Vorgeblättert

Leseprobe zu Eva Menasse: Quasikristalle. Teil 3

07.02.2013.
Der Inhalt der Aluminiumkugel sah aus wie hundertjährige Schokolade, grau, trocken und bröselig. Judith zerrieb das Zeug mit den Fingern, über die vorbereiteten Tabakhäufchen, die sie mit der dünnsten Häkelnadel ihrer Mutter aus zwei Zigaretten geholt hatte. Xane saß am Boden, den Rücken gegen die Wand, die Knie aufgestellt und die Arme lang dazwischen. Wir müssen die Claudia anrufen, oder nicht, fragte sie, und Judith nickte. Sie schnitt ein Dreieck aus Papier und rollte es zu einem dünnen Trichter.
     Was für ein Aufwand, sagte Xane, macht man das so oder hast du dir das ausgedacht?
     Normal mit Zigarettenpapier, sagte sie, die Häkelnadel zwischen den Zähnen, und füllte den Tabak vorsichtig zurück in die hohlen Zigaretten, aber die wissen hier alle, dass mein Vater nur 'Milde Sorte' raucht.
     Später saßen sie im dunklen Garten, zogen abwechselnd an der ersten umgebauten Zigarette und danach an der zweiten. Schon vor dem ersten Zug mutmaßte Xane, dass der Typ da oben sie gewiss betrogen hatte, na, schauen wir einmal, was er dir da verkauft hat, dröhnte sie.
     Dass es keine getrocknete griechische Mulischeiße war, erkannte man genau daran, dass Xane auf solche Formulierungen kam.
     Betrug, kicherte Xane, ich hab's dir gesagt, das wirkt überhaupt nicht.
     Und es schmeckt ekelhaft, sagte sie und hustete, sie lachte und schwadronierte, was Judith sich da habe andrehen lassen, Schokolade von der Großmutter dieses Typen, wahrscheinlich erst im Weinberg vergraben, Erdgärung, wie die Schweden mit den Fischen, wir rauchen Schokolade, hustete sie, wie es sich in unserem Alter gehört, Schokoladezigaretten oder Mulischeiße. Und so ging es weiter, bis sie irgendwann zu jammern begann, ihr sei schlecht, und sie habe Kopfweh.
     Judith lag auf dem Rücken im Gras und fühlte sich ganz leicht. Sie hatte keine Schmerzen mehr. Der Sternenhimmel über ihr war nicht gleichmäßig gewölbt, denn sie konnte ihn mit ihrem Blick zum Ausdehnen zwingen. Er wich zurück und wurde noch größer, sie verursachte Ausbuchtungen dort, wo sie länger hinschaute, Sterntaschen, Milchstraßenfalten, Finsternisbeulen. So viel Macht hatte sie, und nur sie allein wusste davon.
     Sie hörte Xane schnattern und war froh, dass sie da war. Antworten musste sie ihr nicht, denn egal, was sie sagte, Xane verstünde es doch nicht. Xane verstand eigentlich gar nichts, und wenn sie ehrlich war, verstand sie Xane auch nicht. Und trotzdem liebte sie sie. Sie liebte auch Claudia, das verschwitzte Schweinchen. Sie liebte sogar ihren Vater, jedenfalls den Teil von ihm, der ihre Mutter liebte, die anderen Teile brauchte sie nicht geschenkt. Den Gürtel hätte er stecken lassen können, das war echt übertrieben. Sie könnte ihren Hintern Xane jetzt sogar zeigen, denn am nächsten Morgen hätte sie es ohnehin vergessen. Aber dazu war sie zu faul. Sie lag im Gras, die Knie aufgestellt, und drängte mit den Augen die Sterne in den Hintergrund, und Xane schnatterte und schluchzte und kippte plötzlich um, es war noch immer so warm hier draußen, und alles war gut.

