Vorgeblättert

Leseprobe zu Daniel Galera: Flut. Teil 3

22.07.2013.
Sie hat ihm außerdem eine SMS zum Geburtstag geschickt. Wenn ich auch oft mit dir schimpfe ich liebe dich mein Sohn. Deine Mutter kann nicht anders. Alles Gute mein Schatz. Ich hoffe du bist gut angekommen. Pass auf dich auf. Mama. Es ist vier Uhr morgens. Er schreibt ihr eine SMS zurück. Danke, Mama. Bin gut angekommen. Ich liebe dich auch.

Ein pechschwarzer Hund schläft auf einem himmelblauen Fischernetz, das auf dem Rasen der Praça 21 de Abril zusammengerollt liegt. Die Sonne knallt auf die grauen Stufen zur Pfarrkirche. Die kurze, steile Kopfsteinpflasterstraße neben der Kirche führt an einem Fischerschuppen und einem Fertighaus aus Holz vorbei. Er nickt einer alten Frau zu, die sich auf der Veranda in einem bunten Strandstuhl sonnt. Der salzige Nordostwind bläst durch die Bäume und wühlt das Meer auf. Vereinzelte Wolken rücken wie eine Armee in Trance auf die Küste zu. Die Straße beschreibt eine Linkskurve und führt an einem alten mehrstöckigen Haus mit weißen abgeblätterten Wänden und frisch gestrichenen kobaltblauen Fenstern vorbei. In einem Souvenirladen gibt es gestreifte Teppiche zu kaufen, Schiffchen und Körbe, die sich im Türrahmen und auf den Fensterbänken stapeln. Eine Gruppe aufgekratzter Kinder in blau-weißer Schuluniform kommt ihm entgegen, angeführt von ihrer angespannten Lehrerin. Die Rua São Joaquim führt an Ferienhäusern vorbei zum Kap Ponta da Vigia. Vor ihm liegt die aufgebrachte See, dahinter die Strände und Hügel, die sich über eine weite Kurve bis hin zur Guarda do Embaú erstrecken. Er läuft langsam, so, dass Beta Schritt halten kann. Als sie nicht mehr weiter will, legt er ihr die Leine an und zerrt sie hinter sich her. Ein paar Eltern sonnen sich an der winzigen Praia da Preguiça und sehen ihren Kindern beim Spielen zu. Algen, Zweige und Weichtiere bilden Fächer im ockerfarbenen Sand und verströmen einen säuerlichen Geruch. Er nickt den anderen zu und folgt einem Pfad über die Felsen. Seine Füße tauchen in das lauwarme Brackwasser unter dem spitzen Gras. Die Häuser hier sind riesige Paläste mit Glasfront, Sonnenkollektoren und breiten Holzterrassen, die Grundstücke wurden von Landschaftsarchitekten radikal umgestaltet. An der Ponta da Vigia steht eine größenwahnsinnige Villa, an der man als Spaziergänger kaum vorbeikommt. Hinter dem niedrigen Stacheldrahtzaun gerät ein hysterischer Zwergpudel außer Kontrolle und kreischt wie eine Fledermaus, während sein Frauchen aus dem Haus nach ihm ruft. Beta ignoriert ihren Artgenossen komplett. Die Schatten der Wolken gleiten über das schäumende Meer, und er stellt sich vor, dass die Fische die Schatten für die eigentlichen Wolken halten. Er hüpft über die Steine bis zu einer Ansammlung verwitterter Metallträger, die in einem Betonblock stecken. Das Skelett dieser mysteriösen Struktur ist schon vor langer Zeit von der Gischt entstellt worden, und der orangefarbene Rost verleiht ihr etwas Mörderisches. Von dort aus hat man den ganzen Strand von Garopaba im Blick. Die Hündin beobachtet die Strandkakerlaken, die am Wasser über die Steine laufen.
     Er ist fast wieder bei der Kirche angelangt, als ihm an der Mauer eines der alten Häuser, die die Fischer am Abhang zwischen Meer und Straße gebaut haben, ein kleines handgeschriebenes Schild auffällt, auf dem ZU VERMIETEN steht. Hinter dem Tor führt eine lange, sehr schmale Treppe direkt am Haus entlang drei Stockwerke nach unten und endet an einem Gang wenige Meter vor den Wellen. Er ruft die Nummer an und fragt, ob die Wohnung zu vermieten sei. Kurz darauf kommt aus einem der Nachbarhäuser ein lächelnder, sonnengebräunter kleiner Mann, der zunächst den Eindruck macht, als würde er sich über irgendetwas amüsieren, was aber offenbar nicht der Fall ist. Das Apartment liegt ganz unten, direkt an den Felsen. Der Mann nimmt das Vorhängeschloss vom Tor, und sie laufen die schmale Treppe hinunter, vorbei an den anderen beiden Wohnungen. Durch eine braune Tür treten sie in ein kleines Wohnzimmer, an das eine Küche anschließt. Das Mobiliar beschränkt sich auf zwei abgewetzte Sofas und einen rechteckigen Holztisch. In der Wohnung ist es ein ganzes Stück kälter als draußen. Wie zu erwarten riecht es nach Schimmel. Der Mann fummelt an den Fensterriegeln herum und schlägt ein paar Mal dagegen, bis er die Läden gelöst hat. Ihm bietet sich ein Blick über die ganze Bucht, linker Hand liegen die Fischerschuppen, davor ankern ein paar alte Walfangboote. Vor dem Fenster führt eine Steintreppe auf einen großen glatten Felsen, der im Moment mit Gischt bedeckt ist, an ruhigeren Tagen aber trocken sein muss. Oben auf dem Fels liegt eine blaue Plane, wahrscheinlich über einem Fischernetz. Der Mann zeigt ihm das Schlafzimmer, in dem ein Doppelbett steht, das Bad und die Küche mit der kleinen Abstellkammer, aber das alles ist ihm nicht mehr wichtig. In dem Augenblick, als die Fensterläden aufgingen, hat er beschlossen, die Wohnung zu nehmen.
