Vorgeblättert

Leseprobe zu German Sadulajew: Ich bin Tschetschene. Teil 1

29.06.2009.
1

Wahrscheinlich kann ich auch so weiterleben. Morgens den sirrenden Wecker meines Mobiltelefons abschalten, die Zähne putzen, mich rasieren, die Wanne einlassen und eine halbe Stunde im warmen Wasser liegen, um die nächtlichen Träume darin aufzulösen. Am Tag irgendwo hingehen oder -fahren, Papiere durchsehen, die Gesichtsmuskeln und Stimmbänder spielen lassen und all das tun, was man mit dem Wort "Arbeit" bezeichnet und wofür man mir Geld zahlt. Abends Bücher lesen. So kann man ewig leben. Als ob sonst nichts sei. Als ob sonst nichts geschehen sei.
Und wenn ich träume - dann sind es nur Träume, sie lösen sich morgens im warmen Wasser auf.
Und wenn die Erinnerung kommt - dann ist auch sie nur ein Traum, sie löst sich im Strom der Straßen auf.
Und wenn die Gedanken kommen - dann drehen sie sich um Träume und die Vergangenheit; aber mein Schlaf ist traumlos, und die Vergangenheit ist nur ein Traum.
Und wenn das Herz ...

Solange das Herz nicht stehenbleibt.

Eines Tages bleibt es stehen.
Ich werde dir von meiner Liebe erzählen, von meiner Angst, meiner Einsamkeit, meiner Bitterkeit und meinem Frohsein, und davon, daß ich vor dir schuldig bin, Mutter.

Kannst du mir verzeihen? Erinnerst du dich, ich bin über deine Wiesen gegangen, habe an deinen Bächen gesessen und deine Bäume umarmt; als Katze hast du schnurrend auf meinem Schoß gehockt, deine Schwalben haben für mich gesungen, deine blauen Gestirne am Himmel für mich geleuchtet. Ich war dein Jüngster, du hast mich geliebt, ich weiß, du hast mich mehr geliebt als die anderen. Vielleicht, weil ich kränklich, schwach und schüchtern war. Eine Mutter liebt immer den Bedauernswerten am meisten. Die anderen waren stolz, stark und unabhängig, aber ich bin zu dir gekommen, habe meinen Kopf in deine Blumen und Gräser gelegt, und du hast mich liebkost. Wörter fügten sich zu Zeilen, ich habe dir Lieder und Verse vorgesungen, im hohen Gestrüpp, zwischen mannshohen Kletten. Und du hast mir zugelächelt, ja, aber du hast nicht gelacht. Du hast mich mit deinen Weidenzweigen umarmt und mich vor den anderen versteckt; keiner soll ihn sehen, keiner soll sagen, mein Junge ist schwach und verrückt, mein Herz gehört ganz ihm.
Und ich liebte dich, wie nie jemand geliebt hat. Als du in schweren Nächten vor Schmerz stöhntest und weintest, saß ich bei dir auf unserem alten Sofa, ich strich über die Krampfadern an deinen Beinen, über das, was man mit dem schrecklichen Wort "Blutpfropf" bezeichnet, ich verödete ihn mit einem stechenden Lichtstrahl aus meinen Augen, ich löste ihn mit meinen Tränen auf. Und am Tag schlief ich wieder in der Schule ein, schwieg an der Tafel, gab den Lehrern keine Antwort, nahm mein Aufgabenheft mit einem Vermerk zurück und setzte mich auf meinen Platz. Ich konnte nicht sagen: Meine Mutter ist krank. Meine Mutter hat schon die dritte Nacht Schmerzen.
Dann verließ ich dich. Es wurde mir zu eng, ich hatte Angst, unerträgliche Angst. Ich lief weg. Diese monströse Spinne, da kriecht sie über ihr dünnes Netz, und ich habe Angst. Ich habe Angst, Mutter! Ich schließe die Augen. Und schon ist sie weg, die Spinne. Denn es ist mein Alptraum, und ich laufe weg, ich schließe die Augen, und er kommt nie wieder.

