Vorgeblättert

Leseprobe zu Deborah Levy: Heim schwimmen. Teil 3

24.01.2013.
Medizinischer Beistand aus Odessa

Madeleine Sheridan versuchte die Tüte karamellisierte Nüsse zu bezahlen, die sie auf der Strandpromenade dem mexikanischen Straßenverkäufer abgekauft hatte. Der Geruch von gebranntem Zucker machte sie gierig auf die Nüsse, und sie hoffte, dass sie daran endlich ersticken würde. Ihre Nägel wurden spröde, ihre Knochen schwach, ihr Haar dünn, und ihre Taille gehörte endgültig der Vergangenheit an. Sie hatte sich im Alter in eine Kröte verwandelt, und wenn irgendjemand mutig genug wäre, sie zu küssen, so würde sie sich nicht in eine Prinzessin zurückverwandeln, denn sie war nie eine gewesen.
     »Diese verfluchten Münzen. Was ist das für eine, Jürgen?« Ehe Jürgen antworten konnte, flüsterte sie: »Haben Sie gesehen, wie Kitty Finch diese Sache vor mir gemacht hat?«
     Er zuckte mit den Schultern. »Klar. Kitty Ket hat Ihnen etwas zu sagen. Aber sie hat jetzt ein paar neue Freunde, die sie aufheitern. Ich muss den Reitausflug für Nina buchen. Die Ket geht mit ihr reiten.«
     Sie ließ sich von ihm am Arm nehmen und (ein wenig zu schwungvoll) in eine der Strandbars lotsen. Er war der einzige Mensch, dem sie irgendwelche Details über ihr Leben in England und die Flucht aus ihrer Ehe erzählte. Sie wusste seine Apathie zu schätzen, dadurch war er weniger voreingenommen. Trotz des Altersunterschieds fühlte sie sich in seiner Gesellschaft wohl. Da er nichts anderes zu tun hatte, als auf Kosten anderer und zu Lasten seines Verstandes zu leben, fühlte sie sich von ihm nie als hoffnungsloser Fall behandelt, sondern stets respektiert - wahrscheinlich, weil er ihr nicht zuhörte.

