Vorgeblättert

Leseprobe zu Eva Menasse: Quasikristalle. Teil 2

07.02.2013.
Tom hatte Xane ausgelacht, als er hörte, dass sie im Herbst mit Altgriechisch beginnen würde. Damit, hatte er gesagt, könne man ja nicht einmal in Griechenland Kellner werden. Xane erhob den blöden Spruch zum Gesetz. Sie benutzte ihn auch gegenüber Judiths Vater, hier natürlich als ihre eigene Schöpfung, und ihre hohen Wangenknochen färbten sich unter Judiths Blick. Sie verließ sich auf Judith, und Judith fragte sich, wieso.
     Heinz blieb gelassen, er hatte selbst Altgriechisch gehabt, und ein paar Jahrgänge vor ihm hatte man sogar Hebräisch gelernt. Dass man als Bäcker weder Platon noch Homer brauche, könne er bestätigen, sagte er mit ironischem Lächeln, andererseits habe nicht jedes Wissen einen direkten Nutzen. Man übe das Denken, so wie ein Sportler seine Kondition stärke. Als er Judiths Mutter begegnete, studierte er Bratsche und Komposition, doch davon hatten seine Töchter damals keinen Schimmer.
     Ich bin sicher, er erlaubt es, flüsterte Xane am Abend, als sie in den Betten lagen. Sie war von ihrem geheimen Plan, in letzter Minute gemeinsam die Schule zu wechseln, inzwischen genauso besessen wie von diesem Tom.
     Wahrscheinlich erlaubt er mir alles, was du darfst, antwortete Judith und war sich keineswegs sicher. Sie fühlte sich außerstande, an die Schule auch nur zu denken, sie konnte keine Entscheidung treffen, sie hatte weder Kraft noch Eile. Sie wollte es laufen lassen, selbst wenn das am Ende Altgriechisch hieß und sie schon in Latein keine Leuchte war. Sie wollte weiter mit Claudia und Xane in die Schule gehen und nachher mit beiden oder einer von beiden für die Hausübungen in die Bäckerei, Vokabeln lernen, Kakao und Kipferl, und es war ihr sowieso egal, was man sie, wo auch immer, zu lernen zwang. Sie wollte bestimmt nicht ohne Xane, nur mit Claudia und Altgriechisch zurückbleiben, aber Claudia alleinzulassen schien ihr auch nicht okay. Sie hasste diesen Tom, das war die einzige Gewissheit, die sie aber verbergen musste. Am liebsten wäre ihr ein endloser Sommer gewesen, mit Xane und den Zigaretten hinten im Garten und abends die Schallplatten, und vielleicht würde Xane irgendwann aufhören, Briefe zu schreiben, und noch später würde etwas passieren oder auch nicht, und eines Tages wäre trotzdem, wie von selbst, klar, wie es weitergehen sollte.
     Wirst du mit ihm schlafen, fragte sie, ohne zu flüstern, in die Dunkelheit.
     Judith! Spinnst du?!
     Wieso? Da denkst du sicher drüber nach.
     Nein, da denk ich nicht drüber nach! Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, und außerdem geht es mir nicht darum, aber das verstehst du sowieso nicht.
     Vielleicht geht es ihm ja darum, sagte Judith und grinste, ohne dabei gesehen zu werden.
     So ist er nicht, zischte Xane, was weißt denn du. Halt einfach den Mund.