2

Ich wollte schon lange weg. Denn ich wußte, du mußt sterben, und dein Sterben würde quälend sein und lang. Ich konnte das nicht mit ansehen. Ich war voller Angst. Die Angst, Mutter!
Du grüntest mit dem jungen Gras deiner Waldwiesen, du schmücktest dich mit Kamille und Löwenzahn und trugst das Gold edelster herbstlicher Legierung. Aber ich spürte die Schwellungen unter deiner Haut, ich trank mit Traubensaft vermischt dein Blut, es war viel zu süß, ein zu hoher Blutzuckerspiegel, sagte der Arzt. Und der Blutpfropf, ich sah, wie er tief unter der Erde lauerte, er bewegte sich langsam durch die Arterie und kam deinem sanften Herzen immer näher.
Als einmal eine Baggerschaufel deinen geliebten Körper durchfurchte, am Rand des Feldes hinter unserem Haus, stieg ich in die Grube hinab und drückte meine Wange an deinen warmen, duftenden Leib. Er pulsierte und atmete. Und er litt, er litt an einer Vorahnung.
Vorahnungen erfüllten meine Gedanken, auf meinem langen Schulweg zählte ich gedanklich die militärischen Einheiten, stellte mir Operationspläne vor und spielte Gefechtsszenen durch, in denen jedes deiner Häuser, das jetzt noch ruhig und friedlich dastand, hart umkämpft wurde. Diese Gedanken konnten nicht von mir kommen, es waren deine Gedanken, Mutter, du dachtest sie in mir. Und ich hatte Angst.
Am Tag meiner Volljährigkeit versuchte ich zum ersten Mal wegzulaufen. Ich war aus Sankt Petersburg gekommen und traf mich mit meinen Freunden aus der Schulzeit. Die Erwachsenen waren bereits gegangen, und wir tranken süßlichen, beißenden Wodka. Ich war Alkohol nicht gewöhnt, er beraubte mich meiner Wahrnehmung, und wie gebannt stand ich auf und verließ das Haus. Ich konnte die Berge sehen. Es war ein klarer Tag, und ich konnte die fernen blauen Berge sehen. Ich wollte zu ihnen. Man holte mich ein, man zerrte mich zurück. Ich riß mich los und schrie: Ich muß gehen, ich muß in die Berge gehen, wir alle müssen in die Berge gehen, sonst ist es zu spät, bald wird es zu spät sein! Niemand wollte auf mich hören, aber ich wußte: Es blieb nur wenig Zeit.
Dann war ich entkräftet, gab nach und ließ zu, daß man mich zu Bett brachte. Eine Stunde später wachte ich auf, fast wäre ich an den Massen von Erbrochenem erstickt. Ich wollte sagen: Ihr braucht keine Angst zu haben! Ich erinnere mich an alles, ich weiß, was zu tun ist. Nomadenhorden sind gekommen, ein riesiges Heer, es sind Hunderttausende, und der Staub, den ihre Pferde mit den Hufen aufgewirbelt haben, verdunkelt die Sonne. Im Tiefland werden wir den Kampf mit ihnen aufnehmen und fast alle sterben. Wir werden dich verteidigen, Mutter! Und du wirst jeden von uns mit dem bitteren Saft des umgeknickten Farns beweinen. Und später, wenn unsere Zahl zu gering ist, wirst du zu uns sagen: Geht in die Berge. Laßt mich hier, und sorgt euch nicht meinetwegen. Ich werde mich totstellen. Oder nein, ich werde mich lebend stellen, ich lasse meine blutleere Hülle zurück und schleiche in der Nacht an den Lagerfeuern der Patrouillen vorbei, an den Zelten der Khans, euch nach, ich finde euch in den Bergen. Und eines Tages bemerkt ihr in einem Bergflüßchen mein Gesicht, ihr werdet mein Mädchenlachen hören und begreifen, daß ihr eure Mutter nicht im Stich gelassen habt, daß sie euch nie vergaß und bei euch ist.
So hatten wir es gemacht. Ich war in die blauen Berge gegangen, hatte dort auf den Felsen einen Turm aus Felsblöcken gebaut, und daneben, auf einem kleinen Plateau, eine Gruft errichtet, in der ich lebte, nachdem ich gestorben war. Und Mutter war gekommen, an den schmalen Hängen am Rand der Schluchten hatte sie mit warmer Wange ihren fruchtbaren Boden zart an mich geschmiegt und mit Weizen und Roggen gegrünt. Jeden Herbst war ihr keuscher, mädchenhaft fester Busen angeschwollen, ich hatte mich zu ihren Brüsten herabgebeugt, und sie hatte mich genährt.

3

Auf der Straße nach Wedeno lagen hinter Serschen-Jurt in den mit Buchen überzogenen Schwarzen Bergen die Pionierlager. Ich habe dort einen Sommer verbracht. Jeden Morgen Appell, Gymnastik und Frühstück, und am Abend wurde auf einem asphaltierten Platz getanzt. Aber in der Nacht schlichen wir aus den Baracken, kletterten über die hohe Umzäunung und stiegen zu den Schwarzen Bergen hinauf. Wir kannten dort eine Halde, wo es Weißschiefer gab. Den brauchten wir, um Türme zu bauen.
Jeder Tschetschene muß Türme bauen können. Unsere Türme waren aus Weißschieferstücken zusammengesetzt und hatten die Form von Pyramidenstümpfen mit Zinnen auf den Dächern. Den Schiefer polierten wir mit Aluminiumlöffeln, die wir heimlich aus dem Speisesaal mitgenommen hatten, dann trockneten die Türme in der Sonne fest. Jeder von uns brachte einen aus dem Pionierlager mit. Ein Mann muß Türme bauen können, denn es wird die Zeit kommen, da wir in die Berge gehen. Und wir werden Türme bauen, um am Leben zu bleiben.
Mein Turm stand in unserer Bibliothek. Als meine Schwester eines Tages auf den Bücherregalen Staub wischte, streifte sie den Turm, er fiel herunter und zersplitterte. Gewissenhaft sammelte meine Schwester die Teile auf, fügte sie mit Leim wieder zusammen, und um die Risse zu überdecken, überzog sie den Turm mit purpurnem Nagellack. Nun war mein Turm blutrot.
Vierzehn Jahre später wird meine Schwester auf dem Dorfplatz von einer Druckwelle niedergeworfen werden, ausgelöst von einer Boden-Boden-Rakete eines U-Boots im Kaspischen Meer. Ich werde nach Nasran fliegen, ihr Krankenzimmer betreten und sie auf meinen Armen zum Flugzeug tragen. Wir werden nach Sankt Petersburg fliegen. Und noch anderthalb Jahre lang werden die Ärzte die Teile ihres Körpers wieder zusammenfügen.

Teil 2