Vorgeblättert

Leseprobe zu Gerbrand Bakker: Oben ist es still, Teil 1

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Seine Hände liegen neben ihm unter der Decke, ich kann seine Handgelenke nicht sehen. Der Nebel hat sich gelichtet, und ich habe das Kippfenster einen Spalt geöffnet. Es riecht nach Krankheit im neuen Zimmerchen, aber krank ist er schon seit ein oder zwei Tagen nicht mehr. Außerdem riecht es nach Zigarettenrauch. Er will nicht aufstehen. Der Brief, den er von seiner Mutter bekommen hat, liegt neben dem Bett. Der Brief, den ich von seiner Mutter bekommen habe, liegt unten auf dem Küchentisch.
Einmal habe ich den Kopfverband gewechselt und ihm die Maschenmütze wieder übergezogen. Beim zweiten Nachsehen (da lag er schon im Bett) habe ich festgestellt, daß die Wunde trocken war, und sie ohne Verband gelassen. Die Enden der blauen Fäden sind länger als seine Haare. "Sie haben's auf meinen Kopf abgesehen", sagte er düster. "Tiere.
Jetzt frage ich mich, wann die Fäden gezogen werden müssen. Kann ich das selbst? Ich würde es gern selbst machen. Ich werde seinen Schädel mit einer Hand an meine Brust drücken und ihm, ohne zu zittern, mit einer Pinzette die Fäden aus dem Kopf zupfen.
Ich höre den Milchwagen auf den Hof einbiegen. Der neue Milchfahrer ist eine resolute Milchfahrerin Mitte Vierzig. Ich habe erst ein paar Worte mit ihr gewechselt, sie ist zugeknöpft und wie der alte Milchfahrer ein bißchen mürrisch.
"Fehlt dir dein Bruder?" fragt Henk.
"Was?"
"Ob dir dein Bruder fehlt. Henk."
Ich schweige.
"Mir fehlen meine Schwestern überhaupt nicht."
"Die leben noch."
"Ja, stimmt. Wollten sie wirklich heiraten?"
"Ja."
"Und ihr wart euch ähnlich?"
"Du hast doch sicher die Fotos in Vaters Zimmer gesehen."
"Ja klar, aber. . ."
"Wir waren Zwillinge."
"Warum hat sie sich in deinen Bruder verliebt und nicht in dich?"
"Was weiß ich."
"Oder hat sie euch nicht gleichzeitig gesehen?"
"Doch. Wir waren zusammen in einer Kneipe."
"Also warum?"
"Ich weiß es nicht, Henk. So kann es gehen in diesen Dingen."
"Es hätte genausogut anders laufen können."
"Tja . . ."
"Angenommen, sie hätte . . ."
"Hör auf."
"Ich glaube, sie will dich heiraten."
"Das hatte ich auch gedacht."
"Jetzt nicht mehr?"
"Nein."
"Ich glaube sogar, sie spannt mich dafür ein."
"Wie?"
"Indem sie mich hierherschickt."
"Du siehst zuviel fern."
"Na ja, auf jeden Fall hat sie sich verrechnet." Er kichert.
Ich schaue ihn an. "Es wird Zeit, daß du aus dem Bett kommst."
"Nein. Ich bleib liegen."
"Was schreibt sie?"
"Daß sie mich braucht und daß du ein Lügner bist und daß ich nach Hause kommen soll."
Der Milchwagen fährt ab. Es wird still draußen. Mein Rücken erinnert mich daran, daß ich immer noch am Kippfenster stehe, unter der Dachschräge. Ich schiebe seine Kleider vom Stuhl und setze mich hin.
"Sie ist wütend. Auf meinen Vater, auf meine Schwestern, auf mich. Ich kenne sie nicht anders. Sie ist wütend auf alles und jeden, sogar auf die Schweine war sie wütend. Bestimmt ist sie auch auf dich wütend."
"Ja."
"Warum hast du ihr eigentlich gesagt, dein Vater wär tot?"
"Das ist eine lange Geschichte."
"Ich hab Zeit."
"Nein, hast du nicht. Wir müssen die Schafe aufstallen."
"Warum?"
"Sie werden jetzt bald ablammen."
"Lammen, meinst du."
"Ja."
"Kannst du das nicht allein?"
"Nein. Ich brauch dich."
"Muß ich dann rennen?"
"Das könnte sein."
"Ich bin krank."
"Gewesen."
"Ich hab Angst."
"Du bist jung, stell dich nicht an."
"Ich will immer hierbleiben. Ich will nicht zu meiner wütenden Mutter zurück, nach Brabant. Ich hasse Brabant, ich hab da nichts verloren. Was fängt man mit Schwestern an?"
"Hast du denn hier was verloren?"
"Ja." Zwei Handgelenke werden sichtbar. Er greift sich das Zigarettenpäckchen vom Nachttisch. "Das muß komisch sein", sagt er. "Ein Zwillingsbruder. Einer, der genauso ist wie man selbst." Er zündet sich eine Zigarette an.
Ich stehe auf und öffne das Kippfenster etwas weiter.
"Genau der gleiche Körper."
"Wovor hast du eigentlich Angst?"
"Vor dem Sommer."
"Was?"
"Der Sommer ist einsam und lang und hell." Die Steppdecke ist ein Stück heruntergerutscht, seine Brust ist unbedeckt. Eine weiße, junge Brust, mit einem ängstlich klopfenden Herzen. Er stößt Rauch aus. Nicht in Richtung Fenster, sondern mir ins Gesicht. "Wenn man einen Zwillingsbruder hat, kennt man so was nicht. Dann ist man immer zu zweit."

