Vorgeblättert

Leseprobe zu Francis Wyndham: Der andere Garten. Teil 2

02.08.2010.
"Ach", sagte Kay, "würdest du mir vielleicht einen riesigen Gefallen tun und mir mit diesem Ding helfen? Ich hatte befürchtet, dass es ein für alle Mal im Eimer ist, aber dann hat mir mein schrecklich netter Freund Reg aus der Autowerkstatt das Leben gerettet und es umsonst repariert. Nur hatte ich ganz vergessen, dass es so verdammt schwer ist, und ich weiß nicht, ob ich es allein den ganzen Weg zurückschleppen kann."
Natürlich sagte ich, dass ich ihr mit dem größten Vergnügen das Grammophon trüge, und wir machten uns zusammen auf den Weg. "Wir tragen es abwechselnd", sagte sie. "Darauf bestehe ich, unbedingt, denn es ist ein ziemlich langer Weg, also versprich mir, dass du schreist, sobald du nicht mehr kannst ? Hör mal, stört es dich sehr, wenn ich kurz in den Zeitschriftenladen flitze? Ich muss was ziemlich Wichtiges abholen." Mit der neuesten Ausgabe einer Filmzeitschrift tauchte sie wieder auf. "Entschuldige, ich weiß, ich bin furchtbar lästig, aber hältst du es noch ein paar Sekunden aus, während ich nachschaue, ob sie meinen Leserbrief abgedruckt haben?"
Eilig und konzentriert blätterte Kay die Zeitschrift durch, fand aber nicht, was sie suchte. "Ehrlich gesagt bin ich allmählich ein bisschen sauer auf diesen George vom Picturegoer", sagte sie, während wir unseren Weg fortsetzten. "Ich frag mich, ob der nicht in Wirklichkeit ein Schwindler ist. Er prahlt nämlich damit, dass er jede Leserfrage beantworten kann - im angemessenen Rahmen natürlich. Er garantiert, die Frage mitsamt der Antwort innerhalb eines Monats zu veröffentlichen. Das heißt, wenn man das Ganze nicht vertraulich behandelt haben will; in diesem Fall muss man einen frankierten Briefumschlag beilegen? Es ist jetzt bestimmt über sechs Wochen her, seit ich ihm eine völlig normale Frage gestellt habe - und die Antwort ist Totenstille! Offenbar habe ich ihn in größte Verlegenheit gebracht. Es ist zum Heulen!"
"Was haben Sie denn gefragt?"
"Ich wollte Tyrone Powers Geburtsdatum wissen. Ganz einfach."
"Warum wollen Sie wissen, wie alt er ist?"
"Darum geht?s mir gar nicht - ich brauche nur sein Sternzeichen, damit ich sein Horoskop erstellen kann. Ich habe ihn in Rose of Washington Square gesehen und fand ihn so attraktiv wie noch nie einen Mann, deshalb. Es ist aber auch ein guter Film. Wenn er mal irgendwo in deiner Nähe läuft, geh um Gottes willen hin, lass es dir gesagt sein. Ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen. Es sollte mich sehr wundern, wenn du enttäuscht wärst."
Wir waren mittlerweile am Dorfende angekommen, und statt der Landstraße zu folgen, die uns am Gutshaustor vorbei Richtung Marlborough weitergeführt hätte, bogen wir nach links in eine Nebenstraße ab und überquerten den Fluss auf einer Brücke. Gerade als das Gelände anstieg, am Fuß von Larch Hill, führte mich Kay nach rechts über einen Zauntritt auf ein Feld. Der Weg nach Watermead führte durch weitere, immer sumpfigere Felder und Wiesen. Manche Gatter konnte man öffnen, bei anderen musste man drübersteigen, unten durchkriechen oder hindurchschlüpfen. Das Haus lag hinter großen Büschen versteckt; vom Weg ging es durch eine fast unsichtbare Öffnung zu einem leicht ansteigenden Crocketrasen. Das niedrige, einstöckige Gebäude, unter dessen Rückseite ein kleiner Nebenfluss dem großen zustrebte, sah aus, als neigte es sich fürsorglich übers Wasser. Das Leben in Watermead, so sollte ich später erfahren, war unablässig von den verschiedensten Fließgeräuschen begleitet - Tröpfeln, Brausen, Sprudeln, Schwappen -, die einen an den endlosen Wechsel von Belebung und Zerstörung gemahnten.
"Du musst unbedingt mit reinkommen und dich ausruhen", sagte Kay. "Das Mindeste, was ich dir für deine Freundlichkeit anbieten kann, ist eine Tasse Tee. Keine Angst, wir sind in Sicherheit, die Luft ist rein. Mummy ist bei ihrem Freund in Newmarket -Gott sei Dank, möge sie lange dort bleiben, obwohl ich das wahrscheinlich nicht sagen sollte -, und Daddy kommt erst in ein paar Stunden, wir brauchen also nicht höflich Konversation zu machen."
Ich sagte, dass ich gar keinen Tee wolle, aber sehr gern etwas auf ihrem Grammophon hören würde.
"Wirklich? Ich hatte mal eine ziemlich gute Plattensammlung, aber die meisten sind zerbrochen oder im ganzen Land verstreut - ich bin in den letzten Jahren viel umgezogen, weißt du. Aber an einigen kostbaren Lieblingsstücken hänge ich immer noch. Sie liegen oben in meinem Schlafzimmer. Mach es dir bequem, ich gehe rasch nach oben und hole sie."
Sie führte mich in ein langes, halbdunkles Wohnzimmer, das möbliert war mit Knole-Sofas, chintzbezogenen Sesseln und wackligen, irgendwie orientalisch durchbrochenen, runden Beistelltischchen. An den Wänden hingen zwischen kleinen Flügelfenstern mit längsgeteilten Scheiben mehrere Glaskästen mit präparierten Forellen, eine jede mit Gewicht und Sterbedatum beschriftet. Der unebene Fußboden senkte sich merklich am äußeren Ende. Auf dem Kaminsims standen zwei gerahmte Fotos, eines von Sybil Demarest en profil perdu und das andere von Königin Marie von Rumänien, allerdings war das Gesicht der Porträtierten fast ganz mit ihrer Unterschrift zugekritzelt. Daneben bemerkte ich den Hochglanzkalender des Wettbüros Ladbroke mit schmeichelhaften Karikaturen von Berühmtheiten des Rennsports auf jedem Monatsblatt. Das Zimmer genügte einem anspruchslosen Standard unpersönlicher Behaglichkeit; weder wirkte es abschreckend auf den Besucher, noch nahm es ihn gefangen, und ich fühlte mich wie in einem leeren Bühnenbild, das die Empfangshalle eines typischen englischen Landgasthofs darstellt. Das unablässige Gemurmel des fließenden Wassers ringsum und in der Tiefe erschien mir trügerisch wie ein Theatertrick, während ich - Zuschauer und Schauspieler zugleich - darauf wartete, dass das Spiel begann.

Teil 3