Judith wurde mitten in der Nacht von Geräuschen geweckt, denen sie im Aufwachen ratlos nachlauschte. Als sie ihr Zimmer verließ, kam ihr im Dunkeln Salome entgegen. Mit nackten Füßen, Hand in Hand, folgten sie dem Lärm nach unten bis vor die angelehnte Küchentür. Durch den Spalt beobachteten sie ihre Mutter, die in der Wanne saß, mit den Händen aufs Wasser patschte, spritzte und lachte und sang, manchmal schrie sie etwas, doch die Kinder verstanden es nicht. Ihr Vater stand davor, mit ausgebreitetem Handtuch, ein tragischer Torero, und bettelte. Zwischendurch setzte er sich an den Tisch, das Handtuch über den Knien, stützte die Ellbogen auf und schüttelte den Kopf in den Händen. Einmal stand er schnell auf, ließ das Handtuch zu Boden gleiten, eilte mit großen Schritten zu ihr und packte sie am Oberarm. Salome drückte Judiths Hand fester. Aber die Mutter lachte nur, sie warf den Kopf in den Nacken und schüttelte ihn blitzschnell hin und her, dass die Haare flogen wie ein nasser Pelz, und sie lachte dabei tief und unheimlich, so ähnlich wie ihr Hund die Tauben anbellte. Allmählich wurde sie leiser, weniger aufgeregt, aber bevor sie zu weinen begann, zog Judith Salome von der Tür fort, und sie schlichen zurück in ihr Zimmer. Dort brannte inzwischen Licht. Xane saß quer im Bett, mit dem Rücken zur Wand, und schaute erschrocken. Was ist los, fragte sie, während in der Küche Glas splitterte, ist etwas passiert, und da musste Judith wieder lachen.
     Aber nein, sagte sie mit dem verbindlichsten Gesichtsausdruck, zu dem sie fähig war, während sie für ihre kleine Schwester die Bettdecke hob, die Mama badet halt manchmal mitten in der Nacht, das ist ganz normal, frag Salome. Und Salome nickte eifrig und wiederholte, sie badet, die Mama badet jetzt nur, und schlüpfte in Judiths Bett, schob sich an ihr vorbei, dicht an die Wand, rollte sich dort ein und schlief.

Am nächsten Tag stand Mama in der Küche, blass und duftend, und kochte Marmelade ein. Xane, sagte sie und lächelte mit zur Seite gelegtem Kopf, dass man sie umarmen hätte mögen, immer größer, immer hübscher - geht's dir gut? Habt ihr's schön, ihr zwei? Und Xane nickte und schien beruhigt und ging ihr natürlich gleich mit den Unmengen an Zwetschken und Marillen zur Hand, die Heinz wohl in aller Herrgottsfrühe vom Großmarkt geholt hatte. Die rituelle Frage, ob sie sich auf die Schule freue, nutzte Xane sofort dazu, ihre Altgriechisch-Zweifel auszubreiten, sie ging sogar so weit, zu gestehen, dass man sich noch bis kurz vor Schulbeginn in einer anderen Schule anmelden könne, dass sie das herausgefunden habe, aber Mama lächelte nur, wie benommen vom Fruchtgeruch, und murmelte abwehrend, sie wisse nicht, davon verstehe sie zu wenig, um ihr raten zu können, und Judith wäre gewiss sehr traurig, wenn Xane die Schule verließe. Und sie selbst übrigens auch.
     Judith schaute, dass sie davonkam.
     Später, als Salome und sie sich verkeilt am Boden wälzten, kamen die beiden angerannt wie ein Einsatzkommando. Mama hatte nicht einmal das Obstmesser weggelegt. Als Salome sie sah, schwoll ihr grässliches Kreischen ins Fortissimo an, sie boxte und trat, als gäbe es vor Publikum Extrapunkte. Es gelang ihr, sich loszureißen, und sie stürzte zu ihrer Mutter. Als sie die Arme um sie schlang, hob diese nur abwehrend die Ellenbogen und ließ sich festhalten. Ihre Hände waren wahrscheinlich klebrig vom Einkochen.
     Judith setzte sich auf.
     Sie hat in mein Bett gemacht, sagte sie und zeigte auf die zerwühlten Decken. Und jetzt will sie es nicht neu überziehen.
     Das stimmt nicht, heulte Salome, ich hab nur Wasser ausgeschüttet. Judith zog das Leintuch zu sich her, knüllte es zusammen und warf es in ihre Richtung: Beweis es mir, indem du daran schleckst.
