. Am 18. November 1880 richtete er "die Aufmerksamkeit auf einen der schimpflichsten Züge des modernen deutschen Lebens". Nach seinem Eindruck entwickelte sich die Judenhetze in Deutschland deshalb sprunghaft, weil so viele christliche Deutsche "an eine kleinliche, krämerische Behandlung" wirtschaftlicher Fragen "gewöhnt" seien. Der britische Beobachter fand, dass der Deutsche "ein unfähiger Handelsmann" sei - nicht imstande, "sich die günstige Konjunktur zunutze zu machen, die durch die Schaffung der deutschen Einheit herbeigeführt" worden war: "Hier tritt der Jude an seine Stelle, und das erfüllt den Deutschen mit Hass und Neid."(161)
     Die Antisemiten verbanden die klassensoziologische Betrachtung des Judentums mit der Arbeiterfrage. Stoecker lastete den Juden "übertriebene Börsenspekulation" an, den "Hexentanz um das goldene Kalb". Er machte sie dafür verantwortlich, dass plötzlich Arbeiter "an den Abgrund ihrer Existenz gestellt" und brotlos würden. Den Druck, den Juden auf das Geschäftsleben ausübten, nannte Stoecker als einen "der Gründe zur Verschärfung der sozialen Frage".(162) Daraus folgte für ihn die Klassensolidarität jener, die der jüdische Hochkapitalismus an den gesellschaftlichen Rand dränge: "Die Isolierung, die Atomisierung hat uns in einen Zustand gebracht, in dem wir stehen, so suchen wir denn eine Organisation, in der die Arbeiter sich wieder fühlen als eine Schar von Brüdern, die zusammenstehen."(163)
     Ähnlich definierte auch Marr die Judenfrage als "sozial-politische Frage". Er verstand den Antisemitismus als Antwort auf die "abstrakten", schon deshalb jüdischen "Theorien von individueller sozialer Freiheit", die nicht länger Freiheit, "sondern nur noch Frechheit genannt werden" dürften.(164) Es blieb nicht bei Wortgefechten. Zum Beispiel zogen in der Silvesternacht 1880/1881 antisemitisch aufgeheizte junge Leute in die Berliner Friedrichstadt, brüllten rhythmisch "Juden raus!", verwehrten Juden oder für Juden Gehaltenen den Zutritt zu Cafes, prügelten Passanten, schlugen Scheiben ein und begingen "ähnliche Wüstheiten mehr" - "alles natürlich unter der Phrase der Verteidigung des deutschen Idealismus gegen den jüdischen Materialismus und des Schutzes der ehrlichen deutschen Arbeit gegen jüdische Ausbeutung".(165)
     Wie später Hitler offerierte Stoecker seinen Anhängern ein soziales Programm. Er forderte die gesetzliche Begrenzung der Arbeitszeit, progressive Einkommen- und Erbschaftsteuer, Börsen- und Luxussteuern, das Verbot der Kinderarbeit, die Einführung von Sozialversicherungen und Staatsbetrieben. "Die Christlich-Soziale Arbeiterpartei verfolgt das Ziel", so hieß es in ihren Allgemeinen Grundsätzen, "der Verringerung der Kluft zwischen Reich und Arm und die Herbeiführung einer größeren ökonomischen Sicherheit."(166) Im Januar und Februar 1881 hielt Stoecker zu folgenden Themen Großversammlungen mit jeweils etwa 3000 Zuhörern ab: "Das Handwerk einst und jetzt", "Die Sünden der schlechten Presse", "Die Judenfrage", "Obligatorische Unfallversicherung". Bismarck stellte bündig fest: Stoeckers Reden seien auf den Neid und die Begehrlichkeit der Besitzlosen gegenüber den Besitzenden gerichtet.(167)
     Seit 1889 entwickelte die antisemitische Deutschsoziale Partei die Grundsätze der Stoecker-Partei weiter. Sie übernahm alle sozialen Forderungen, verlangte aber zudem allgemeine, direkte und geheime Wahlen für Preußen, damit der Unzufriedenheit weiter Kreise deutlich Ausdruck gegeben werden könne. Später sollte das parlamentarische System der berufsständisch organisierten Staatsordnung weichen, von der sich die Partei dauerhafte Sicherheit in überschaubaren, in sich harmonischen Interessen- und Lebenskollektiven versprach. Ferner trat die Partei für die Aufhebung des SPD-Verbots ein und verstand es als "Gebot der Gerechtigkeit", die sozialdemokratischen Forderungen "unbefangener als bisher zu prüfen". Christliche Handwerker, Kaufleute und Bauern sollten vor zügelloser Gewerbefreiheit bewahrt werden, ebenso vor in- und ausländischer Konkurrenz, vor verlogener Reklame, vor Wucher, Betrug, Zwischenhändlern und den "durch Börsenspiel bedingten Schwankungen der Getreidepreise". Die Deutschsoziale Partei warb dafür, den zu wenig beachteten "Gegensatz zwischen Besitzesherrschaft und Besitzesabhängigkeit oder zwischen 'Kapital und Arbeit'" in den Mittelpunkt der Politik zu rücken, um so den inneren Frieden zu fördern. Auf dem Weg zu solchen Fernzielen propagierte sie die immer gleiche Sofortmaßnahme: "Wir fordern Beschränkung aller derjenigen Freiheiten, die dem aussaugenden, nicht wertschaffenden Judentum Vorschub leisten und den schaffenden, ehrlich arbeitenden Deutschen schwer schädigen."(168)
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(159) Ebd., S. 68.
(160) Ebd., S. 89.
(161) Die Judenfrage. Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses (1880), S. 83; The Jews in Germany, in: Times vom 16.11.1880.
(162) Die Judenfrage. Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses (1880), S. 137f.
(163) Ebd., S. 117.
(164) Marr, Der Sieg des Judenthums (1879), s.43-46.
(165) Bernstein (Hrsg.), Die Geschichte der Berliner Arbeiter-Bewegung, Bd.2 (1907), S. 59, 106.
(166) Programm der Christlich-Sozialen Arbeiterpartei (Januar 1878), zit. nach Mommsen, Deutsche Parteiprogramme (1960), S. 71-73.
(167) Massing, Vorgeschichte des politischen Antisemitismus (1959), S. 42.
(168) Grundsätze und Forderungen der Antisemitistischen Deutsch-sozialen Partei (1889), zit. nach Mommsen, Deutsche Parteiprogramme (1960), S. 73-78.

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