Vorgeblättert

Leseprobe zu David Shields: Reality Hunger. Teil 2

14.02.2011.
y Manifest

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Es ist ein Gemeinplatz, dass jedes Buch seine eigene Form finden muss, aber wie viele tun das tatsächlich?

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Wenn du wirkliche, ernsthafte Bücher schreiben willst, musst du bereit sein, die Formen zu zerschlagen.

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Alle großen Werke der Literatur gründen eine Gattung oder lösen sie auf. Let Us All Now Praise Famous Men (dt. Preisen will ich die großen Männer). Nadja. Cane (dt. Zuckerrohr). Oh, What a Blow That Phantom Gave Me! «The Moon in Its Flight» (dt. «Der Mond auf seiner Bahn»). Wisconsin Death Trip. Letters to Wendy?s.

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Wir beurteilen Künstler danach, inwieweit sie in der Lage sind, sich von der Konvention zu befreien.

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Jazz als Jazz - jazziger Jazz - ist ziemlich am Ende. Die interessanten Dinge passieren an den Rändern der Form, wo es Elemente des Jazz und zugleich Elemente aller möglichen anderen Sachen gibt. Jazz ist ein Teil davon, aber eben nicht der bestimmende. Ähnliches geschieht gerade im Bereich der Prosa. Zwar werden noch immer große Romane geschrieben - romaneske Romane -, aber die interessanteren Dinge spielen sich zumeist an den Rändern der verschiedenen Formen ab.

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Das Herzstück der «literarischen Kultur» bildet noch (immer noch) der große Bestseller-Roman aus der Feder mittelmäßiger Mainstream-Autoren, der 400-seitige Allerweltsschmöker. Erstaunlicherweise wollen die Leute das noch immer lesen.

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Die Korrekturen zum Beispiel: Ich könnte dieses Buch nicht lesen, selbst wenn mein Leben davon abhinge. Es mag ein «guter» oder ein «schlechter» Roman sein, ganz egal, aber mit meiner Vorstellungskraft ist etwas passiert, sie will und kann sich von der Romanform nicht mehr innig umarmen lassen.

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Ist es möglich, dass die heutigen Literaturpreise ein wenig den Rettungspaketen der Regierung ähneln, weil sie eine Arbeit subventionieren, die nicht einmal mehr entfernt die Wirklichkeit beschreibt?

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Ginge es bei literarischen Kategorien um künstlerisches Verdienst und nicht um Regeln der Zweckdienlichkeit, um Leistung und nicht um Sicherheit, wäre der Begriff Realismus ein Ehrentitel und würde nur einem Werk verliehen, das tatsächlich unsentimentale Wirklichkeit auf die Buchseite bringt, das der Komplexität des Lebens mit einer gleichermaßen reichhaltigen sprachlichen Gestaltung zuleibe rückt. Er würde zuerkannt ungeachtet der stilistischen oder sprachlichen Methode, ungeachtet der Form. Das würde leider viele Autoren ausschließen, die sich selbst für realistisch halten, insbesondere diejenigen, für die Schreiben das Gleiche ist wie die Handhabung einer riesigen Karaokemaschine.

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Ein Roman ist für die meisten Leser - und Kritiker - vor allem eine «Geschichte». Ein echter Romancier ist jener, der es versteht, «eine Geschichte zu erzählen». Gut erzählen heißt also das, was man schreibt, den vorfabrizierten Schemata anzupassen, an die die Leute gewöhnt sind, das heißt der von vornherein fertigen Vorstellung, die sie sich von der Wirklichkeit machen. Doch das Kunstwerk ist, genauso wie die Welt, eine lebendige Form; seine Wirklichkeit liegt in seiner Form.
 
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Dringlichkeit verbindet sich heute eher mit der direkt aus dem Leben gegriffenen Erzählung als mit einer, die mittels Fantasie aus dem Leben gemodelt wurde.

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Ich will, dass der Schleier des «tun wir mal so, als ob» verschwindet. Ich will nicht in rein erfundene Umstände versetzt werden. Die Niemals-Niemals-Länder der Fantasie und Vorstellungskraft interessieren mich nicht besonders. Beckett beschloss, dass für ihn in der Kunst mit ihren festen Mustern und Formeln fast alles falsch war. Er wollte Kunst, aber er wollte sie direkt vom Leben. Letzten Endes mochte er die Joyce?sche Stimme nicht, sie war ihm zu üppig, zu irisch, unendlich lyrisch, unendlich anspielungsreich. Er wechselte ins Französische, um sein Schreiben zu reduzieren. Er wollte die verzweifelte Existenz des Einzelnen unmittelbar thematisieren, was viele Leser langweilt. Ich halte ihn gleichwohl für einen fröhlichen Autor; sein Werk liest sich wie ein Gebet. Man muss nicht über literarische Anspielungen und Metaphern nachdenken, sondern über die Erfahrung selbst. Das ist es, was ich von einer Stimme will. Ich will, dass sie das Kunstwerk transzendiert.

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Dieses Leben wird in höchster Alarmbereitschaft gelebt.

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Fast alles Schreiben war bis heute eine Suche nach dem «schönen Schein».

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Man bekommt nirgends das Gefühl, dass er als Schriftsteller sein Medium umgestaltet, um zu sagen, was noch nie gesagt wurde; das aber ist für mich das Merkmal großer Literatur.

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Nun gut. Ich jedenfalls bin nicht auf der Suche nach dem «schönen Schein».

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Kritiker können nicht glauben, dass die Kraft, die uns unser eines und einziges Leben spüren lässt - etwas, das nur ganz wenigen Romanciers tatsächlich gelingt -, von einem Memoirenschreiber kommt, einem, der auf nichtfiktionale Art die Wahrheit sagt, einem, der in unsere gemeinsame Situation eingetreten ist und die Geschichte erzählt, die wir jetzt erzählt haben wollen. Aber so ist es.

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Der Standardroman hat unvermeidlich etwas furchtbar Gekünsteltes an sich; man spürt ständig, wie die Maschine sich dreht und wie sie arbeitet.

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Wenn man einen Roman schreibt, setzt man sich hin und denkt sich eine kleine Geschichte aus. Wenn man ein romantischer Autor ist, schreibt man Romane über Männer und Frauen, die sich verlieben, baut hier und da eine kleine Geschichte ein usw. Und das ist völlig okay, aber es ist auch völlig ohne Bedeutung. Der Roman als Roman ist eine Form von Nostalgie.


Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlags.

Informationen zum Buch und zur Autorin hier.