     Ihre Mutter lehnte im Türrahmen und sagte nichts. Noch immer hielt sie, wie ein fluchtbereiter Vogel, die Arme von ihrer jüngeren Tochter weg und in die Höhe, in einer Hand das Messer.
     Xane hob das Leintuch auf. Wo gibt's ein neues, fragte sie, und Judith sah sie böse an und sagte: Der Wäschekasten ist im blauen Salon. Xane floh und hatte wohl Mühe, das Richtige zu finden, denn als sie endlich zurückkam, flocht Judith Salome einen Zopf, und Salome hielt ihre Schachtel mit den bunten Tüchern auf dem Schoß, von denen sie unbedingt eines Xane und eines ihrer Schwester schenken wollte. Durch das Haus zog Obstgeruch.

In diesen Tagen rief immer wieder Claudia an, doch im Hause Baer ging man selten zum Telefon. Der Vater war meistens zu weit weg und zu geräuschvoll beschäftigt, die großen Mädchen trieben sich, wenn sie nicht in den Weinbergen spazierengingen, weit hinten auf dem Grundstück herum, die Mutter wich dem Apparat aus wie jedem anderen Fremden, und so antwortete, wenn überhaupt, Salome, die oft in der Küche saß und malte. Wie alle Elfjährigen hatte Salome ein schlechtes Gedächtnis. Deshalb richtete sie Claudias Botschaft, dass sie zurück sei und Judith und Xane unbedingt treffen wolle, nicht nur zu spät aus, sondern auch ohne leidenschaftliches Drängen.
     Die Keuschli hat ihre Ziegen und Kühe im Stich gelassen, sagte Judith träge, während sie in der Hängematte schaukelte, und Xane stöhnte: Jetzt ist ihr natürlich fad.
     Sie konnten sie nicht gebrauchen, nicht gerade jetzt. Judith hatte schon mit dem körperlosen Tom, der ihr einen beträchtlichen Anteil an Xane stahl, genug zu kämpfen, und Xane brütete über der besten Strategie für den Schulwechsel. Da war Claudia ein unsicherer und gerne vernachlässigter Faktor. Aber wie die Erbse im Bett der Prinzessin schien es sie zu drücken, das wiederkehrende Läuten des Telefons, das sie hie und da hörten, wenn die Fenster der Villa offenstanden, Heinz nicht bohrte oder sägte und der Wind aus der richtigen Richtung kam.

Judith wollte unbedingt Shit kaufen; oben bei den Heurigen war sie einmal von einem Burschen angesprochen worden. Auf seiner Handfläche, die er ihr sekundenkurz zeigte, hatten Aluminiumkügelchen geglitzert, von denen sie sich einiges versprach. Xane vermied das Thema, so gut es ging; wenn Judith sie direkt darauf ansprach - kommst du jetzt mit oder nicht? Ich geh auch allein! -, behauptete sie, sie fände es schade ums Geld. Wahrscheinlich war sie von der Anti-Drogen-Propaganda ihrer Eltern paralysiert und stellte sich vor, dass sie durch die Welt taumeln würde wie eine Hypnotisierte und nicht im Geringsten mehr wüsste, was sie sagte oder tat. Zur Ablenkung maulte sie, dass sie das für kindisch halte, ein teures, wirkungsloses Spielzeug für solche, die allein auf die Verlockung von Verboten hereinfielen.
     Eines Morgens setzte Judith fest, dass sie an diesem Tag, unabänderlich, das Zeug kaufen und rauchen werde. Widerwillig kam Xane mit.
     Auf dem Weg nach oben, kurz vor den Heurigen und dem Prominentenrestaurant, wo sie den Burschen mit den Kügelchen damals gesehen hatte, stand eine Telefonzelle. Von dort, schlug Xane vor, könnte sie ihre Mutter anrufen, um ihr endlich ihren Entschluss zum Schulwechsel mitzuteilen. Vielleicht, wenn alles halbwegs glattging, konnte man sie dazu bringen, abends mit Judiths Eltern zu telefonieren.
     Okay, fragte Xane, ist das okay für dich?
