Vorgeblättert

Leseprobe zu Charles Chadwick: Eine zufällige Begegnung. Teil 1

23.03.2009.
I

Dorothy saß am Schreibtisch ihres Vaters. Henry hatte ihn ihr überlassen - mit einem von ihm festgesetzten Wert - und ihrem anteil am nachlass ihres Vaters hinzugeschlagen. Das war typisch Henry. mindestens zweitausend Pfund wert, hatte er gesagt. o nein, so viel war er nicht wert. Und jetzt hatte er ihr einen aufgeblasenen Brief über den Verkauf des Cottage geschrieben. Sie schaute hinüber zum Spiegel über dem Kaminsims und lächelte, um für Elsie zu üben, die bald hier sein würde. Richtig war dieses Lächeln nie - freundlich, sogar einladend, aber wie viel Liebe lag darin? Der Spiegel hing zu hoch für Elsie, sie konnte sich nicht sehen. Das Lächeln verwandelte sich in eine maske der Bitterkeit. Die Frisur, die sie sich heute Vormittag hatte machen lassen, war ein lächerlich wackeliger, silbriger Helm. Eine der Frauen beim Bridge-Vormittag - Gladys, nicht? - hatte ihr einmal gesagt, sie habe einen strengen Gesichtsausdruck. Es wäre ihr lieber, wenn sie nach all den Jahren ein anderes, dauerhafteres Lächeln für Elsie hätte.

Sie würde ihr wieder einen Scheck geben, als kleine Unterstützung für ihre Ausflüge in öffentliche Gärten. Sie wäre gern sicher, dass sie nicht nur deshalb kam. Vielleicht tat sie es aus Pflichtgefühl. Sie konnte nicht einmal vermuten, wie viel Liebe dabei war, denn ihrem Gesicht konnte man es nicht ansehen. Und auf ihrem eigenen, was war da zu sehen? Angst. Scham. Sie hatte immer versucht, zu Elsie zu stehen, als sie noch ein kleines Mädchen war. Wie oft hatte sie ihr gesagt, dass aussehen nichts bedeute, wichtig sei nur, wie die Menschen darunter sind. Elsie hatte aufgehört zu weinen, als sie Ungefähr acht war, sie hatte sich inzwischen an sich gewöhnt.

Sie war nicht mehr so besorgt wie früher. Elsie hatte ihre Putzarbeit und ihre Gartenbesuche und ihre gemütliche kleine Wohnung. Sie hatte die Stoffe ausgesucht und die Vorhänge für sie genäht, wie Mütter es tun sollten. Natürlich gab es auch einen Fernseher. Sie hatte ihr Fahrstunden bezahlt, und jetzt war sie eigentlich bereit für die Prüfung. Den schriftlichen Teil hatte sie schon bestanden, aber den praktischen schob sie immer wieder hinaus. Vielleicht war sie nervös wegen der Wirkung ihres anblicks auf andere Leute und der Gefahr eines Unfalls. Es wäre anders, wenn kein Fahrlehrer neben ihr säße. mehr gab es in ihrem Leben nicht. Keine Liebe, keine Aufregung. Es gab nichts, weswegen man sich Sorgen machen müsste. Jetzt würde Elsie nichts mehr passieren, da sie, Tag für Tag, nur sie selber sein musste.

Sie konnte die Frage nicht vergessen, die Gladys ihr beim Kartengeben gestellt hatte, nachdem es ihr nicht gelungen war, für Mavis mit dem seligen Arthur in Verbindung zu treten. Arthur war der langweiligste Mann gewesen, den sie je gekannt hatte. Gladys erreichte ihn dreimal, und jedes mal wollte er Mavis nur sagen, sie solle nicht vergessen, die Geranien zu gießen. Genau so ein Langweiler war Arthur gewesen. mavis musste zum x-ten mal erzählen, dass Arthur der Vergessliche gewesen war und sie in ihrem ganzen Leben noch kein einziges mal vergessen hatte, eine Blume zu gießen.

Sie ging in die Küche, um ein Teetablett herzurichten. Sie wollte, dass Elsie sich hier immer zu Hause fühlte. Die Frage, die Gladys gestellt hatte, lautete, ob sie Elsie während der Schwangerschaft hätte töten lassen, wenn sie gewusst hätte, was aus ihr werden würde. Das war nicht fair. Es war schwer, Gladys gegenüber fair zu sein. Im Grunde galt das für alle Frauen in diesem Kreis. Was Gladys tatsächlich Gesagt hatte, äußerst beiläufig beim Kartengeben, war: "man muss sich doch fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn gewisse Leute nie geboren worden wären." Zugegeben, sie hatten davor über die Jugendbanden gesprochen, die eine benachbarte Wohnsiedlung terrorisierten. Sie hatte Gladys sehr genau beobachtet, um zu sehen, ob sie ihr vielleicht einen ihrer Blicke zuwarf, einen Hinweis darauf, dass mit dieser Frage auch Elsie gemeint sein könnte. Aber sie tat es nicht. Die anderen schauten sich inzwischen die ausgeteilten Karten an. Sicher ist ihnen auch durch den Kopf gegangen, diese Frage auf Elsie zu beziehen. Dann war es Mavis, die sie kurz musterte, aber sie war ihre Partnerin und wollte vermutlich nur herausbekommen, was für ein Blatt sie hatte. Mavis hatte genickt, als Gladys das gesagt hatte. mavis und arthur hatten keine Kinder gehabt, wahrscheinlich, weil sie sich so aufopfernd um diese Geranien kümmern mussten.

