Vorgeblättert

Leseprobe zu Emmanuel Carrère: Alles ist wahr. Teil 2

13.02.2014.
Heute morgen, gleich nach dem Frühstück, sind Jérôme und Delphine auf den Markt gegangen, und er ist zu Hause geblieben, um auf Juliette und Osandi aufzupassen, die Tochter des Vermieters ihres guesthouse. Er saß in seinem Korbsessel auf der Terrasse des Bungalows und las in der Lokalzeitung, von Zeit zu Zeit blickte er auf, um die beiden kleinen Mädchen im Auge zu behalten, die am Wasser spielten. Sie hüpften lachend durch die flachen Wellen. Juliette sprach Französisch, Osandi Singhalesisch, aber sie verstanden sich trotzdem bestens. Ein paar Krähen stritten sich zeternd um die Krümel, die vom Frühstück übriggeblieben waren. Alles war friedlich, es würde ein schöner Tag werden, Philippe überlegte, ob er nachmittags mit Jérôme angeln gehen sollte. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass die Krähen verschwunden und keine Vogelstimmen mehr zu hören waren. In diesem Moment kam die Welle. Einen Augenblick zuvor war das Meer noch gleichmäßig flach, Sekunden später eine Mauer, hoch wie ein Wolkenkratzer, die auf ihn herabstürzte. Blitzartig schoss ihm durch den Kopf, dass er jetzt stirbt und keine Zeit haben wird zu leiden. Eine Weile, die ihm unendlich schien, wurde er in dem gewaltigen Bauch der Welle hin- und hergerissen, fortgespült und umhergeschleudert und schließlich auf den Rücken geworfen. Wie ein Surfer fegte er über Häuser, Bäume und Straße hinweg. Dann floss die Welle in umgekehrter Richtung zurück und sog ihn ins offene Meer hinaus. Er erkannte, dass er auf abgerissene Mauern zuraste, an denen er zerschellen würde, und klammerte sich reflexartig an eine Kokospalme, wurde weggerissen, klammerte sich an die nächste und wäre auch von dort heruntergespült worden, hätte ihn nicht etwas Hartes, vielleicht ein Stück Bretterzaun, eingeklemmt und gegen den Stamm gepresst. Möbel, Tiere, Menschen, Balken und Betonblöcke fluteten an ihm vorbei. Er schloss die Augen und wartete darauf, von einem dieser gigantischen Brocken zertrümmert zu werden, und er hielt sie geschlossen, bis das ungeheuerliche Tosen der Strömung stiller wurde und er anderes hörte, Schreie von verletzten Männern und Frauen, und er begriff, dass die Welt nicht untergegangen war, dass er überlebt hatte und der wahre Albtraum jetzt erst begann. Er öffnete die Augen und ließ sich am Stamm bis zur Wasseroberfläche hinuntergleiten, sie war tiefschwarz und vollkommen undurchsichtig. Die Strömung erzeugte immer noch einen Sog, aber man konnte ihm widerstehen. Vor ihm schwamm die Leiche einer Frau vorbei, den Kopf im Wasser, die Arme weit ausgebreitet. In den Trümmern begannen die Überlebenden nach einander zu rufen, Verletzte schrieen. Philippe zögerte: Sollte er zum Strand oder ins Dorf gehen? Juliette und Osandi waren tot, dessen war er sich sicher. Jetzt musste er Jérôme und Delphine finden und es ihnen sagen. Das war nun seine Bestimmung. Philippe stand bis zur Brust im Wasser, in Badehosen und blutverschmiert, aber er wusste nicht genau, wo er verletzt war. Er wäre lieber reglos dort stehengeblieben und hätte auf Hilfe gewartet, doch er zwang sich zum Gehen. Der Grund unter seinen nackten Füßen war schlammig, kippelig und überzogen mit einem Magma von scharfen Dingen, die er nicht sehen konnte und an denen sich zu ver­letzen er fürchterliche Angst hatte. Mit jedem Schritt tastete er den Boden ab, nur langsam kam er vorwärts. Hundert Meter von seinem Haus entfernt erkannte er nichts wieder: Nicht eine Mauer, nicht ein Baum standen mehr. Hier und da sah er vertraute Gesichter, Nachbarn, die wie er herumwateten, schwarz vom Schlamm und rot vom Blut, mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen, und wie er suchten sie ihre Angehörigen. Das Saugen des zurückströmenden Wassers war kaum noch zu hören, dafür wurden die Schreie umso lauter, das Heulen, das Röcheln. Philippe erreichte die Straße, dann, etwas weiter oben, die Kante, an der die Welle umgekehrt war. Diese scharf markierte Grenze war seltsam: unterhalb davon das Chaos, oberhalb die normale, völlig ­intakte Welt, die Häuschen aus rosa oder blassgrünen Backsteinen, die Wege aus rotem Laterit, Verkaufsbuden, Mofas, bekleidete, geschäftige, lebendige Menschen, die gerade erst zu begreifen begannen, dass etwas Gewaltiges, Grauenhaftes geschehen war; aber sie wussten noch nicht genau, was. Die Zombies, die wie Philippe wieder einen Fuß in die Welt der Lebenden setzten, konnten nichts anderes stammeln als das Wort »Welle«, und dieses Wort verbreitete sich im Dorf wie ein Lauffeuer, ähnlich, wie das Wort »Flugzeug« am 11. September 2001 in Manhattan die Runde gemacht haben musste. Panikwellen trieben die Menschen in zwei Richtungen: hin zum Meer, um zu sehen, was geschehen war, und um die zu retten, die noch zu retten waren, oder weg vom Meer, so weit weg wie möglich, für den Fall, dass das Ganze noch einmal von vorn begann. Durch das Gedränge und die Schreie hindurch lief Philippe die Hauptstraße hinauf bis zum Markt. Es war die Zeit des größten Andrangs, er machte sich darauf gefasst, Delphine und Jérôme lange suchen zu müssen, doch er sah sie sofort, sie standen unter der Turmuhr. Das Gerücht einer Katastrophe, das sie gerade erreichte, war so konfus, dass Jérôme im ersten Moment glaubte, ein Amokläufer habe irgendwo in Tangalle ein Feuer eröffnet. Philippe steuerte auf sie zu; er wusste, dies waren ihre letzten glücklichen Sekunden. Sie sahen ihn auf sich zukommen, dann stand er vor ihnen, mit Schlamm und Blut besudelt, das Gesicht verzerrt, und an diesem Punkt endet Philipps Bericht. Er schafft es nicht weiterzuerzählen. Sein Mund bleibt offen stehen, und es gelingt ihm nicht, noch einmal die drei Worte zu formulieren, die er in diesem Augenblick hatte aussprechen müssen.

