Vorgeblättert

Leseprobe zu Götz Aly: Die Belasteten. Teil 4

28.02.2013.
»Reichsausschussmaterial«, begehrt und verwertet


Die Ärzte des Reichsausschusses verbanden strukturelle Reformen und Fortschritte in der Pädiatrie mit dem Töten dauerhaft geschädigter Kinder und mit aggressiver Forschung. Zu letzterem Zweck kooperierten sie mit Universitäten und angesehenen Instituten. (…)

Wie solche Forschungen zustande kamen, möchte ich am Schicksal des Mädchens Heidi Grube zeigen. Sie zählte zu den 298 Mädchen und Frauen, die am 17. August 1943, wenige Tage nach dem großen Luftangriff auf Hamburg, aus den Anstalten Alsterdorf und Langenhorn nach Wien in die Todesanstalt Am Steinhof abtransportiert wurden. Bis Ende 1945 starben 257 der Deportierten.187 Heidi Grube gehörte zu den zwölf Mädchen, die nach ihrer Ankunft in die 1940 gegründete Wiener städtische Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund auf demselben Gelände verlegt wurden. Diese kinderund jugendpsychiatrische Klinik ähnelte der in Breslau und umfasste ebenfalls eine »Kleinkinder- und Säuglingsabteilung«, in der namens des Reichsausschusses Kinder ermordet wurden. Alle zwölf Mädchen aus dem Hamburger Transport starben dort binnen weniger Monate (das Aufnahmedatum steht in der Mitte):

Helga Nieber *26. 12.1931 26.09. 1943 † 11. 11.1943
Meta Becker *07.05.1935 24.09. 1943 †03.12.1943
Edith Thies * 03. 11.1931 25.09. 1943 † 21.12.1943
Heidi Grube * 19. 01.1934 24.09. 1943 †29. 11.1943
Lieselotte Brandt * 12.07.1936 24.09. 1943 † 01.01.1944
Margot Fischbeck * 17.07.1935 24.09. 1943 † ??. 11.1943
Christel Zobel * 27. 01.1939 25.09. 1943 † 06.01.1944
Irmgard Harder * 14.04.1933 24.09. 1943 † 13. 11.1943
Marion Eisenach * 10.08.1933 24.09. 1943 † 06. 12.1943
Friedel Franke * 03.09.1934 24.09. 1943 † 16. 12.1943
Ursula Grabbe * 07. 11.1939 14.09. 1944 † 30.09.1944
Lieselotte Kröger-Reck * 15.08.1937 25.09. 1943 † 02. 11.1943


Zehn Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus veröffentlichten die Mörder in der medizinischen Fachzeitschrift Virchows Archiv, Band 327 (1955), Seite 577-589, einen Aufsatz. Er enthält im Titel den Hinweis »Aus der Prosektur der Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien 'Am Steinhof'« und behandelt einen »klinisch-anatomischen Befund bei einseitigem Riesenwuchs des Gehirns (Hemimegalenzephalie) «. Vorgestellt wird das zerschnittene Gehirn des aus Hamburg nach Wien deportierten Kindes Heidi G. Unter dem Stichwort »Verlauf« heißt es in dem Aufsatz von 1955: »Während des zweimonatigen Anstaltsaufenthaltes (in Wien) wird ein typischer epileptischer Anfall mit seitengleichen Krämpfen und Bewusstlosigkeit beobachtet. Der Tod tritt im Alter von fast zehn Jahren an Pneumonie ein.«