     Ich würde die Wohnung gern haben. Vermietet ihr auch für ein Jahr?
     Da müssen Sie mit meiner Mutter sprechen.
     Arbeitet ihr mit einem Maklerbüro zusammen?
     Das müssen Sie mit meiner Mutter besprechen. Sie kümmert sich darum.
     Seine Mutter, Dona Cecina, wohnt zwei Häuser weiter. Um die Veranda herum stehen Zitronenbäume und Surinamkirschbäume am Hang. Dona Cecina führt ihn in das aufgeräumte Wohnzimmer mit Blick aufs Meer und lässt ihn auf dem Ledersofa Platz nehmen. Auf dem Tisch steht eine Sammlung hübscher Keramikvasen. Sie hat ein schönes rundes Gesicht, schmale Augen und leicht angeschwollene Lider. Nachdem sie sich gesetzt haben, schweigt sie und deutet dabei ein mildes Lächeln an. Wie eine Priesterin, die auf den Gefühlsausbruch eines Beichtenden wartet. Er wiederholt seinen Wunsch, die Wohnung im Erdgeschoss für ein Jahr zu mieten. Mit einem zarten Zischen in der Stimme erklärt sie ihm, sie vermiete die Wohnung nur während der Saison und außerhalb der Saison könne sie sie ihm höchstens monatsweise vermieten, so lange, wie von beiden Seiten Interesse besteht, allerdings nur bis November, wenn die Hauptsaison beginnt. Sie verliere Geld, wenn sie sie für ein ganzes Jahr vermiete, da die Preise in der Hauptsaison fünf Mal so hoch seien und sie Stammgäste habe, die jedes Jahr wiederkämen. Er schlägt vor, sie solle ausrechnen, wie viel sie in der Saison bekommt, das zu den monatlichen Mieten für den Rest des Jahres zu addieren und die Summe durch zwölf zu teilen. Er sei bereit, den Betrag zu zahlen, und versichert ihr, sie werde kein Geld dabei verlieren. Sie sagt, sie habe schon zu viele Probleme gehabt, indem sie Wohnungen außerhalb der Saison an Leute wie ihn vermietet habe oder an Pärchen oder Freunde, die den Winter am Strand verbringen wollen und dann verschwinden und nicht bezahlen. Und dann weiß ich nicht, wie ich an mein Geld kommen soll, sagt sie. Er schlägt vor, einen Vertrag aufzusetzen und beim Notar beglaubigen zu lassen. Sie lacht herzlich und sagt, sie mache keine Verträge. Verträge bringen nichts. Was soll ich mit einem Vertrag? Was soll ich meine Zeit vergeuden und hinter den Leuten herlaufen? Und selbst wenn ich sie dann finde, will ich sie verklagen? Soll ich mich deswegen aufregen? Er bietet ihr eine monatliche Summe an, die multipliziert mit zwölf fast seinen gesamten Ersparnissen entspricht. Darauf antwortet sie nicht gleich. Lächelnd wägt sie ab und fragt, was er beruflich mache. Er sagt, er sei Sportlehrer. Sie fragt, was er in Garopaba wolle. Er antwortet, er wolle am Strand wohnen. Sie fragt, ob er in der Stadt arbeiten und sich niederlassen wolle. Er bejaht. Er wolle Trainingsstunden geben, irgendwann später Räume mieten und, wer weiß, wenn alles gut läuft, vielleicht ein Fitnessstudio aufmachen. Außerdem sei er selbst Sportler und wolle trainieren. Im Meer zu schwimmen sei seine große Leidenschaft, und ihre Wohnung liege nun mal fünf Meter von seinem Traumschwimmbad entfernt. Dona Cecina erzählt, letztes Jahr hätten zwei Freunde die Wohnung für ein Jahr gemietet. Sie waren Surfer, wollten surfen und eine Pension in Garopaba eröffnen. Vier Monate später waren sie verschwunden, hatten die letzte Miete nicht gezahlt und die Wohnung komplett auseinandergenommen. Möbel und Wände waren ruiniert. Den ganzen Tag stank es nach Marihuana. Die Nachbarn mussten sich dauernd ihre Streitereien anhören. Die beiden waren homosexuell, wogegen ja nichts einzuwenden sei, und drogensüchtig. Sie schlossen sich der hiesigen Szene an und fingen an, direkt vor dem Haus zu dealen, außerdem nahmen sie selbst viele Drogen und machten alles kaputt, und dann waren sie auf einmal verschwunden, ohne zu bezahlen. Alle erzählen sie einem dasselbe, sagt sie freundlich. Ich will nur am Strand wohnen und surfen. Ich will nur über mein Leben nachdenken. Die Natur genießen. Ein Buch schreiben. Ich will nur angeln. Ich will ein Mädchen vergessen. Ich will nur die Liebe meines Lebens finden. Ich will nur allein sein. Ich will nur Ruhe. Ich will nochmal von vorn anfangen. Und dann fangen sie an zu streiten, werden depressiv, machen Sachen kaputt, trinken zu viel, brüllen rum, veranstalten Orgien, nehmen Drogen und hauen ab, ohne zu bezahlen, oder bringen sich um. Schwierig, sagt sie. Man weiß nie, wem man trauen kann und wem nicht, das ist wirklich schade. Ich kenne dich nicht. Eigentlich will ich die Wohnung im April renovieren lassen, damit sie dann im Sommer fertig ist. Ich kann sie also nicht vermieten.

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Auszug mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages
(© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2013)


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