Am nächsten Morgen brachte Heinz die drei Mädchen in den Prater. Er gab Judith ungewöhnlich viel Geld und schaute ihr nicht in die Augen. Sie fuhren Autodrom und Taggada, sie ließen Salome schaukeln und Dosen werfen, weil sie sich nichts anderes traute, sie kauften ihr ein Langos und zweimal Eis.
     Am frühen Abend riefen sie bei Claudia an, doch sie erreichten niemanden.
     In dieser Nacht badete die Mama noch einmal, unter herrlichem, grauenhaftem Gesang. Alles Geschirr blieb diesmal heil, nur Salome tauchte wieder bei ihnen auf. Als Xane, die das Licht angeknipst hatte, Judiths Gesichtsausdruck sah, hob sie zögernd ihre Decke. Ich hab wirklich nur Wasser ausgeschüttet, das letzte Mal, beteuerte Salome, rückte dankbar an die Wand und schlief sofort ein.
     Am Tag darauf saßen sie hinten im Gebüsch und warfen den Spaziergängern draußen Kiesel vor die Füße, als Salome, verschmiert von ihren Wasserfarben, angekrochen kam. Verschwinde, zischte Judith, doch Salome wandte sich an Xane und sagte: Deine Mutter sitzt vorn beim Papa und weint. Xane sprang auf, und sie konnte sie gerade noch am Bein festhalten und ihr ein Lutschbonbon hinstrecken.
     Sie fanden die Erwachsenen am Gartentisch. Die beiden sahen aus wie primitiv bewegte Roboter, Xanes Mutter bebte, rotnasig, von Taschentüchern umgeben, die sie abwechselnd knetete, Heinz saß steif, die Hände auf den Knien, nur den Kopf schüttelte er, hin und her, hin und her. Und die Mädchen hatten den Geschmack von Ricola Schweizer Hustenzuckerln auf der Zunge, das würde Judith noch viele Jahre später wissen.
     Als Frau Molin Xane sah, sprang sie auf, kam ihr entgegen und umarmte sie. Heinz ging zögernd auf seine Töchter zu, bis er mit der Hand Judiths Schulter erreichte und sich dort irgendwie festhielt. Salome griff nach Judiths Hand. Ihr Haus, die Villa, die unverbesserliche Ruine, stand da, prächtig, bröckelnd, die Sonne schien, und es war immer noch Sommer.
     Die Mama lag im gelben Salon zu Bett und summte vermutlich La Traviata.
     Judith hatte ihr Zuckerl in die Backe geschoben, wo es klebrig schmolz. Sie sah, dass Xanes Mutter zitterte. Später saßen sie in der Küche, und sogar die Mama schlüpfte irgendwann herein wie ein erschrockenes Gespenst, alarmiert vom richtigen Leben. Xanes Mutter schien den schäbigen Bademantel gar nicht zu bemerken. Und dann haben sie die Geschichte erfahren, mehrmals hintereinander, in kaum variierten Schleifen, eine sehr kurze, rätselhafte Geschichte, sie handelte von Claudia, die in der Nacht Kopfschmerzen bekam, schreckliche, unerträgliche Kopfschmerzen, und Lizzie hat nichts Besseres gewusst, als in die Nachtapotheke zu rennen, denn was soll das schon sein, Kopfschmerzen, wenn sie Fieber gehabt hätte oder Krämpfe, aber es waren ja nur Kopfschmerzen. Lizzie hat warten müssen, nicht lange, nur ein anderer vor ihr mit seinem Rezept, sie kaufte eine große Packung Aspirin, und als sie nach Hause kam, waren keine zehn Minuten vergangen, aber Claudia hat da schon nicht mehr gelebt.

Xane wurde entführt, zurück in die Stadt, und Judith blieb allein. Wie zur Bestätigung kippte der übertriebene Sommer ein paar Tage später in einen zu frühen Herbst. Salome und Judith halfen ihrem Vater beim Rasenmähen, frästen ungeschickt einen Hauch von sinnloser, verspäteter Ordnung in den Urwald.
     Heinz war mit der Sauna fertig geworden, und die Mama klatschte vor Begeisterung in die Hände. Sie malte sich aus, wie sie sich im Winter dort aufheizen würde, so sehr, dass sie sich nachher nackt im Schnee wälzen könnte. Von dieser exaltierten Ankündigung abgesehen, änderte sich nicht viel. Sie blieb tagsüber in ihrem Zimmer, sie ging manchmal nachts spazieren, und Judith lernte, die Waschmaschine zu bedienen. Einmal fuhren Salome und sie mit dem Bus in die Stadt, um die Sachen für den Schulanfang zu besorgen.
     Am Telefon erzählte Xane, dass sie und ihre Mutter viel Zeit unten bei Lizzie Denneberg verbrachten. Dass die Großeltern aus Tirol gekommen seien und im Wohnzimmer Rosenkränze beteten.