Er rennt natürlich doppelt so schnell wie ich. Er rennt sogar viel zu schnell, die Schafe laufen kopflos hin und her. Ich sage ihm, daß er vorsichtig sein soll, daß er es mit trächtigen Tieren zu tun hat. Als ich nach dem Melken wieder in den Schafstall gehe, sind schon zwei Lämmer da. Der Stall ist durch eine Hürde geteilt, auf der einen Seite ist die Ablammbox, auf der anderen die Gewöhnungsbox. Ich hebe die beiden Lämmer hoch, und eins der Schafe fängt an zu stampfen. Das ist die Mutter. Ich bringe das Mutterschaf und die Lämmer in die Gewöhnungsbox. Henk steht in der Tür und schaut zu. Sein Gesicht ist gerötet. Er schwitzt. Um seine Schultern herum bildet sich etwas Dampf.
"Komm", sage ich.
Wir gehen über das schaflose, aber nicht leere Land zur Bosman-Mühle. An einem Grabenrand stehen zwei Graugänse. Außerdem sehe ich zwei Kiebitze, eine Schar Ringeltauben, ein Bachstelzenpaar und eine einsame Uferschnepfe. Als ich mir fast schon sicher bin, daß die Rotschenkel noch nicht da sind, fliegen zwei vorbei. Gleich wird die Sonne untergehen. Die Mühlenflügel drehen sich sehr langsam. Ich klappe den Steert ein und stelle dadurch die Mühle ab. Dann wische ich mir die Hände an den Hosenbeinen meines Overalls ab. Das Wasser kann kommen.
"Hier sind wir oft gewesen", sage ich. "Im Sommer."
"Du und Henk."
"Ja."
"Jetzt wieder", sagt er. "Aber es ist noch nicht Sommer."
"Nein", antworte ich. "Es ist noch nicht Sommer."
Die Gänse fliegen auf, die eine etwas höher als die andere, wie immer bei Gänsen. "Deine Mutter war auch hier, kurz nach Henks Tod. Mit meiner Mutter."
Das interessiert ihn nicht. "Was habt ihr hier gemacht?"
"Rumgehangen."
Rumgehangen. Gestanden, gesessen, gelegen. Zu den Gelben Teichrosen im Kanal hingestarrt, zu den Wolken, die langsam - immer so unglaublich langsam - vorüberzogen. Auf das anschwellende Wasser im Kanal geschaut. Wenn wir die Augen zumachten und auf das gut geölte Quietschen der Mühlenachse horchten, auf den Wind im Gestänge, den Gesang von Lerchen, stand die Zeit still. Alles mögliche huschte hinter unseren Augenlidern hin und her, und es war nie dunkel. Orangefarben. Wenn Sommer war und wir hier in einem anderen Land waren - fast wie Amerika -, gab es sonst nichts. Es gab uns; und stärker als der Geruch von trockenen Ackerdisteln, Schafkot und warmem Wasser war unser eigener Geruch. Ein süßer, manchmal kalkiger Geruch von nackten Knien, nackten Bäuchen. Das Gras kitzelte uns am Hintern. Wenn einer den anderen berührte, berührte er sich selbst. Wenn man den Herzschlag eines anderen spürt und glaubt, es wäre das eigene Herz, kann man sich näher nicht mehr kommen. Es ist ein Verschmelzen, fast wie bei dem Schaf und mir kurz vor dem Ertrinken.