Heute war sie es, die kaum zuhörte. Das Auftauchen von Kitty Finch war keine gute Nachricht. Das war es, was sie beschäftigte, während sie einem Motorboot hinterhersah, das auf dem hellblauen Meer weißschäumende Narben zurückließ. Als er einen Tisch im Schatten fand und ihr dabei half, sich auf einen Stuhl zu setzen, der für eine Kröte viel zu klein war, schien er nicht zu merken, dass sie ihren Körper in schmerzhafter Weise würde verbiegen müssen. Es war unachtsam von ihm, aber der Anblick von Kitty Finch hatte sie so durcheinandergebracht, dass sie es ihm nachsah.
     Sie versuchte, sich zu beruhigen, indem sie darauf bestand, dass Jürgen seine Sonnenbrille absetzte.
     »Man kommt sich vor, als würde man in zwei schwarze Löcher schauen, Jürgen.«
     In vier Tagen hatte sie Geburtstag, und jetzt war sie von der Hitze durstig, nachgerade wahnsinnig vor Durst. Auf diese Verabredung zum Mittagessen hatte sie sich schon seit Wochen gefreut. Heute Morgen hatte sie in ihrem Lieblingsrestaurant angerufen, um sich nach der Tageskarte und dem Standort ihres Tisches zu erkundigen und um den Oberkellner zu ersuchen, er möge ihr für ein ordentliches Trinkgeld einen Parkplatz direkt am Eingang freihalten. Sie schrie einen Kellner an, um einen Whisky zu bestellen und ein Pepsi für Jürgen, der Alkohol aus spirituellen Gründen ablehnte. Für eine alte Frau war es kein Leichtes, die Aufmerksamkeit eines Kellners zu erregen, der vollauf damit beschäftigt war, barbusige, im Stringtanga sonnenbadende Frauen zu bedienen. Sie hatte von Yogameistern gelesen, die in der Lage waren, sich durch eine Kombination aus Konzentration und Meditation unsichtbar zu machen. Irgendwie hatte sie es ohne jedes Training geschafft, ihren Körper für den Kellner durchsichtig erscheinen zu lassen. Sie hob beide Arme und winkte ihm, als wolle sie ein Flugzeug zur Landung auf einer einsamen Insel bewegen. Jürgen deutete auf den Akkordeonspieler aus Marseille, der neben dem blinkenden Flipperkasten auf einer Holzkiste saß. Der Musiker schwitzte in einem schwarzen Anzug, der ihm drei Nummern zu groß war.
     »Er spielt heute Nachmittag auf einer Hochzeit. Das hat mir der Imker aus Valbonne erzählt. Wenn ich heiraten würde, würde ich ihn bitten, auch auf meiner Hochzeit zu spielen.« Madeleine Sheridan nippte an ihrem mühsam erkämpften Whisky und war überrascht, wie schrill seine Stimme plötzlich klang.
     »Heiraten ist keine gute Idee, Jürgen.«
     Ganz und gar keine gute Idee. Die zwei wichtigsten Wendepunkte ihres Lebens, erzählte sie ihm (wieder einmal), hätten darin bestanden, ihrer Familie den Rücken zu kehren, um Medizin zu studieren, und ihrem Mann den Rücken zu kehren, um nach Frankreich zu ziehen. Sie war zum Schluss gekommen, dass es sie nicht ausfüllte, Peter Sheridan zu lieben, und hatte ein ehrbares, unglückliches Leben gegen das unehrenhafte, unglückliche Leben einer Frau eingetauscht, die sich von der Liebe losgesagt hatte. Nun, da sie ihren Begleiter betrachtete, dessen Stimme völlig unkontrolliert zitterte, schien es ihr, als wolle er in seinem (von zu vielen Zigaretten) ramponierten Herzen einen Bund fürs Lebens schließen, seinem Singledasein ein Ende machen, und das war offen gestanden ein Affront.
     Es erinnerte sie daran, wie sie einmal in Villefranche am Strand spazieren gegangen waren und gesehen hatten, dass im Hafen eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Brautjungfern waren in gelben Taft gekleidet und die Braut in cremefarbenen und gelben Satin. Sie hatte sich lauthals darüber lustig gemacht, und was hatte der Hippie Jürgen gesagt?
     »Geben Sie ihnen eine Chance.«
     Ebendieser Mann hatte wenige Monate zuvor zu seiner Freundin gesagt, seiner Erfahrung nach spreche nichts dafür, dass Heiraten eine gute Idee sei. Sie glaubte ihm nicht und schleppte ihn in ein argentinisches Grillrestaurant, um ihm einen Heiratsantrag zu machen. Stapelweise duftendes Holz. Dicke Scheiben Rindfleisch, aus der Pampa direkt auf den Rost befördert. Seine Freundin aß sich durch das saftige Fleisch, bis sie irgendwann merkte, dass Jürgen nichts anrührte, und ihr wieder einfiel, dass er ein militanter Vegetarier war. Vielleicht hatte sie zu laut gelacht, als er ihr das erzählt hatte.
     »Ich glaube, Kitty Finch will mir etwas antun.«
     »Ach, nein«, sagte Jürgen auf Deutsch und legte die Stirn in Falten, als hätte er Schmerzen. »Die Ket, die tut sich nur selber etwas an. Claude hat mich gefragt, warum Madame Jacobs darauf bestanden hat, dass sie bleibt. Aber ich habe keine Ahnung.«
     Sie blickte ihren Freund mit ihren trüben, kurzsichtigen Augen an. »Ich glaube, sie möchte, dass das hübsche, verrückte Mädchen ihren Mann ablenkt, damit sie ihn endlich verlassen kann.«
     Jürgen wollte dem Akkordeonspieler plötzlich etwas zu trinken spendieren. Er rief den Kellner und sagte ihm, er solle dem Mann in dem großen Anzug ein Bier anbieten. Madeleine schaute zu, wie der Kellner dem Musiker ins Ohr flüsterte, und versuchte nicht daran zu denken, wie sie vor vier Monaten im Tunnel neben dem Blumenmarkt am Cours Saleya Kitty Finch begegnet war. Die Begegnung war ein weiterer Kandidat für die lange Liste der Dinge, die sie vergessen wollte.