Damit möglichst viele Schüler teilnehmen konnten, wurde Claudia erst am Nachmittag des ersten Schultags begraben.
     Heinz weckte Judith im Morgengrauen und sagte ihr, dass er die Mama ins Spital bringen müsse. Irgendetwas musste in der Nacht passiert sein, aber diesmal hatte sie nichts gehört. Sie trat ans Fenster und sah ihnen nach. Heinz führte Mama am Arm durch den Garten zum Auto, sie ging langsam, als wäre sie alt, der Hund lief neben ihr her und sprang immer wieder an ihr hoch, aber sie reagierte nicht.
     In der Küche stand eine halbe Tasse Kaffee, Judith trank sie aus. Der Geschmack war fremd und fürchterlich. Aus dem Kasten ihrer Mutter holte sie ein schwarzes Kleid mit Spitzeneinsätzen und schwingendem Rock. Sie nahm ein lila Seidentuch und band es sich wie einen Turban um den Kopf, die Haare fast ganz darunter verborgen. Nur oben ließ sie ein Büschel herausschauen, wie eine Flamme. Salome lachte. Du schaust aus wie eine Opernsängerin, sagte sie.
     Bevor sie gingen, holte Judith sich Papas alten Trenchcoat, auf den hatte sie es schon lange abgesehen. Sie verzierte ihn mit zwei Stickern - No future und Atomkraft, nein danke -, dann war sie bereit für den Tag.
     Hoffentlich sind wir früher zurück als die Eltern, sagte Salome zweifelnd, und Judith sagte: Aber sicher, Baby.

Judith suchte eine Weile, bis sie das richtige Klassenzimmer fand. Vor der Tür stand Xane und sah aus, als traute sie sich nicht hinein. Sie roch geföhnt und nach Vanilleshampoo, das Vertretbarste waren ihre schmutzigen Tennisschuhe. Ein Mädchen mit kurzen pinken Haaren und einem Nasenring kam auf sie zu; so etwas war in ihrer alten Schule einfach undenkbar.
     Hast du Feuer, fragte das Mädchen Judith. Durch Xane sah sie hindurch.
     Zu spät, Pinkie, sagte Judith und deutete nach hinten, wo eine Lehrerin den Gang entlangkam. Sie blinzelte dem Mädchen zu wie einer alten Bekannten und ging mit ihr zusammen hinein.
     Sie waren nur zu zwölft, und alle verstreuten sich wie im Kaffeehaus, mit möglichst viel Abstand zueinander. Das pinke Mädchen setzte sich an Judiths Seite, so bildeten sie mit Xane schon fast eine Gruppe. Die Lehrerin schwang sich vorne auf ihren Tisch, schlug die Beine übereinander und stach mit dem Finger durch die Luft in Richtung eines verschlafenen Burschen, der aussah wie zwanzig: Smutny, in die letzte Reihe, wie immer, und wenn du nur ein einziges Wort sagst, fliegst du raus und bleibst bis Weihnachten draußen.
     Smutny stand langsam auf, wie ein zugedröhnter Bär, und ging nach hinten. Seine Tasche schleifte er am Träger nach. Er tat Judith beinahe leid, er wirkte nicht gefährlich, eher behindert. Die Lehrerin sah aus wie eine Kassierin im Supermarkt, scharfe Nase, blondiert, Krähenfüße. Sie kramte in ihrer Tasche, sah auf einen Zettel, sah Judith und Xane an und fragte: Molin, Baer? Wer ist wer? Sagt man Mólin oder Molín?
     Molín, sagte Xane ein bisschen zu schrill, das bin ich.
     Und du heißt wirklich Roxane? Na, dein Problem.
     Einige lachten. Judith verzog verächtlich den Mund, das konnte man so oder so deuten.
     Mit den anderen macht ihr euch sicher selbst bekannt. Mein Name ist Frenkel, und ich habe das Unglück, der Klassenvorstand dieses traurigen Haufens zu sein.
     In diesem Stil ging es weiter. Judith amüsierte sich. Hier ließ es sich gut aushalten. Hier würde sich Xane ein wenig umstellen müssen, fern von der mächtigen Fausch, deren ruppig behandelter Liebling sie gewesen war. Diese Frenkel sah nicht so aus, als ob Lateingenies ihr Eindruck machten.
     Nach einer knappen Stunde war die Sache vorbei. Sie bekamen einen Stundenplan und waren entlassen. Draußen am Gang öffnete die Frenkel ein Fenster, zog eine Zigarette heraus und schnippte mit dem Finger nach der Pinken. Die zuckte mit den Schultern und zeigte auf Judith. Judith gab der Lehrerin Feuer. Sie hätte zu gern selbst eine geraucht.
     Ein Jahr noch, ungefähr, fragte Frau Frenkel kumpelhaft, ich geh gleich, und dann seh ich nichts mehr. Als Judith sich grinsend zu Xane umdrehte, schwang ihr tollkühnes Kleid unter dem Mantel. Doch Xane war schon weit weg, auf der Flucht in Richtung Treppenhaus.