In einer halben Stunde würde Elsie hier sein. Sie war immer pünktlich. Im Krankenhaus musste man pünktlich sein, hatte sie erklärt, um herauszufinden, welche aufgaben man am jeweiligen Tag hatte, und um sich Lappen und Besen und Putzmaterial zu besorgen. Dorothy holte das Porzellan heraus, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Henry hatte auch das mit einer Wertangabe versehen - bestes Spode. Eigentlich ging es darum, dass Gladys ihr diesen Gedanken nicht erst in den Kopf gesetzt, sondern sie nur daran erinnert hatte, dass er bereits da war, irgendwo im Unterholz lauerte. Vielleicht funktioniert das Hirn eines jeden Menschen so: Ein Teil wird vom alltäglichen Geschäft des Denkens und Lebens erhellt, und dann gibt es noch ein dunkles, schattiges Hinterland, wo alle möglichen Gemeinheiten nur darauf warten, endlich loszuschlagen. Sie hatte irgendwo von einem "Pool der Menschlichkeit, an dem jedermann teilhat" gelesen. Sie kannte das Gefühl aus ihrer Wohltätigkeitsarbeit. aber es gab auch einen Pfuhl des Menschseins, der allen gemeinsam war.

Solange sie sich wegen dieser Frage schämte, würde es ihr schwerfallen, Elsie ein offenes und liebevolles Lächeln zu schenken. also versuchte sie, sich zu beschäftigen, räumte auf, kochte Tee und hoffte auf einen Vorwand, um irgend wann den Fernseher einschalten zu können. Sie stellte sich vor, wie Elsie einen Bus bestieg, und die Blicke, die sie bekommen würde. Es war schrecklich, sie mit diesen grässlichen Schlägern in einen Topf zu werfen. Sie hatte keinem
Menschen je etwas getan. Wenn jemand nicht an diesem Pfuhl teilhatte, dann Elsie. Sie war es gewöhnt, dass Leute sie anstarrten oder wegschauten. Einige würden, wenn sie so geboren worden wären, überkochen vor Wut und Verärgerung. Vielleicht tat auch Elsie das manchmal. Vielleicht war sie überwältigt von Hass. Sie wusste es nicht. Sie hatte es nie gewusst. Als Elsie heranwuchs, sagte sie manchmal, sie wolle jetzt in ihr Zimmer gehen und sich hinlegen. Das war, nachdem die Tränen aufgehört hatten und man nur daran merkte, ob irgendetwas, normalerweise in der Schule, sie besonders unglücklich gemacht hatte. Die Lehrer hatten sich größte Mühe gegeben, aber, wie einer ihr einmal erklärt hatte, es sei schwierig, ihre Einsamkeit zu durchdringen. Sie hatte die Schule verlassen, sobald sie durfte, mit nicht mehr als einem mageren Hauptschulabschluss,
blieb dann zu Hause und bekam hin und wieder eine niedere Arbeit, bis sie sich schließlich eine eigene Wohnung besorgte.

Sie hatte vor, sich für Elsie etwas Bequemeres anzuziehen, um der Situation etwas Zwangloses zu geben. Sie fragte sich, ob Elsie je dachte, sie habe Glück, am Leben zu sein, weil ihre Mutter sie nicht schon vor ihrer Geburt beseitigt hatte. Es war eine schreckliche Geburt gewesen, als hätte Elsie damals schon gewusst, dass ihr Leben vielleicht nicht lebenswert sein könnte. manchmal glaubte Dorothy, einen Ausdruck der Dankbarkeit in diesem grimmigen, verzogenen Gesicht zu entdecken. Sie konnte keine miene machen, die ihr nicht einen noch finstereren ausdruck verlieh. Elsie - ihr dankbar. Dankbar! Wenigstens war sie nicht ihr einziges Kind. Wenigstens hatte sie noch Geoffrey. Sie ging ins Schlafzimmer, um sich etwas Legereres auszusuchen, überlegte es sich dann aber anders. "Es tut mir leid, Elsie", sagte sie. "Ehrlich." Aber was tat ihr leid? Dass sie nicht wusste, wie sie ihr ein liebevolles, mütterliches Lächeln schenken sollte? Sie musste dafür sorgen, dass sie sich zu Hause fühlte. Sie durfte nicht über ihr Bein jammern, dem es inzwischen eh schon viel besser ging.

Teil 2