Sie hatte das englische Mädchen mit den feuerroten Haaren gefunden, als sie an einem kühlen Frühlingsmorgen unterwegs war, um zwei Stücke Savon de Marseille zu kaufen, eines aus Palmöl, das andere aus Olivenöl, jeweils vom hiesigen Seifenmeister mit Meerespflanzen vermengt. Kitty saß nackt auf einer Kiste vergammelter Pflaumen, die ein Bauer am Vorabend weggeworfen hatte, und führte Selbstgespräche. Die obdachlosen Männer, die im Tunnel nächtigten, lachten sie aus und machten anzügliche Bemerkungen über ihren nackten Körper. Auf Madeleine Sheridans Frage, was mit ihren Kleidern passiert sei, sagte sie, die lägen am Strand. Madeleine bot an, zum Strand zu fahren und ihre Kleider zu holen. Kitty solle sich nicht vom Fleck rühren und auf sie warten. Und dann werde sie sie zu der Ferienvilla zurückbringen, in der sie wohnte, um Bergpflanzen zu studieren. Kitty wohnte oft dort, wenn Rita Dwighter, für die ihre Mutter putzte, die Villa nicht gerade an Hedgefondsmanager im Ruhestand vermietet hatte. Mrs. Finch war Rita Dwighters rechte Hand, ihre Sekretärin und Köchin, in erster Linie jedoch ihre Putzfrau, denn in der rechten Hand hatte sie stets einen Wischlappen.
     Kitty Finch bestand darauf, in Ruhe gelassen zu werden, sonst rufe sie die Polizei. Madeleine Sheridan hätte sie einfach da sitzenlassen können, aber das tat sie nicht. Kitty war zu jung, um vor diesen Männern, die mit leeren Augen ihre Brüste anstierten, Selbstgespräche zu führen. Zu ihrer Überraschung überlegte es sich das verrückte Mädchen plötzlich anders. Offenbar hatte sie ihre Jeans, ein T-Shirt und ein Paar Schuhe, ihre Lieblingsschuhe mit den roten Punkten, am Strand gegenüber dem Hotel Negresco liegen lassen. Kitty neigte sich zu ihr hin und flüsterte ihr ins Ohr. »Danke. Ich warte hier, während Sie sie holen.« Madeleine Sheridan war um die Ecke gebogen, und als sie dachte, Kitty könne sie nicht mehr sehen, rief sie einen Krankenwagen.
     Ihrer Ansicht nach litt Katherine Finch an psychischer Angst, Gewichtsverlust, Schlafmangel, gesteigerter Erregbarkeit, Selbstmordgedanken, einer pessimistischen Einstellung hinsichtlich der Zukunft und Konzentrationsstörungen.

Der Musiker hob sein Bierglas und prostete dem Mann mit den schmalen Hüften, der mit der alten Frau am Tisch saß, zum Dank zu.

Kitty Finch hatte ihren Anruf überlebt. Ihre Mutter holte sie nach Hause, wo sie zwei Monate in einer Klinik in Kent verbrachte, dem »Garten Englands«. Die Krankenschwestern stammten offenbar aus Litauen, Odessa und Kiew. In ihrer weißen Tracht sahen sie auf dem gemähten grünen Rasen der Klinik aus wie Schneeglöckchen. Das zumindest hatte Kitty Finch ihrer Mutter und Mrs. Finch Madeleine erzählt, die erstaunt war zu hören, dass die Krankenschwestern in ihrer Mittagspause alle eine Zigarette nach der anderen rauchten.

≈≈≈

Jürgen stupste sie mit dem Ellbogen an. Der Akkordeonspieler aus Marseille spielte ein Lied für sie. Sie war zu aufgewühlt, um zuzuhören. Kitty hatte überlebt, und jetzt war sie hier, um sie zu bestrafen. Vielleicht sogar umzubringen. Warum sonst war sie hergekommen? Sie war der Ansicht, dass man Kitty nicht damit betrauen sollte, Nina zum Strand und gefährliche Gebirgsstraßen hinaufzukutschieren. Sie sollte das Isabel Jacobs sagen, aber irgendwie konnte sie sich nicht dazu durchringen. Sie war zwar nur unterwegs gewesen, um Seife zu kaufen, und hatte am Ende einen Krankenwagen gerufen, einen transport sanitaire, wie man auf Französisch sagte, hatte aber nicht das Gefühl, eine makellos saubere Weste zu haben. Dennoch, dass sie nackt in der Öffentlichkeit herumlief, vorwärts und dann wieder rückwärts hüpfte und dabei wirr vor sich hin sang, hatte sie um die tiefunglückliche junge Frau fürchten lassen. Man konnte unmöglich glauben, dass jemand nicht aus seiner Verwirrtheit gerettet werden wollte.
     Als der Akkordeonspieler Jürgen zunickte, wusste der Hausmeister, dass das Glück ihm hold war. Er würde etwas Haschisch kaufen und mit Claude rauchen, und sie würden der Riviera entfliehen, dem ersehnten Ziel all der Touristen. Er setzte seine lila Sonnenbrille wieder auf und erzählte Madeleine Sheridan, dass er heute sehr, sehr glücklich sei, nur sein Bauch sei ein wenig verkrampft. Er glaube, sein Dickdarm sei verstopft, und das liege daran, dass er seinen Traum nicht gelebt habe. Wovon er träume? Er nahm einen Schluck Pepsi, und erst jetzt fiel ihm auf, dass die englische Ärztin sich für dieses Mittagessen zurechtgemacht hatte. Sie hatte Lippenstift aufgetragen und ihr Haar, oder was davon übrig war, gewaschen und gewellt. Er konnte ihr unmöglich sagen, dass er davon träume, im Lotto zu gewinnen und Kitty Ket zu heiraten.

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Mit freundlicher Genehmigung des Wagenbach Verlags