Delphine schrie los, Jerôme nicht. Er nahm Delphine in die Arme und presste sie an sich, so fest er konnte, während sie weiter schrie und schrie und schrie, und in diesem Moment fasste er den Entschluss: Ich kann für meine Tochter nichts mehr tun, also rette ich meine Frau. - Ich habe diese Szene nicht miterlebt, ich erzähle sie nach Philippes Bericht. Aber ich war in der Folge dabei und habe Jérôme diesem Beschluss folgen sehen. Er verlor keine Zeit damit, weiter zu hoffen. Philippe war nicht nur sein Schwiegervater, sondern auch sein Freund. Er vertraute ihm vollkommen, und er hatte sofort verstanden: Wie geschockt und verwirrt Philippe auch immer sein mochte, wenn er diese drei Worte ausgesprochen hatte, waren sie wahr. Delphine dagegen wollte glauben, dass er sich irrte. Er selbst war doch auch davongekommen, also vielleicht auch Juliette … Philippe schüttelte den Kopf: Unmöglich, Juliette und Osandi standen direkt am Wasser, es gibt keine Hoffnung, nicht die geringste. Sie fanden sie schließlich im Krankenhaus wieder, zwischen den Dutzenden oder schon Hunderten von Leichen, die der Ozean wieder ausgespuckt hatte und die man aus Platzmangel bereits in die Flure legte. Osandi und ihr Vater waren auch darunter.