Judith verbrachte den Vormittag mit der Nasenring-Person, die Doris hieß, aber Dodo genannt werden wollte. Sie war die Stieftochter eines bekannten Theaterregisseurs und hielt sich für bisexuell. Die Haarfarbe und das Piercing gehörten zu der verzweifelten, aber wirksamen Verkleidung, die die meisten unerwünschten Personen (Erwachsene, uncoole Kinder) auf Abstand hielt; in Wahrheit war sie ein unsicheres Hühnchen, das vorsichtshalber jedem erst einmal ins Gesicht sprang. Judith hatte das nach drei Minuten durchschaut; nach vier Minuten fraß Dodo ihr aus der Hand. Als sie hörte, dass Judith in den Prater musste, wollte sie mit. Dodo hatte Geld; sie hatte massenhaft Zigaretten, und sie fuhr furchtbar gern Autodrom. Beinahe hätten sie die Zeit übersehen. Dodo folgte Judith bis zur Straßenbahn, und Judith sah keinen vernünftigen Grund, sie nicht zum Friedhof mitzunehmen, als sie darum bat. Nun würde sie ihre Sticker nicht abnehmen können, aber das war egal, die Fausch ging das sowieso nichts mehr an.
     Auf der langen Fahrt unterhielten sie sich über dies und das. Dodo behauptete, sie könne über ihren Stiefbruder exquisiten Shit besorgen. Mach dir keine Mühe, sagte Judith, obwohl das eine großartige Nachricht war.
     Über Claudia, zur Erklärung, sagte Judith düster: Sie war meine beste Freundin. Dodo fragte erleichtert, nicht der dünne Mod, wie heißt sie, Molin?
     Ach, die kleine Spießerin, seufzte Judith und sah aus dem Fenster, und Dodo kicherte und sagte: Ja, so was sieht man immer gleich.

An Claudias Grab stand der Schulchor der Unterstufe, lauter Kinder zwischen elf und vierzehn, teils verstört, teils umso lachlustiger, manchmal beides zugleich. Nicht alle waren angemessen gekleidet, das war das Problem, wenn so etwas mitten in den Ferien geschah. Die Nachricht erreichte nie alle.
     Xane hatte sich zum Chor gestellt, oder sich hinter dem Chor versteckt, Judith sah nur einen Zipfel ihres Parkas. Xanes Eltern standen vorne, bei Lizzie. Judith blieb hinten.
     Der Chor sang Tauet Himmel, den Gerechten, was nicht passte, aber das einzige Kirchenlied im Repertoire war.
     Die Musik, egal welche, war bei einem Begräbnis die Hauptsache. Das Gerede machte nichts besser, aber das schöne Lied war der Moment, noch einmal fest an Claudia zu denken.
     Dass sie da vorne in der Holzkiste liegen sollte, die ganze Claudia mit ihrem Schweinsnäschen und den blonden Haaren, die sie ihr bestimmt noch einmal gewaschen hatten, konnte einem Platzangst machen. Es war unvorstellbar. Sie konnten sie nicht im Ernst da hineingelegt haben; Claudia hat nämlich Angst vor der Dunkelheit. Sie hat deshalb eine Nachtlampe, mit Maikäfern, total kindisch. Zu den Skikursen und Landschulwochen bringt sie einen Smiley mit, den man direkt in die Steckdose steckt. Notlicht, kaum Stromverbrauch. Wenn man es aussteckt oder zum Spaß mit der Hand abdeckt, weint sie, ganz leise und hoffnungslos, so wie sie eben weint. Sie mag Blumen und Tiere. Sie hat im März Geburtstag, sie ist Fisch, Aszendent Steinbock. Ihre Lieblingsfarbe ist, Judith schloss die Augen und dachte nach, ihre Lieblingsfarbe war bis vor einem Jahr Grün, aber seither, sie hörte Claudias Stimme mit dem affigen Satz: Seither mag ich alle Kombinationen von Weiß und Orange am liebsten.
     Ich möchte Biologie studieren. Ich würde später gerne in einem Nationalpark arbeiten, nicht im Zoo, Zoos sind schrecklich für die Tiere. Schau, Judith, ich hab den Engel aus Goldpapier fertig, aber ich krieg ihn einfach nicht auf die Laterne drauf. Ich vermisse euch und die Stadt und das richtige Leben, hier ist es schon schön, aber auch ein bisschen fad. Mein Opa bringt mir das Ziegenmelken bei. Gestern war ich mit der Oma in den Schwammerln. Ich wünsch mir zu Weihnachten eine Getreidemühle. Xane, was heißt 'pernicies'? Judith, hast du noch türkise Wolle? Könnt ihr runterkommen und mir die Mathehausübung erklären?