     Sie zuckte die Schultern.
     Judith, drängte Xane, ich kann nicht behaupten, du willst auch unbedingt, und dann fragen sie dich, und du sagst, dir ist es egal …
     Mir ist es nicht egal, sagte sie, ich will nicht allein bei Claudia und der Fausch bleiben.
     Sie saßen im Gebüsch an der Grundstücksgrenze und rauchten. Einmal waren sie auf dem Panoramaweg von irgendwelchen Mumien gefragt worden, ob sie schon sechzehn seien. Während Xane die Augen niederschlug und vermutlich am liebsten die Zigarette ausgetreten hätte, fragte Judith zurück: Und Sie, waren Sie bei den Nazis? Aber seither rauchten sie erst im Garten fertig und gingen danach hinaus.
     Als sie bei der Telefonzelle ankamen, wollte Xane doch zuerst den Burschen suchen, da sie gar nicht wüssten, ob sie ihn überhaupt fänden. Oben, bei den Heurigen, war niemand. Judith lehnte sich an einen Zaun und zog die nächste Zigarette hervor.
     Was machen wir jetzt, fragte Xane, und sie sagte: Warten, was sonst?
     Nach einer Weile erschien ein kleiner Bub, höchstens acht, sie winkte ihn herbei. Als sie ihm sagte, was sie wollte, lief er weg. Nach einer Weile tauchte der Typ auf, Xane hielt sich abseits, als würde sie gar nicht dazugehören. Sie ging sogar ein paar Schritte weg, stand an der Straße und sah in die Landschaft. Sie ließ sie alles allein machen.
     Als es vorbei war, schlenderte Judith zu ihr hinüber: Gehen wir?
     Hat's nicht geklappt, fragte Xane, gerade so, als würde sie sich freuen, und Judith hob die Augenbrauen und sagte: Doch, wieso?
     Nun fühlte sie sich hoffentlich wie ein Vollidiot.
     Sie näherten sich der Telefonzelle.
     Sie fragte, hast du überhaupt genug Schillinge, und Xane sagte, sicher. Und damit war klar, dass sie es tun musste, den Stein lostreten, obwohl sie es beide in diesem Moment vielleicht gar nicht mehr wollten.

Xane brauchte lange; Judith sah sie Münzen einwerfen, wählen, sprechen und den Bügel wieder herunterdrücken, die Münzen aus dem Metallfach klauben und neu einwerfen. Wahrscheinlich musste sie ihre Mutter erst finden; die befand sich immer irgendwo zwischen Friseur, Freundinnen, Kaffeehaus und Tennisclub. Xane hatte alle Nummern im Kopf.
     Xanes Mutter lobte auch Judith gegenüber gern und wortreich die Schönheit von Judiths Mutter. Xane, die oft abfällig über ihre Mutter und deren Oberflächlichkeiten sprach, unterstellte ihr, nicht fassen zu können, dass eine Frau, die arbeitete, trotzdem gut aussah. Doch Judith hörte in Frau Molins Worten den melancholischen Neid. Ihre Eltern wurden von vielen, besonders den Frauen, als das perfekte Paar angesehen, weil sie alles gemeinsam machten, die Bäckerei gemeinsam führten, gemeinsam ein altes Haus renovierten, das war die allgemein verbreitete Ansicht. Sie stimmte ja auch, irgendwie.
     Frau Molin wiederum blieb für Judith ein freundliches Rätsel, manchmal überbesorgt, dann wieder äußerst großzügig. Im Gegensatz zu ihrer eigenen Mutter führte sie einen perfekten Haushalt und war, wenn sie denn zu Hause war, immer dabei, aufzuräumen und sich über Unordnung zu beklagen, von der gar nichts zu sehen war.