Im Verlauf des Nachmittags verwandelt sich das Hotel in ein Floß der Medusa. Touristen, die Opfer der Katastrophe geworden sind, kommen halbnackt, oft verletzt und unter Schock an, man hat ihnen gesagt, hier seien sie sicher. Ein Gerücht macht die Runde, dass eine zweite Welle folgen könnte. Die Einheimischen flüchten auf die andere Seite der Küstenstraße, so weit vom Wasser entfernt wie möglich, und die Ausländer nach oben, das heißt zu uns. Die Telefonverbindungen sind abgeschnitten, doch in den Abendstunden beginnen die Handys der Hotelgäste zu klingeln: Eltern und Freunde, die gerade die Nachrichten gehört haben und sich vor Sorge verzehren, rufen an. Man beruhigt sie so knapp wie möglich, um die Akkus zu schonen. Am Abend nimmt die Hoteldirektion für einige Stunden ein Stromaggregat in Betrieb; es ermöglicht, die Batterien wieder aufzuladen und die Meldungen im Fernsehen zu verfolgen. An der Rückwand der Bar hängt ein riesiger Bildschirm; normalerweise dient er zur Übertragung von Fußballspielen, denn die Besitzer und ein Großteil der Gäste sind Italiener. Alle, Hotelgäste, Personal, Gerettete, versammeln sich vor CNN und erfahren zur gleichen Zeit vom Ausmaß der Katastrophe. Die Bilder kommen aus Sumatra, Thailand, den Malediven; ganz Südostasien und der Indische Ozean sind betroffen. In Schleifen beginnen die kleinen Amateurfilme abzulaufen, in denen man die Welle von fern herannahen, sich in Schlammlawinen in die Häuser stürzen und alles mitreißen sieht. Von da an spricht man von einem »Tsunami«, als hätte jeder dieses Wort immer schon gekannt.

Wir essen mit Delphine, Jérôme und Philippe zu Abend, wir treffen sie am nächsten Tag zum Frühstück, dann zum Mittagessen und auch zum Abendessen wieder; bis zu unserer Rückkehr nach Paris trennen wir uns nicht mehr von ihnen. Sie verhalten sich nicht wie vernichtete Menschen, denen alles gleichgültig ist und die über ihrem Unglück erstarren. Sie wollen mit Juliettes Körper zurückkehren, und vom ersten Abend an erhält der schauerliche Schwindel ihrer Abwesenheit ein Gegengewicht durch die damit verbundenen praktischen Fragen. Jérôme stürzt sich blindlings in dieses Vorhaben, es ist seine Art, am Leben zu bleiben und Delphine am Leben zu erhalten, und Hélène steht ihnen bei, indem sie versucht, die Versicherungsgesellschaft zu erreichen und ihre Abreise und die Rückführung von Juliettes Leiche zu organisieren. Natürlich ist es kompliziert, unsere Handys funktionieren schlecht, da ist die Entfernung, die Zeitverschiebung, alle Zentralen sind überlastet; man hängt sie in die Warteschleife und zwingt sie, während der wertvollen Minuten, in denen sich der Akku entleert, Musikgeplätscher und Stimmen vom Band zu hören. Als Hélène endlich auf ein menschliches Wesen trifft, wird sie an eine andere Stelle weitergeleitet, die Musik beginnt von vorn oder die Verbindung wird unterbrochen. Die üblichen Hindernisse, die normalerweise einfach nur ärgerlich sind, werden jetzt, unter diesen außergewöhnlichen Umständen, ungeheuerlich und hilfreich zugleich, denn sie stecken die Aufgabe ab, die zu bewältigen ist, und geben der ablaufenden Zeit Struktur. Es gibt etwas zu tun, Jérôme packt es an und Hélène hilft ihm dabei, so einfach ist das. Gleichzeitig beobachtet er Delphine. Delphine schaut ins Leere. Sie weint nicht, sie schreit nicht. Sie isst sehr wenig, aber immerhin ein wenig. Ihre Hand zittert, aber sie ist fähig, eine Gabel voll Curryreis zum Mund hinaufzuführen. Sie hineinzuschieben. Zu kauen. Die Hand mit der Gabel wieder abzusenken. Dieselbe Ges­te noch einmal zu beginnen. Ich meinerseits beobachte Hélène, und ich fühle mich ungeschickt, machtlos und unnütz. Fast nehme ich ihr übel, sich so für andere einzusetzen und sich nicht mehr um mich zu kümmern: Es ist, als existiere ich nicht mehr.