"Helmer?"
"Ja?"
"Wie ist das, wenn man einen Zwillingsbruder hat?"
"Das ist das Schönste, was es gibt, Henk."
"Fühlst du dich jetzt halb?"
Ich will etwas sagen, aber ich kann nicht. Ich muß mich sogar an einer der Stangen festhalten, um nicht umzufallen. Mich hat man immer vergessen, ich war der Bruder, Vater und Mutter waren wichtiger, Riet konnte - so kurz ihre Zeit mit Henk auch gewesen war - ihre Witwenschaft für sich reklamieren; und jetzt steht mir hier Riets Sohn gegenüber und fragt mich, ob ich mich halb fühle. Henk packt mich bei den Schultern, ich schüttle seine Hände ab.
"Weswegen weinst du?" fragt er.
"Wegen allem", sage ich.
Er schaut mich an.
Ich lasse ihn schauen.

Wir essen nicht richtig zu Abend. Henk hat eine Flasche Wein aufgemacht, Brot und Käse stehen auf dem Tisch, Butter und eine Packung Joghurt, dazwischen liegt eine aufgerissene Tüte Chips. "Sie tut gerade so, als ob du die Krähe auf mich gehetzt hättest", sagt Henk. Er hat den Brief vor sich, den seine Mutter mir geschrieben hat. "Und hier, 'so etwas wie Verbundenheit' und 'Es gab etwas, worauf wir aufbauen konnten'. Da siehst du, daß sie dich heiraten wollte. Dann wärst du mein Vater gewesen."
"Natürlich nicht", sage ich. "Wenn ich dein Vater wäre, wärst du nicht der, der du jetzt bist."
"Hm?"
"Du verstehst schon, was ich meine."
"Nein, versteh ich nicht. Soll ich ein paar Eier braten?"
"Nein, danke. Warum liest du den Brief? Es gehört sich nicht, anderer Leute Post zu lesen." Ich bin leicht angetrunken und schaue immer wieder zum Seitenfenster hinaus. Hoffentlich kann Ada durchs Fernglas ganz genau sehen, was hier los ist. Alkohol, schlechtes Essen, nervöse Unruhe.
"Ich hätte dein Onkel sein können", sage ich. "Nein, das auch nicht, wenn Henk dein Vater gewesen wäre, wärst du ja auch nicht der, der du jetzt bist."
Er sieht mich dösig an. "Onkel", sagt er langsam.
Ich überlege, wo die Pinzette liegt. Im Verbandkasten, im Wäscheschrank, unter einem der Handtuchstapel. "Henk", sage ich. "Hol mal den Verbandkasten aus dem Schrank. Und mach das Licht an." Er steht auf und tut, worum ich ihn bitte. Bleib jetzt dran, Ada, denke ich, als ich die Pinzette aus dem Verbandkasten krame. Ich rücke meinen Stuhl vom Tisch weg und winke Henk zu mir.
"Was hast du vor?" fragt er.
"Die Fäden ziehen."
"Echt? Muß das nicht im Krankenhaus gemacht werden?"
"Ach was. Knie dich mal hin."
Er kniet sich vor mir hin, und ich drücke mit einer Hand seinen Schädel an meine Brust.
"Aber vorsichtig", sagt er.
"Natürlich", versichere ich. Es sind vier Fäden. Zwei kann ich ohne nennenswerten Widerstand ziehen. Der dritte sitzt etwas fester.
"Au", sagt Henk.
"Ist schon passiert." Der vierte Faden löst sich wieder leicht.
Bevor er aufsteht, befühlt er mit einem Finger die Wunde; sie ist fast schon vernarbt.