     Schule und Noten waren dagegen im Hause Molin kein Thema. Xanes Eltern interessierten sich schlicht nicht dafür; da Xane von Anfang an eine der Besten war, interessierte es sie noch weniger. Deshalb wunderte sich Judith, dass sie aus dem Schulwechsel so eine Sache machte. Xanes Eltern würden höchstens über den Aufwand stöhnen, den es kostete, Formulare auszufüllen und ihre Tochter ab- und woanders anzumelden. Xanes Vater war dauernd in Geschäftsangelegenheiten unterwegs, und die Mutter müsste im schlimmsten Fall einen Friseurtermin oder eine Bridgepartie verschieben. Vielleicht wünschte Xane sich bloß, dass es mit ihren Eltern schwieriger wäre, und nahm deshalb einen so langen Anlauf. Vielleicht war Xane sich weniger sicher, als sie tat.
     Als sie aus der Telefonzelle kam, schien sie nachdenklich. Sie gingen schweigend ein paar Schritte. Warum uns das nicht früher eingefallen ist, berichtete sie schließlich, und was uns einfällt, dass wir noch nicht mit der Claudia geredet haben.
     Ohne Keuschli kein Französisch, sagte Judith und stieß Xane aufmunternd mit der Faust, in der sie die kleine Aluminiumkugel verborgen hielt, gegen die Schulter, ist doch eigentlich egal.
     Ein vertrautes Gesicht, sagte Xane mit dem schafsartig andächtigen Ausdruck, mit dem sie üblicherweise Claudia imitierten.
     Ein guter Kerl, ergänzte Judith mit derselben schlaffen Grimasse, und dann lachten sie und konnten gar nicht mehr aufhören und standen da und bogen sich und ließen die Tränen laufen und japsten, dass sie sich gleich in die Hose machen würden, so wie früher, als sie noch kleiner waren, da war ihnen das wirklich manchmal passiert.

Am Abend kam die Mutter erstmals zum Essen heraus. Heinz versuchte gerade, Xane das Palatschinkenwerfen beizubringen, aber nachdem ihre erste zum allgemeinen Vergnügen auf dem Badewannenrand gelandet war, weigerte sie sich, es noch einmal zu machen. Xane konnte schlecht verlieren, und wenn ihr etwas nicht sofort gelang, schämte sie sich.
     Judith nahm an den Unterhaltungsprogrammen ihres Vaters grundsätzlich nicht teil, sondern saß bucklig am Tisch und wartete auf das Essen. Salome hingegen wollte es unbedingt versuchen, aber nachdem ihr zu viel Teig in die Pfanne geschwappt war, wurde ihr Vater wütend. Diese Palatschinke kann man nicht mehr wenden, schimpfte er, das ist ja beinahe schon Kaiserschmarren.
     Unwendlich, ließ sich da Mama vernehmen, eine unwendliche Geschichte, und Heinz schaute so erstaunt, als täte ihm etwas sehr weh.
     Zur vereinbarten Zeit läutete das Telefon, Xane senkte das Kinn und wurde ein bisschen rot.
     Für einen von euch, sagte Salome zu ihren Eltern, das ist die Frau Molin.
     Ihr Vater runzelte die Stirn, bevor er den Hörer nahm, und sah zu Xane hin, aber die hatte sich gefangen und lächelte unschuldig zurück.
     Das Gesicht nicht verlieren, dachte Judith und stocherte in ihrem Essen herum, verlier jetzt nicht dein Gesicht, man kann auch den Kopf verlieren, und den Verstand, und das Bewusstsein. Sogar das Leben.
     Mama rührte in einem Marmeladeglas. Fehlt Zimt, fragte sie, als wäre sie gerade erst aufgewacht. Xane versicherte, dass das die beste Marmelade sei, die sie je gegessen habe, denn eigentlich esse sie nie Marmelade. Ich bin nämlich keine Süße, sagte sie mit einer Formulierung, die sie bestimmt von ihrer Mutter hatte, und Mama hob den Kopf und antwortete, da sei sie aber froh. Ihre Töchter seien alle beide Süße, Salome habe damals sogar Judiths Schultüte geplündert …
     Und vors Schultor gespieben, warf Judith ein.