Später liegen wir nebeneinander im Bett. Meine Fingerspitzen streifen die ihren, sie antworten nicht. Ich würde sie gern in die Arme schließen, aber ich weiß, es geht nicht. Ich weiß, woran sie denkt, es ist unmöglich, an etwas anderes zu denken. In einem anderen Bungalow, ein paar Meter von uns entfernt, liegen Jérôme und Delphine wahrscheinlich auch mit offenen Augen da. Hält er sie in den Armen, oder ist es auch ihnen unmöglich? Es ist die ers­te Nacht. Die Nacht, die auf den Tag folgt, an dem ihre Tochter starb. Heute morgen war sie noch lebendig, sie ist aufgewacht und in ihr Bett gekrochen, um zu spielen, sie hat Papa und Mama gerufen und gelacht, sie war warm, sie war das Schönste, Wärmste und Süßeste, was es auf dieser Welt gab, und jetzt ist sie tot. Sie wird für immer tot sein.

Seit Beginn unseres Aufenthalts hatte ich immer wieder genörgelt, ich würde das Hotel Eva Lanka nicht mögen, und hatte vorgeschlagen, in eines der kleinen guesthouses am Strand zu ziehen, die weniger komfortabel waren, aber mich an meine Rucksackreisen vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren erinnerten. Es war mir nicht wirklich ernst: In meinen Beschreibungen dieser wunderbaren Orte schmückte ich mit heimlichem Vergnügen das Fehlen von Strom aus, die durchlöcherten Moskitonetze und die giftigen Spinnen, die einem auf den Kopf fallen; Hélène und die Kinder stießen spitze Schreie aus und mokierten sich über meine Althippie-Sehnsüchte, es war unser Running Gag. Die guesthouses am Strand sind von der Welle weggewischt worden und mit ihnen die meisten ihrer Bewohner. Ich denke: Wir hätten unter ihnen gewesen sein können. Jean-Baptiste und Rodrigue hätten an den Strand unterhalb des Hotels gegangen sein können. Wir hätten, wie vorgesehen, mit dem Taucherclub auf Tour gewesen sein können. Und Delphine und Jérôme müssen sich denken: Wir hätten Juliette mit auf den Markt nehmen sollen. Hätten wir es getan, würde sie morgen früh noch zu uns ins Bett kriechen. Die Welt um uns herum wäre voller Trauer, aber wir würden unsere kleine Tochter in die Arme schließen und uns sagen: Sie ist da, Gott sei Dank, das ist alles, was zählt.


Am Morgen des zweiten Tags sagt Jérôme: Ich gehe zu Juliette. Als wolle er sicherstellen, dass man sich gut um sie kümmert. Geh ruhig, sagt Delphine. Er bricht mit Philippe auf. Hélène leiht Delphine einen Badeanzug, und diese schwimmt lange, langsam, mit aufgerichtetem Kopf und leerem Blick ihre Bahnen. Rund um den Swimmingpool sitzen inzwischen drei oder vier Touristenfamilien, die auch zu Schaden gekommen sind, aber sie haben nur ihre Sachen verloren und wagen nicht recht, vor Delphine über die Zerreißproben zu klagen, die sie zu bestehen hatten. Die Deutschschweizer verfolgen ihr Ayurveda-Seminar so seelenruhig weiter, als würden sie nichts von dem bemerken, was rings um sie vor sich geht. Gegen Mittag kommen Philippe und Jérôme verstört zurück: Juliette ist nicht mehr im Krankenhaus von Tangalle, man hat sie woandershin gebracht, die einen sagen nach Matara, die anderen nach Colombo. Es gibt zu viele Leichen, manche werden verbrannt, andere fortgeschafft. Gerüchte von einer Seuchengefahr beginnen die Runde zu machen. Alles, was man für Jérôme tun konnte, war, ihm auf einen Zettel ein paar Worte zu kritzeln, die ihm ein Hotelangestellter nun peinlich berührt übersetzt. Es ist eine Art Quittung, die nur bescheinigt: »kleines weißes Mädchen, blond, mit rotem Kleid«.

zu Teil 3