Halb im Tran stehe ich bei den Schafen. Es tut sich nicht viel. Die beiden Lämmer trinken bei ihrer Mutter, die übrigen Schafe liegen friedlich wiederkäuend auf der Streu. Es gibt hier nichts weiter zu tun; ich kann alles, was passieren kann oder wird - was auch immer das sein mag -, noch ein bißchen aufschieben, indem ich mich in der Gewöhnungsbox auf den Boden setze und mit dem Rücken an die Hürde lehne. Sitzen ist bequemer als Stehen. Ein Stall voller Schafe im Frühling ist so etwas wie ein Stall voller Kühe im Winter. So darf ich nicht mehr denken, ermahne ich mich. So will ich nicht mehr denken. Henk hat mich aus dem Graben geholt, es hat sich etwas verändert. Die Ver-Hält-Nisse, denke ich mit meinem besoffenen Kopf. Ich überlege, ob es irgendeine Art Ausgleich geben muß, wenn einem jemand das Leben gerettet hat. Eins der Lämmer kommt auf mich zu, die Mutter stampft mit dem Vorderbein. Im Stall sind Schafe nicht so jämmerlich wie auf der Weide. Als ich wieder gehe, lasse ich das Licht brennen.

In der Waschküche ziehe ich mich aus und werfe meine Sachen in den Waschkorb. Fernsehgeräusche kommen aus dem Wohnzimmer. Ich gehe ins Bad und drehe die Hähne auf. Zuerst wasche ich mir die Haare, mit Henks Shampoo. Als ich die Flasche auf die Ablage unterm Spiegel zurückstelle, geht die Tür auf. Er kommt herein und macht die Tür hinter sich zu.
"Was machst du?" frage ich und wische mir den Schaum aus den Augen.
"Ich will unter die Dusche", sagt er.
"Du siehst doch wohl, daß ich hier stehe?"
"Ja", sagt er. Er zieht sein T-Shirt aus. "Benutzt du mein Shampoo?"
"Ja."
"Macht nichts."
"Geh raus, Henk", sage ich.
"Wieso?"
"Weil ich es sage."
"Ha!" macht er.
"Wer hat hier das Sagen?"
Er steht mir gegenüber, sein T-Shirt locker in der rechten Hand. Er schaut mich verdutzt an. "Was ist denn jetzt los?"
"Wer hat hier das Sagen?" wiederhole ich. Mein ein- geschäumter Schädel fängt an zu jucken, es rauscht in meinem Kopf. Jetzt bin ich mein Vater. Ich empfinde keine Scham, ich habe nicht den Drang, meine Nacktheit zu verbergen. Henk starrt mich immer noch an, ich kann ihn nachdenken sehen, nach einer Antwort suchen. Aber er hat keinen Mitstreiter, hinter mir steht niemand.
"Du hast das Sagen", sagt er dann. Bevor er aus dem Badezimmer verschwindet, zieht er in Ruhe sein T-Shirt wieder an.

Als ich aus dem Bad komme, brennt überall Licht. In der Küche plappert das Radio, im Wohnzimmer dröhnt Musik aus dem Fernseher. Von Henk keine Spur. Ich mache eine Runde durchs Haus und schalte alle Lampen, das Radio und den Fernseher aus. Zum Schluß drehe ich den Ofen auf die niedrigste Stufe und gehe ins Schlafzimmer. Ich mache Licht und stelle mich vor die Dänemarkkarte. "Skanderborg", sage ich leise. Meistens folgen auf den ersten Namen noch drei oder vier, aber heute nicht. Ich lege mich in das riesige Bett und schließe die Augen. Kurz danach höre ich am Geräusch eines Dynamos, daß ein Radfahrer vorbeikommt. Dann wird es sehr still.

Ich wache auf, weil jemand in mein Bett kriecht, dann hin und her rutscht und seufzt. Der Bezug des zweiten Kissens knistert. Er hat kein Licht gemacht. Ich warte ab.
"Ich will nicht mehr in dem kleinen Zimmer schlafen", sagt er. "Es ist kalt und deprimierend da drin."
Ich weiß. Es ist kalt und deprimierend da drin. Und leer.
Er liegt ganz still, ich höre ihn nicht einmal atmen.
"Dein Vater hat nichts gegessen", sagt er nach einer Weile.
Ich räuspere mich. "Er will nichts mehr essen."
"Will er sterben?"
"Ja."
"Ich nicht", sagt er und seufzt zufrieden. Dann dreht er sich auf die Seite. Es ist zu dunkel, um zu sehen, auf welche.
Ich habe schon etwas gesagt. Ich habe ihm geantwortet. Jetzt ist es zu spät, um ihn wegzuschicken. Vielleicht ist dies ja eine Gegenleistung fürs Lebenretten.

Teil 2