Denn erfüllet ist die Zeit, machet euer Herz bereit.

Nach dem Lied löste sich die Ordnung auf, und alles ging durcheinander. Dann formierten sich die Menschen zum Dreieck, dessen Spitze zur Trauerwarteschlange ausdünnte. Langsam vorrücken, irgendetwas draufwerfen auf Claudia, Blumen oder Erde. Das Geräusch der Erde auf dem Sarg musste von innen entsetzlich klingen.
     Xane wartete mit einem Strauß heller Rosen hinter den Chorkindern. Judith scherte aus, machte einen großen Bogen um die Trauergesellschaft und drängte sich neben sie. Sie zupfte sie am Ärmel und streckte ihr eins der beiden braunen Papiersackerln hin, die sie im Prater besorgt hatte.
     Es raschelte. Xane sah sie verständnislos an. Da riss Judith das Papier einfach auf, und zum Vorschein kamen die beiden dicken Bälle Zuckerwatte, rosa Zuckerwatte, die gar keine Ähnlichkeit mit Judiths Haarfarbe hatte, sondern eigentlich den Ton von Dodos Igelfrisur. Judith streckte Xane einen der Holzstiele entgegen, doch Xane hatte die Hände voll mit ihren Rosen. Judith verstand, nickte, schaute sich um, da war Dodo hinter ihr und nahm Xane die Blumen ab.
     Dann stehen sie noch einmal nebeneinander, Judith und Xane, die schrille Dodo hält sich im Hintergrund. Sie zupfen beide an ihrer Zuckerwatte herum, durch den Transport sind die flauschigen Spindeln ein bisschen flachgedrückt worden. Xane und Judith streicheln ihre Zuckerwatte, sie frisieren sie zurecht und rücken gemeinsam vor, bis sie am offenen Grab stehen. Da unten ist Claudia. Oben sind Xane und sie, zum letzten Mal zu dritt. Judith in Papas Mantel, dazu der lila Turban und die Sticker, no future, nein, für Claudia nicht mehr.
     Judith zählt leise vor, und auf drei werfen sie die rosa Bälle hinunter. Das macht kein Geräusch, nur ein leises Knirschen der Zuckerfäden, Claudia wird es nicht hören, sie wird davon nicht erschrecken, und selbst, wenn die Farbe nicht stimmt, schirmt sie der Zucker ein wenig ab von der hinterherfliegenden Erde. Sie bleiben noch einen Moment, dann treten sie zur Seite.
     Am Ausgang stehen Xanes Eltern mit der Fausch zusammen. Xanes Mutter hat rote Augen. Der Gesichtsausdruck der Fausch, als sie Judith die Hand gibt. Xane ist wieder hinter ihr.
     Hat es dir dort gefallen, Xane, im Leopoldeum, fragt die Fausch. Sie fragt im Singular. Und zum ersten Mal nennt sie eine Schülerin beim Vornamen, wahrscheinlich weil die Eltern danebenstehen. Da kann man schlecht 'Molin' schnauzen, wie sonst. Eigentlich typisch, dass sie alle Vornamen gekannt hat, auch die gebräuchlichen Abkürzungen, sie hat immer alles gewusst und sich einen Spaß daraus gemacht, es zu verbergen.
     Xane antwortet nicht gleich, wahrscheinlich heult sie noch immer. Sie ist schwach, und deshalb wird alles so werden, wie es am besten für sie ist. Sie ist wieder ein kleines Kind mit Vanilleshampoo, kein Teenager mit überstürzten, aber umso heftiger vorgebrachten Entscheidungen, dem die Erwachsenen schon wegen seiner schieren Körpergröße willfahren. Dann schüttelt Xane heftig den Kopf, mit niedergeschlagenen Augen, und wehrt sich nicht, als ihre Mutter ihr den Arm um die Schultern legt.
     Judith nickt den Molins zu, hebt grüßend die Hand und geht. Hinter ihr schlurft Dodo, Judith wendet sich im Gehen halb zu ihr um und macht die Gebärde für Rauchen. Obwohl sie noch viel zu nahe sind.
     Errare humanum est, hört sie hinter sich die Fausch mit ihrer ironischen Schulstimme sagen, komm morgen wieder zu uns zurück, und wir vergessen das Ganze.
     Judith geht mit hocherhobenem Kopf in Richtung Straßenbahn. Sie raucht, Kleid und Mantel wogen um ihre Beine, und sie erregt Aufmerksamkeit, damit und mit der verrückten Nudel an ihrer Seite. Und das sind jetzt eben die neuen Verhältnisse, getrennte Wege, das Ende der Kindheit.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer und Witsch

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