     Wirklich, sagte Mama, daran erinnere ich mich gar nicht. Jedenfalls, wenn ich von mir auf die Kinder schließe, wird das jetzt bald ein Problem.
     Ein Problem, fragte Xane, die wohl die Konversation in Gang halten wollte, um nichts von dem Telefonat zu hören, das ohnehin hauptsächlich von ihrer Mutter geführt zu werden schien.
     Na, schau mich an, lächelte Mama, ich bin bald die Venus von Willendorf, und Xane lachte und sagte: Jetzt übertreiben Sie aber maßlos!
     Heinz gab den Hörer an Xane weiter, stand auf und winkte Judith mit hinaus. An der Tür sah sie, dass Xane ihr verstohlen das Daumen-hoch-Zeichen machte. Dann folgte sie ihrem Vater in das Saunahäuschen.

Als sie zurückkamen, streckte Mama mit ungewohnten Schnalzlauten die Arme nach ihr aus, doch Judith ging vorbei, wich mit der Hüfte ein wenig aus und setzte sich.
     Möchte jemand noch eine Palatschinke, fragte Mama in die Stille, ich würde sie machen, ich will auch eine werfen, ich möchte gern wissen, ob ich es noch kann oder ob ich mich verwerfe, wäre das verwerflich? Sie kicherte.
     Du kannst es immer am besten, beschwichtigte Salome, das verlernt man doch nicht, aber sonst sagte keiner etwas, und niemand wollte mehr Palatschinken.
     Aber Heinz, fing Mama da noch einmal an, Französisch ist schön, ich hätte gerne richtig Französisch gekonnt, und Papa sah sie an und sagte, ja, Zsuzsa, ich weiß.
     Doch damit war ihm das Thema noch einmal aufgezwungen, und er begann zu predigen, kurz und scharf und leise, dass er es nicht schätze, bereits getroffene Entscheidungen in letzter Minute umzuwerfen.
     Denn ihr habt euch ja für eure alte Schule entschieden, sagte er und sah Xane an, damals im Jänner hat jeder sagen müssen, ob er bleiben will. Da hat euch das nicht interessiert. Deshalb aber ist das jetzt schon die zweite Entscheidung, die ihr in dieser Sache trefft, nicht die 'erste richtige', wie deine Mutter es verständnisvoll darstellt. Ich bin, und Judith weiß das genau, der festen Überzeugung, dass man zu Ende bringt, was man, ich betone: aus eigener Entscheidung, einmal angefangen hat, und dass es besser ist, früh mit Selbstdisziplin zu beginnen.
     Xane schluckte und schien den Tränen nahe. Die Arme, jetzt hatte sie sich so lange für Heinz' beste Freundin gehalten.
     Aber man konnte hören, worauf es hinauslief: Er erlaubte es, er würde noch eine Weile Theater machen, aber am Ende würde er es erlauben, Xane und Judith wechselten die Schule, und Claudia blieb freiwillig zurück.
     Xanes Mutter zufolge war Claudia nämlich in Tränen ausgebrochen, als sie von Judiths und Xanes Entschluss hörte. Ihre Entscheidung jedoch sei so spontan wie eindeutig gewesen. Sie würde da bleiben, wo sie sich auskannte, bei der Frau Professor Fausch und den anderen Kindern; und dass man sich auf euch beide nicht verlassen kann, hat sie jetzt wohl begriffen, hatte Heinz gezischt, bevor er die Schnalle öffnete.
     Xane hatte gewonnen. Wie immer bekam sie alles, was sie wollte. Frau Molin hatte bereits die Anmeldeunterlagen besorgt, gleich zweimal, auch für Judith.
     Und Claudia waren sie los, obwohl man sich ja theoretisch weiterhin in Claudias und Xanes Wohnhaus treffen konnte. Xane und sie würden auf das Leopoldeum gehen, mitten in der Innenstadt, die Sitten, hörte man, seien dort viel lockerer, sie bräuchten kein blödes Altgriechisch zu lernen, alles würde neu und anders. Jetzt fehlte nur, sich zu freuen.

Teil 3