Zehn Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Heidi Grube wurde ihr konserviertes, in der anatomischen Sammlung der psychiatrischen Klinik Am Steinhof verwahrtes Gehirn genauer untersucht. Trotz des Umstandes, dass »die zur histologischen Untersuchung vorbereiteten Organstücke« mittlerweile »leider verloren gegangen« waren, reichten die Ergebnisse zur Publikation in einer hochangesehenen Fachzeitschrift aus. Die Autoren des Aufsatzes heißen Heinrich Groß und Barbara Uiberrak. Groß war einer der vier Ärzte, die seinerzeit in der Anstalt Am Steinhof erst die klinischen Befunde erstellten und dann tödliche Spritzen setzten. Uiberrak sezierte damals 781 Kinderleichen aus der Abteilung, ohne auch nur einmal eine unnatürliche Todesursache festzustellen. Da während des Krieges für wissenschaftliche Grundlagenarbeit wenig Zeit blieb, konservierte sie einzelne Präparate für später, darunter das Gehirn von Heidi Grube. 1955 präsentierten ein Mörder und seine über das Morden wohlinformierte Helferin ein Ergebnis ihrer Taten und beklagten scheinheilig, dass es kaum je möglich sei, seltene Gehirnanomalien anatomisch zu untersuchen und zugleich über genaue klinische Befunde zu verfügen.

Offensichtlich war schon Ende 1941 versucht worden, Heidi Grube in eine »andere Anstalt« zu verlegen. Daraufhin hatte deren Vater bei der Direktion der Alsterdorfer Anstalten interveniert: »Ich möchte Sie unter allen Umständen bitten, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, um zu verhindern, dass Heidi Ihre Anstalt verlassen muss. (…) Für mich, der ich als Soldat im Felde stehe, ist es sehr beruhigend zu wissen, dass mein Kind bei Ihnen in guten Händen ist. Dieses Gefühl würde ich bei einer Verlegung nicht mehr haben können.«

Der Vater hatte seine Tochter drei Tage zuvor während eines Urlaubs besucht, auch Heidi Grubes Hamburger Großmutter und Tante kümmerten sich regelmäßig um das Mädchen. Als dieses im August 1943 von Hamburg nach Wien verlegt wurde, war es neun Jahre alt, wog 29,6 Kilogramm, hatte brünettes Haar und war 1,34 Meter groß. Die aufnehmenden Ärzte diagnostizierten einen infolge einer Missbildung »schiefen« Kopf, ein »stark asymmetrisches Gesicht«, eine ebenso asymmetrische Zunge und meinten zum psychischen Befinden: »Fühlt sich anscheinend wohl.« Heidi Grube galt als »gemütlich«, konnte ihren Namen sagen und einzelne Körperteile zeigen. Ende 1942 wurde sie so beschrieben: »Patient ist ein ruhiges Kind, beschäftigt sich mit Bauklötzen und Bilderbüchern usw. (…) Sie spricht alles und singt auch gern. Sie kann sich nicht anziehen, ist in ihren Bewegungen gehemmt. Sie isst allein, braucht sonst in allem Hilfe. Zur Toilette geht sie allein.«

Am 29. November 1943 ermordete die 29-jährige Ärztin Marianne Türk das Kind Heidi Grube. Die Mutter Erna erfuhr davon erst am 12. Januar 1944, als das Weihnachtspaket für ihre Tochter zurückkam - versehen mit dem Vermerk »gestorben«. Erna Grube telegrafierte sofort: »Wann ist meine Tochter Heidi eingeschlafen? Warum habe ich als Mutter noch keine Nachricht? Bitte sofort um Antwort.« Nachdem sie keine Antwort erhielt, schrieb sie vier Tage später an die Anstalt, berichtete von dem zurückgeschickten Paket und fuhr fort: »Wie das auf eine Mutter wirkt, werden Sie nicht ahnen. Ich bitte Sie nun, mir mitzuteilen, wann und woran meine Tochter gestorben ist. Lag es an ihrem ganzen Zustand oder kam noch etwas hinzu? Wie und wo ist sie beerdigt? Besteht noch eine Möglichkeit, die sterblichen Reste, vielleicht Asche, nach hier zu bekommen? Wir haben Heidi leider wegen unserer zwei anderen Kinder, die gesund sind, nicht zu Hause haben können, haben aber immer die feste Absicht gehabt, sie einmal hier bei uns schlafen zu lassen und ihr Grab schön mit bunten Blumen, die sie so liebte, zu pflegen. In Alsterdorf konnten wir von der Familie sie jeden zweiten Sonntag besuchen und uns über das Befinden erkundigen.«

Teil 5